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Hochemotionaler einfacher unmittelbarer Zwang

Gerade heute wurde ich auf Facebook gefragt: „du zweifelst daran, dass gegen gewalttätige polizisten vorgegangen wird?“ Als ich mit einem einfachen „Ja.“ antwortete, wurde mir gesagt: „du machst den gleichen fehler wie die rechten idioten, wenn du pauschal urteilst.. hätte dich für cleverer gehalten…“ Tja, wie sich herausstellen sollte, lag ich mit meiner Einschätzung der Lage nicht ganz daneben. In einer Pressekonferenz äußerte sich heute der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann zu dem Einsatz, nachzulesen u.a. beim Deutschlandfunk. Schon der Bericht beim DLF ließt sich wie ein schlechter Scherz, noch besser wird es allerdings, wenn man die Pressemitteilung der Polizei Chemnitz direkt liest.1

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  1. Kommentare dazu, warum das sächsische Innenministerium die Polizei erstmal „selbst aufklären“ lässt und zum Flüchtlingsheim leitenden AfD-Politiker spare ich mir an dieser Stelle. []
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They’re out there burning houses down and peddling racist lies

Deutschland 2016. In Clausnitz kommt ein Bus mit Flüchtlingen an. Es erwarten sie drei Gruppen: Flüchtlingshelfer, Polizei und Flüchtlingsgegner. Was sich dann abspielt ist beschämend für dieses Land. „Zu Gast bei Freunden“, brüstete sich Deutschland vor einigen Jahren, der fröhliche Party-Patriotismus wurde gefeiert. Die Party ist vergangen, der Patriotismus geht mit dem Nationalismus und Fremdenhass ins Bett, „ganz normale Bürger“ skandieren „Wir sind das Volk“ und wohl noch mehr: „Die wütenden Leute vor dem Bus hätten geschrien: „Mal sehen, was hier für Ungeziefer aussteigt!“, „Weg mit dem Gelumpe!“ oder „Asylantengesindel!““

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Renazifizierung

Die aktuellen Debatten rund um Flüchtlinge zeigen vor allem: Wir sind dabei, unsere Menschlichkeit zu verlieren, uns zurückzuentwickeln, unsere Kultur über Bord zu werfen. Unsere Kultur über Bord zu werfen? Ist es nicht gerade die deutsche Kultur, die heute allerortens – vom Hindukusch bis Castrop-Rauxel – verteidigt und bewahrt werden soll? Die besorgten Bürger zwischen Stammtisch und CSU behaupten das, aber so wirklich stimmen kann das nicht.

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Barbra Streisand

Wer ein Beispiel für den Barbra-Streisand-Effekt haben möchte, muss aktuell nur nach Brake gucken. Bis Freitag interessierte sich fast niemand für den Besuch der niedersächsischen Kultusministerin in der Wesermarsch. Und dann kam eine Anordnung aus der Landesschulbehörde.

Nachdem gestern schon der NDR und die HAZ auf den Zug aufgesprungen waren, schleicht sich das Thema langsam in die sozialen Medien, zumindest in die Ecken, die irgendwas mit Bildung zu tun haben. So twitterte Herr Larbig, ein Redakteur der FAZ äußerte sich privat, ein Oldenburger IT-Nerd hat die Sache auch mitbekommen. Die JU Niedersachsen lässt sich das natürlich nicht entgehen, ein anderer Herr von der CDU auch nicht und hinzu kommen sicher noch Tweets, die ich dank fehlender Hashtags (#neuland) oder eindeutiger Worte nicht auf Anhieb gefunden habe.

Ohne die Löschaktion wäre es ein kritischer Artikel gegen Heiligenstadt mehr gewesen. Jetzt ist es ein Skandälchen. Dabei hat Frauke Heiligenstadt nicht viel falsch gemacht, die Anordnung kam aus der Landesschulbehörde.1 Die Begründungen dafür variieren, sind aber alle gleich merkwürdig. Gestern vergessen, jetzt nachgeholt, die Begründung gegenüber dem NDR:

„Vielmehr wurde dem Betrachter der Homepage fälschlicherweise vermittelt, dass es sich bei dem abgebildeten Geschehen um eine offizielle Veranstaltung im Rahmen der Gesamtverantwortung der Schule handeln würde“, so die Sprecherin. Ebenso sei die Meinungsfreiheit der Schüler des Gymnasiums nicht durch die Anordnung beschränkt worden.

Im Artikel wird nirgendwo erwähnt, wer die Proteste organisiert hat, aber hier hätte es ja ein kleiner Satz auf der Homepage getan. Dann wäre der unterstellte Eindruck verschwunden.

Jedenfalls richtet sich der Unmut jetzt gegen Heiligenstadt. Der Philologenverband gehört zu den wenigen, der es auch versteht, ordentlich in Richtung Landesschulbehörde zu feuern. Das hat sie insofern verdient, als dass sie es nicht geschafft hat, die Anordnung wieder rückgängig zu machen und eine vernünftige Erklärung abzugeben. Dies fordert auch Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes:

Audritz fordert in dem Schreiben das Kultusministerium auf, unmissverständlich klarzustellen, dass die Landesschulbehörde nicht auf seine Anweisung gehandelt habe, und die Behörde anzuweisen, ihr Vorgehen gegen den Schulleiter unverzüglich einzustellen und die Zensur der Homepage zurückzunehmen.

Etwas, was man auch am Freitag noch hätte erledigen können. In wichtigen Fällen geht das sogar bei Behörden schnell.

Nur eine Stunde mehr

Auch auf lokaler Ebene wird die ganze Sache natürlich auch von der Politik kommentiert.

Kommentar eines befreundeten Lehrers2: „‚Weltuntergangsstimmung wegen 1 Zeitstunde Std. zusätzlich‘? Ich könnte kotzen.“ In diesem Zusammenhang ist es tatsächlich erstaunlich, wie schlecht die Lobby der Lehrkräfte zu sein scheint.3 Die Politik scheint die Lehrerinnen und Lehrer dann besonders gut zu verstehen, wenn es sich um die Oppositionsparteien handelt, danach sind alle guten Vorsätze Schnee von gestern.4
An dieser Stelle wird es Zeit für einen kurzen Disclaimer: Ich habe mal im deutschen Bildungssystem gearbeitet. War nicht schön. Das deutsche Bildungssystem krankt an mehreren Stellen, woran alle Parteien ungefähr gleich viel Schuld tragen dürften.
Lost my train of thought…die Tage weiter, da kommt garantiert noch was.
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  1. Auch da wohl nicht vom Leiter direkt, wie in meinem letzten Artikel gesagt. Aber wie beim Schulleiter des Gymnasiums auch: Leitung führt zu Verantwortung. []
  2. Ja, sowas habe ich noch. []
  3. Trotz dreier Verbände. []
  4. Ja, ich pauschalisiere hier bewusst. []
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„Anstatt ihnen einen Maulkorb zu verpassen“

„Es wäre besser, sich mit der Kritik der Schulleiter auseinanderzusetzen, anstatt ihnen einen Maulkorb zu verpassen.“

So äußerte sich Frauke Heiligenstadt (SPD), damals noch nicht Kultusministerin Niedersachsens, über einen Vorfall zwischen Helga Akkermann und Elisabeth Heister-Neumann (CDU). Das war 2009. 6 Jahre später scheint sich das Blatt gewendet zu haben und Maulkörbe der neueste behördliche Trend zu sein.

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Ihr habt uns verraten

Wisst ihr noch wie’s früher war? Wir standen auf dem Schulhof, saßen am Nachmittag in der Stadt rum und hörten die Smiths. Das stimmt natürlich nicht so ganz, wir hörten euch: Die Ärzte, Die Toten Hosen und was uns noch so an Punk in die Finger kam. Wir waren kritisch, wir waren antifaschistisch, wir hatten nicht so richtig Ahnung, wovon wir eigentlich reden. Das war okay, denn wir hatten dich, Farin,  und dich, Campino, für das Globale hatten wir Greg.

Jetzt sind wir älter, wir sind in dem Alter, in dem man dem Klischee nach konservativer wird. Sind wir aber nicht geworden. Wir sind vielleicht nicht im Schwarzen Block, wir haben vielleicht nie die „richtigen“ antifaschistischen Punkbands gehört. Aber trotzdem: Wir stehen mit fassungslosem Blick vor der Gesellschaft, sehen das erneute Erstarken von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Diskriminierung. Wir brechen jedes Mal, wenn wir Satzanfänge wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“ hören oder Sätze mit „das wird man jawohl sagen dürfen“ enden. Wir wollen schreien, wenn die BILD sich als APO bezeichnet, wir verzweifeln, wenn Sarrazin und Pirinçci die Bestsellerlisten erobern. Wir applaudieren, wenn Bands sich weigern, mit Frei.Wild auf der gleichen Veranstaltung zu sein und wir begreifen die Welt nicht mehr, wenn der Aufschrei ein Jahr später ausbleibt.

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Wohin gehen wir?

5. November 2013

In Deutschland brennen zwar (noch) keine Ausländerheime, aber wir gehen wieder gegen Ausländer auf die Straße. Die Demonstranten sind natürlich nicht rechts, haben mit Ausländerfeindlichkeit nichts am Hut und mit der NPD sowieso nicht und sowieso und überhaupt.

How did this happen?

„Mit großer Verblüffung musste man feststellen: ganz und gar nicht alle Journalisten der großen deutschen Zeitungen stellten sich vorbehaltslos auf die Seite der Bürger, ja sie verteidigten nicht einmal ihre eigenen Rechte. Sondern ganz schön viele hielten lieber zum Staat und brachten viel Verständnis für Rechtsbrüche und Machtansprüche auf.“

Who’s to blame? 

Der groß angekündigte und zwischenzeitlich nahezu gefeierte NSU-Ausschuss hat schon lange seinen Abschlussbericht vorgelegt. Die wehrhafte deutsche Demokratie zeigt sich erneut zahnlos gegenüber den eigenen Geheimdiensten, dem Polizeiapparat und dem Rechtsextremismus in Deutschland.

If you’re looking for the guilty, you need only look into a mirror.

Mit dem Urheberrecht ist das in Deutschland so eine Sache. Also, geschützt wird es, wenn die Verleger profitieren.

I know why you did it. I know you were afraid.

LSR-Streit war gestern, man kann ja mit Google Geld verdienen.

The ending is nearer than you think, and it is already written. All that we have left to choose is the correct moment to begin.

Die SPD, dereinst die große Arbeiterpartei, manövriert sich selbst ins Abseits. Man könne nicht „alles oder nichts sagen“, nicht eine Partei wie die SPD. Immerhin, alles oder nichts beim Mindestlohn geht.

Equality and freedom are not luxuries to lightly cast aside.

Kein Adoptionsrecht für Homosexuelle? Wir sind empört! Wir warten dann doch vielleicht, bis uns das Gericht vorschreibt, was wir zu tun haben.

Everybody is special. Everybody. Everybody is a hero, a lover, a fool, a villain. Everybody. Everybody has their story to tell.

Dead Man Walking.

Love your rage, not your cage.

Es vergeht einem schon etwas die Lust, regelmäßig Nachrichten zu gucken oder zu lesen.

Where will we stand a year from now?

 

Kraken

Wenn ich meine Timeline so beobachte, dann habe ich manchmal das Gefühl, es sei gerade „in“, die Piraten für alles mögliche fertig zu machen. Besonders „in“ sind (mal wieder) die Vorwürfe, dass die Piratenpartei antisemitisch sei bzw. genau: sich antisemitischer Symbolik bedienen würde. Dies geht zurück auf das Logo, welches u.a. die Piratenpartei für ihre Proteste gegen ACTA benutzt. Das entsprechende Logo sieht man auf der entsprechenden Seite überall. Um lästiges hin und her springen zu vermeiden, die übliche Variante nachfolgend:

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Stammtischweisheiten

Häufige Treffen mit meist ähnlicher Zusammensetzung bringen die richtigen Wahrheiten ans Licht. Es folgt eine kurze Zusammenfassung der letzten Ergüsse. Wenn ich Lust habe wird es eine regelmäßige Serie.1

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  1. Oder man hört auf mit mir zu reden. []
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Migrantisch

Sarrazin und kein Ende. Da hat die SPD jetzt den Salat. Da hat Thilo eine „weitreichende Erklärung“ (Nahles) abgegeben, alle1 dachten nun sei alles wieder gut und dann das: Sarrazin demütigt die SPD, so titelte heute die taz. Mal ganz davon abgesehen, dass die SPD in Bezug auf Sarrazin kaum noch mehr gedemütigt werden könnte: Die Äußerung von Sarrazin ist in mehrerer Hinsicht merkwürdig. Ausgehend von folgendem Auszug aus dem taz-Artikel, stellen sich mehrere Fragen.

Bei einer Lesung aus seinem umstrittenen Buch im nordrhein-westfälischen Waltrop betonte er, dass er in seiner Erklärung vor der SPD-Spitze kein Wort von den Aussagen seines Buches zurückgenommen habe.

Als wäre das nicht Schmach genug, kritisierte er die Migrantenquote, die die SPD-Spitze angekündigt hat: „Der Verstand kommt und geht ja nicht damit, dass man Migrant ist.“ Und ätzte im Anschluss erneut in diffamierender Weise über Menschen mit Migrationshintergrund: „Je migrantischer diese Leute eingestellt sind, desto weniger neigen sie dazu, Probleme oder Schwierigkeiten objektiv zu sehen.

Wer bisher geglaubt hat, dass Sarrazin irgendwas von seinen Thesen zurückgenommen hätte, der hat die Erklärung bisher nicht gelesen, oder heißt Nahles/Gabriel mit Nachnamen. Aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen, auch nicht darum, was denn jetzt von einer „Migrantenquote“ in der SPD zu halten ist oder nicht. Interessant ist die Äußerung mit „migrantisch“ und „diese Leute“. Die taz (und andere Redaktionen) beziehen diese Äußerung auf „Menschen mit Migrationshintergrund“. Aber ist das eigentlich wirklich so?2 Sarrazin sagt ja nicht „je migrantischer diese Leute sind“, sondern „je migrantischer diese Leute eingestellt sind“. Migrantisch ist ein Adjektiv3 und wird hier adverbiell gebraucht, es beschreibt wie „diese Leute“4 eingestellt sind, es beschreibt nicht die Leute an sich genauer. Gehen wir jetzt einfach mal davon aus, dass „migrantisch“ als Adjektiv ungefähr folgendes bedeuten könnte:

  1. mit Migrationshintergrund
  2. Migranten/Migration positiv gegenüber eingestellt

Da ein Migrationshintergrund keine Einstellung sein kann, bleibt eigentlich nur die zweite Interpretation. Wenn man „migrantisch “ entsprechend ersetzt, würde der Satz also ungefähr Folgendes aussagen: Je positiver diese Leute Migranten/der Migration gegenüber eingestellt sind, desto weniger neigen sie dazu, Probleme oder Schwierigkeiten objektiv zu sehen.

Das zielt also, meiner Meinung nach, weniger gegen Menschen mit Migrationshintergrund, sondern eher gegen diejenigen, die nichts gegen eben diese Menschen haben. Ausgehend von dieser Interpretation kann man nun fragen: Was soll man aus dieser Äußerung für Schlüsse ziehen? Was meint Sarrazin? Sind „diese Leute“ (=Freunde der Migration) weniger objektiv, weil man halt weniger objektiv ist, wenn man von etwas überzeugt ist.5 Sind Menschen, die weniger „migrantisch“ im eben beschriebenen Sinne sind, deswegen zwangsläufig objektiver? Ab wann ist man denn dann zu „anti-migrantisch“, um noch objektiv zu sein? Gerade letzter Punkt ist interessant: Sarrazin sagt nämlich „je migrantischer eingestellt, desto weniger objektiv“ ist man. Der Umkehrschluss wäre also: je weniger migrantisch eingestellt, desto objektiver“. Und genau an dieser Stelle würde das Pflaster erst richtig gefährlich werden.

Was genau er meinte, das kann wohl nur Sarrazin selbst beantworten oder aber jemand, der die ganze „Rede“ gehört hat.6 Ich weiß nur, wenn Sarrazin nicht „migrantisch eingestellt“ ist, dann bin ich es gerne.

Ich habe übrigens lange nach einer gewissen „Pointe“ gesucht, aber so langsam fällt mir zur SPD und zu Sarrazin nichts mehr ein.

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  1. Ja, wirklich alle. []
  2. Ich kenne den Rest der Äußerungen nicht, gehe also nur von diesem einen Zitat aus. []
  3. Ein ziemlich grausames und irgendwie inhaltsleeres. []
  4. Wer das auch immer sein mag. []
  5. Was eine gewagte Behauptung wäre, aber noch nachvollziehbar. []
  6. Eine eindeutigere Darstellung in den Medien würde natürlich auch helfen. []
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