Archiv der Kategorie: Truth! Freedom! Justice! And a hard-boiled egg!

Wir müssen über Sprache reden

Liebe Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft,
Liebe Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Medienhäusern.
wir müssen reden.

Das haben wir in den vergangenen Tagen schon, nachdem der Bundesgerichtshof entschieden hat, dass der generische Maskulinum auf Bankformularen in Ordnung ist. Aber um diese Entscheidung soll es gar nicht gehen. Es geht um eure Reaktionen und die einiger meiner Bekannten, die mir eiskalte Schauer den Rücken herunterjagen. Denn, ganz ehrlich, wenn ich noch einmal so etwas aus JournalistInnenmunde höre wie „Sprache muss schön bleiben“, dann fange ich an zu schreien.

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Gegen Diskriminierung, aber nicht auf Kosten der Sprache!

Es passiert immer wieder, dass irgendein Artikel aus irgendeinem eher konservativen Blatt in meiner Timeline auftaucht, in dem sich wieder irgendjemand über „Gender Mainstreaming“ oder verwandte Themen aufregt. Ich schrieb ja auch schon etwas darüber.

Jüngst tauchte der „Genderwahn“ auf. Der Studiblog hatte sich, basierend auf einem Artikel der Welt, dem Thema angenommen. Könne ja nicht sein sowas! So bzw. ähnlich wurde der „Genderwahn“ von Nutzern bei Facebook kommentiert. Was mal wieder zeigt, dass der Deutsche1 beim Thema „Gender“ seinen Verstand ausschaltet. Eine Analyse des Artikels beim Studiblog, bei Welt und was das Ganze mit Journalismus zu tun hat.2

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  1. Manchmal auch die Deutsche. []
  2. Spoiler: Gar nichts. []
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Das große Abschaffen

Seit Sarrazin schafft sich irgendwas oder irgendwer in Deutschland permanent ab. Seit Sarrazin ist „XY schafft sich ab“ aber auch immer mit einem faden Beigeschmack behaftet: Schon „schafft sich ab“ weckt fast unweigerlich Assoziationen mit „armen Deutschen“ und irgendwie „bösen Ausländern“.

Ein besonders schönes Beispiel für gewollte oder ungewollte negative Assoziationen ist der Artikel „Massenverblödung: Das gebildete Deutschland schafft sich ab“ von Reinhard Mohr erschienen auf welt.de.

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Pressemitteilungen lesen

Es ist erstaunlich, wie wenig wir Nachrichten verstehen, die man uns übermittelt. Ein praktisches Beispiel, Schritt für Schritt.

Bei Angriffen aus einer Gruppe von etwa 60 Personen heraus wurden gestern Nachmittag sechs Polizisten verletzt.

Tatsächliche Information: 6 Polizisten wurden verletzt, weil sie angegriffen wurden. Das geschah gestern [am 5. Juli 2014] Nachmittag.
Füllmaterial: Die Gruppe aus 60 Personen. Die Angriffe geschahen „aus einer Gruppe“ heraus, was so viel bedeutet wie: Es könnte einer angegriffen haben und etwa 59 Personen standen da einfach rum und haben geguckt. Die Zahl möglicher Angreifer geht wahrscheinlich so bis 9, weil ab da klingt „wurde von 10/15/20 Personen angegriffen“ wahrscheinlich besser.

Gegen 17.45 Uhr alarmierten Zeugen die Polizei zum Görlitzer Park, da zu diesem Zeitpunkt etwa 20 Personen in eine Schlägerei verwickelt waren.

Tatsächliche Information: Die Polizei waren aus einem bestimmten Grund da und hat eine komische Definition von „Nachmittag“.
Füllmaterial: Die Schlägerei von etwa 20 Personen. Tut für den weiteren Hergang gar nichts zur Sache.1 Aber erst 60 und dann 20, das klingt gefährlich.

Im Park eingetroffen, sahen die Beamten einen 25-jährigen verletzten Mann, der am Ohr stark blutete. 

Tatsächliche Information: Bei der Schlägerei2 Im Park gab es einen Verletzten. Warum wäre reine Spekulation, da hat der madcynic Recht.
Füllmaterial: keins.

Bei der nun folgenden Sachverhaltsklärung mischten sich zunächst mehrere Personen, die kurz zuvor an einer Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg teilgenommen hatten, lautstark in die Ermittlungen der Beamten ein.

Tatsächliche Information: Die Polizei stellt Fragen und mehrere Personen – so ab drei oder vier wahrscheinlich – mischten sich lautstark in die Ermittlungen ein. Die Einmischer hatten nichts mit der Schlägerei zu tun. Nach der Einmischung passierte noch etwas.
Füllmaterial: Die Demonstration von Neukölln nach Kreuzberg. Angesichts der letzten Tage klingt das wie der polizeiliche Euphemismus für „Linke“, was aber gar nichts zur Sache tut. Darüber hinaus: Erfragen, woher die Einmischer kamen, das konnte man. Aufschreiben, warum die sich eingemischt haben aber nicht.

Darüber hinaus stellte sich ein 22-jähriger Mann den Beamten in den Weg und störte sie bei der Sachverhaltsaufklärung.

Tatsächliche Information: Es waren mehrere Personen +1. Der 22-jährige stand außerdem im Weg und störte zwar nicht lautstark aber auf trotzdem nicht näher definierte Weise. Außerdem störte er offensichtlich mehr als die anderen.
Füllmaterial: keins.

Nachdem die Polizisten ihn vergeblich des Platzes verwiesen hatten und die Behinderungen anhielten, zog ein Beamter den Störenfried zur Seite, woraufhin sich eine Personengruppe von bis zu 60 Personen in das Geschehen einmischte und die Einsatzbeamten attackierte.

Tatsächliche Information: Der 22-jährige, der mehr störte als alle anderen und außerdem im Weg stand, wollte auch nach Aufforderung nicht gehen. Jemand mischte sich ein, als der „Störenfried zur Seite“ gezogen wurde. Diese Aktion störte andere Umstehende3
Füllmaterial: Die Personengruppe von bis zu 60 Personen. Nicht aus o.g. Gründen, sondern weil: Die Erwähnung der Demonstration erscheint jetzt noch merkwürdiger. Hatte die Gruppe etwas damit zu tun? Waren die „bis zu 60 Personen“ alle Demonstranten oder waren auch andere dazwischen? Waren in der Personengruppe auch die „mehreren“, die lautstark, aber nicht so behindernd wie der 22-Jährige störten usw. Interessant ist aber auch, dass die Polizei den ersten Satz der Pressemitteilung hier etwas variiert. Jetzt mischen sich nämlich nicht Personen „aus“ einer Gruppe ein, sondern eine gesamte Gruppe variabler Größe. An der Aussagekraft ändert das eher wenig: Wie viele Personen sich genau und in welcher Form eingemischt haben, steht da nicht.

Aus der Gruppe heraus wurden zwei Fahrräder gegen die Beamten geschleudert, wodurch ein Polizist eine Kopfverletzung erlitt, die später in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. 

Tatsächliche Information: Aus der Gruppe von bis zu 60 Personen Personen wurden zwei Fahrräder geworfen. Ein Polizist wurde dadurch verletzt und musste behandelt werden.
Füllmaterial: keins. Aber: Ein Fahrrad traf, das weiß man aus dem Video. Ob das zweite überhaupt Schaden anrichtete oder einen Meter vor den Polizisten zum Liegen kam, das weiß man nicht. Wie viele Personen am Werfen beteiligt waren und in wie weit die variable Gruppe damit nun überhaupt etwas zu tun hatte, auch das erfährt man nicht.

Mit Unterstützung weiterer hinzugerufener Polizisten wurde die Personengruppe abgedrängt und zwei Männer im Alter von 32 und 46 Jahren sowie eine 33-jährige Frau festgenommen. 

Tatsächliche Information: Es kam mehr Polizei. Die Personengruppe – wahrscheinlich die variable – wurde abgedrängt. Drei Personen wurden festgenommen.
Füllmaterial: keins. Aber: drei Personen aus der variablen Gruppe? Warum gerade diese drei, das steht da natürlich nicht. Aber von den „bis zu 60 Personen“ haben bis zu 57 wohl nichts gemacht, was irgendwie strafbar wäre.

Die Polizei hat noch eine zweite Pressemitteilung veröffentlicht, an der nun getestet werden kann, was da wirklich drin steht und was Füllmaterial ist. Nur so zur Erheiterung aus der zweiten:

Ein Polizist wollte die Personalien des jungen Mannes feststellen, um ihm dann einen so genannten qualifizierten Platzverweis auszusprechen. Hier widersetzte sich der auf dem Video zu sehende Mann und versuchte sich zu entfernen, so dass er von den Einsatzbeamten festgehalten werden musste und zu Boden gebracht wurde.

Abgesehen davon, dass die Polizei jemanden wegschickte, nur um ihn festzuhalten, als er tatsächlich gehen wollte und „zu Boden gebracht“ also „zur Seite genommen“ bedeutet, ist noch so einiges bemerkenswert an der Ergänzung. Aber das kann gerne jemand anderes machen, ich beiße sonst in meinen Schreibtisch.

Wer an dieser Stelle immer noch keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht: hier das erste und das zweite Video zum umstrittenen Polizeieinsatz.

Das Artikelbild ist ein reines Symbolbild und entstand bei einer völlig anderen Gelegenheit.

 

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  1. Gut, das weiß man hier noch nicht. []
  2. Das unterstellen wir hier mal. []
  3. Störenfried ist an dieser Stelle auch eine schöne Formulierung. Und „zur Seite ziehen“ auch. []
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Ihr habt uns verraten

Wisst ihr noch wie’s früher war? Wir standen auf dem Schulhof, saßen am Nachmittag in der Stadt rum und hörten die Smiths. Das stimmt natürlich nicht so ganz, wir hörten euch: Die Ärzte, Die Toten Hosen und was uns noch so an Punk in die Finger kam. Wir waren kritisch, wir waren antifaschistisch, wir hatten nicht so richtig Ahnung, wovon wir eigentlich reden. Das war okay, denn wir hatten dich, Farin,  und dich, Campino, für das Globale hatten wir Greg.

Jetzt sind wir älter, wir sind in dem Alter, in dem man dem Klischee nach konservativer wird. Sind wir aber nicht geworden. Wir sind vielleicht nicht im Schwarzen Block, wir haben vielleicht nie die „richtigen“ antifaschistischen Punkbands gehört. Aber trotzdem: Wir stehen mit fassungslosem Blick vor der Gesellschaft, sehen das erneute Erstarken von Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Diskriminierung. Wir brechen jedes Mal, wenn wir Satzanfänge wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“ hören oder Sätze mit „das wird man jawohl sagen dürfen“ enden. Wir wollen schreien, wenn die BILD sich als APO bezeichnet, wir verzweifeln, wenn Sarrazin und Pirinçci die Bestsellerlisten erobern. Wir applaudieren, wenn Bands sich weigern, mit Frei.Wild auf der gleichen Veranstaltung zu sein und wir begreifen die Welt nicht mehr, wenn der Aufschrei ein Jahr später ausbleibt.

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