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Pressemitteilungen lesen

Es ist erstaunlich, wie wenig wir Nachrichten verstehen, die man uns übermittelt. Ein praktisches Beispiel, Schritt für Schritt.

Bei Angriffen aus einer Gruppe von etwa 60 Personen heraus wurden gestern Nachmittag sechs Polizisten verletzt.

Tatsächliche Information: 6 Polizisten wurden verletzt, weil sie angegriffen wurden. Das geschah gestern [am 5. Juli 2014] Nachmittag.
Füllmaterial: Die Gruppe aus 60 Personen. Die Angriffe geschahen „aus einer Gruppe“ heraus, was so viel bedeutet wie: Es könnte einer angegriffen haben und etwa 59 Personen standen da einfach rum und haben geguckt. Die Zahl möglicher Angreifer geht wahrscheinlich so bis 9, weil ab da klingt „wurde von 10/15/20 Personen angegriffen“ wahrscheinlich besser.

Gegen 17.45 Uhr alarmierten Zeugen die Polizei zum Görlitzer Park, da zu diesem Zeitpunkt etwa 20 Personen in eine Schlägerei verwickelt waren.

Tatsächliche Information: Die Polizei waren aus einem bestimmten Grund da und hat eine komische Definition von „Nachmittag“.
Füllmaterial: Die Schlägerei von etwa 20 Personen. Tut für den weiteren Hergang gar nichts zur Sache.1 Aber erst 60 und dann 20, das klingt gefährlich.

Im Park eingetroffen, sahen die Beamten einen 25-jährigen verletzten Mann, der am Ohr stark blutete. 

Tatsächliche Information: Bei der Schlägerei2 Im Park gab es einen Verletzten. Warum wäre reine Spekulation, da hat der madcynic Recht.
Füllmaterial: keins.

Bei der nun folgenden Sachverhaltsklärung mischten sich zunächst mehrere Personen, die kurz zuvor an einer Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg teilgenommen hatten, lautstark in die Ermittlungen der Beamten ein.

Tatsächliche Information: Die Polizei stellt Fragen und mehrere Personen – so ab drei oder vier wahrscheinlich – mischten sich lautstark in die Ermittlungen ein. Die Einmischer hatten nichts mit der Schlägerei zu tun. Nach der Einmischung passierte noch etwas.
Füllmaterial: Die Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg. Angesichts der letzten Tage klingt das wie der polizeiliche Euphemismus für „Linke“, was aber gar nichts zur Sache tut. Darüber hinaus: Erfragen, woher die Einmischer kamen, das konnte man. Aufschreiben, warum die sich eingemischt haben aber nicht.

Darüber hinaus stellte sich ein 22-jähriger Mann den Beamten in den Weg und störte sie bei der Sachverhaltsaufklärung.

Tatsächliche Information: Es waren mehrere Personen +1. Der 22-jährige stand außerdem im Weg und störte zwar nicht lautstark aber auf trotzdem nicht näher definierte Weise. Außerdem störte er offensichtlich mehr als die anderen.
Füllmaterial: keins.

Nachdem die Polizisten ihn vergeblich des Platzes verwiesen hatten und die Behinderungen anhielten, zog ein Beamter den Störenfried zur Seite, woraufhin sich eine Personengruppe von bis zu 60 Personen in das Geschehen einmischte und die Einsatzbeamten attackierte.

Tatsächliche Information: Der 22-jährige, der mehr störte als alle anderen und außerdem im Weg stand, wollte auch nach Aufforderung nicht gehen. Jemand mischte sich ein, als der „Störenfried zur Seite“ gezogen wurde. Diese Aktion störte andere Umstehende3
Füllmaterial: Die Personengruppe von bis zu 60 Personen. Nicht aus o.g. Gründen, sondern weil: Die Erwähnung der Demonstration erscheint jetzt noch merkwürdiger. Hatte die Gruppe etwas damit zu tun? Waren die „bis zu 60 Personen“ alle Demonstranten oder waren auch andere dazwischen? Waren in der Personengruppe auch die „mehreren“, die lautstark, aber nicht so behindernd wie der 22-Jährige störten usw. Interessant ist aber auch, dass die Polizei den ersten Satz der Pressemitteilung hier etwas variiert. Jetzt mischen sich nämlich nicht Personen „aus“ einer Gruppe ein, sondern eine gesamte Gruppe variabler Größe. An der Aussagekraft ändert das eher wenig: Wie viele Personen sich genau und in welcher Form eingemischt haben, steht da nicht.

Aus der Gruppe heraus wurden zwei Fahrräder gegen die Beamten geschleudert, wodurch ein Polizist eine Kopfverletzung erlitt, die später in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. 

Tatsächliche Information: Aus der Gruppe von bis zu 60 Personen Personen wurden zwei Fahrräder geworfen. Ein Polizist wurde dadurch verletzt und musste behandelt werden.
Füllmaterial: keins. Aber: Ein Fahrrad traf, das weiß man aus dem Video. Ob das zweite überhaupt Schaden anrichtete oder einen Meter vor den Polizisten zum Liegen kam, das weiß man nicht. Wie viele Personen am Werfen beteiligt waren und in wie weit die variable Gruppe damit nun überhaupt etwas zu tun hatte, auch das erfährt man nicht.

Mit Unterstützung weiterer hinzugerufener Polizisten wurde die Personengruppe abgedrängt und zwei Männer im Alter von 32 und 46 Jahren sowie eine 33-jährige Frau festgenommen. 

Tatsächliche Information: Es kam mehr Polizei. Die Personengruppe – wahrscheinlich die variable – wurde abgedrängt. Drei Personen wurden festgenommen.
Füllmaterial: keins. Aber: drei Personen aus der variablen Gruppe? Warum gerade diese drei, das steht da natürlich nicht. Aber von den „bis zu 60 Personen“ haben bis zu 57 wohl nichts gemacht, was irgendwie strafbar wäre.

Die Polizei hat noch eine zweite Pressemitteilung veröffentlicht, an der nun getestet werden kann, was da wirklich drin steht und was Füllmaterial ist. Nur so zur Erheiterung aus der zweiten:

Ein Polizist wollte die Personalien des jungen Mannes feststellen, um ihm dann einen so genannten qualifizierten Platzverweis auszusprechen. Hier widersetzte sich der auf dem Video zu sehende Mann und versuchte sich zu entfernen, so dass er von den Einsatzbeamten festgehalten werden musste und zu Boden gebracht wurde.

Abgesehen davon, dass die Polizei jemanden wegschickte, nur um ihn festzuhalten, als er tatsächlich gehen wollte und „zu Boden gebracht“ also „zur Seite genommen“ bedeutet, ist noch so einiges bemerkenswert an der Ergänzung. Aber das kann gerne jemand anderes machen, ich beiße sonst in meinen Schreibtisch.

Wer an dieser Stelle immer noch keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht: hier das erste und das zweite Video zum umstrittenen Polizeieinsatz.

Das Artikelbild ist ein reines Symbolbild und entstand bei einer völlig anderen Gelegenheit.

 

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  1. Gut, das weiß man hier noch nicht. []
  2. Das unterstellen wir hier mal. []
  3. Störenfried ist an dieser Stelle auch eine schöne Formulierung. Und „zur Seite ziehen“ auch. []
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So machen wir das – Die CDU und ihre Vorstellung von Niedersachsen

Die CDU hat kürzlich ihren Wahlkampfsong „So machen wir das“ veröffentlicht. Grund genug, sich einmal die Bildsprache des Videos dazu anzugucken und einen Blick auf den Text zu werfen.

Im Lied selbst werden, je nach Zählung, zwei bis drei Positionen aufgemacht. Die oberste Kategorie ist Niedersachsen, die zweite ist ein zusammenfassendes Wir. Die dritte Position wird im Laufe des Liedes den ersten beiden gegenüber gestellt.

„Niedersachsen“ und „Wir“ bilden schon in der ersten Zeile eine Einheit: „Unsere Liebe: Niedersachsen“. Die ersten Verse des Liedes sind folgende:

Unsere Liebe: Niedersachsen
Für dich sind wir motiviert
Deine Chancen zu entfalten
Mutig unser Land gestalten
Unser Fleiß für dieses Ziel

Hier wird eine Gemeinschaft suggeriert, die eigentlich, auch wenn das Lied von der CDU ist, ganz Niedersachsen umfasst. Durch den Urheber CDU schließt sich diese natürlich in diese Gemeinschaft ein, wird Teil derer, die „mutig“ das Land gestalten.

Was Niedersachsen und die Gemeinschaft ausmacht, wird in den nächsten Versen zum ersten Mal beschrieben. Wer zum „wir“, zu „Niedersachsen“ gehört, den zeichnet folgendes aus:

Klarer Blick und klare Kante.
Handbreit Wasser unterm Kiel.
Perspektiven, Traditionen,
Zuversicht und Augenmaß,

Hier wird vermehrt auf die „typischen“ norddeutschen Eigenschaften (Klarheit, Seefahrt) Bezug genommen. Die leicht gegensätzlichen Substantive „Perspektiven“ und „Traditionen“ bzw. „Zuversicht“ und „Augenmaß“ kommen hinzu und demonstrieren sowohl Zukunftsorientierung als auch ein gewisses Bewusstsein für die Geschichte. Das Augenmaß nimmt indirekt den klaren Blick wieder auf. Gerade die vier Substantive werden in den nächsten Versen weiter zusammengefasst:

Perspektiven, Traditionen,
Zuversicht und Augenmaß,
Leidenschaften, die sich lohnen
Für unser Land
So machen wir das.

Die Eigenschaften, die „uns Niedersachsen“ angeblich auszeichnen, sind nicht nur Eigenschaften, sondern Leidenschaften. Eigenschaften hat man halt einfach, Leidenschaften hingegen werden bewusst verfolgt. Laut Liedaussage sind „wir“ also leidenschaftlich perspektivisch1, traditionell, zuversichtlich und voller Augenmaß. Der Bogen zum Beginn der Strophe wird mit „Für unser Land“ und „So machen wir das“ wieder geschlossen.

Die Schaffung einer positiv besetzten Gemeinschaft „Niedersachsen“ zieht sich durch das gesamte Lied. Die CDU ist stets Teil dieser Gemeinschaft. „So machen wir das // Hier bei uns in Niedersachsen“ und „sturmfest und erdverwachsen“ heißt es im Refrain. „Sturmfest und erdverwachsen“, der letzte Vers des Refrains, ist ein Verweis auf das Niedersachsenlied/Lied der Niedersachsen. Das Niedersachsenlied ist schönste Blut-und-Boden-Dichtung, entstanden um 1926. Die Parallelen zwischen dem Niedersachsenlied und dem Wahlkampfsong der CDU gehen aber über den direkten Bezug hinaus. In beiden Liedern werden ähnliche regionale Bezüge hergestellt: „Von der Weser bis zur Elbe, Von dem Harz bis an das Meer“ (Niedersachsenlied) – „Harz und Heide, schönes Land […] Vom Wesermund bis zum Nordseestrand“ (CDU-Lied) und in beiden Liedern ist von einem Stamm die Rede: „Heil Herzog Widukinds Stamm!“ (Niedersachsenlied) – „Unser Häuptling ist ein Schotte und wir sind ein starker Clan“ (CDU-Lied). Die 3. Strophe ist für den Aufbau des Liedes besonders interessant, denn hier wird die dritte Position eröffnet. In Strophe 1 (s.o.) werden Eigenschaften und Gemeinschaft beschrieben, was sich in Strophe 2 fortsetzt.2 In der dritten Strophe wird nun etwas in das Lied eingebracht, ohne dass eine Gemeinschaft nicht bestehen kann: Das, was außerhalb der Gemeinschaft steht. Für die CDU sind das die „linken Sprotten“. Im Video wird ein Fisch in eine „Vorwärts“ eingerollt, was „links“ recht genau auf den großen Gegner SPD bezieht. Die „linken Sprotten“ werden im Lied der Gemeinschaft der Niedersachsen entgegengestellt:

Bist du eine linke Sprotte,
legt dich niemals mit uns an.
Unser Häuptling ist ein Schotte
Und wir sind ein starker Clan.
Niedersachsen ist uns wichtig
Und auf eins ist stets Verlass:
Was wir tun, das tun wir richtig,
Für unser Land.
So, so machen wir das.

Hier bezieht sich das „wir“ stärker auf die CDU als noch in den vorherigen Strophen. Der schottische Häuptling ist David McAllister, der natürlich in erster Linie der „Häuptling“ des „CDU Clans“ ist. Durch den Aufbau des Liedes, die Parallelen zum Niedersachsenlied und durch McAllisters Funktion als Ministerpräsidenten und somit Regierungschefs von Niedersachsen, wird McAllister auch zum Häuptling des „Clans der Niedersachsen“. Die linken Sprotten gehören, laut Lied, also nicht zu Niedersachsen bzw. treten nicht „für unser Land“ ein. „Wir“ tun das, was wir tun, richtig, „die“ tun es nicht. „Wir“ sind ein „starker Clan“, „die“ sind schwach. Der politische Gegenspieler mutiert hier zum Gegenspieler Niedersachsens. Zudem sind Fische immer leicht negativ konnotiert.3

Die Bildsprache des Videos stützt den Inhalt des Liedes in der Regel. Ob ich Lust habe, das Video auch nochmal genauer anzugucken, weiß ich allerdings noch nicht genau.

 

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  1. Sagt man das so? []
  2. „Kluge Kerle, schlaue Frauen, Windkraft, Autos, Energie […] unser Land so gut wie nie […]“ []
  3. Stinkt wie ein toter Fisch. []
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Du bist so ostfriesisch und hast komische Vorlieben bei Facebook

Hachja…die Ostfriesen und ihre Weltsicht. Bei Facebook habe ich eben einen Kommentar zu einem der Programmpunkte vom Tag der Niedersachsen gelesen, der mich an eine Kampagne erinnert hat. Der FB-Kommentar war folgender:

Gay… Das mal Ober scheisse gewesen… Nie wieder..

Für alle, die besonderen Wert auf „richtiges Deutsch“ legen: Gay bedeutet „schwul“.1
Nun ist es ja nicht so, dass ich behaupten könnte, in meinem Leben auf Beleidigungen wie „Du bist schwul“ oder „Das ist ja so schwul“ verzichtet zu haben. Allerdings war ich da bedeutend jünger, als ich es jetzt bin.

Die Kampagne stammt jedenfalls von http://thinkb4youspeak.com/ und umfasste, soweit ich weiß, einen Spot mit Hillary Duff und einen mit Wanda Sykes:

Das mal so am Rande. Demnächst gibt es wahrscheinlich noch tiefere Einblicke in gewisse Denkweisen hier vor Ort und evtl. ein besonderes Wörterbuch „Richtiges Deutsch“. Dafür müsste ich mich aber erstmal dazu durchringen, dass ich mir Notizen mache.

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  1. Es bedeutet eigtl. auch fröhlich, aber so wird es heutzutage wohl eher selten benutzt. []
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Von Punk und Techno (Musikalischer Bildungsweg II)

Torfrock, Irish Folk und Klassik, das hatten wir bisher. Nun wird es Zeit für Punk. Ich denke meine ersten Berührungen mit Punk hatte ich durch meinen damaligen Freund und Klassenkameraden Bernd.1 Bernd hatte schon damals, also so Höhe 5. Klasse, eine beeindruckende Ärzte-Sammlung. Diese, quasi miterlebte Obession, weitete sich dann auf andere Punkbands, vornehmlich Bad Religion, aus. Allerdings auch Bands wie Satanic Surfers oder irgendwelche anderen, die ich auf irgendwelchen zum Teil sehr merkwürdigen Samplern hatte. Von den merkwürdigen Punkauswüchsen ist mir noch am ehesten die „Terrorgruppe“ geläufig. Die haben damals gegen die Kelly Family gesungen und allein das machte sie schon irgendwie lustig. Kennengelernt hab ich die Band übrigens durch Heiko, den ich heute noch manchmal auf dem Stadtfest oder auf irgendwelchen Konzerten treffe.
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  1. Möge er in Freiden ruhen… 🙁 []
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Morgendliches Wecken

Es ist morgens, ich muss aufstehen. Plötzlich marschiert Dantes persönliches Orchester direkt aus dem Inferno in mein Zimmer und spielt, immer noch leicht dampfend, zum höllischen Orchesterspektakel auf. Ich versuche sie zu ignorieren und irgendwann verlieren sie die Lust. Es macht puff und sie sind wieder weg. „Ich kann weiterschlafen“, denke ich, als plötzlich die Musik weitergeht. Doch dieses Mal vom Band. Ich sehe George W. Bush, wie er in einer öffentlichen Ehrung in meinem Zimmer Der Praktikantin für besondere Verdienste bei der Gefangenenfolter in Guantanamo Bay dankt. In der Schlange der Gratulanten stehen sowohl Uwe Böll, als auch Michael Bay; sie wollen Die Praktikantin die Musik für ihre nächsten Filme auswählen lassen. Ich will weiterschlafen. Man lässt mich nicht. Ich gehe ins Badezimmer, dusche, aus dem Duschkopf kommt anstatt Wasser erneut die Musik aus dem Inferno. Ich grummel vor mich hin und bitte Die Praktikantin einen anderen Weckton zu benutzen. Der aktuelle versaut mir den Tag schon ganz zu Anfang. Sie grummelt. Ich schlage Death Metal oder Gabber vor, was leichtes, was einen sanft aus dem Schlaf holt. Sie guckt mich schief an. Auf ihren Schultern steht das Orchester und kichert. Sieht lustig aus, so ein ganzes Orchester auf zwei Schultern. Ich kichere. Die Musiker heben drohend ihre Instrumente. Ich verstumme. Die Praktikantin ändert ihren Weckton, ich bin dankbar, das Orchester schmollt.
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