Wir müssen über Sprache reden

Liebe Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft,
Liebe Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Medienhäusern.
wir müssen reden.

Das haben wir in den vergangenen Tagen schon, nachdem der Bundesgerichtshof entschieden hat, dass der generische Maskulinum auf Bankformularen in Ordnung ist. Aber um diese Entscheidung soll es gar nicht gehen. Es geht um eure Reaktionen und die einiger meiner Bekannten, die mir eiskalte Schauer den Rücken herunterjagen. Denn, ganz ehrlich, wenn ich noch einmal so etwas aus JournalistInnenmunde höre wie „Sprache muss schön bleiben“, dann fange ich an zu schreien.

Die Schönheit der Sprache

Mehrfach haben sowohl Mann als auch Frau mir gegenüber erwähnt, dass eine geschlechtergerechte Sprache die deutsche Sprache „verhunzen“ würde. Formulierungen wie „Bürgerinnen und Bürger“ seien „nicht schön“, sie seien „kompliziert“ und würden „Texte unnötig in die Länge ziehen“. Gerade JournalistInnen müssten, so der Tenor der FeindInnen geschlechtergerechter Sprache, dafür sorgen, dass Sprache „genau“ bleibt und „nicht verwässert“ wird.

Warum ein generischer Maskulinum wie „Bürger“ nun aber genauer ist als „Bürgerinnen und Bürger“, das konnte mir niemand erklären. Was daran liegen könnte, dass „Bürgerinnen und Bürger“ sprachlich um einiges genauer ist als „Bürger“. Anatol Stefanowitsch hat das unter anderem schon 2015 auf den Punkt gebracht:

Das Problem am generischen Maskulinum ist natürlich, dass es ein ganz normales Maskulinum ist, dass also nie klar ist, ob nur Männer oder eben Männer und Frauen gemeint sind, und die psycholinguistische Forschung zeigt, [Auch der hier verlinkte Artikel ist sehr zu empfehlen; C.H.] dass es zwar „generisch“ verstanden werden kann, dass Versuchspersonen aber zunächst an Männer denken und erst nach einem messbaren Zeitraum zu einer Interpretation kommen, die Frauen mit einschließt.

Es ist also schlicht falsch, dass Frauen „mitgedacht“ werden. Und wenn ihr ehrlich seid, dann wisst ihr das auch. Macht doch einfach mal die Probe aufs Exempel: „Deutsche Soldaten im Einsatz“. An wie viele Frauen denkt ihr da? Erwischt…

Die Macht der Gewohnheit

Was tatsächlich meistens gemeint ist, wenn über die „Schönheit der Sprache“ gesprochen wird: Gewohnheit. Wir, Männer und Frauen, sind es schlicht gewohnt, dass Personenbeschreibungen wie Bürger, Schüler, Soldaten, Politiker, Schützen, Kläger usw. immer maskulin daherkommen. Das ist historisch gewachsen, bis vor gar nicht so vielen Jahren gab es zum Beispiel gar keine Soldatinnen. Und auch Bildung war lange Männern vorbehalten. Dem ist aber nicht mehr so, also hat sich irgendein findiger Mensch, wahrscheinlich ein Mann, irgendwann Folgendes gedacht: „Wir lassen das so, aber wir behaupten, dass Frauen da mitgedacht werden.“ Schlauer Schachzug, nur schlicht falsch.

Stephen Fry hat zu einem anderen Thema mal etwas gesagt, was auch in Bezug auf geschlechtergerechte Sprache greift:

It’s only ugly because it’s new and you dont like it.

Sprache verändert sich

Mit der Gewohnheit geht auch häufig die irrige Annahme einher, dass Sprache etwas Statisches ist. „Weil das heute noch so ist, weil das immer schon so war“, kommt mir da in den Sinn. Aber auch das ist schlicht falsch. Marlies Krämer, die schon gegen die Bezeichnungen von Hoch- und Tiefdruckgebieten vorging, ist jetzt vor dem Bundesgerichtshof unterlegen. Vor dem Urteil hat der bereits erwähnte Anatol Stefanowitsch der Süddeutschen Zeitung ein Interview gegeben. Darin geht er unter anderem auch darauf ein, dass der generische Maskulinum eine lange Tradition habe, aber dass sich Sprache auch ändert.

SZ: Aber ist Veränderung der Sprache nicht auch ein Teil der Geschichte?

Sicher, und es ist auch irrelevant, wie lange eine Regel bereits existiert. Früher haben wir alles mögliche getan, von dem wir mittlerweile erkannt haben, dass es falsch ist – oder diskriminierend. Deshalb sind rassistische oder behindertenfeindliche Wörter aus dem Alltag verschwunden. […]

Aber nicht nur Sprache verändert sich, Sprache verändert auch uns. Und aus irgendeinem Grund scheinen viele Menschen genau davor Angst zu haben.

Sprache verändert uns

Woher diese Angst davor kommt, statt dem generischen Maskulinum entweder die Paarform oder auch beschreibende Formen wie „Studierende“ oder „Lernende“ zu nutzen? Keine Ahnung. Einen interessanten Ansatz liefert aber beispielsweise Antje Schrupp, die in ihrem Blogeintrag „Es geht nicht um das „Mitgemeintsein“ von Frauen“ unter anderem schreibt:

Wir bestreiten den Anspruch von Männern und Männlichkeit, das Allgemeine zu respräsentieren, und uns den Status des Partikularen zuzuweisen. Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen.

Im Satz darauf schreibt sie: „Das ist aber eine Erkenntnis, die viele Männer überhaupt nicht hören wollen, und die sie zuweilen auch gar nicht verstehen.“ Und tatsächlich, auch ich habe einen Moment gebraucht, um das zu verstehen. Und das, obwohl ich Verfechter geschlechtergerechter Sprache bin und quasi von der „anderen Seite“ an den Sprachwandel herangehe als diejenigen, die nichts ändern wollen.

Es ist aber tatsächlich so, wie Antje Schrupp sehr gut darlegt, dass geschlechtergerechte Sprache an den Grundpfeilern unserer patriarchalisch geprägten Kultur rührt:

An diese Grundpfeiler will der Feminismus aber ran, und um das besprechen zu können, brauchen wir eben zwei unterschiedliche Wörter: Eins für Menschen, und eins für Männer. Und diese zwei unterschiedlichen Wörter gibt eine Sprache, die generisches Maskulinum verwendet, einfach nicht her.

Die eigene Schuld

Wer jetzt ganz findig ist, meine alten Blogbeiträge und meine Zeitungsartikel liest, der wird herausfinden: Der Herr Flint, der ist ja keinen Deut besser! Das stimmt. Ich bekenne mich schuldig.

Entschuldigt, ich bin ein Kind der 1980er Jahre, ich habe noch beigebracht bekommen, dass man eine unverheiratete Frau Fräulein nennt.

Exkurs: Es ist auch ganz spannend, dass Männer zeit ihres Lebens männlich sind, sobald sie das "neutrale" Baby verlassen: der Junge, der Mann, der Opa. Frauen hingegen sind erst, wenn sie verheiratet sind, weiblich: das Mädchen, (das Fräulein), die Frau.

Und auch während des Studiums habe ich mich anfangs gegen geschlechtergerechte Sprache gesträubt. Die Argumentationslinien waren ähnlich wie die oben beschriebenen. Aber ich habe mich geändert. Ich habe erkannt, dass sich sowohl Sprache als auch Gesellschaft verändern. Und dass das gut so ist. Damit geht ein Lernprozess einher, den auch ich durchlaufen muss. Aber ich lerne gerne. Das bedeutet nicht, dass ich alles kritiklos übernehme. Ich werde weiterhin kritisieren – und manchmal Recht und manchmal Unrecht haben. Auch das gehört dazu.

Dennoch schreibe ich fast täglich in meinen Artikeln nur von Schülern, Lehrern, Polizisten, Ratsvertretern usw. Warum? Tjaaaa… weil ich mich dem Duktus gebeugt habe. Etwas, was ich in Zukunft überdenken und soweit es in meiner Macht liegt, ändern werde. Mal gucken, wie weit ich komme…

2 Gedanken zu „Wir müssen über Sprache reden“

  1. Der Artikel enthält viele Falschannahmen. Die größte Falschannahme ist sicherlich die, zu glauben, Sprache sei ein System, das sich durch „Ordnungsmaßnahmen“ steuern ließe. „Schaffen wir das generische Maskulinum doch einfach ab,“ so der Irrglaube, „dann haben wir es auch nicht mehr in unserem Sprachgebrauch, dann verschwindet es allmählich.“ Dabei ist die Evolution von Sprache eine hochkomplexe Angelegenheit, eher natürlich gewachsen als konstruiert und vor allem durch stammbaumtheoretische Potentiale (oder eben Nicht-Potentiale) geprägt. Sprachpolitische Maßnahmen funktionieren immer nur analog zur natürlichen Entwicklung, aber NOCH NIE hat eine „sprachpolitische Revolution“ irgendeinen nennenswerten Einfluss gehabt auf die Evolution einer Sprache. Die zweite Falschannahme ist die, zu unterstellen, das generische Maskulinum habe eine erzieherische Funktion, nämlich das Patriarchat abzufeiern. Richtig ist: Das generische Maskulinum hat eine grammatische Funktion, und sonst erst mal nichts. Die meisten geschlechtsbezeichnenden Nomen erlauben die Movierung, und zwar in beide Richtungen (z.B. Anwalt -> Anwältin; Witwe -> Witwer); manch wenige aus morphologischen Gründen auch nicht (wie z.B. Lehrling). In manchen Fällen macht es auch gar keinen (semantischen) Sinn, geschlechtsneutrale Sprache zu benutzen, wie bei „Die Mädchen sind die besseren Schülerinnen“ zum Beispiel. Hier macht sogar nur Sinn, und zwar aus rein semantischen Gründen, explizit das generische Maskulinum zu benutzen: „Die Mädchen sind die besseren Schüler.“ Übrigens, auch der Neutrumsartikel bei Mädchen hat nichts mit Frauendiskriminierung, aber sehr viel mit ideologiefreier Etymologie zu tun: Der Begriff „Mädchen“ kommt (regional unterschiedlich) von Magd oder Maid (was die erwachsene Frau bezeichnet) und entspricht bloß dem Diminutiv davon, um das weibliche Kind zu bezeichnen (ursprünglich „das Mägdlein“ bzw. „das Maidchen“). Die Diminutiv-Form gibt also den Artikel vor, und sonst gar nichts. Hat man übrigens mit „Knabe“ ergo „das Knäblein“ genauso gemacht, nur hat sich „Knabe“ als Bezeichnung für Jungen eben nicht so durchgesetzt. Was sich aber durchgesetzt hat, ist beispielsweise „das Herrchen“ für den männlichen Hundehalter; da schreit auch keiner auf. Nun, was lernen wir daraus? Sprachbildung geschieht „aus sich heraus“ und auch Generika haben lediglich eine grammatische Funktion. Aus emanzpiatorischen Gründen sind generische Maskulina sicherlich da, wo es (grammatisch) geht und keine Stilblüten hervorruft, zu vermeiden und durch geschlechtsneutrale Sprache zu ersetzen. Teufelszeug sind sie jedoch nicht, und der Versuch, sie aus ideologischen Gründen zu instrumentalisieren, ist zurückzuweisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.