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Ihr habt uns verraten

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Wisst ihr noch wie’s früher war? Wir standen auf dem Schulhof, saßen am Nachmittag in der Stadt rum und hörten die Smiths. Das stimmt natürlich nicht so ganz, wir hörten euch: Die Ärzte, Die Toten Hosen und was uns noch so an Punk in die Finger kam. Wir waren kritisch, wir waren antifaschistisch, wir hatten nicht so richtig Ahnung, wovon wir eigentlich reden. Das war okay, denn wir hatten dich, Farin,  und dich, Campino, für das Globale hatten wir Greg.

Jetzt sind wir älter, wir sind in dem Alter, in dem man dem Klischee nach konservativer wird. Sind wir aber nicht geworden. Wir sind vielleicht nicht im Schwarzen Block, wir haben vielleicht nie die “richtigen” antifaschistischen Punkbands gehört. Aber trotzdem: Wir stehen mit fassungslosem Blick vor der Gesellschaft, sehen das erneute Erstarken von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Diskriminierung. Wir brechen jedes Mal, wenn wir Satzanfänge wie “Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…” hören oder Sätze mit “das wird man jawohl sagen dürfen” enden. Wir wollen schreien, wenn die BILD sich als APO bezeichnet, wir verzweifeln, wenn Sarrazin und Pirinçci die Bestsellerlisten erobern. Wir applaudieren, wenn Bands sich weigern, mit Frei.Wild auf der gleichen Veranstaltung zu sein und wir begreifen die Welt nicht mehr, wenn der Aufschrei ein Jahr später ausbleibt.

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Wo “freie und wilde” Shitstorms stattfinden

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Nachdem sich die Bands MIA., Kraftklub und irgendwie auch Die Ärzte vom Echo distanziert haben, weil auch Frei.Wild nominiert war, gingen die Shitstorms auf den Facebook-Seiten der Künstler los.1 Auch der Echo selbst hatte mit den mittlerweile gewohnten, verbalentgleisten Reaktionen zu kämpfen2

Man könnte jetzt mal darüber diskutieren, wie gut die Band ihre Fans konditioniert hat, denn gefühlte 90% aller Postings bestehen aus mindestens einem Zitat aus “Land der Vollidioten” bzw. dem Spruch “Land der Volliditioten” oder entsprechenden Abwandlungen. Aber etwas anderes ist interessant: Mia, Kraftklub, Echo und schon vorher Jennifer Rostock können sich vor Shitstorms kaum retten. Die NPD hingegen, die eine Mahnwache zum Echo angekündigt hat, ist bisher weitestgehend von einem Shitstorm verschont geblieben. Das ist insofern interessant, als dass Frei.Wild hier “offiziell” bekundet haben, dass sie keine “Unterstützung” von der NPD haben wollen. Auf der verlinkten FB-Seite heißt es von Seiten der Band:

Wir wollen euch nicht !!!
Natürlich war es abzusehen, dass sich jetzt die extremen Parteien in ihrer Pflicht sehen, auf diesen kostenlosen Promozug aufzuspringen, um für ihre, in unseren Augen, verurteilungswerten Tendenzen blinde Fische zu sammeln.
Wir sehen uns hier auf wahrlich keinem Nenner und plädieren an jeden hier mit Herz, Verstand und Menschlichkeit zu handeln. Um solchen Kreisen erst gar keine Plattform zu bieten, werden wir denen die Freude nicht machen und diesen Spinnern unsere Beachtung zu schenken.
Schiebt euch eure Mahnwache in den A****!!!

Frei.Wild Fans, ihr wisst wer ihr seid, was ihr seid und wisst, was ihr zu vermeiden habt!
Gebt dem braunen Pack keine Chance!!!
Scheißt auf sie, wir scheißen alle auf sie!!!

Mal ganz davon abgesehen, dass es schon wieder eine ziemliche Relativierung ist, wenn man nicht von verurteilenswerten Inhalten, sondern verurteilenswerten Tendenzen spricht: Der Shitstorm auf den mannigfaltig vorhanden FB-Seiten der NPD scheint auszubleiben.

Warum? Ein paar Antworten werden in den Kommentaren zum verlinkten Post genannt. Da ist die Rede davon, dass man der NPD keine Bühne bieten wolle. Da ist die Rede davon, dass das Management von Frei.Wild reagieren solle.3 Nur einige wenige reden davon, dass die Frei.Wild-Fans jetzt gefragt seien und einen Shitstorm bei der NPD veranstalten sollten.

Es ist schon merkwürdig: Gerade bei Facebook lassen Frei.Wild-Fans normalerweise nichts unversucht, das Image der Band aus der rechten Ecke herauszuholen, die angeblich so vielfältigen Aktionen gegen (Rechts-)Extremismus zu betonen und alle, die Frei.Wild die “Unpolitik” nicht abkaufen, als “Vollidioten” usw. zu bezeichnen.4 Nun bietet sich die Gelegenheit, die “Nazis”, von denen man sich doch ach so ausdrücklich distanziert, mit einem Shitstorm zu überziehen. Aber es passiert nicht. Hunderte von Fans schaffen es auf Seiten von Gegenaktionen, Kritikern und anderen Bands. Auf die Seiten von Holger Apfel oder der NPD verirren sich nur wenige.

Dieses Verhalten ist zumindest merkwürdig. Unter dem “Aufruf” der Band konzentriert man sich, so mein Eindruck, eher auf die “blöden” Leute vom Echo, als dass man sich tatsächlich mit dem Aufruf der NPD auseinandersetzt. Anstatt auf andere Bands loszugehen, was ja wirklich massiv betrieben wird, hätte man hier die Gelegenheit, sich vehement von der Instrumentalisierung durch die NPD, gegen die man ja angeblich so vehement eintritt, abzugrenzen. Diesen Schritt können oder wollen die FW-Fans aber anscheinend nicht vollziehen. Den eigenen Standpunkt stärkt dieses Vorgehen nicht.

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  1. Einige FW-Fans fanden dabei den Weg zu anderen MusikerInnen, aber es ist ja niemand perfekt. []
  2. Ja, ich höre mittlerweile auf, da zu differenzieren. 90% aller Kommentare von FW-Fans sind unterste Schublade. []
  3. Einige reden auch davon, dass man Frei.Wild weiterhin möge, OBWOHL Frei.Wild die NPD nicht mögen… []
  4. Viele der benutzten Begriffe – Zecken z.B. – kommen dabei ebenfalls aus dem rechten Spektrum, aber nun. []
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Jahrelange, erfolgreiche Zusammenarbeit

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In der Ostfriesen-Zeitung ist die Tage ein Artikel über das geplante Frei.Wild-Konzert in Aurich erschienen, der sich im Schwerpunkt mit der Facebook-Seite Kein Frei.Wild in Aurich auseinandersetzt und der Artikel Weder frei, noch wild: Deutschrock aus Norditalien von Heribert Schiedel wird zitiert. Der Artikel von Schiedel analysiert recht nett die Aussagen verschiedener Lieder und den Inhalt von Distanzierungen der Band.

Interessant am Artikel der OZ ist aber die Stellungnahme von Marema. Im Artikel heißt es:

Der Veranstalter Marema kann die Kritik an dem geplanten Konzert ebenso wenig nachvollziehen […]. “Wir arbeiten seit Jahren erfolgreich mit dem dem management von Frei.Wild in Kombination mit der ICS Festival Service GmbH zusammen”, teilte eine Sprecherin […] mit. Bereits vor drei Jahren habe man ein sehr erfolgreiches Konzert mit Frei.Wild in Bremen veranstaltet, bei dem es weder im Vorfeld noch im Nachhinein Probleme oder Diskussionen gegeben habe. Die Band toure seit Jahr und Tag erfolgreich durch die gesamte Republik […]. Dass es in Aurich Widerstand gebe, könne man nicht nachvollziehen, so Marema.

Diese Art von Argumentation klingt ja auf den ersten Blick ganz nett, allerdings beinhaltet sie keine Aussage darüber, ob sich Marema (oder ICS) mit den aktuellen Vorwürfen und Diskussionen auseinandergesetzt hat. Wenn man bedenkt, dass die breitere öffentliche Auseinandersetzung mit Frei.Wild noch gar nicht so alt ist, ist es kein Wunder, dass es “früher” keine Probleme gab. Entweder geht Marema hier auf Nummer sicher, weil eine interne Auseinandersetzung mit den Bands, die man so anbietet, noch nicht stattgefunden hat, oder es ist Marema schlicht und ergreifend egal.

Eine etwas kritischere Auseinandersetzung hat hingegen wohl bei Visions stattgefunden. das Musikmagazin zieht sich aus der Präsentation des With Full Force-Festivals zurück. In der Begründung heißt es u.a.:

Schon 2010 trat die Südtiroler Band in Roitzschjora auf, damals noch als relativ unbekannte Deutschrock-Band – zumindest für uns, denn wir als Festivalpräsentatoren nahmen die Band zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg nicht wahr. Dabei waren Textpassagen wie “Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik/ An diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist/ Drum holt tief Luft und schreit es hinaus/ Heimatland, wir geben dich niemals auf” (aus “Südtirol”) kaum als harmlose Heimatliebe misszuverstehen. Was die Band selbst mit ihrer Südtiroler Herkunft erklärt, erinnert zugleich immer wieder stark an Gedanken und Werte des klassischen Rechtspopulismus.

Visions gesteht genau das ein, was ich Marema an dieser Stelle unterstelle: “Früher” hat schlicht keine Auseinandersetzung mit den Inhalten der Band stattgefunden. Weiter heißt es:

Dass nicht jeder Frei.Wild-Fan gleich rechts von der Mitte ist, versteht sich von selbst – wie es sich mit Burger verhält, kann jedoch nach wie vor in Frage gestellt werden. […] Die Band selbst behauptet immer wieder, unpolitisch zu sein. In ihren Texten weisen Frei.Wild jeden Vorwurf in diese Richtung von sich […]. Aufkeimende Kritik – die Veranstalter des With Full Force nennen es “Hexenjagd”, an der man sich nicht beteiligen wolle – wird sogar mit einer Anspielung auf die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten verglichen: “Nichts als Richter/ Nichts als Henker/ Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich/ Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr” (aus “Wir reiten in den Untergang”). Und in einem Song wie „Wahre Werte“ werden Parolen verkündet, wie man sie von Rechten kennt: “Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen/ Wenn ihr euch ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen”. Wir sind weder der Meinung, dass diese Textpassagen unpolitisch sind, noch glauben wir, dass „Gegen Rechts!“-Aktionismus diese Aussagen wettmacht.

Das deckt sich mit meiner Meinung: Ein “gegen Rechts!”-Aktionismus bedeutet keine Absolution der Texte. Die Texte stehen, egal wie Burgers eigene Einstellung nun auch immer sein mag, für sich und sprechen eine teilweise sehr deutliche Sprache. Die Schlussformel des Statements kann man auch auf Marema anwenden:

Als Festivalveranstalter mit Toleranz zu kokettieren und “Hexenjagden” abzulehnen, wenn es um abgrenzenden Nationalismus geht, geht uns gegen den Strich. Deshalb findet das With Full Force 2013 ohne VISIONS statt.

Zwar hat Marema keine Aussage gegenüber der Berichterstattung getätigt, aber es ist kaum vorstellbar, dass die immer vehementer vorgebrachten Vorwürfe spurlos am Veranstalter vorbeigegangen sind. An anderen Sponsoren, die in Kontakt mit Frei.Wild geraten sind, ist die Diskussion schließlich auch nicht vorbeigegangen. Laut den Ruhrbaronen wurde folgende Meldung von Jägermeister bestätigt:

Die Mast-Jägermeister SE hat in ihrem Leitbild Werte wie Weltoffenheit, Toleranz und Respekt fest verankert. Zu diesen Werten stehen wir. Diese Werte leben wir. Jägermeister wird heute in rund 90 Ländern weltweit konsumiert und ist damit nicht nur im niedersächsischen Wolfenbüttel, sondern auf der ganzen Welt in vielfältigen Kulturen zu Hause.

Vor dem Hintergrund unserer Werte werden wir das geplante Sponsoring des Festivals „With Full Force“ zunächst stoppen. Wir erwarten vom Veranstalter zum geplanten Auftritt der umstrittenen Band Frei.Wild auf dem Festival eine klare Stellungnahme. Sollte der Veranstalter weiterhin das Booking der Band bestätigen, werden wir unsere Sponsoring-Aktivitäten einstellen.

In Aurich wird die Diskussion spannend bleiben, auch wenn es von Fan-Seite nach dem OZ-Bericht und den WFF-Absagen (gefühlt) deutlich ruhiger geworden ist. Die Initiative gegen den Auftritt verspricht Gegenaktionen, Demos usw. Abwarten. Es wäre auf jeden Fall zu begrüßen, wenn sich Marema zu mehr als nur “früher war doch auch alles okay” hinreißen lassen könnte. Ansonsten ist das Statement nämlich schlicht und ergreifend inhaltslos und sinnfrei.

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Frei.Wild und die Diskussionskultur

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Die Band Frei.Wild ist ein Phänomen, welches seit einiger Zeit durch Deutschland und auch immer wieder durch die Medien geistert. Die dominierende Frage dabei ist, ob die Mitglieder von Frei.Wild nun Rechtsextreme/Nazis sind oder eben nicht. Diese Frage ist aber wenig zielführend, da sie bei vielen Menschen eh nicht so eindeutig beantwortet werden kann und noch viel weniger werden es offen zugeben, zumal wenn die “Befragten” in der Öffentlichkeit stehen. Es ist viel mehr wichtig zu fragen, ob das, was Frei.Wild in ihren Texten singen, nationalistisch, völkisch oder ähnliches ist. Aber selbst, wenn man diese Frage mit “Ja” beantwortet, macht das aus den Bandmitgliedern noch lange keine Nazis. Ich selbst kenne genug Personen, die sich mit ihren Äußerungen am rechten Rand bewegen, als Nazis würde ich sie deswegen trotzdem nicht bezeichnen. Die Band distanziert sich auch mit mehreren Aktionen gegen Rechtsextremismus, wobei dieser Umstand wiederum nicht gleichzusetzen ist mit einer Absolution gegenüber den Texten.

Frei.Wild stammen aus Südtirol, welches bekanntlich zu Italien gehört. In Südtirol sprechen aber knapp 64% der Bevölkerung Deutsch, was neben Italienisch auch die Amtssprache ist. Frei.Wild gehören zum deutschsprachigen Teil Südtirols. In ihren Texten geht es, durchaus nach eigenem Bekunden, um Freundschaft, Geld, Alkohol, Führerscheinentzug, Freiheit, den Umgang mit Rückschlägen und Niederlagen sowie um die Heimat. Klassische Inhalte, die an sich nicht verdächtig sind. Auch Lieder auf die Heimat oder das, was als Heimat empfunden wird, sind keine Seltenheit im deutschsprachigen Liedraum. Es geht also um konkrete Inhalte.

In der Berichterstattung werden immer wieder ganz bestimmte Lieder herangezogen, darunter “Land der Vollidioten”, welches wie folgt beginnt:

Das ist das Land der Vollidioten,
die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat.
Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten,
wir sind einfach gleich wie Ihr .. von hier.

Die hier angewandten Mechanismen sind durchaus interessant. Auf der einen Seite wird sich distanziert von “Anarchisten” und “Neonazis”, auf der anderen Seite distanziert man sich von all denen, die denken, dass “Heimatliebe […] gleich Staatsverrat” ist. Zugleich solidarisiert man sich mit allen, die “von hier” sind. Als Südtiroler müssten sie mit “von hier” eigentlich Südtirol meinen (also Italien). Mit “hier” ist aber mehr als nur Südtirol gemeint, es ist etwas deutsches im weiteren Sinne gemeint. Im Lied “Wahre Werte” heißt es: “Unser Tirol gibt es seit zwölfhundert Jahren”. Tirol gehörte vor gut 1200 Jahren noch zum Großherzogtum Bayern. Auch wenn sich die Herzogtümer und Staaten seit damals mehrfach geändert haben, scheinen sich Frei.Wild als “deutsch” und nicht als “italienisch” zu sehen. Die Gemeinschaft, die mit den Worten “von hier” aufgemacht wird, geht also weit über Südtirol hinaus und ist bezogen auf “deutsch”. “Gleich wie ihr, von hier” macht außerdem noch eine Abgrenzung zwischen denen, die gebürtig/kulturell von “hier” kommen und “den anderen”, auf die das eben nicht zutrifft, auf. Dies ist eine  nationalistische Argumentation, die dem “exklusiven Nationalismus” zuzuordnen ist. Es wird eben nicht die Nation als Mischung verschiedener Bevölkerungsanteile mit verschiedenen kulturellen Identitäten beschrieben, sondern etwas in der Vergangenheit begründetes, überhöhtes.

Diese Abgrenzung und Rückbesinnung auf etwas Ur-(deutsches)(nationales) wird noch verstärkt durch ein paar Zeilen später im Lied “Land der Vollidioten”. Dort heißt es:

Der Rest in Italien schämt sich nicht zu sagen,
woher er kommt!
Wir sind Opfer einer Resozialisierungspolitik,
und viele Leute bei uns bemerken es nicht.

Wenn “der Rest in Italien” sich nicht schämt, muss es zu Südtirol einen Unterschied geben. Der Unterschied besteht im “Deutschsein”, womit die Brücke zu immer wiederkehrenden, bundesdeutschen Debatten über Patriotismus und “Resozialisierungspolitik” gezogen wird. Auch hier wird auf nationalistisch-völkischer Ebene argumentiert. Die Meinung über “andere” wird kurz darauf auch noch einmal deutlich.

Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt
vor den andersgläubigen Kindern.

Respekt vor anderen kulturellen Identitäten ist also etwas, was nur “Vollidioten” tun. Südtirol bzw. der deutschsprachige Raum sind eng mit dem Kreuz (=dem Christentum) verbunden und Schulen zu einem säkularisierten Raum zu machen, ist dumm. Der Ist-Zustand heterogener Gesellschaften, die Pluralität wird hier abgestraft und es wird sich wieder eine völkisch-nationalistisch-historische “Identität” herbeigesehnt. Die Absage an politische Lager, die auch aber nicht nur in diesem Lied vollzogen wird, ändert an diesem Umstand nichts. Der Inhalt des Liedes bleibt völkisch und nationalistisch motiviert.

Zurückgehend auf den Anfang des Artikels bedeutet dies nicht, dass Frei.Wild Nazis, rechtsextrem oder ähnliches sind. Es bedeutet nur, dass einige ihrer Lieder1 nationalistische Inhalte transportieren. Inhalte, die man aus rechtsextremen und identitären Lagern kennt. Dieser Umstand ist nicht wegzureden und es ist auch egal, dass Frei.Wild nicht die einzigen sind, die das tun. Auch Musiker wie Xavier Naidoo schlagen mitunter ähnliche Themen mit ähnlichem Vokabular an. Frei.Wild und auch die Fans dieser Gruppe, müssen es sich nur gefallen lassen, dass man so etwas grundsätzlich kritisch hinterfragt und in weiteren Schritten dann evtl. nach der Motivation fragt: Warum distanziert sich die Band auf der einen Seite von rechtsextremen Gruppierungen, fischt aber genau in den Gebieten, die u.a. zum Kerngebiet dieser Gruppierungen gehören. Und warum singen die Fans diese Texte mit voller Inbrunst mit? Gerade die letzte Frage kann man wohl guten Gewissens damit beantworten, dass die Texte Zustimmung finden. Das macht die Fans nicht zu Nazis, aber man muss fragen, warum ein Fan dem nationalistisch-identitärem Duktus zustimmt oder ob das überhaupt so wahrgenommen wird.

Diese Diskussion wird aber leider nicht geführt. Zu schnell sind die Gegner dabei, die rechtsextreme Vergangenheit und Verknüpfungen des Leadsängers ins Feld zu führen. Das ist falsch, weil argumentativ schwach. Es muss um die konkreten Liedtexte gehen, vor allem um die Texte, die offensichtlich oder versteckt nationalistisch, völkisch und identitär argumentieren. “Das, was du sagst ist nationalistisch” muss Grundlage aller Diskussion sein, nicht “Du bist nationalistisch”. Insofern gehen die meisten Artikel und auch der heute in den Ostfriesischen Nachrichten erschienene an einer sinnvollen Diskussion vorbei. Es geht zunächst nicht darum, ob Frei.Wild eine rechtsextreme Band sind, sondern darum, ob die Texte gewisse, an den rechten Rand gehörende bzw. dort besonders populäre Inhalte transportieren. Um es mit dem Ende des nachfolgenden Videos zu sagen: I don’t care what you are. I care about what you did.

P.S.: Bitte das im Video genannte Beispiel “Rassismus” gedanklich durch “Nationalismus” ersetzen. Bevor das jemand falsch versteht. Es geht um die am Beispiel festgemachte Art der Argumentation, nicht um das Beispiel.

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  1. auch wenn hier nur eines genauer betrachtet wurde. []
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Bürgerversammlung Brake (LiveBlog)

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Heute ist es soweit, die Bürgerversammlung zum Thema Rathaus/Bahnhof findet im Centraltheater Brake statt. Wer grundlegend wissen will, worum es geht, dem lege ich die Ankündigung bei der NWZ ans Herz. Bei der NWZ finden sich auch weitere Artikel zum Thema. Kurz gesagt: Der Bürgermeister Roland Schiefke hat, zusammen mit anderen Braker BürgerInnen und Ratsmitgliedern, die Vision, das Rathaus in den seit 18 Jahren leerstehenden Braker Bahnhof zu versetzen. Dies findet nicht bei allen BürgerInnen, PolitikerInnen und Ratsmitgliedern Anklang. Die Idee an sich existiert schon länger. Ankündigungen der Bahn, das leerstehende Gebäude – lieber früher als später – abzureißen, haben aber neuen Schwung in die Diskussion gebracht.

Sprechen werden bei dieser Bürgerversammlung, soweit ich das jetzt (17:45 Uhr) absehen kann: Bürgermeister Roland Schiefke und Bauamtsleiter Wenholt. Wenn im Plenum auch nur ein paar der Personen sitzen, die sich vor allem in dieser Facebook-Gruppe gegen die von Schiefke angestrebte “Rathaus in den Bahnhof”-Lösung ausgesprochen haben, könnte es ein interessanter Abend werden.1

Nachfolgend zuerst eine Art Protokoll zur Sitzung, mit den – meiner Meinung nach – wichtigsten Eckpunkten. Ergänzungen sind in den Kommentaren aber gerne gesehen.

18:15 Uhr: Das Centraltheater füllt sich langsam, Vertreter von CDU und SPD wurden auch schon gesichtet.

18:20 Uhr: Ein Herr Blume verteilt Zettel mit “Sätze[n] zum Bahnhof”. Nach kurzem Überfliegen: Position für die Bahnhof-Rathaus-Lösung.

18:25 Uhr: Verschiedene Parteimitglieder und Ratsherren und -frauen sind mittlerweile anwesend, darunter einige, die sich online und in der Zeitung entschieden gegen die Bahnhof-Rathaus-Lösung ausgesprochen haben.

18:33 Uhr: Der Bürgermeister (BM) eröffnet die Veranstaltung. Vielleicht die Hälfte der möglichen Plätze im Centraltheater (CTB) ist besetzt. Der BM dankt den Anwesenden und dem Team vom CTB. BM stellt klar, dass Informationen sich hauptsächlich auf die Rathaus-Bahnhof-Lösung beziehen, da dies das einzige wirklich ausgearbeitete Konzept ist.2

BM startet mit einem Rückblick, beginnend beim Bürgermeisterwahlkampf 2006. Zeitungsartikel belegen, dass damaliger Gegenkandidat Prof. Dr. Busch (SPD) bzw. die SPD im Wahlkampf 2006 das Thema “Bahnhofsrettung” ebenfalls besetzt haben. BM selbst hatte im damaligen Bürgermeisterwahlkampf noch keine Idee/keine Vorschläge für eine Nutzung des Bahnhofes. Die Idee, den Bahnhof als Rathaus zu nutzen, entstand erst um 2007, nach der Bürgermeisterwahl. Ein Schallgutachten aus dieser Zeit, also als die Idee des “Bahnhof-Rathauses” durch den amtierenden BM entstand, belegt: “Besondere Schallschutzverglasungen sind im vorliegenden Fall auch bei sensiblen Nutzungen […] nicht notwendig.”3 Nachdem feststand, dass trotz Gleisnähe keine hohe Schallbelastung zu erwarten sei, wurden Pläne des Gebäudes erstellt. Auch 2007 wurden schon alternative Konzepte seitens der Stadt und der DB gesucht, wirklich verfolgt worden sei davon aber nichts.

2008 wurde festgestellt, dass eine effektive Nutzung des Bahnhofs als Rathaus nur dann möglich sei, wenn zusätzliche Flächen an das denkmalgeschützte Gebäude angebaut würden. Diese Detailplanung wurde nach “händischen” Vorplanungen 2008/2009 von einem professionellen Architekturbüro übernommen.

2009 begann die Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde. Maßgabe: Die Anbauten müssen sich deutlich vom historischen Kern abheben. Der bekannte Entwurf erfüllt die Auflagen der Denkmalschutzbehörde. Ebenfalls wurde eine Verkehrswertgutachten für das alte Rathaus erstellt: Gesamtwert 600.000€, wovon 0€ auf das bestehende Rathaus entfallen, der Rest auf den Verkehrswert des Grundstückes.

2010: Erstellung eines plastischen Modells auf Grundlage der Pläne; Entwicklung Alternativnutzung aktuelles Rathausgelände: Mehrfamilienhäuser; Einrichtung einer Bürgerinfo im Bahnhof und Gründung einer Projektgruppe “Rathaus”.4 In dieser Projektgruppe wurden Varianten für ein Rathaus5 entwickelt und untersucht. 2011 wurde die Variantenuntersuchung vorgestellt. Von allen Varianten blieben übrig: Sanierung des aktuellen Rathauses, Umbau und Erweiterung des Bahnhofs, Neubau des Rathauses am Schrabberdeich.

BM stellt fest, dass der komplette Neubau am Schrabberdeich für ihn die “liebste” Lösung sei, wenn es den Bahnhof nicht gebe.

18:54 Uhr: Überarbeitete Fassung der damaligen Bürgerinformation liegt während der Versammlung im CTB aus.

2011 wurde das Gebiet Bahnhofsstraße als Sanierungsgebiet deklariert und ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) erstellt bzw. in Auftrag gegeben. Auch im ISEK steht u.a., dass die Re-Vitalisierung des Bahnhofes ein wichtiger Punkt bei der Stadtentwicklung sei.

2012: Substanzuntersuchung Bahnhof6 : Deckenbalkenkonstruktion in Ordnung, kein Hinweis auf Schimmelpilze, Dachstuhl erhöhtes PCP, Basisgeschoss mit erhöhtem Feuchtigkeits- und Salzgehalt im Mauerwerk. Damaliger anerkannter Gutachter stellte aber, laut Schiefke, fest, dass der Zustand des Gebäudes bei weitem kein Grund sei, den Bahnhof nicht in Angriff zu nehmen. Alle “Mängel” könnten leicht behoben werden.

19:00 Uhr: Schiefke stellt seine Meinung zu einem Artikel in der NWZ dar, in dem stand, dass sich die Pro-Kopf-Verschuldung verdoppeln würde, wenn man das Bahnhof-Rathaus-Konzept in Angriff nehmen würde. Schiefke widerspricht dem Artikel und den damals dargelegten Zahlen.7 BM wünscht sich eine faktenorientierte Diskussion.

Rückblick endet mit 2012, den aktuellen Entwicklungen (Abriss der Nebengebäude, Gründung der Bürgerinitiative, Haushaltsantrag auf Rathaussanierung).

19:10 Uhr: Dezernent Wenholt fängt an zu referieren. Themen: Zustand Rathaus, Sanierungsgebiet Bahnhofstraße und ISEK.

Aktuelles Rathaus: 1959 erbaut, 1969 erweitert, seitdem keine Sanierung bzw. bauliche Verbesserung. Erhebliche Bauschäden, funktionale Mängel, keine barrierefreie Nutzung möglich, unzureichender baulicher Brandschutz, energetische Mängel8, mangelhafte technische Ausstattung.

Rathaus nimmt nur einen kleinen Teil des ca. 1 ha großen Grundstückes ein.

Zahlen zur Sanierung am alten Standort: Reine Sanierung des Rathauses etwa 4 Millionen Euro, Teilsanierung und Anbau ca 4.9 Millionen, Neubau am alten Standort um die 5.3 Millionen.

19:17 Uhr: An dieser Stelle, weil ich gerade den Faden beim Sanierungsgebiet etwas verloren habe, eine allgemeine Anmerkung: Vereinzelt sind, zumindest von meinem Standort aus, leise Zwischenkommentare aus dem hinteren Bereich des Saales zu hören. Meistens, wenn es um den Preis der vorgestellten Lösung[en] geht.

Wenholt stellt fest, dass alle Gutachter bestätigen, dass das Rathaus im Bahnhof ein wichtiger Frequenzbringer sei. Außerdem stellt er fest, dass das ISEK einen (informellen) Rahmen bildet bzw. bilden kann und entsprechend nicht bindend ist.

Durch das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude wäre eine Förderung des “Rathausumbaus” durch Gelder möglich, die sonst nicht zur Verfügung stünden.

Informationen zum Bahnhofsgebäude. Damalige (1910) Baukosten: 115.000Mark9

2014 soll der Bahnsteig durch die Bahn barrierefrei gestaltet werden. Hier könnte man ggfs. Synergien nutzen, wenn man den Bahnhof als Stadt in Angriff nehme, so Wenholt.

19:27 Uhr: Einführungsvorträge beendet.10

Fragerunde

Schiefke: “Wir sind an einem Scheideweg.” Die Entscheidung für einen Weg müsse jetzt getroffen werden.

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Schiefke: “Ich will mir kein Denkmal setzen. […] Was wir eben dargelegt haben, ist kein Erpressungsversuch, sondern die uns zur Verfügung stehenden Fakten.”

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Ursula (Ulla) Schinski (SPD): Ich bin für den alten Standort, da ist es gut aufgehoben.11

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Bürger (schon diverse Leserbriefe verfasst): “Sie planen mit einem Gebäude, welches Ihnen nicht gehört. Wie sicher sind Sie sich, dass die Bahn Ihnen das Gebäude verkauft? Wie sicher ist es, dass die Bahn abreißt?

Antwort Schiefke: Stadt hat das Gebäude natürlich noch nicht gekauft, hierfür fehlt der politische Beschluss. DB unterstützt die Bemühungen, DB-Vorstand habe Unterstützung zugesichert. Daher gehe er (Schiefke) von vernünftigen Konditionen aus. Genaue Zahlen gebe es aber noch nicht, da ohne politischen Auftrag keine Verhandlungen möglich seien. Bahn habe aber kein Interesse mehr an dem Gebäude.

Antwort Wenholt: Nebengebäude wurden aus Gründen der Verkehrssicherheit abgerissen. Ein Denkmal ist grundsätzlich zu erhalten, wenn wirtschaftliche Nutzung aber nicht möglich ist, dann ist ein Abriss möglich. Akut sei dies noch nicht, aber Bahn sorgt jetzt schon nur für das Nötigste, Gebäude verfällt also weiter.12

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Bürger: Wie hoch schätzen sie den Erfolg auf Verkauf der Rathausgeländes für 600.000€ und den Erfolg auf Fördermittel ein? Wie soll das normale “Bahngeschehen” integriert werden? Parkplätze? Zinsen? usw.13

Schiefke: Wenn wir eine Antwort schuldig bleiben, bitte nochmal nachhaken.14

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19:44 Uhr: Wieder da. “Parkplätze kein Problem”, das hab ich noch so eben mitbekommen.

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Anschlussfrage (gleicher Frager): Warum wurden in den letzten Jahren keine Mittel zur Sanierung des alten Rathauses zur Verfügung gestellt?

Schiefke: Es wurde 50 Jahre nichts gemacht.15 Einzelmaßnahmen wurden durchaus durchgeführt. Natürlich hätte man schon in den 1970er, 1980er, 1990ern reagieren müssen. Die letzten paar Jahre sind da aber nicht entscheidend.16

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Die Frage nach dem Warum der unterlassenen Sanierung ist tatsächlich interessant. Ich hab mich das auch schon gefragt. Die einzige Antwort scheint aktuell aber tatsächlich zu sein: “Es hat halt niemand gemacht.”

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Anmerkung Bürger: Das hier ist keine Bürgerversammlung, sondern eine Fachsitzung. So wirkt es jedenfalls. Die meisten Bürger dürften hier sein, um zu erfahren, wie der Bahnhof erhalten werden kann.17

Schiefke stellt als Überleitung fest, dass er sich an den politischen Auftrag halten wird, es muss nur eine politische Entscheidung her. (Ich paraphrasiere): “Wir müssen aufhören zu träumen, wir müssen handeln.” Auch, da die eingerechneten Fördergelder wieder verloren werden können.

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Bürgerin: Ist beim Bahnhof-Rathaus wieder ein Extra-Zugang zum Bahnsteig geplant?

Schiefke: Ja.18

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Dieter Hashagen (DIE LINKE): Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der BürgerInnen für einen Erhalt des Bahnhofes ist. Ich gehe auch davon aus, dass der Rat für einen Erhalt des Bahnhofes ist.

Schiefke ist gespannt und lässt sich überraschen, ob diese Einschätzung zutrifft.

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Bürger: Was kostet die Kernsanierung? Könnte man die Bahn zur Sanierung zwingen?

Wenholt: Etwa die Hälfte der Kosten19, man kann die Bahn nicht zwingen.

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Mal von mir ein kleiner Zwischenstand: Hier tauchen Fragen auf, auf die ich selbst nie gekommen wäre, weil ich sie schon für lange geklärt hielt. Die teilweise sehr harsche und persönliche Kritik am Vorhaben, die online stattfand, findet hier bisher auch keine Entsprechung.

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Bürger (der mit den Zetteln): Vergleich ist teilweise ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Nur die Bahnhof-Rathaus-Variante beinhaltet Rathaus und Rettung Bahnhof.

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Ein “eingefleischter Sozi”20 macht einen Vorschlag für alternative Nutzung: “Außen und Innen ist es das schönste Gebäude Brakes.” Das Rathaus sei ihm egal, aber er selbst sehe keine andere Möglichkeit, den Bahnhof zu erhalten. Schöner Seitenhieb gegen die aktuellen Ratsmitglieder: Kaum einer der Ratsmitglieder gehe regelmäßig in die aussterbende Fußgängerzone.

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Ursula Schinski (SPD): Wir haben große Brocken vor uns, wir haben das Geld nicht. Wir haben schon so viele “Baustellen”.21

Schiefke, kurz zu den aufgezeigten “Horrorszenarien” von Ursula Schinski22: Gewisse Mittel müssen ohnehin in die Hand genommen werden. Rathaus muss eh kostspielig renoviert werden.

20:10 Uhr: Aktuell wiederholen sich die Statements etwas. Frau Schinski argumentiert öffentlich ähnlich, wie bei Facebook.23 Der Vorschlag “Bürgerbefragung” kommt immer ganz gerne. Korrigiert mich, Bürgerbefragungen sind alles, aber nicht verbindlich, oder?24

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Neubürger: Die Vision (Bahnhof-Rathaus) hat mich begeistert.25

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Anderer Bürger: Investition wird auf Jahre gestreckt, das darf man nicht vergessen.

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Auffällig ist bisher, dass es entgegen verschiedener Ankündigungen, keine durchdachten, alternativen Konzepte gibt.26

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Marcel Schmikale (SPD) nimmt Stellung zur Frage nach der finanziellen Situation. Laut Schmikale werde der Haushalt durch andere Ausgaben schon zu stark strapaziert. Frage an Schiefke: Wie groß sind die Chancen, dass diese zusätzlichen Ausgaben durch die kommunale Finanzaufsicht genehmigt werden.27

Schiefke: “Ich kann es nur gebetsmühlenartig wiederholen, das Geld muss eh investiert werden.”

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20:25 Uhr: Eine gewisse Mitgliedin28 der SPD verlässt den Saal aufgebracht und irgendwas murmelnd. Im Gefolge mindestens ein anderes SPD-Ratsmitglied, wenn ich das richtig gesehen habe.

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Ich mach hier mal kurz Pause, die Diskussion dreht sich gerade ein bisschen. Entsprechend heißt es auch kurz darauf: 20:35 – Ende der Versammlung.

Abschließend dann noch mein ganz persönlicher Eindruck.

Vorweg: Dieser Eintrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe so gut protokolliert, wie ich es eben konnte. Wenn grobe Fehler drin sind, bitte einen Hinweis, ich korrigiere das dann entsprechend.

Ich bediene mich mal der Sportsprache: Klarer Punktsieg für die Befürworter der Bahnhof-Rathaus-Idee. Das nahezu vollständig ausgearbeitete Konzept hat dabei natürlich geholfen, allerdings muss man sagen, dass die Gegner genug Zeit hatten, selbst vernünftige Konzepte zu erarbeiten. Streng genommen sechs Jahre, wenn man die Besetzung der Bahnhofsrettung als Thema durch die SPD im Wahlkampf 2006 als Startpunkt der Diskussion nimmt. In diesen sechs Jahren hat es genau ein Konzept bis zur Druckreife geschafft. Entsprechend merkwürdig mutet es an, wenn jetzt ständig “Alternativen” ins Feld geführt werden, auch wenn dies zugegebenermaßen bisher hauptsächlich online geschah, auf der Versammlung hingegen nicht so wirklich. In Anbetracht der immensen Gegenwehr oder des Eindruckes der immensen Gegenwehr von Seiten der SPD (“Abgekartertes Spiel“) ist es ebenfalls verwunderlich, dass die anwesenden und “gesprächsbereiten” Vertreter der Sozialdemokraten so unglaublich schlecht vorbereitet waren.29 Man kann nicht mit Argumenten kommen, die schon mehrere Male hinterfragt und teilweise widerlegt worden sind und zu denen ich keine nennenswerte Untermauerung geschweige denn Belege habe. In der Presseerklärung zum “abgekarterten Spiel” heißt es wohl, dass es für die künftige Nutzung viele alternative Ideen gebe. Ideen sind immer schön, allerdings geben Ideen noch keinen Aufschluss über die Umsetzbarkeit. Und Ideen ersetzen auch keine Konzepte. Und im Gegensatz zur Idee des Guy-Fawkes-bemasketen Anarchisten sind viele andere Ideen eben nicht kugelsicher, manche halten noch nicht einmal einem Quentchen Menschenverstand stand. Das bedeutet nicht, dass man jetzt gar keine anderen Ideen mehr haben darf oder kann, das bedeutet nur, dass es langsam Zeit wird, aus den Ideen Konzepte und aus den Konzepten Taten folgen zu lassen. Schiefke sagte es während der Veranstaltung mehrmals und teilweise sehr resigniert: “Wir [er und Wenholt und alle anderen Entscheidungsträger] halten uns an den politischen Auftrag, auch wenn er nicht unserer Vorstellung entspricht.” Dieser politische Auftrag muss aber langsam, nach sechs Jahren der relativen Untätigkeit voller alternativer Ideen, kommen. Interessant ist, dass die Gegner, die an diesem Abend anwesend waren und sich zu Wort gemeldet haben, zwar entschieden gegen das Bahnhof-Rathaus waren, aber nicht wirklich etwas dazu gesagt haben, wie sie denn zum Bahnhof stehen. Ursula Schinski sagte zwar, wenn ich das trotz der Nicht-Nutzung der bereitgestellten Mikrofone richtig verstanden habe, dass sie und auch “die SPD” für den Erhalt des Bahnhofes seien, aber das “wie” wurde überhaupt nicht thematisiert. Der Charme des Bahnhof-Rathauses liegt aber genau in der Kombination aus “Rathaussanierung” und “Bahnhofsrettung”. Wenn ich das Rathaus an seinem aktuellen Platz behalten will, brauche ich dafür einen Plan. Das ist einfach: Sanierung oder Sanierung und Anbau am aktuellen Rathaus. Ich brauche aber auch einen Plan zum Erhalt des Bahnhofes. Und genau dieser Plan ist die Gretchenfrage an die SPD und auch an die Grünen bzw. alle, die das Rathaus und den Bahnhof getrennt voneinander haben wollen: Wie? Auch die Bürgerinitiative, die sich ja jüngst gründete, hält sich und die Bürger bisher nur mit dem “Was?” auf. Das “Wie?” wird, so erscheint es mir, aus der Diskussion ausgeklammert. Aber gerade die Frage nach der konkreten Umsetzung ist das, was sich in 18 Jahren Leerstand des Gebäudes und in mindestens sechs Jahren politischer Agenda nicht klären ließ. Private Investoren wurden nicht gefunden. Ob sich eine Öffentlich-private-Partnerschaft umsetzen lässt, wurde auch nicht wirklich geprüft.30 Das Bahnhof-Rathaus mag nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber es ist tatsächlich das einzige Konzept, welches aktuell einleuchtend ist. Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass eh Geld ausgegeben werden muss, um das Rathaus zu sanieren.31

Da aber auch nach diesem Abend noch einiges an Wasser die Weser herunterfließen wird, sei abschließend auf die, schon im Artikel verlinkte, Internetseite zum Rathaus-Bahnhof-Projekt verwiesen. Diese Internetseite ist von den Befürwortern des Projektes ins Leben gerufen worden, bietet aber zumindest die Möglichkeit, Fragen einzuschicken. Ich befürworte diese offensive und transparente Vorgehensweise. Aber erst mit der Wahrnehmung des Angebotes durch die Bürgerinnen wird sich zeigen, wie offen und transparent es wirklich ist.

Die Gegner haben kein entsprechendes Angebot, über Hinweise zu einzelnen Artikeln in öffentlich-zugänglichen Quellen freue ich mich und würde die entsprechend einarbeiten. Ebenso verlinke ich gerne die Bürgerinitiative, sofern diese den Weg ins Internet schafft.

Für interessierte BürgerInnen, die einen Facebook-Account besitzen, gibt es die Gruppe “Gegen den Abriss – Für das Bahnhof-Rathaus“. Trotz des eindeutigen Titels und einiger Statements in der Gruppe, unterschreibt man mit der Mitgliedschaft in eben dieser Gruppe keine Petition oder ähnliches. Sicher sind in der Gruppe mehr reine Befürworter als erklärte Gegner, Fragen werden aber offen und in der Regel nachvollziehbar beantwortet.

11.12.2012 – UPDATE: TV Wesermarsch hat die komplette Diskussion auf Video festgehalten und die Diskussion online gestellt. Ich werde vor allem die Diskussion in den nächsten Tagen ergänzen bzw. einzelne Details in neuen Einträge genauer untersuchen. Ergänzungen und vor allem Hinweise auf Artikel der “Gegner” nehme ich weiterhin gerne entgegen.

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  1. Vor der eigentlichen Versammlung läuft übrigens eine Präsentation mit meinen Bildern aus dem Bahnhof, was mich natürlich besonders freut. []
  2. Anmerkung von mir: Was erstaunlich ist, da die Idee wirklich nicht neu ist. []
  3. Tatsächlich ist wohl der Anteil des Lärms durch die flankierende Straße am gesamten Geräuschpegel im Bahnhof höher, als der Teil durch die Züge. []
  4. Seit gut zwei Jahren ist es also allen Bürgern möglich, sich zu informieren. Obwohl das Nebengebäude, in dem die “Ausstellung” war, mittlerweile abgerissen wurde, kann man die Informationen und das Modell noch im Rathaus einsehen. []
  5. Nicht allein für ein Bahnhof-Rathaus []
  6. Die findet sich hier im Ratsinformationssystem. Zumindest müsste das die Untersuchung sein. Die Datei ist allerdings falsch abgelegt. Rechts auf “Anlage zu A TOP 6 4 MB” klicken []
  7. Marcel Schmikale (SPD) legt die Berechnung später in der Diskussion noch einmal dar. Da konnte ich allerdings nicht folgen. Gerne in den Kommentaren noch einmal darlegen. Link zum besprochenen Artikel nehme ich auch gerne an. []
  8. Heizungen strahlen eher durch die Wände nach außen als nach innen []
  9. Nein, das sind nicht knapp 60.000€, wie eben behauptet wurde. Da muss man anders rechnen. Laut Info via Facebook – danke nochmal – wären das 2010 1.000.500€ gewesen. []
  10. Meine Präsentation läuft wieder. Juhu! []
  11. Außerdem irgendwas anderes, was ich akustisch nicht verstehen konnte. []
  12. Verkauf an Immonbilienspekulanten ist aber auch jederzeit möglich. []
  13. Ziemlich viele Fragen mit mehreren Nebensätzen. Ich hoffe, die Antworten geben die Fragen wieder. []
  14. An dieser Stelle müsst ihr morgen mal in die Zeitung gucken. Ich muss mal wohin. Sorry. []
  15. Entsprechend sind mehrere Legislaturen verantwortlich; C.H. []
  16. Zwischenruf: Keine Zwiegespräche! []
  17. Recht aufgebracht, der Herr. []
  18. Zusammenfassung meinerseits. []
  19. Genau konnte er es aber nicht sagen. []
  20. Kein aktuelles Ratsmitglied. Ehemaliger Ortsvereinsvorsitzender der SPD []
  21. Sehr provokanter Auftritt, wird mit Gemurmel quittiert. []
  22. Soziales müsse drunter leiden, wenn man Geld in das Bahnhof-Rathaus investiere. []
  23. Die Art der “harschen” Online-Kritik hat also ihre Offline-Entsprechung []
  24. Danke an madcynic für den Kommentar und den aufschlussreichen Artikel bei Wikipedia. []
  25. Er spricht sich dafür aus, das Geld in die Hand zu nehmen. []
  26. 20:15 Uhr – Ursula Schinski (SPD) wartet immer noch auf Antwort der Bürgerinitiative. Da aber bisher nur 500 Unterschriften zusammengekommen sind, möchte die Bürgerinitiative darauf keine Antwort geben. Ursula Schinski scheint diese Antwort nicht wirklich zu befriedigen. []
  27. Aus dem Plenum: Wo ist denn das aktuelle Rathaus in der Frage? *Tumult*Tumult*…zumindest so ein bisschen. []
  28. sic! ;) []
  29. Aber immerhin haben sie etwas gesagt, anders als die Grünen, die ja auch dagegen sind. []
  30. Wenn doch: Belege! []
  31. Dass das Gebäude noch nicht geschlossen wurde, erstaunt mich etwas. []
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Kreide kotzen – Römisch drei

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Der Lehrerfreund schrieb auf seiner Facebook-Seite als er den Link zum ersten Artikel der Reihe teilte:

Schuld war nur der Fachleiter …
Flint berichtet, warum er sein Referendariat abgebrochen hat.

Natürlich war nicht nur der Fachleiter bzw. die FachleiterInnen Schuld. Mit “besseren” Ausbildenden wäre die ganze Sache vielleicht anders ausgegangen, keine Frage, aber natürlich liegt der Abbruch auch in meiner Person begründet. Wie genau und was dann vielleicht doch positive und nette Erfahrungen im Referendariat waren, darum soll es im dritten Teil der Reihe “Kreide kotzen” gehen.

Meine persönlichen Gründe für den Abbruch des Referendariats lassen sich am besten wie folgt zusammenfassen: Ich bin einfach kein guter Lehrer. Da einer meiner Fachleiter bei diesem Satz abwägend seinen Kopf hin und her bewegt hat, muss ich das etwas konkretisieren. Ich bin in meinen Augen kein guter Lehrer, weil ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge und mir das Niveau nicht zusagt.1 Mir wurde von der pädagogischen Fachleitung häufiger vorgeworfen, dass ich keine Begeisterung für mein Fach ausdrücken/transportieren könne.2 Ich bin begeisterter Literaturwissenschaftler, trotz Abneigung gegenüber Goethe, und auch ein guter Politikwissenschaftler.3 Meine Begeisterung liegt aber tatsächlich eher auf einem akademischen Niveau. Mich hat es immer gefreut, wenn die Schülerinnen und Schüler (SuS) einen Erkenntnisgewinn hatten und wenn sie meine Lernziele erreicht hatten oder ich zumindest das Gefühl hatte, dass sie dies getan haben. Ein Problem mit dem “vor der Klasse stehen” hatte ich nie, habe ich auch jetzt nicht. Ein Problem hatte ich aber tatsächlich mit dem geringen Anteil dessen, was tatsächlich als Unterrichtsgegenstand übrig bleibt, sei es, weil die Klassenstufe noch zu niedrig ist, sei es, weil die SuS einfach nicht mehr entdecken wollen. Dies mag arrogant klingen, es ist aber nun einmal so. Das Studium bereitet nicht auf die kommenden Unterrichtsinhalte vor. Das Studium ist akademisches Arbeiten auf akademischem Niveau. Unterricht ist da etwas völlig anderes. Eine Bekannte drückte es jüngst wie folgt aus:

Man stelle sich einen Bäcker vor, der nach 4-5 Jahren Ausbildung zum ersten Mal Brötchen backen muss und feststellt, dass er eine Mehlallergie hat oder einfach Brötchen formt, die keinen Absatz finden.

Hier krankt das System von Anfang an. Eignungstests zu Beginn des Studiums sind da allerdings auch Banane, weil man nach dem Studium jemand völlig anderes ist als zu Beginn desselbigen. Ein hoher Praxisanteil während des Studiums wäre da die bessere Wahl und wird auch immer häufiger gefordert.

Bei vielen meiner (ehemaligen) MitreferendarInnen ist es so, dass sie auch unter den Bedingungen der Ausbildung leiden, aber für sich selbst ganz klar und deutlich sagen: Ich bin LehrerIn und ich will es auch sein. Bei mir war dann halt die Erkenntnis, dass ich nicht der Lehrer bin, der ich gerne wäre, aber auch, dass ich im aktuellen Schulsystem mit all seinen Krankheiten und Fehlern kein Lehrer sein möchte. Entsprechend fehlte mir ab einem gewissen Punkt die Zielvorstellung und ohne diese feste Zielvorstellung ist der Stress noch einen Zacken schärfer, die Ungerechtigkeiten noch etwas unaushaltbarer und die mangelnde Transparenz noch unerträglicher. Die FachleiterInnen hatten entsprechend nicht alleinig den “Schwarzen Peter“, die endgültige Entscheidung lag in mir selbst begründet. Mit “besseren” FachleiterInnen wäre es nur vielleicht, wie bereits erwähnt, anders gelaufen. Für mich persönlich lässt sich nur feststellen, dass die Entscheidung definitiv richtig war und ich sie seitdem in keiner Weise bereut habe, obwohl es seitdem genug unangenehmen Stress gab.

Die positiven Erlebnisse bin ich abschließend noch schuldig. Ja, es gab sie, die positiven Schülerrückmeldungen, die seltenen, aber vorhandenen Lobe der Ausbildenden. Allerdings vergleichsweise selten, was ab einem gewissen Punkt sicher auch mit meiner eigenen Wahrnehmung als Lehrer zusammenhing. Ob meine SuS mich “mochten”, vermag ich nicht zu sagen, einige sicher. Ob sie meinen Unterricht “mochten”? Ich weiß es nicht, ich selbst mochte ihn oft genug nicht. In einem Kommentar zum ersten Artikel hieß es:

Vielleicht war’s auch – neben allem anderen – nicht das Richtige für dich. Falls dem so ist, sei froh, dass du es rechtzeitig gemerkt hast. Nach der Verbeamtung schafft kaum einer mehr den Ausstieg.

Es war definitiv nicht das Richtige für mich und ich bin wirklich froh, den Absprung geschafft zu haben. Ich stehe jetzt ohne 2. Staatsexamen da4 und genau dieser Punkt der “fehlenden Berufsausbildung” war und ist, gerade Verwandten gegenüber, manchmal schwer zu vermitteln. Sicher hätte ich das Referendariat irgendwie durchziehen können und wäre auch vielleicht ohne größere (Nerven-) Schäden herausgekommen, vielleicht hätte ich mich auch mit dem System arrangiert, um an die “Fleischtöpfe” der Verbeamtung heranzukommen. Aber was für ein Lehrer wäre ich dann geworden?

Zu allen Artikeln der Reihe
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  1. Ich habe festgestellt, dass ich tatsächlich Probleme damit habe, wirkliche Grundlagen zu legen. Ich brauche Menschen, die schon ein gewissen Vorwissen und eine gewisse Lebenserfahrung haben, auf die ich zurückgreifen kann. []
  2. “Begeisterung für das Fach” ist übrigens eine Kategorie, die von einem anderen Fachleiter als intransparent und nicht nachvollziehbar bezeichnet wurde. []
  3. Beides ist natürlich abhängig vom genauen Gegenstand und ich halte mich tatsächlich für einen besseren Literatur-, denn Politikwissenschaftler. []
  4. Was tatsächlich ab und an ein Problem ist. []
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Kreide kotzen – Römisch zwei

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Das Thema dieses Mal: Feedback und Reflexionen durch FachleiterInnen und ein paar Anmerkungen, die mich nach dem ersten Artikel erreicht haben.

Jemand schrieb bei Facebook:

Auch prima fürs ohnehin desolate Ego: “Was sie können muss ich ja jetzt nicht sagen. Kommen wir zu dem, was sie noch nicht können”, ja neeee, Lob braucht ja keiner.

Während ReferendarInnen ihren Schülerinnen und Schülern (SuS) gegenüber möglichst immer in irgendeiner Form konstruktiv und positiv verstärkend rückmelden müssen, scheint dieses Gebot bei den Fachleitenden nicht zu gelten. Ja, man bekommt durchaus mal positive Rückmeldungen, auch wenn diese sich öfters auf banalem Niveau bewegen. Negative Kritik zur “Leistungsverbesserung” ist die Regel. In wie weit dieses Vorgehen pädagogisch wertvoll ist, sei einmal dahingestellt. Zur Besprechungs- und Feedbackpraxis drückte es ein Fachleiter gegenüber einer Mitreferendarin mal wie folgt aus:

Frau XY, natürlich haben Sie auch Sachen richtig gemacht. Aber die Zeit ist knapp, da wollen wir uns auf das konzentrieren, was noch nicht so gut funktioniert.

Dieser Erwiderung gab es nach einer Anfrage der Referendarin, ob sie denn auch was richtig gemacht hätte, da in der mehr als 45 Minuten dauernden Besprechung nichts, aber auch gar nichts positives gesagt wurde.1 Sicherlich ist es so, dass erwachsene bzw. ältere Menschen besser mit Kritik umgehen können, als SuS. Die Reflexionskultur der FachleiterInnen legt aber besonderen und ganz massiven Wert auf die Betonung des Schlechten. Es ist natürlich ein Einzelfall, dass wirklich gar nichts Gutes gesagt wird, dennoch hört man von ReferendarInnen sehr häufig Kommentare wie “rund machen”, “Holzhammer”, “kein gutes Haar”, “zerissen” usw.

In den Besprechungen wird in der Regel die gesamte Person der angehenden Lehrkraft in den Blick und entsprechend häufig unter Beschuss genommen. Anmerkungen zur Lehrerpersönlichkeit, zur Methodik, zur Didaktik, zur Körpersprache, zur allgemeinen Unterrichtsführung, zur Kommunikation mit den SuS, zum eigenen Fachwissen, all das bekommen die jungen bzw. jüngeren Lehrkräfte in einer “normalen” Besprechung zu hören. Wo genau die Schwerpunkte liegen, ist abhängig von allen Beteiligten, vom Verlauf des Unterrichts und davon, ob gerade Mittwoch ist. “Er/Sie wurde dann auch noch persönlich”, hört man nach Besprechungen häufiger, als es gut wäre. Aber bevor wir uns falsch verstehen: Vieles von dem, was auch vom “schlechtesten” Fachleiter angemerkt wird, ist an sich für die eigene Entwicklung wichtig. Es ist nur häufig so, dass die schiere Masse an “Baustellen” erschlagend und demotivierend ist und dass an sich konstruktive und wichtige Kritik auch verletzend vorgebracht werden kann und leider häufig wird. Erst kürzlich hörte ich von einer Bewertung bei einem Prüfungsunterricht, die mit “persönlich”, “verletzend” und “Holzhammer” beschrieben wurde.2

Das Thema Prüfungsunterricht (PU) ist eigentlich einen gesonderten Beitrag wert, aber hier sei kurz auf ein prägnantes Erlebnis hingewiesen. Eine gute Freundin hatte während meines Referendariats ihren PU und ich war einer der Anwesenden. PUs sollen von ReferendarInnen besucht werden. Notizen darf man sich während der ganzen Zeit über nicht machen, man darf streng genommen dem Prüfling nicht einmal ein aufmunterndes Lächeln zuwerfen und vor allem darf man in der Auswertung nichts sagen. Man darf sich die Auswertung aber anhören. Während der Auswertung des ersten Unterrichts gab es vom “zuständigen” Fachleiter keine großen Kritikpunkte, von den anderen ein paar einzelne. In der zweiten Unterrichtsbesprechung3 wurde gelobt, dass die Referendarin ein an sich sehr schwieriges Thema in einer dafür fast zu niedrigen Stufe probiert hat und dass sie dies auch gut gemacht hätte. Dann kam das reichlich ungeordnete und von fachwissenschaftlichen Phrasen durchsetzte “Aber”. Quintessenz der Kritik war eigentlich, dass sie das an sich schon schwierige Thema zu sehr heruntergebrochen habe4 und sie das Thema eigentlich viel komplizierter hätte bearbeiten müssen. Sie hat es also mutig und gut gemacht, aber nicht kompliziert genug. Nach dieser Besprechung waren Referendarin und stimmenlose Zuhörende entsprechend verwirrt. Vom Ablauf her war die Stunde tatsächlich runder als die davor, die Besprechung lief aber deutlich schlechter. Die Notengebung war am Ende diametral zum “Bersprechungseindruck. Die “gute” erste Besprechung erhielt eine schlechtere Note als die zweite. Später – und das ist der kurze, wichtige Punkt, der einer solch langen Einleitung bedarf – plauderte mal jemand aus dem Nähkästchen, der die gängige Praxis der Notenvergabe beurteilen kann. “Notengeschachere” war, glaube ich, das Wort. Häufig ginge es gar nicht so sehr um das tatsächlich Geleistete, sondern um die Selbstprofilierung der Ausbildenden. Die eigene pädagogische, didaktische, methodische und fachwissenschaftliche “Ahnung” und Einstellung in den Vordergrund zu stellen und in der “kritischen” Auseinandersetzung bloß nicht hinter den anderen Beteiligten zurückzustehen, das sei der wahre Kern der Notenbesprechung zwischen den Prüfenden. Überprüfen kann ich diese Aussage nicht, da ich ja nie bei einer “Notenverhandlung” dabei war, es deckt sich aber mit den Eindrücken, die man während des Referendariats bekommt. Wenn man von der oft beklagten mangelnden Transparenz – Frau Ella wünscht sich da auch mehr – ausgeht, dann ist so ein “Geschachere” auch nur die logische Konsequenz.5 Bereits im ersten Artikel sprach ich die mangelnde Transparenz an, die sehr schnell sehr frustrierend wird. Diese Art der “Benotung” ist quasi das glorreiche Ende der Fahnenstange. Gott würfelt nicht, FachleiterInnen sollten es manchmal vielleicht tun.6 Und ja, es gibt sie: ReferendarInnen, die mit einer 1 vor dem Komma aus den Prüfungen marschieren und es gibt sie sogar bei den hier breit geschilderten, schwierigen Fachleitern.7

***

Nach dem ersten Artikel unterhielt ich mich mit einer Referendarin, die ihrem Fachleiter gestand, dass sie nahezu Angst vor seinen Besuchen hat.8 Seine lapidare Antwort war: “Gut so.” Man fragt sich, was für ein Selbstverständnis jemand haben muss, dass er so an eine Ausbildung heran geht.9 Aber man hört und erlebt so einiges: Da wird aktiv in den Unterricht eingegriffen, weil der Referendar ein Arbeitsblatt mit Hintergrundmaterialien zu einem Text austeilt, der Fachleitende aber der Ansicht ist, dass alles “aus dem Text” von den SuS erarbeitet werden muss; da müssen Referendare die Kompetenzen der APVO auswendig lernen und werden abgefragt; Fachleiter weigern sich, die Stunde zu besprechen, weil ja “Hopfen und Malz eh verloren” sei usw.10 Natürlich gibt es auch wirklich bemühte FachleiterInnen, die ihre Aufgabe mit Einsatz und Hingabe bestreiten.11 Ein Lehrer schrieb in den Kommentaren zum ersten Artikel:

Einige Kolleginnen und Kollegen sind schon so weit, die Zusammenarbeit mit Fachseminaren komplett zu verweigern, sprich keine Referendare oder eben nur noch auf dienstliche Anweisung hin zu betreuen. […]
Meine guten Erfahrungen mit Fachleitern gibt es durchaus – aber dass sie die Regel sind, vermag ich nicht zu behaupten.

Auch an meiner Schule gab es Lehrkräfte, die sich strikt weigerten mit Fachleitern überhaupt in Berührung zu kommen.

Vielleicht noch ein anderer Aspekt, der bei den Rückmeldemethoden von FachleiterInnen interessant ist: Zumindest in Niedersachsen ist es so, dass bei den “normalen” Lehrproben in der Regel andere ReferendarInnen anwesend sind und dass diese auch ihre Einschätzung der Stunde geben müssen. Dies ist, wie es ein Lehrer an einer Schule mal zu Beginn und zum Ende der Besprechung zum Besten gab, ein Interessens- und Loyalitätskonflikt. Gegen “gleichrangige” Rückmeldungen sei nichts einzuwenden, dies aber in Anwesenheit der Ausbildenden einzufordern, sei für die Auszubildenden extrem schwierig. Der Rückmeldende will nämlich weder vor den AusbilderInnen noch vor den eigenen MitreferendarInnen schlecht dastehen.12 Die bewusste Manövrierung der ReferendarInnen in solch schwierige Situationen war an meinem Seminar vor allem bei einem Fachleiter an der Tagesordnung. Während der Seminare oder in Nachbesprechungen fielen Sätze wie: “Herr XY hat mir/uns gerade erst eine solche Stunde gezeigt, sowas wollen wir/will ich nicht nochmal sehen.”13 oder “An dem Tag hat ABC eigentlich Prüfungsunterricht. Aber ich kenn’ die, die wird garantiert krank.”14 Losgelöst davon, wie “gut” oder “schlecht” die gezeigte Stunde oder wie “geeignet” oder “ungeeignet” jemand für den Beruf des Lehrers ist, solche Äußerungen ziemen sich nicht für Ausbildende, erst recht nicht gegenüber den Auszubildenden. Während das erste Beispiel einen direkten Loyalitätskonflikt darstellt15, ist das zweite Beispiel perfider. Man steckt in einem Loyalitätskonflikt zur mitleidenden ABC16 und man fragt sich automatisch, wie der entsprechende Fachleiter über einen selbst in Abwesenheit spricht. Das erste Beispiel ist übrigens nicht als ein Spaß von “Gleichen unter Gleichen” zu verstehen. Die klare hierarchische Abgrenzung zwischen Fachleiter und ReferendarInnen wurde bei diesem “Feedback” nicht für einen “kollegialen Spaß”, zu dem auch Fachleiter fähig sind, ausgesetzt.

Gründe für die beschriebene, größtenteils abwertende Haltung gegenüber ReferendarInnen könnte es viele geben. Gottkomplex, besonderes Geltungsbedürfnis, mangelnde Selbstreflexion, ich weiß es nicht. Das können wohl nur die entsprechenden Personen selbst beantworten. Erschreckend ist in diesem Zusammenhang der Kommentar von “Der Lehrerfreund” unter dem ersten Artikel:

Kurz: Auswahlkriterium ist oft das bürokratische Standing, nicht aber die pädagogisch-didaktische Fähigkeit (Fachleiter/in) oder organisatorische/verwalterische Kompetenzen (Schulleitung). Das führt zwangsläufig dazu, dass einige (viele?) der Posten von großen Pfeifen besetzt werden – die man wegen ihres Beamtenstatus auch nie wieder loswird.

Es ist eine Katastrophe, dass viele, oft fähige Leute unter dieser idiotischen Struktur leiden und einen empfindlichen Stich ins Selbstbewusstsein hinnehmen müssen (“Du bist nicht fähig, mit Jugendlichen umzugehen.”).

Bedenkt man den schlechten Stand, den Fachleiter in der Regel bei den anderen Lehrkräften zu haben schein, könnte an dieser Überlegung durchaus etwas dran sein.

Weniger erschreckend, aber trotzdem eine genauere Betrachtung wert, ist der Kommentar von Marcus Manow unter dem ersten Artikel:

 Jetzt gilt es, selbst in der Aufgabe, Referendare zu “betreuen”, nicht die erlebten Fehler zu wiederholen. Problem dabei könnte sein (ist es so?): Wenn das alles stimmt, was Du und ich hier schreiben – wird sich kein Referendar trauen, mir zu sagen, dass mein Verhalten ihn verletzt. So setzt sich das dann fort…

Ich verstehe den Kommentar so, dass er jetzt in der Rolle als “Ausbildungslehrer” ReferendaInnen betreut und nicht als Fachleiter.17 Ich deutete das Machtgefälle ja schon an und es könnte tatsächlich ein Problem sein, wenn ausgebildete Fachkräfte bewusst oder unbewusst das “Schlechte” weitergeben, die neue Generation nichts dagegen tut und sich so die Spirale weiter fortsetzt. Dementgegen steht die, teilweise auch in den Kommentaren geäußerte Vermutung, dass FachleiterInnen gerade die Personen sind bzw. werden, die man lieber von den SuS fernhalten will. Im Kollegium meiner alten Schule wurden ähnliche Vermutungen geäußert, was wieder den Kreis zum Ansehen der FachleiterInnen bei “regulären” Lehrkräften schließt. Pauschalisieren kann und darf man hier nicht, aber irgendwo muss diese Einstellung ja herkommen.

Zur Ehrenrettung der engagierten FachleiterInnen kann man nicht oft genug betonen, dass es sie tatsächlich gibt. Einer meiner Fachleiter hatte, obgleich wirklich hohe Ansprüche, eine gute Art Stunden zu besprechen: dialogisch und konstruktiv Alternativen aufzeigend. Während viele, nicht nur ich, aus so einigen Besprechungen bei ihren FachleiterInnen rausgegangen sind, ohne schlauer in Bezug auf Alternativen zu sein, gab und gibt es einige Ausbildende, die einem tatsächlich das Gefühl vermitteln, dass man in der Besprechung etwas gelernt hat. “Die Stunde war Mist, aber die Besprechung war gut”, ist eine mögliche Beschreibung solcher Besprechungen. Bei der zuvor genannten Spezies von Ausbildenden würde der Satz eher lauten: “Die Stunde war Mist und ich wurde total zerrissen.” Dieser qualitiative Unterschied in der eigenen Wahrnehmung der Besprechung zeigt, wie es “gut” und wie es “schlecht” geht.

Manch einer mag sich vielleicht mittlerweile denken: Wenn das alles so schlimm ist, warum tun die ReferendarInnen nichts dagegen? Diese Frage ist durchaus berechtigt, die Antwort liegt meines Erachtens selbst begründet: Die Interessenvertretung vor Ort besteht in Niedersachsen aus dem Personalrat des Seminars. Dieser Personalrat besteht aus ReferendarInnen, die sich aktuell in Ausbildung befinden. Man kann Menschen vieles nachsagen, aber es bedarf schon eines besonders enthusiastischen Vertreters unserer Spezies, der die Hand beißen will, von der er abhängig ist. Abgesehen von der zusätzlichen Arbeit, die durch die Interessenvertretung entsteht, verlässt man als Personalrat nicht die Machtstrukturen. An Schulen ist das ähnlich, aber durch die meist schon erfolgte Verbeamtung nicht ganz so gravierend. Die übergeordneten Interessensvertretungen (GEW und Philologenverband) haben in jüngster Zeit auch keine dezidiert auf das Referendariat abzielenden Pressemitteilungen veröffentlich. Es sei denn, ich habe was übersehen. Über diesen Punkt habe ich, so muss ich gestehen, vorher gar nicht nachgedacht. Eigentlich ist es merkwürdig, dass die Gewerkschaften/Interessensverbände nicht viel massiver, deutlicher und medienwirksamer auf die Zustände im Referendariat und die ständig zum Thema erscheinenden Artikel berichten.

Man merkt vielleicht, dass mir beim Schreiben immer neue Dinge wieder einfallen, teilweise sind dies Dinge, die mir erst im Nachhinein wirklich bewusst werden. Ich habe auch bisher wenig zur tatsächlichen Arbeitsbelastung von ReferendarInnen geschrieben, zum Schulalltag, zu den tatsächlichen Ausmaßen des “Praxisschocks”. Die zahlreichen Artikel, die es zum Referendariat gibt, habe ich auch noch nicht systematisch ausgewertet und mit meinen Erfahrungen verglichen. Auch zu meiner eigenen Wahrnehmung als Lehrer noch nichts.18 Aber auch die positiven Sachen sollen und werden irgendwann erwähnt werden. Ich mach es nur wie einige FachleiterInnen. Ich zeige erstmal auf, was schlecht war.

Zu allen Artikeln der Reihe
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  1. Ich war dabei. []
  2. Die Geschichte davor ist auch interessant, weil der eigentliche Fachleiter ins Sabbatjahr gegangen ist und der neue Fachleiter den Prüfling zum ersten Mal während des PUs im Unterricht gesehen hat. Kommt häufiger vor sowas. Man kann sich vorstellen, warum die meisten ReferendarInnen bei dem Satz “Durch die Umstellung werden Ihnen keine Nachteile entstehen”, nur noch milde lächeln und gedanklich die zu erwartenden Noten zusammenkürzen. []
  3. Es gibt immer einen Prüfungsunterricht pro Fach. []
  4. Obwohl es bei den SuS zur merklichen und auch in den Lernzielen so intendierten Auseinandersetzung mit dem Thema kam. []
  5. Persönliche Sympathien werden bei den Besprechungen natürlich auch eine Rolle spielen, das ist bis zu einem gewissen Grad nur natürlich. []
  6. So kann man sich seine Chancen zumindest vorher ausrechnen. Fächerübergreifend mit den Mathematikkollegen. []
  7. Es gibt auch Menschen, die das Referendariat mit links meistern. []
  8. Obwohl er sie tatsächlich bisher nie zerrissen hat, sondern entgegen der Regel meist gute und nette Rückmeldungen gegeben hat. []
  9. Ein Kollege und ich durften uns schon süffisant Anspielungen anhören, dass wir keine “Bildungsbürger” seien. []
  10. Die genaue Anzahl dieser Art von Fachleidern [sic!] scheint größer zu sein, als man glauben mag. []
  11. Die Anzahl dieser FachleiterInnen scheint aber kleiner zu sein, als man glauben mag. []
  12. Einer der anwesenden Fachleiter hat tatsächlich über das Gesagte nachgedacht, die anderen haben es schlicht abgetan. []
  13. In Anwesenheit von XY. []
  14. In Abwesenheit von ABC. Die Abneigung gegenüber ABC war jedem einzelnen Wort anzumerken. []
  15. Lache ich über den schlechten Spruch? Verteidige ich XY? []
  16. Sag ich es ihr oder belaste ich sie damit lieber nicht? []
  17. Man möge mich gegebenenfalls korrigieren. []
  18. Und Reflexion, die lernt man im Referendariat eindeutig. []
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Kreide kotzen – Römisch Eins

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Ein paar (mehr) Semester Lehramtsstudium und dann im Referendariat merken, dass die Lehre an allgemeinbildenden Schulen nun echt nichts für einen ist. Diese Erkenntnis und der daraus resultierende Abbruch sind Dinge, die man erstmal verdauen muss. So langsam bin ich mit dem Verdauen durch und kann anfangen, die 12 Monate zu reflektieren.

Man hört immer mal wieder schlechtes über das Referendariat. Nicht alles, aber vieles davon stimmt. Einiges ist abhängig vom Bundesland, bedeutend mehr ist abhängig von den so genannten FachleiterInnen1, also den Menschen, die “JunglehrerInnen” das nötige Handwerkszeug beibringen sollen. Bundesland, FachleiterInnen und, auf quasi unterster Ebene, SchulleiterInnen und KollegInnen zeichnen sich verantwortlich für die Ausbildung der neuen Generation an Lehrenden.

Für alle Beteiligten gilt, dass man es mit einem Querschnitt der Bevölkerung zu tun hat. Man trifft Alkoholkranke, Misanthropen, Egomanen, aber auch wirklich aufopfernde und hilfsbereite Menschen. Was auf der “untersten” Ebene fast allen gemein ist: FachleiterInnen werden für eine ganz besondere Spezies gehalten.

Halte durch. Mach, was die sehen wollen. Danach kannste machen, wie und was du willst.

Es ist schon eine besonders negative Auszeichnung für Ausbildende, wenn so eine Meinung vorherrscht. Mir ist auch sonst kein “Ausbildungsberuf” bekannt, in dem Ausbildende einen so negativen Stand im Rest des Berufes haben.

Diese negative Einstellung ist wohl darauf zurückzuführen, dass kaum jemand die Bewertungsmaßstäbe versteht, nach denen ReferendarInnen letztendlich bewertet werden. In der Theorie ist es so, dass die jeweils gültige APVO-Lehr vorgibt, was junge Menschen im Referendariat lernen sollen bzw. müssen. Die in der Anlage der APVO-Lehr definierten Kompetenzen klingen wichtig, sind aber sehr allgemein gefasst. In der Durchführungsverordnung steht etwas mehr, aber im Endeffekt ist es so, dass man nicht “Unterricht nach Vorschrift” macht, sondern “Unterricht, der dem/der FachleiterIn gefällt”. Es ist also an den Ausbildenden, ihre Ansprüche und Erwartungen transparent zu machen. An “meinem” Studienseminar gelang das einem Fachleiter, da er die Grundlagen und Bildungsziele seines Faches auch auf die Ausbildung angewendet hat. Die Ansprüche waren hoch, aber es war in der Regel nachvollziehbar, was erwartet wurde und was nicht.

Das war 1/3 meiner Fachleitenden. Über die beiden anderen kann ich wenig positives berichten. In meinem Hauptfach war es allerdings besonders “schlimm”. Man muss allerdings zwischen dem Fachlichen und dem Zwischenmenschlichen unterscheiden. Beim Fachlichen war es so eine Sache:

Während mir ein durchaus gutes Fachwissen und eine durchaus gute Allgemeinbildung attestiert wurden, merkte man doch häufiger, dass auch beim Fachwissen die Vorlieben des Fachleiters entscheidend waren. Wenn man zugab, dass man mit Goethe, bis auf kleinere Ausnahmen, wenig anfangen kann, so wurde dies zwar als “Ehrlichkeit” geadelt, nur um kurz darauf im GAST2 zu einer Abneigung gegen Goethe, Kleist und sonstwen zu mutieren. Man solle doch auch überlegen, ob man, wenn man Goethe nicht möge, als Deutschlehrer geeignet sei. Die persönlichen Vorlieben sind bestimmend. Besonders deutlich wurde dies beim Thema der 2. Staatsexamensarbeit.3 Während bei der Themenbesprechung4 alles gut war und das Thema auch angenommen wurde, verging danach kaum ein Gespräch in dem nicht betont wurde, dass Filme ja nicht Bestandteil des Deutschunterrichts seien.5 Es ist “hinterfotzig”, wenn man solche grundlegenden Ansichten erst offenlegt, nachdem schon ein entsprechendes Thema eingereicht wurde. Wie sollte ich mich als Referendar eigtl. fühlen, wenn mir regelmäßig deutlich gemacht wird, dass mein zu bearbeitendes Thema nach Ansicht des Prüfers nicht Bestandteil des Deutschunterrichts ist? So ein Verhalten ist intransparent und vor allem zwischenmenschlich völlig daneben.

Zwischenmenschlich, ja das Zwischenmenschliche ist auch so eine Sache. Bei einem Unterrichtsbesuch6 stand mein Deutschfachleiter mit der Pädagogik-Fachleiterin und einem Mitreferendar im Lehrerzimmer meiner Schule und alle warteten auf mich. Mein Klassenraum war etwas vom Lehrerzimmer entfernt, also brauchte ich etwas. Der Fachleiter sagte7 während des Wartens wohl folgendes:

Das tut dem Herrn Flint mal ganz gut, sich etwas mehr zu bewegen.

Wertende Kommentare über mein Gewicht. Ach, wie erfrischend. Ich könnte ja jetzt was darüber sagen, was dem Herrn Fachleiter mal ganz gut tun würde, aber das wäre unsachlich.8 Andere, meist männliche Referendare, hatten und haben von diesem Fachleiter übrigens ähnlich persönliche Äußerungen zu berichten. Eine Freundin, die an einem anderen Studienseminar war, sagte zu meinem Abbruch:

Kann ich verstehen. War die härteste Zeit meines Lebens und jeder, der sagt, er lässt sich nicht erniedrigen [und hört deswegen auf], für den habe ich vollstes Verständnis.

Natürlich ist es nicht nur so, dass die Bewertung kryptisch ist. Man bekommt recht schnell ein Gefühl dafür, was die Ausbildenden sehen wollen und was nicht. Was allerdings schnell verloren geht: Der Glaube an und die Achtung der eigenen Fähigkeiten. Zu Beginn des Referendariats sagte der damalige Seminarsleiter:

Sie werden viel Kritik zu hören bekommen, aber vergessen Sie nie: Sie sind erwachsene Menschen mit einem Universitätsabschluss.

“Ich habe schon etwas erreicht!” Diese Einsicht wird wahrscheinlich für viele während des Referendariats zum Mantra.9 Und man muss es sich tatsächlich immer wieder vor Augen halten, dass man schon etwas geschafft hat. Durch die Struktur der Lehrerbildung in Deutschland startet man mit viel Fachwissen und wenig Praxiswissen in den Berufsalltag. Dabei ist es nur logisch, dass man viele Baustellen hat, auf denen man gleichzeitig arbeiten muss. Das bisschen Methodik und Didaktik, welches man während des Studiums mitbekommt, rettet einen nicht wirklich über das Referendariat. Planung und Durchführung von Unterricht ist ein Knochenjob mit viel Verantwortung. Entsprechend erstaunlich ist es, dass man kaum etwas positives über die Praxisausbildung hört. Die Erkenntnis, welche einen fast zwangsläufig ereilt, wenn man selbst im Referendariat ist oder wenn man Artikel über die neuesten Eskapaden eines Kultusministeriums hört, ist einfach: Es ist politisch gewollt, dass junge Lehrende an ihre Grenzen und über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinaus getriezt werden. Das Referendariat ist ein Boot Camp für die Nerven und das eigene Selbstwertgefühl.10 Ebenso politisch gewollt ist es aber, dass die Ausbildung der Referendare zu weiten Teilen jeglicher Kontrolle und Evaluation entbehrt. In der Wikipedia steht ein Satz, den man leicht überliest:

Bemerkenswert ist, dass weder für den Beruf des Lehrers noch des Juristen eine qualifizierte Evaluation des Referendariats vorliegt.

Erschreckend ist dieser Umstand aber nicht nur auf Grund des Berufes, der da ausgebildet wird.11 Erschreckend ist diese fehlende Evaluation und Beobachtung auch, wenn man Sätze wie diesen hier liest:

Der Personalrat [des Studienseminars Meppen] begrüßte die Neuankömmlinge mit dem Satz: “Wir sind das Studienseminar in Niedersachsen mit der höchsten Selbstmordrate.”

Auch an meinem Studienseminar gab es, soweit ich weiß, in den letzten Jahren mindestens einen Selbstmord. Was genau Menschen in den Selbstmord treibt, kann natürlich nicht genau gesagt werden, das sind stets Einzelfälle. Was aber an die Nieren geht, ist, neben dem Stress, Kritik, die unsachlich gegen einen selbst gerichtet ist. Beispiele habe ich schon in Ansätzen geliefert, vielleicht noch ein anderes “Kleinod”, welches für sich genommen harmlos ist, aber in der Gesamtschau seinen Teil beiträgt:

Sie haben ‘okay’ gesagt. ‘Okay’ ist der Sprache eines gymnasialen Deutschlehrers nicht angemessen.

das mag harmlos klingen, aber es sagt viel über die subjektiven Vorstellungen und Bewertungsgrundlagen einiger Fachleiter aus.
Für diesen Teil abschließend noch eine Beobachtung aus dem Seminaralltag. Als angehende Lehrkraft wird einem unter anderem eingetrichtert, dass man Methoden nicht um der Methode willen einsetzen soll, sondern Methoden immer als adäquates Mittel zur Erreichung der Lernziele einsetzt. Gerade im pädagogischen Seminar sah es aber zum Beispiel so aus, dass zu 99% Gruppenarbeiten eingesetzt wurden, welche man entsprechend nach spätestens zwei Monaten nicht mehr sehen konnte. Ferner klappte die Zeitplanung in 99% der Fälle beim pädagogischen Seminar nicht, so dass es selten zu einer wirklichen Reflexion der “Inhalte” kam. Konkrete Arbeitsanweisungen waren auch gerne mal etwas, was zwar die ReferendarInnen immer liefern mussten, was aber von den Ausbildenden des Öfteren sträflich vernachlässigt wurde. Wenn ein ganzer Raum voller Akademiker überhaupt nicht versteht, was gerade passieren bzw. wie genau das Thema jetzt eigentlich bearbeitet werden soll, dann liegt der Fehler eher selten bei dem Raum voller Akademiker. Besonders ärgerlich und frustrierend wird es dann, wenn die mangelnde Klarheit der Arbeitsanweisung in einem “falschen” Ergebnis mündet. Aus dem Deutschseminar:

“Erschließen Sie den Text für sich”, das war die Arbeitsanweisung. es ging um einen Zeitungsartikel. Wir erschlossen für uns, jeder für sich. Danach forderte der Fachleiter uns auf, unsere Randnotizen vorzulesen. Die Ergebnisse wurden von ihm mit “versteh ich nicht” quittiert. Natürlich versteht er es nicht. Wir sollten a) den Text für uns und nicht für eine andere Person erschließen und b) die Notizen so vorlesen, wie sie bei uns auf dem Zettel standen. Der Fachleiter wollte Strategien der Texterschließung darstellen, hat so aber höchstens die Inkonsequenz der eigenen Ansprüche dargestellt.12

Die Lehramtsausbildung befindet sich in einem merkwürdig losgelösten Raum zwischen Realität und Anspruch, zwischen Machbarkeit und Wunschtraum, zwischen Vorbereitung/Ausbildung und verheizen von jungen Menschen.

Diese Reihe wird in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt. Mittlerweile häufen sich die Meldungen von ehemaligen MitreferendarInnen, die aufgehört haben. Vielleicht ist ja jemand bereit, über die Gründe zu reden.

Zu allen Artikeln der Reihe
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  1. Ich gehe jetzt immer von Niedersachsen und meinen Erfahrungen an “meinem” Studienseminar aus. []
  2. Gespräch zum Ausbildungsstand []
  3. Also bei dieser 15 Seiten Alibiarbeit, die wohl angeblich demnächst abgeschafft wird bzw. teilweise schon abgeschafft ist. []
  4. grob: Film im Deutschunterricht. []
  5. Ein Standpunkt, der sowohl faktisch als auch praktisch sehr zu hinterfragen ist. []
  6. Oder war es nicht sogar eine Lehrprobe? []
  7. Im Lehrerzimmer, dabei lachend. []
  8. Und im Gegensatz zu diesem gestandenen Herrn habe ich verstanden, wie man professionell miteinander umgeht. []
  9. Bei mir auch, aber es reichte irgendwann einfach nicht mehr. []
  10. Von den Auswirkungen auf das Privatleben einmal ganz zu schweigen. []
  11. Lehrer entscheiden über die Zukunftsaussichten vieler Kinder. []
  12. Solche und ähnliche Beispiele gab es öfters. Kettenfragen, Ein-Wort-Antworten, “raten” von Seiten der ReferendarInnen, weil Fachleiter genau ein Wort hören wollte usw. []
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Wahlkampf und keiner merkt es

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Gremienarbeit und Gremienwahlen sind immer wieder eine gute Gelegenheit, um eine ganz besondere Art von Artikel zu finden. Oft genug beschweren sich Menschen über die Arbeit einer bestimmten Gruppe, den Wahlkampf (von allen Gruppen) oder über das fehlende Engagement in Bezug auf die Strukturierung des Toilettenpapiers. Im letzten Jahr war der RCDS Watchblog ein guter Fundort für mehr oder weniger typische Meckerei. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat es der Watchblog aber geschafft, dass die Argumentation halbwegs nachvollziehbar war.1

Dieses Jahr kommt ein interessanter Artikel aus einem anderen Lager, nämlich von FixIT.

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  1. Trotzdem(?) wurde der Blog nicht weitergeführt. []
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Emder Lynchmobs

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Die Entwicklungen um den Mordfall an dem 11jährigen Mädchen aus Emden drehen sich aktuell, wahrscheinlich aus Mangel an Tatverdächtigen, um die Äußerungen verschiedener Menschen bei Facebook. Wer mich kennt oder meine Äußerungen zu dem Thema auf Facebook mitverfolgen konnte, der weiß, dass ich kein Freund von “Todesstrafe für Kinderschänder”, Forderungen nach Selbstjustiz und Lynchmobs bin. Nur sollte man auch bei Themen, die einen selbst in Rage bringen, im Falle einer Berichterstattung versuchen, halbwegs sachlich zu bleiben.1 Stellvertretend für verschiedene Artikel, sei an dieser Stelle auf publikative.org verwiesen, die just den Artikel “Der Mob” veröffentlicht hat. Der Artikel beginnt u.a. mit folgendem Absatz, der die Entwicklungen an sich recht treffend zusammenfasst:

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  1. Oder man schreibt Rant drüber bzw. macht deutlich, dass es sich um einen solchen handelt. []
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