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Konsequenter sein

Jüngst unterhielt ich mich mit dem Zyniker darüber, was das Problem ist, wenn Gutmenschen wie wir, das linke Komponistenpack, versuchen, mit rechten Dumpfpöblern zu reden. Warum es uns so schwer fällt, überhaupt zu verstehen, wo das Problem der Menschen ist, die gegen Flüchtlinge, Aslyanten, Migranten und einfach alles, was „Nicht-Deutsch“ ist, protestieren und hetzen. Wir verstehen die Prämisse der Gedanken überhaupt nicht. Wie der Zyniker sinngemäß sagte: „Wer auch nur einen Hauch von humanistischer Bildung genossen hat, kann nicht verstehen, wie man so menschenverachtend mit Menschen umgehen bzw. so über andere Menschen denken kann.“ Stimmt. Das ist nun aber kein Grund, es nicht zu versuchen und da geht das Problem los.

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Barbra Streisand

Wer ein Beispiel für den Barbra-Streisand-Effekt haben möchte, muss aktuell nur nach Brake gucken. Bis Freitag interessierte sich fast niemand für den Besuch der niedersächsischen Kultusministerin in der Wesermarsch. Und dann kam eine Anordnung aus der Landesschulbehörde.

Nachdem gestern schon der NDR und die HAZ auf den Zug aufgesprungen waren, schleicht sich das Thema langsam in die sozialen Medien, zumindest in die Ecken, die irgendwas mit Bildung zu tun haben. So twitterte Herr Larbig, ein Redakteur der FAZ äußerte sich privat, ein Oldenburger IT-Nerd hat die Sache auch mitbekommen. Die JU Niedersachsen lässt sich das natürlich nicht entgehen, ein anderer Herr von der CDU auch nicht und hinzu kommen sicher noch Tweets, die ich dank fehlender Hashtags (#neuland) oder eindeutiger Worte nicht auf Anhieb gefunden habe.

Ohne die Löschaktion wäre es ein kritischer Artikel gegen Heiligenstadt mehr gewesen. Jetzt ist es ein Skandälchen. Dabei hat Frauke Heiligenstadt nicht viel falsch gemacht, die Anordnung kam aus der Landesschulbehörde.1 Die Begründungen dafür variieren, sind aber alle gleich merkwürdig. Gestern vergessen, jetzt nachgeholt, die Begründung gegenüber dem NDR:

„Vielmehr wurde dem Betrachter der Homepage fälschlicherweise vermittelt, dass es sich bei dem abgebildeten Geschehen um eine offizielle Veranstaltung im Rahmen der Gesamtverantwortung der Schule handeln würde“, so die Sprecherin. Ebenso sei die Meinungsfreiheit der Schüler des Gymnasiums nicht durch die Anordnung beschränkt worden.

Im Artikel wird nirgendwo erwähnt, wer die Proteste organisiert hat, aber hier hätte es ja ein kleiner Satz auf der Homepage getan. Dann wäre der unterstellte Eindruck verschwunden.

Jedenfalls richtet sich der Unmut jetzt gegen Heiligenstadt. Der Philologenverband gehört zu den wenigen, der es auch versteht, ordentlich in Richtung Landesschulbehörde zu feuern. Das hat sie insofern verdient, als dass sie es nicht geschafft hat, die Anordnung wieder rückgängig zu machen und eine vernünftige Erklärung abzugeben. Dies fordert auch Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes:

Audritz fordert in dem Schreiben das Kultusministerium auf, unmissverständlich klarzustellen, dass die Landesschulbehörde nicht auf seine Anweisung gehandelt habe, und die Behörde anzuweisen, ihr Vorgehen gegen den Schulleiter unverzüglich einzustellen und die Zensur der Homepage zurückzunehmen.

Etwas, was man auch am Freitag noch hätte erledigen können. In wichtigen Fällen geht das sogar bei Behörden schnell.

Nur eine Stunde mehr

Auch auf lokaler Ebene wird die ganze Sache natürlich auch von der Politik kommentiert.

Kommentar eines befreundeten Lehrers2: „‚Weltuntergangsstimmung wegen 1 Zeitstunde Std. zusätzlich‘? Ich könnte kotzen.“ In diesem Zusammenhang ist es tatsächlich erstaunlich, wie schlecht die Lobby der Lehrkräfte zu sein scheint.3 Die Politik scheint die Lehrerinnen und Lehrer dann besonders gut zu verstehen, wenn es sich um die Oppositionsparteien handelt, danach sind alle guten Vorsätze Schnee von gestern.4
An dieser Stelle wird es Zeit für einen kurzen Disclaimer: Ich habe mal im deutschen Bildungssystem gearbeitet. War nicht schön. Das deutsche Bildungssystem krankt an mehreren Stellen, woran alle Parteien ungefähr gleich viel Schuld tragen dürften.
Lost my train of thought…die Tage weiter, da kommt garantiert noch was.
  1. Auch da wohl nicht vom Leiter direkt, wie in meinem letzten Artikel gesagt. Aber wie beim Schulleiter des Gymnasiums auch: Leitung führt zu Verantwortung. []
  2. Ja, sowas habe ich noch. []
  3. Trotz dreier Verbände. []
  4. Ja, ich pauschalisiere hier bewusst. []

„Anstatt ihnen einen Maulkorb zu verpassen“

„Es wäre besser, sich mit der Kritik der Schulleiter auseinanderzusetzen, anstatt ihnen einen Maulkorb zu verpassen.“

So äußerte sich Frauke Heiligenstadt (SPD), damals noch nicht Kultusministerin Niedersachsens, über einen Vorfall zwischen Helga Akkermann und Elisabeth Heister-Neumann (CDU). Das war 2009. 6 Jahre später scheint sich das Blatt gewendet zu haben und Maulkörbe der neueste behördliche Trend zu sein.

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Kleinstadtgeister

Brake geht zu Grunde, da sind sich eigentlich alle einig. So ein paar Idealisten mag es noch geben, aber die sitzen alle an der falschen Stelle: nicht in der Politik. Tut mir leid. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man sich Ratsentscheidungen in letzter Zeit anguckt. Da wäre die Sache mit einem weiteren Einkaufsmarkt auf der grünen Wiese, um den es zwar ruhig geworden ist, für den es aber eigentlich einen entsprechenden Beschluss aus 2012 gibt:

Dem aus der Drucksache Nr. 106.1/2012 ersichtlichen Antrag auf Einleitung eines Aufstellungsverfahrens für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan im Sinne des § 12 Abs. 2 BauGB – nebst Ergänzungsschreiben des Antragstellers vom 19.11.2012, Drucksache Nr. 106.2/2012 – zur Ausweisung eines Sondergebiets Einzelhandel für das Grundstück Weserstraße/B 212 als planungsrechtliche Grundlage eines großflächigen Einzelhandelsbetriebes für Textilien, Schuhe, Sportartikel und Heimdekoration sowie eines Betriebes aus dem Bereich des Systemgastronomie wird zugestimmt.
Die erforderlichen Bauleitplanverfahren – Änderung des Flächennutzungsplans sowie Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans – sollen durchgeführt werden, sobald die für die jeweiligen Verfahrensschritte erforderlichen Unterlagen vorliegen.

Und das, obwohl seit Jahren gepredigt wird, dass man die Grüne Wiese (sprich: Weserstraße) eigentlich nicht noch mehr stärken will. Um das Bauvorhaben ist es seit 2013 ziemlich ruhig geworden, aber ich denke, da kommt demnächst was. Da soll nämlich noch was gebaut werden:

Bauvorhaben "Helfende Hände" in Brake.
Bauvorhaben „Helfende Hände“ in Brake.

„Wir“, das ist die Firma „Helfende Hände„, ein Pflegedienstleister. Wäre ja auch nur konsequent, wenn man da noch einen größeren Einzelhändler auf die Grüne Wiese setzt, dann setzt man die Menschen gleich hinterher. Der Umstand, dass zwei „helfende Hände“ auch im entsprechenden Gremium (Bauausschuss) sitzen, hilft da hoffentlich nicht bei der Umwidmung. Der Protest der Touristiker ist da durchaus nachzuvollziehen. Wie wichtig der Tourismus für die Stadt ist, wird regelmäßig in Gutachten usw. betont. Hoffentlich ist das auch dem Bauausschuss bekannt. Was aus den Plänen geworden ist, die Weserstraße in eine teilweise dreispurige Zufahrtsstraße zu verwandeln, frag ich mal lieber gar nicht. Ansonsten könnte man noch auf den Gedanken kommen, dass solche Pläne sich beißen und so.

Jüngst genehmigte der Rat übrigens die Umwidmung und Bebauung des Geländes einer ehemaligen Schule. Jetzt zieht da die Landessparkasse zu Oldenburg hin: „Wie berichtet, wird die LzO ihre Filiale in der Braker Innenstadt sowie die Bankstellen in Boitwarden und Ovelgönne aufgeben. Sie sollen an der Bahnhofstraße alle unter einem Dach vereint werden.“ Die Sparkasse („Schließlich ist es Ihr Geld“, „Unsere Nähe bringt Sie weiter“ und so) verschlechtert die ländliche Versorgung und ihre Rolle als „Frequenzbringer“ in der dahinsiechenden Innenstadt zu Gunsten eines hübschen Baus gerade außerhalb der Innenstadt. Die Politik kann da natürlich nur bedingt gegensteuern. EDIT: Frei nach dem Motto: Wahl zwischen Pest und Cholera, die LzO kann auch woanders bauen. /EDIT

Diese ganzen kleinen Elemente zeigen aber eines ganz deutlich: An Visions- und Konzeptlosigkeit scheint es nicht zu mangeln. Beschlüsse scheinen hier keiner Vision einer bestimmten Zukunft zu folgen, selbst Erhalt des Status Quo kann als Idee bezweifelt werden. Es nervt.

Gegen Diskriminierung, aber nicht auf Kosten der Sprache!

Es passiert immer wieder, dass irgendein Artikel aus irgendeinem eher konservativen Blatt in meiner Timeline auftaucht, in dem sich wieder irgendjemand über „Gender Mainstreaming“ oder verwandte Themen aufregt. Ich schrieb ja auch schon etwas darüber.

Jüngst tauchte der „Genderwahn“ auf. Der Studiblog hatte sich, basierend auf einem Artikel der Welt, dem Thema angenommen. Könne ja nicht sein sowas! So bzw. ähnlich wurde der „Genderwahn“ von Nutzern bei Facebook kommentiert. Was mal wieder zeigt, dass der Deutsche1 beim Thema „Gender“ seinen Verstand ausschaltet. Eine Analyse des Artikels beim Studiblog, bei Welt und was das Ganze mit Journalismus zu tun hat.2

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  1. Manchmal auch die Deutsche. []
  2. Spoiler: Gar nichts. []

Pressemitteilungen lesen

Es ist erstaunlich, wie wenig wir Nachrichten verstehen, die man uns übermittelt. Ein praktisches Beispiel, Schritt für Schritt.

Bei Angriffen aus einer Gruppe von etwa 60 Personen heraus wurden gestern Nachmittag sechs Polizisten verletzt.

Tatsächliche Information: 6 Polizisten wurden verletzt, weil sie angegriffen wurden. Das geschah gestern [am 5. Juli 2014] Nachmittag.
Füllmaterial: Die Gruppe aus 60 Personen. Die Angriffe geschahen „aus einer Gruppe“ heraus, was so viel bedeutet wie: Es könnte einer angegriffen haben und etwa 59 Personen standen da einfach rum und haben geguckt. Die Zahl möglicher Angreifer geht wahrscheinlich so bis 9, weil ab da klingt „wurde von 10/15/20 Personen angegriffen“ wahrscheinlich besser.

Gegen 17.45 Uhr alarmierten Zeugen die Polizei zum Görlitzer Park, da zu diesem Zeitpunkt etwa 20 Personen in eine Schlägerei verwickelt waren.

Tatsächliche Information: Die Polizei waren aus einem bestimmten Grund da und hat eine komische Definition von „Nachmittag“.
Füllmaterial: Die Schlägerei von etwa 20 Personen. Tut für den weiteren Hergang gar nichts zur Sache.1 Aber erst 60 und dann 20, das klingt gefährlich.

Im Park eingetroffen, sahen die Beamten einen 25-jährigen verletzten Mann, der am Ohr stark blutete. 

Tatsächliche Information: Bei der Schlägerei2 Im Park gab es einen Verletzten. Warum wäre reine Spekulation, da hat der madcynic Recht.
Füllmaterial: keins.

Bei der nun folgenden Sachverhaltsklärung mischten sich zunächst mehrere Personen, die kurz zuvor an einer Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg teilgenommen hatten, lautstark in die Ermittlungen der Beamten ein.

Tatsächliche Information: Die Polizei stellt Fragen und mehrere Personen – so ab drei oder vier wahrscheinlich – mischten sich lautstark in die Ermittlungen ein. Die Einmischer hatten nichts mit der Schlägerei zu tun. Nach der Einmischung passierte noch etwas.
Füllmaterial: Die Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg. Angesichts der letzten Tage klingt das wie der polizeiliche Euphemismus für „Linke“, was aber gar nichts zur Sache tut. Darüber hinaus: Erfragen, woher die Einmischer kamen, das konnte man. Aufschreiben, warum die sich eingemischt haben aber nicht.

Darüber hinaus stellte sich ein 22-jähriger Mann den Beamten in den Weg und störte sie bei der Sachverhaltsaufklärung.

Tatsächliche Information: Es waren mehrere Personen +1. Der 22-jährige stand außerdem im Weg und störte zwar nicht lautstark aber auf trotzdem nicht näher definierte Weise. Außerdem störte er offensichtlich mehr als die anderen.
Füllmaterial: keins.

Nachdem die Polizisten ihn vergeblich des Platzes verwiesen hatten und die Behinderungen anhielten, zog ein Beamter den Störenfried zur Seite, woraufhin sich eine Personengruppe von bis zu 60 Personen in das Geschehen einmischte und die Einsatzbeamten attackierte.

Tatsächliche Information: Der 22-jährige, der mehr störte als alle anderen und außerdem im Weg stand, wollte auch nach Aufforderung nicht gehen. Jemand mischte sich ein, als der „Störenfried zur Seite“ gezogen wurde. Diese Aktion störte andere Umstehende3
Füllmaterial: Die Personengruppe von bis zu 60 Personen. Nicht aus o.g. Gründen, sondern weil: Die Erwähnung der Demonstration erscheint jetzt noch merkwürdiger. Hatte die Gruppe etwas damit zu tun? Waren die „bis zu 60 Personen“ alle Demonstranten oder waren auch andere dazwischen? Waren in der Personengruppe auch die „mehreren“, die lautstark, aber nicht so behindernd wie der 22-Jährige störten usw. Interessant ist aber auch, dass die Polizei den ersten Satz der Pressemitteilung hier etwas variiert. Jetzt mischen sich nämlich nicht Personen „aus“ einer Gruppe ein, sondern eine gesamte Gruppe variabler Größe. An der Aussagekraft ändert das eher wenig: Wie viele Personen sich genau und in welcher Form eingemischt haben, steht da nicht.

Aus der Gruppe heraus wurden zwei Fahrräder gegen die Beamten geschleudert, wodurch ein Polizist eine Kopfverletzung erlitt, die später in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. 

Tatsächliche Information: Aus der Gruppe von bis zu 60 Personen Personen wurden zwei Fahrräder geworfen. Ein Polizist wurde dadurch verletzt und musste behandelt werden.
Füllmaterial: keins. Aber: Ein Fahrrad traf, das weiß man aus dem Video. Ob das zweite überhaupt Schaden anrichtete oder einen Meter vor den Polizisten zum Liegen kam, das weiß man nicht. Wie viele Personen am Werfen beteiligt waren und in wie weit die variable Gruppe damit nun überhaupt etwas zu tun hatte, auch das erfährt man nicht.

Mit Unterstützung weiterer hinzugerufener Polizisten wurde die Personengruppe abgedrängt und zwei Männer im Alter von 32 und 46 Jahren sowie eine 33-jährige Frau festgenommen. 

Tatsächliche Information: Es kam mehr Polizei. Die Personengruppe – wahrscheinlich die variable – wurde abgedrängt. Drei Personen wurden festgenommen.
Füllmaterial: keins. Aber: drei Personen aus der variablen Gruppe? Warum gerade diese drei, das steht da natürlich nicht. Aber von den „bis zu 60 Personen“ haben bis zu 57 wohl nichts gemacht, was irgendwie strafbar wäre.

Die Polizei hat noch eine zweite Pressemitteilung veröffentlicht, an der nun getestet werden kann, was da wirklich drin steht und was Füllmaterial ist. Nur so zur Erheiterung aus der zweiten:

Ein Polizist wollte die Personalien des jungen Mannes feststellen, um ihm dann einen so genannten qualifizierten Platzverweis auszusprechen. Hier widersetzte sich der auf dem Video zu sehende Mann und versuchte sich zu entfernen, so dass er von den Einsatzbeamten festgehalten werden musste und zu Boden gebracht wurde.

Abgesehen davon, dass die Polizei jemanden wegschickte, nur um ihn festzuhalten, als er tatsächlich gehen wollte und „zu Boden gebracht“ also „zur Seite genommen“ bedeutet, ist noch so einiges bemerkenswert an der Ergänzung. Aber das kann gerne jemand anderes machen, ich beiße sonst in meinen Schreibtisch.

Wer an dieser Stelle immer noch keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht: hier das erste und das zweite Video zum umstrittenen Polizeieinsatz.

Das Artikelbild ist ein reines Symbolbild und entstand bei einer völlig anderen Gelegenheit.

 

  1. Gut, das weiß man hier noch nicht. []
  2. Das unterstellen wir hier mal. []
  3. Störenfried ist an dieser Stelle auch eine schöne Formulierung. Und „zur Seite ziehen“ auch. []

Ihr habt uns verraten

Wisst ihr noch wie’s früher war? Wir standen auf dem Schulhof, saßen am Nachmittag in der Stadt rum und hörten die Smiths. Das stimmt natürlich nicht so ganz, wir hörten euch: Die Ärzte, Die Toten Hosen und was uns noch so an Punk in die Finger kam. Wir waren kritisch, wir waren antifaschistisch, wir hatten nicht so richtig Ahnung, wovon wir eigentlich reden. Das war okay, denn wir hatten dich, Farin,  und dich, Campino, für das Globale hatten wir Greg.

Jetzt sind wir älter, wir sind in dem Alter, in dem man dem Klischee nach konservativer wird. Sind wir aber nicht geworden. Wir sind vielleicht nicht im Schwarzen Block, wir haben vielleicht nie die „richtigen“ antifaschistischen Punkbands gehört. Aber trotzdem: Wir stehen mit fassungslosem Blick vor der Gesellschaft, sehen das erneute Erstarken von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Diskriminierung. Wir brechen jedes Mal, wenn wir Satzanfänge wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“ hören oder Sätze mit „das wird man jawohl sagen dürfen“ enden. Wir wollen schreien, wenn die BILD sich als APO bezeichnet, wir verzweifeln, wenn Sarrazin und Pirinçci die Bestsellerlisten erobern. Wir applaudieren, wenn Bands sich weigern, mit Frei.Wild auf der gleichen Veranstaltung zu sein und wir begreifen die Welt nicht mehr, wenn der Aufschrei ein Jahr später ausbleibt.

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Multiple Ausrufezeichen

‚Multiple exclamation marks,‘ he went on, shaking his head, ‚are a sure sign of a diseased mind.‘ (Eric)
Five exclamation marks, the sure sign of an insane mind. (Reaper Man)
‚And all those exclamation marks, you notice? Five? A sure sign of someone who wears his underpants on his head.‘ (Maskerade)
‚That! Is!! Not!!! My!!!! COW!!!!!‘ (Thud!)

[Artikelbild: Wissenschaftsjahr CC BY 2.0]

Multiple Ausrufezeichen werden gerne benutzt, wenn etwas besonders deutlich gemacht werden soll. Auf eine kindische Art und Weise. Mehr als ein Ausrufezeichen ist das Äquivalent zum zornigen Aufstapfen eines Kindes, welches seinen willen nicht bekommt. Viele (außerhalb des Internets) haben das verstanden, einige nicht. Besonders peinlich sind die multiplen Orgasmen der Schreibenden, wenn sie in offiziellen Pressemitteilungen vorkommen, noch peinlicher, wenn diese Pressemitteilungen von der Polizei kommen. Wer stellt sich beim Lesen nicht gerne vor, wie ein Polizist trotzig mit den Füßen aufstampft, weil ihm kein Schwein zuhören will.

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Täglicher Rassismus [Achtung: Rant]

Da haben es die „Frankfurter Neue Presse“ und die Pisser von Politically Incorrect doch tatsächlich geschafft: Deutschland schafft sich mal wieder ab. In einem Artikel berichtete die FNP, dass in einer Kindertagesstätte das St. Martinsfest „aus Rücksicht auf Mitglieder anderer Kulturkreise“ in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umbenannt werden würde. PI-News sprang auf diesen Zug auf, veröffentlichte gleich die Anschrift der Kita, die daraufhin wohl von aufrechten Deutschen mit bösen Mails überzogen wurde.

Abgesehen davon, dass die Umbennennung so gar nicht stattgefunden zu haben scheint und so oder so völlig andere Gründe zum „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ geführt haben; abgesehen davon, dass hier wohl nicht wirklich darüber nachgedacht wurde, was man so in die Zeitung kleckst: Haben wir sie noch alle?

Wenn man sich die Empörten so anhört, dann klingt es, als wäre der Martinstag einer der großen, christlichen Feiertage. Dabei ist es ein Tag, der allerhöchstens regional ausgeprägt ist und das vor allem überall unterschiedlich. Bevor ich mal in den Wikipedia-Artikel geguckt habe, hab ich diesen „Sonne-Mond-und-Sterne-Tag“ gedanklich immer mit dem ostfriesischen Martinisingen gleichgesetzt, welches man aber wieder nicht mit dem anderen, auch in Niedersachsen begangenem, Martinssingen verwechseln darf.1 Hier in Brake gibt es, trotz starker Kirchenpräsenz, solche Singereien überhaupt nicht bzw. kaum. Laternenumzüge allerdings schon, da schließe ich mich der FAZ an:

Tatsächlich werden auch in anderen Kindergärten, nicht nur in Bad Homburg, Anfang November Lichter- und Laternenfeste begangen, die nur den Termin mit dem Martinstag gemein haben. Und zu mancher bekannten Melodie gibt es Texte, in denen der heilige Martin nicht mehr vorkommt.

Obwohl es sich um einen nicht wirklich einheitlich begangenen „Feiertag“ handelt, ist die Empörung über die angebliche und sowieso immer böse „politische Korrektheit“ so groß, dass man auf Facebook mit Postings wie diesem hier konfrontiert wird:

„Na endlich, endlich hat sich jemand getraut. Nun hat ein Kindergarten den Martinstag umbenannt in „Sonne, Mond und Sterne Fest“. Das wurde ja auch Zeit. Schon letztes Jahr war ich schockiert, als auch einige Migrantenkinder bei mir am Martinsabend…oh, sorry, am „Sonne-Mond und Sterne Fest Abend“ singend bei mir vor der Haustüre standen. Der Blick aus diesen gequälten Kinderaugen lässt mich bis heute nicht schlafen. Als diese armen Geschöpfe gezwungen wurden ein Lied zu singen das nicht zu ihrem Kulturkreis gehört, um dann von mir Süßigkeiten aufgezwungen zu bekommen, die man in ihrem Kulturkreis nicht bekommt, schossen mir die Tränen in die Augen und ich schämte mich bitterlich ein Christ, und noch schlimmer, ein Deutscher zu sein. Niemand kann sich vorstellen wie sehr diese Kinder leiden mussten unter unserem „Martinsfest“. Schokolade, Martinsbrot und Martinsfeuer- wie menschenverachtend ist das denn? Doch nun ist ja endlich Schluss damit. Wir werden endlich politisch korrekt. Aber, da fehlt doch noch einiges, oder? Wie schlecht müssen sich diese Leute fühlen, angesichts unserer Feiertage. Wie unterdrückt und misshandelt sind diese Mitbürger angesichts unserer westlichen Kultur? Somit habe ich hier noch ein paar Vorschläge. Und damit diese auch international verstanden werden am besten in Englisch und politisch korrekt:

• Weihnachten – Give-all-you-can-Day
• Ostern – Egg-searching-and-Rabbit-Day
• Karfreitag – Die-all-you-can-Day
• Erntedankfest – All-you-can-eat-Day
• Sylvester – Fucking-good-Fireworks-Day
• Christi Himmelfahrt – Fly-high-as-you-can-Day
• Fronleichnahm- Day-after-Halloween-Day
• Buß- und Bettag – Think-about-your-political-Correctness-Day
• Nikolaus- Sack-and-Candy-Day
• Pfingsten – Take-a-Joint-and-feel-the-spirit-Day
• Heilige Drei Könige- Persian-Imigration-Day

Doch damit nicht genug, was ist zum Beispiel mit:

• Andreaskreuz?
• Kreuzung?
• Kreuzband?
• Klosterbier?
• Sankt Gallen?
• Sankt Augustin?
• Sankt Johann

Und auch unsere Vornamen müssen umgehend geändert werden. Wie muss sich ein solch armer Mensch fühlen wenn sich ihm jemand vorstellt der z.b.

• Peter
• Paul
• Johannes
• Elisabeth
• Maria
• Georg
• Georg
• Sebastian
• Florian

heißt? Schon mal darüber nachgedacht das wir uns nun endlich integrieren sollten in unsere Immigranten?
Jetzt ist mal Schluss mit diesem westlichen denken! Wir tun ja so als wären wir hier zu Hause.- Nichts für ungut.

Das ist an Dämlichkeit schon gar nicht mehr zu überbieten, aber lustig, dass hier auch gleich gegen die, die deutsche Sprache unterwandernden, Anglizismen geschossen wird. Der Umstand, dass die aufgezählten, urchristlichen Feste teilweise in anderen Religionen auch existieren und/oder einfach vorchristlich-heidnischen Feiertagen übergestülpt worden sind: Egal!
Wo wir schon mal dabei sind: Ihr gottverehrenden, aufrechten, männlichen Deutschen, die ihr um Verlust der vaterländischen Tugenden fürchtet, weil das Christentum2 auf dem Rückmarsch ist: Hört auf, am Vatertag zu saufen! Der Vatertag ist nämlich a) eine amerikanische Erfindung und und b) in Deutschland eigentlich Christi Himmelfahrt. Ihr Dämlichen, die ihr euch immer über „politische Korrektheit“ aufregt, seid so christlich wie’n Stück Brot. Ihr würdet Christus nicht einmal erkennen, wenn er vor euch ans gottverdammte Kreuz genagelt werden würde. Vom Christentum habt ihr genauso viel Ahnung, wie vom Islam, nämlich gar keine. Ihr empört euch über jeden Furz, ohne auch nur eine Sekunde mit Recherche zu verbringen, ohne auch nur eine Sekunde euren Kopf aus der braunen Soße eures Lebens herauszuziehen. Ihr liked dämliche, nationalistische Scheiße auf Facebook, ihr empört euch, ihr findet euch selbst toll und merkt dabei nicht einmal, wie viel Dünnpfiff ihr produziert. Geht kacken, goddammit! Oder, um eine Seite zu zitieren, die immerhin von fast 25.000(!) von euch Flachpfeifen geliked wurde:

Man sollte unterscheiden lernen, einen wütenden Deutschen sollte man nicht gleich in die rechtsradikale Schublade schieben … zügeln sollten sich einige mal mit ihren Kommis. „AUSLÄNDER RAUS“ hilft uns DEUTSCHEN nicht besser da zu stehen, „NAZIS RAUS“ umgekehrt ist aber auch keine Lösung.

„NAZIS RAUS IST AUCH KEINE LÖSUNG?“ BITTE WAS? Angst vor’m Umzug, oder wat? Boah ey!3

Beitragsbild:

  1. Lieder wie „Laterne, Laterne“ oder „Ich geh mit meiner Laterne“ hab ich früher auch schon gesungen. Die christlichen Ursprünge verlieren sich also schon länger. []
  2. Bedroht durch ALLES! []
  3. Verehrte Leser, wer es bis zu diesem Punkt geschafft hat: eigentlich sollte dieser Eintrag kein Rant werden und eigentlich wollte ich mich auch nicht mit einem Rant zurückmelden. Beim Schreiben hat sich aber herausgestellt: ein Rant ist genau das, was ich gerade brauche. Diese tägliche Dummheit, die einem entgegenschlägt, ist manchmal einfach zu viel. Ich bitte um Verständnis. []

Wohin gehen wir?

5. November 2013

In Deutschland brennen zwar (noch) keine Ausländerheime, aber wir gehen wieder gegen Ausländer auf die Straße. Die Demonstranten sind natürlich nicht rechts, haben mit Ausländerfeindlichkeit nichts am Hut und mit der NPD sowieso nicht und sowieso und überhaupt.

How did this happen?

„Mit großer Verblüffung musste man feststellen: ganz und gar nicht alle Journalisten der großen deutschen Zeitungen stellten sich vorbehaltslos auf die Seite der Bürger, ja sie verteidigten nicht einmal ihre eigenen Rechte. Sondern ganz schön viele hielten lieber zum Staat und brachten viel Verständnis für Rechtsbrüche und Machtansprüche auf.“

Who’s to blame? 

Der groß angekündigte und zwischenzeitlich nahezu gefeierte NSU-Ausschuss hat schon lange seinen Abschlussbericht vorgelegt. Die wehrhafte deutsche Demokratie zeigt sich erneut zahnlos gegenüber den eigenen Geheimdiensten, dem Polizeiapparat und dem Rechtsextremismus in Deutschland.

If you’re looking for the guilty, you need only look into a mirror.

Mit dem Urheberrecht ist das in Deutschland so eine Sache. Also, geschützt wird es, wenn die Verleger profitieren.

I know why you did it. I know you were afraid.

LSR-Streit war gestern, man kann ja mit Google Geld verdienen.

The ending is nearer than you think, and it is already written. All that we have left to choose is the correct moment to begin.

Die SPD, dereinst die große Arbeiterpartei, manövriert sich selbst ins Abseits. Man könne nicht „alles oder nichts sagen“, nicht eine Partei wie die SPD. Immerhin, alles oder nichts beim Mindestlohn geht.

Equality and freedom are not luxuries to lightly cast aside.

Kein Adoptionsrecht für Homosexuelle? Wir sind empört! Wir warten dann doch vielleicht, bis uns das Gericht vorschreibt, was wir zu tun haben.

Everybody is special. Everybody. Everybody is a hero, a lover, a fool, a villain. Everybody. Everybody has their story to tell.

Dead Man Walking.

Love your rage, not your cage.

Es vergeht einem schon etwas die Lust, regelmäßig Nachrichten zu gucken oder zu lesen.

Where will we stand a year from now?