Schlagwort-Archive: Selbst erdacht

Swing a little more

Her breath began to speak
As she stood right in front of me

Er rannte durch die Nacht. Das Leben war ihm auf den Fersen, bereit jeden Moment zuzuschlagen, ihn mit süßer Versuchung zum umfangen. Doch er wollte nicht, wehrte sich, schlug Haken und versuchte der Versuchung, dem Leben zu entkommen.

The colour of her eyes
Were the colour of insanity

Wie lange konnte er noch fliehen? Wie lange wollte er noch fliehen? Lautlos betete er zum Himmel, ersuchte um Erlösung.

Crushed beneath her wave
Like a ship, I could not reach her shore

Er stolperte, war einen Moment unvorsichtig. Wie eine Woge schlug es über ihm zusammen. Er verlor sich, verlor sich im süßen Leben. Wie eine heiße Droge durchspülte es seine Adern und brachte seine Lungen zum Brennen.

We’re all just dancers on the Devil’s Dance Floor

Die Versuchung schuf den Takt, wie von Sinnen ließ er sich treiben. Ausgeschaltet war sein Verstand, seine Bewußtsein trat zurück, das Leben selbst übernahm die Führung.

Well swing a little more, little more o’er the merry-o
Swing a little more, a little more next to me
Swing a little more, little more o’er the merry-o
Swing a little more, on the Devil’s Dance Floor

Die Eindrücke wirbelten um ihn herum, in immer wilderem Tanz. Farben, Gerüche und Emotionen vereinten sich zum wilden Tanz und schufen seine Partnerin. Für diese Nacht war sie sein, das wusste er. Nur für diese eine, süße Nacht.

Well she took me by the hand
I could see she was a fiery one

Wer führte diesen Tanz? Er vermochte es nicht zu sagen. Unbewusst fügten sich ihre Bewegungen zu einem Ganzen. Losgelöst von Zeit und Raum, der moment schien ewig zu währen.

Her legs ran all the way
Up to heaven and past Avalon

Sie flogen durch die Nacht, endlich vereint, doch schon drängte der Morgen, drohte sie zu trennen. So wie ein Augenblick eine Ewigkeit dauern kann, so dauerte ihre Ewigkeit nur einen Augenblick, eine Nacht. Eine letzte Beschleunigung des Tanzes, ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidbare.

Tell me somethin‘ girl, what it is you have in store
She said come with me now
On the Devil’s Dance Floor

Ihre Worte waren ein Versprechen, unhaltbar im Licht des Morgens. Grausam zerissen die Strahlen die letzten Fetzen der Nacht, rissen ihn zurück, zurück aus dem Leben wieder hinein ind die vage Ahnung dessen, was verloren ist.

Well swing a little more, little more o’er the merry-o
Swing a little more, a little more next to me
Swing a little more, little more o’er the merry-o
Swing a little more, on the Devil’s Dance Floor
Swing a little more, on the Devil’s Dance Floor

Jede Nacht sucht er nun nach ihr, sucht den einen Eingang ins Leben, der ihn zu ihr führt. Er sehnt sich zurück nach dem gefühl des Tanzes, seine Füße suchen die verlorene Bewegung, sein Körper den Strom der Musik.

The apple now is sweet
Oh much sweeter than it ought to be
Another little bite
I don’t think there is much hope for me

Jahrelang…

The sweat beneath her brow
Travels all the way
An‘ headin‘ south
This bleedin‘ heart’s cryin‘
Cause there’s no way out

Swing a little more, on the Devil’s Dance Floor 1

  1. Englische Zeilen entnommen aus dem Lied „The Devil’s Dance Floor“ von Flogging Molly []

Bleib weg von offenen Fenstern

Der Platz des Weihnachtsmarktes liegt verlassen. Die Buden erinnern an Kulissen aus Hollywoodfilmen. Von vorne gaukeln sie Weihnachtsfreuden und Glanz vor, von hinten sieht man simple Baracken aus Holz, lieblos angestrichen. Ein Fahrrad macht auf dem Gehweg Kopfstand, aus der Bahn geworfen, der Zukunft vorauseilend. Die letzten herrenlosen Weihnachtsbäume stehen dicht gedrängt, wie Vieh. Ein paar Jugendliche drängen sich in einem beleuchteten, heruntergekommenen Durchgang. Was sie am Heiligabend wohl auf die Straße treibt? Ansonsten erscheint die Stadt wie ausgestorben, die Schritte hallen weit, verloren. Nur durch einzelne Fenster sieht man hier und da einen leuchtenden Baum oder ein paar Kerzen, seltsam losgelöst und entkoppelt. Keine Menschen sind jetzt mehr zu sehen, weder auf der Straße, noch in den Häusern. Für wen scheinen die Lichter, für wen glänzen die Bäume?

„Bleib weg von offenen Fenstern!“

Der Satz weht ungesprochen und ungehört durch die leeren Straßen.

Der Kirchturm. Die Glocken untermalen die Zigarette. Die Glut knistert beim gierigen Atemzug. Der Hall der Glocken trägt weit, zerreisst die Stille, als läge eine unbändige Wut auf die Welt in den ehernen Tönen. Todesglockenhall. Das Jahr wird zu Grabe getragen, die Eskorte, das letzte Geleit steht bereit. Dabei sollte es doch der Anbruch einer neuen Zeit sein.

Stunden vergehen.

Was sagt das Gefühl, was der Verstand?

Vermögen Worte das zu fassen, das zu begreifen und das auszudrücken, was gefasst, begriffen und ausgedrückt werden muss?

Schnitt!

Noch mehr Zeit vergeht.

Die Nacht ist kalt, doch es bleibt die Ahnung, der Hauch einer warmen Berührung. Zerissenheit als Hochgefühl, zerissene Hohheit.

„Bleib weg von offenen Fenstern!“

Ungesprochen weht mir der Satz durch die leeren Straßen entgegen. Und ich? Ich…ja, ich stoße mich weg vom Fensterrahmen, zurück ins Licht, in das, was war, weg von dem, was sein könnte. Blicke kurz hinaus ins Ungewisse, begierig wartend auf eine Nachricht aus fernen, unbekannten Gestaden.

Nichts.

Stunden vergehen.

Die Kirchenglocken läuten zum letzten Geleit. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende. Das Fenster steht noch offen.

Wenn man springt, fällt und den Aufschlag verpasst, so fliegt man. So sagt man zumindest.

Tagschicht I – Teil 2

Ich griff nach meiner Bibel. Tag X, der Tag an dem Christus zurückkommen sollte. Oh, wie hatte sich Johannes geirrt. Schwer wog das Buch in meiner Hand, als ich neben Marie weiter die Treppe runterging, bis wir das richtige Stockwerk erreicht hatten. Wir wechselten vom Treppenhaus in den langen Gang. Wie fast immer wanderte mein Blick über die alten Beschriftungen der Räume. Hier war früher das Sozialamt, jetzt Unterkünfte und unsere „Schule“. Ein alter Konferenzraum mit großen Fenstern für das Tageslicht, Büchern und Fotos aus der alten, vergangenen Welt. Wir hatten entschieden, dass die Kinder über die Tiere informiert werden sollten, die es früher gab. Es erschien uns irgendwie humaner. In der heutigen Zeit gab es keine Tiere mehr, auch sie hatte der Tag X dahingerafft. Heute lebten wir größtenteils von pflanzlicher Nahrung. Die Stellen, an denen man noch etwas anbauen konnte waren zwar knapp gesät, aber es reichte aus. Zudem gab es, noch, Konserven und haltbares Essen aus den Geschäften. Nicht viel, aber für einen „Festschmaus“ zu besonderen Anlässen reichte es noch aus.

Ich betrat dern Klassenraum und schaute in erwartungsvolle Gesichter. „Naaaaaa“, sagte ich auf betont norddeutsche Art, „wie geht’s euch heute? Gut geschlafen?“ Ein begeistertes „Jaaaaaaa!“ scholl mir entgegen. Wie süß und unbedarft waren sie doch, unsere Kleinen. Trotz der Gefahren, von denen wir ihnen ständig erzählten. Aber noch hielten sie alles für ein großes Abenteuer, noch hatten sie nicht realisiert wie real die Schrecken der Nacht waren. Beneidenswert. „Worüber erzählst du uns heute was, Freerk?“, piepste mich die kleine Jukia von unten an. Sie war gerade sechs Jahre alt. „Ich erzähle euch heute vom Tag X. Was an diesem Tag passierte und wenn wir noch Zeit haben gucken wir uns an, wie es seitdem weitergegangen ist.“ Aufgeregtes Tuscheln ging durch die Klasse. Heute waren die 6-12 Jährigen dran. Das Alter in denen sie eigentlich nie genug von der Geschichte bekommen konnten. Ich setzte mich auf einen Tisch und die Mädchen und Jungen setzten sich auf dem Boden im Kreis um mich herum. Ich hielt die Bibel hoch und fing an zu erzählen.

„Vieles von dem, was ich euch jetzt erzähle, findet ihr auch in diesem Buch. Ganz hinten in der Offenbarung des Johannes. Ich werde euch erst seine Geschichte erzählen, wobei ich den unwichtigen Kram auslassen werde, und dann, was davon am Tag X wirklich passiert ist und wo sich Johannes…nun…geirrt hat. In verschiedenen Ausgaben der Bibel wird die Geschichte immer etwas anders erzählt. Ich selbst bevorzuge die Fassung der Lutherbibel von 1912.“ Ich schlug die Bibel auf, obwohl ich die wichtigen Teile der Offenbarung schon auswendig kannte.

Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in der Kürze geschehen soll; und er hat sie gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesu Christi, was er gesehen hat. Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe. Ich, Johannes, der auch euer Bruder und Mitgenosse an der Trübsal ist und am Reich und an der Geduld Jesu Christi, war auf der Insel, die da heißt Patmos, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi. Ich war im Geist an des HERRN Tag und hörte hinter mir eine große Stimme wie einer Posaune, die sprach: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte; und was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es zu den Gemeinden in Asien: gen Ephesus und gen Smyrna und gen Pergamus und gen Thyatira und gen Sardes und gen Philadelphia und gen Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter die sieben Leuchtern einen, der war eines Menschen Sohne gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und begürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleichwie Messing, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie ein Toter; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes. Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll darnach. Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und die sieben goldenen Leuchter: die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden; und die sieben Leuchter, die du gesehen hast, sind sieben Gemeinden.

Ich räusperte mich. „Jonas, du kennst diesen Teil schon. Bist du so nett und holst mir was zu trinken?“ Der angesprochene Junge sprang eilfertig auf und stürmte in Richtung Wasserlager davon. Ich setzte wieder an: „Was Gott den Gemeinden zu sagen hatte ist nicht weiter wichtig für uns. Wir überspringen diesen Teil einfach und lesen etwas später weiter:

Darnach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel; und die erste Stimme, die ich gehört hatte mit mir reden wie eine Posaune, die sprach: Steig her, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. Und alsobald war ich im Geist. Und siehe, ein Stuhl war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer; und der dasaß, war gleich anzusehen wie der Stein Jaspis und Sarder; und ein Regenbogen war um den Stuhl, gleich anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Stuhl waren vierundzwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. Und von dem Stuhl gingen aus Blitze, Donner und Stimmen; und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Stuhl, welches sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Stuhl war ein gläsernes Meer gleich dem Kristall, und mitten am Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorn und hinten. Und das erste Tier war gleich einem Löwen, und das andere Tier war gleich einem Kalbe, das dritte hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und das vierte Tier war gleich einem fliegenden Adler. Und ein jegliches der vier Tiere hatte sechs Flügel, und sie waren außenherum und inwendig voll Augen und hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der HERR, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt! Und da die Tiere gaben Preis und Ehre und Dank dem, der da auf dem Stuhl saß, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, fielen die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem, der auf dem Stuhl saß, und beteten an den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und warfen ihre Kronen vor den Stuhl und sprachen: HERR, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.

Jonas kam mit dem Wasser wieder und reichte mir. „Dank dir“, sagte ich und trank einen großen Schluck. Danach schaute ich in die großen Augen der Kinder. „Was ihr bisher gehört habt entspricht in Teilen dem Anfang vom Tag X. Was wir auf der Erde davon mitbekommen haben? Die Blitze, den Donner und die Stimmen. Es war früh am morgen, als der noch junge Tag plötzlich von unzähligen Blitzen erhellt wurde. Sie kamen aus dem Nichts, vorher sah man nicht einmal eine Wolke am Himmel. Und dann kam der Donner. Ein Donner, der jegliches andere Geräusch auslöschte. Die Stille, als der Donner verhallte, war fast noch schlimmer, als der infernalische Lärm. Die Welt schien still zu stehen, kein Geräusch war zu hören. Und dann erschollen die Stimmen. Sie sprachen in einer Sprache, die von uns keiner verstand. Aber sie waren auf der ganzen Welt zu hören. Da funktionierten Radio und TV noch, wir waren noch in der Lage uns über den Rest der Welt zu informieren. Manche sagen, sie hätten auch die Tiere gesehen, von denen Johannes spricht. Bezeugen kann es heute niemand mehr.“

Wird fortgesetzt

Tagschicht I

Es war 8 Uhr morgens und ich saß auf dem Dach des ehemaligen Landkreises. Wie eigentlich jeden Morgen fragte ich mich, warum ich eigentlich noch am Leben war. Ich nahm einen Schluck Kaffee und ließ meinen Blick über die Reste der Stadt wandern. Man musste wenigstens zugeben, dass sie grüner war, als früher. Nach dem Ereignis, welches klischeehaft Tag X genannt wurde, hatte sich die Natur einen Großteil der Stadt zurückgeholt. Eigentlich ein merkwürdiges Bild, dachte ich. Die Gebäude waren an sich ja alle noch intakt, nur mittlerweile überwuchert von Pflanzen. Aber warum sollten wir sie ständig freihalten? Wir waren nur noch dreißig Personen und brauchten kaum Raum.

Ein plötzliches Geräusch ließ mich herumfahren. Obwohl es Tag war und eigentlich keine Gefahr bestand hatte sich jeder von uns ein gewisse Paranoia angewöhnt. Jeder von uns, der schon einmal in der Nachtschicht war. Marie kam auf mich zu. „Freerk, wir haben Olaf verloren. In der Nähe des Feuerwehrhauses.““ß Ich schluckte den plötzlich bitter schmeckenden Schluck Kaffee, den ich im Mund hatte, runter und schüttelte den Kopf. „Eine Ahnung, wie es passiert ist? Es war doch eigentlich noch lange nicht soweit für ihn. Er war noch zu jung.“, meine Stimme klang seltsam fremd in meinen Ohren. Plötzlich wurde ich mir wieder der unnatürlichen Stille bewusst, die seit dem Tag X herrschte. Wie lange war es eigentlich schon her? Kaum jemand hielt es noch für notwendig die Tage zu zählen. Marie schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Anzeichen eines Kampfes. Ja, es gibt nicht einmal Anzeichen einer Verletzung. Das war nicht das Werk von Ihnen, es sei denn sie halten sich normalerweise nicht ans übliche Muster. Und eine Provokation durch Olaf kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!“ – „Ich auch nicht.“, beruhigte ich sie. Plötzlich fing Marie an zu schluchzen und starrte auf einen Punkt hinter mir. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, was da vorging. Sie verbrannten Olaf, damit er nicht in der nächsten Nacht auf der anderen Seite stand. In was hatte sich unsere Welt eigentlich verwandelt?

Es fröstelte mich und ich ging mit Marie zurück ins Gebäude des Landkreises. Hier oben hatte sich einst die Rettungsleitstelle befunden, jetzt dienten die Räumlichkeiten als Wohnung, Besprechungsraum und Ausguck. Jetzt waren wir also nur noch 29, 14 davon eigentlich noch Kinder. „Übernimmst du heute den Unterricht?“, fragte Marie mich plötzlich, als wir die Treppe runtergingen. „Ja, klar, kann ich machen. Was ist dran?“ – „Tag X und die ersten Monate.“ Ich nickte. ein paar der Kinder waren erst später geboren oder erinnerten sich nicht an die Anfangszeit und was davor war interessierte sie kaum. Wie sollten sie sich auch Städte mit mehreren Tausend oder noch mehr Einwohnern vorstellen? Es gab sie nicht mehr, soviel wir wussten. Ich griff nach meiner Bibel. Tag X, der Tag an dem Christus zurückkommen sollte. Oh, wie hatte sich Johannes geirrt.

Wird fortgesetzt

Nachtschicht I – Teil 2

Zum 1. Teil

Er klopfte sich gerade den Staub von der Kleidung, als sein Blick auf die Sitzgruppe in der Ecke fiel. Er erstarrte. So eine Sitzecke hatte er selbst einst besessen und plötzlich stürmten wieder Erinnerungen auf ihn ein. Bilder seiner Familie, seiner Freunde, langer Spielenachmittage, Lachen, Fröhlichkeit. Keuchend stützte er sich an der nächsten Wand ab. Sein Atem ging stoßweise, er drohte zu hyperventilieren. Mühsam versuchte er seine Atmung und seinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bringen. Endlose Minuten vergingen, während er sich langsam beruhigte und wieder anfing die Welt um sich herum wahrzunehmen.

Als sein Blick sich wieder klärte, entdeckte er, während er sich noch an der Wand abstützte, eine alte Ausgabe der früheren Lokalzeitung auf dem Boden. Er bückte sich gerade, um sie aufzuheben, als er draußen ein Geräusch hörte. Ohne über den genauen Sinn nachzudenken, steckte er die Zeitung ein und blickte durch den Türrahmen, dessen Inhalt so plötzlich nachgegeben hatte, auf die Straße hinaus. Irgendetwas bewegte sich dort draußen, doch das Licht des Mondes reichte nicht aus, um genaueres auszumachen. Sein Herzschlag beschleunigte sich wieder. Wenn es einer von ihnen war, so hatte er ein Problem. Er kannte sich in seinem unfreiwilligen Unterschlupf nicht aus, aber auf die Straße zurückzugehen konnte er nicht riskieren. Nicht, solange er nicht wusste wer, was oder wie viele dort draußen waren. Er spähte gerade angestrengt nach draußen, als er eine Bewegung im Augenwinkel bemerkte. Im Haus, hinter ihm! Er wirbelte herum, doch es war zu spät. Einer von ihnen nahm ihm sein Leben. Wenigstens ging es schnell. Ohne einen weiteren Laut brach er zusammen. Die Nacht hatte ihn geholt.

Wird fortgesetzt…

Nachtschicht I

Schatten umgaben ihn, als er an der Wand kauerte. Er blickte die Straße entlang und suchte nach Bewegungen in der staubigen Dunkelheit, die nur vom fahlen Mondlicht erhellt wurde. Die Straßenlampen funktionierten schon seit Jahren nicht mehr und warmes Licht, das aus den Wohnhäusern auf die Straße scheint, schien nur noch eine vage Erinnerung aus längst vergangenen Tagen zu sein. Das leise Pfeifen des Windes war das einzige Geräusch, dass an seine Ohren drang. Er drückte sich tiefer in den Schatten und wünschte sich eine Zigarette, um die Anspannung zu verscheuchen. Aber Licht verbot sich, es hätte sie angelockt.

Sein Blick suchte erneut die Straße ab, doch es schien außer ihm selbst kein Lebewesen unterwegs zu sein. Er dachte an das fröhliche Gezwitscher von Vögeln und das Bellen von Hunden. Geräusche, die er zu lang nicht mehr gehört hatte. Nicht, seitdem es passiert war. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brach das Unheil damals über ihn und die Welt herein. Er schüttelte den Kopf um die Gedanken zu vertreiben. Das war das Problem mit diesen verdammten Nachtschichten, die Erinnerungen fielen ständig über einen her. Am Tag war es besser, wenn auch nicht viel. Er versuchte sich an der Wand in eine bequemere Position zu bringen, als sie sich als marode Holztür entpuppte und plötzlich hinter ihm nachgab. Sein nur halb unterdrückter Schrei der Überraschung drang unnatürlich laut durch die Nacht. Schnell rappelte er sich wieder hoch und blickte sich um, sein Herz schlug ihm dabei bis zum Hals. Waren welche von ihnen in der Nähe und hatten ihn gehört? Staub tanzte in der Luft, als er versuchte die Straße und das Innere des Hauses gleichzeitig im Auge zu behalten. Innerlich fluchte er über die marode Bausubstanz der Häuser und über seine eigene Unachtsamkeit. Die Häuser in dieser Straße waren schließlich schon vor dem schicksalshaften Tag alt und teilweise renovierungsbedürftig gewesen. Er starrte ein paar Sekunden lang das Loch in der Wand und den Haufen Baumaterial, auf dem er stand, kopfschüttelnd an. Er klopfte sich gerade den Staub von der Kleidung, als sein Blick auf die Sitzgruppe in der Ecke fiel. Er erstarrte…

Wird fortgesetzt

Teil 2