Die Wesermarsch muss marschig bleiben!

Es gibt sie, die Perlen der politischen Willensbekundung in der Wesermarsch. Eine dieser Perlen stammt von Friedrich-Wilhelm Ressel, seines Zeichens Pressewart der AfD Wesermarsch. Auf den Seiten eben dieses AfD Ortsvereins hat Ressel einen Ratgeber veröffentlicht, den man sich wirklich in Ruhe zu Gemüte führen muss. Ein paar Auszüge:

Sie wollen ein guter, akzeptierter Bürger sein?
Sie wollen in ihrem Umfeld einen guten Ruf haben.
Sie wollen beim Bäcker nicht alleine einkaufen, weil keiner mit Ihnen in der Schlange stehen will.
Dann dürfen Sie nicht als rechtslastig gelten und konservatives Denken vertreten.
Sie müssen weg vom Rechtspopulismus, werden Sie Gutmensch, am besten Bestmensch.

Man ahnt es vielleicht nach diesen ersten Zeilen, Ressel versucht sich in Satire! Wer beliebt sein will, darf nicht „rechtslastig“ oder konservativ sein, er muss „Gutmensch“ oder noch besser „Bestmensch“ sein. Da es sich ja um „Satire“ handelt, ist der lustige Umkehrschluss: Die AfD Wesermarsch bezeichnet sich hier selbst als rechtslastig, konservativ und rechtspopulistisch. Das kann sich kein Kabarettist ausdenken, das entsteht nur in der Kuhfurz-geschwängerten Luft der Wesermarsch.

Das fängt bei der Sprache an: Vermeiden Sie den übermäßigen Gebrauch von Begriffen wie deutsch, national, Heimat, Patriotismus, Volkstum, Brauchtum und erst recht Flüche wie Kruzitürken.
Stattdessen: international, multikulturell, europäisch, Globalisierung, trendy, Kult, modern lifestyle. Lernen Sie die neue Begriffswelt: Mainstream, Gender mainstreaming, Patchwork-Family,  Emanzipation, Power Politics.

Übersetzt: „Wenn Sie keine Lust mehr haben und die moderne Welt sie überfordert, treten Sie doch einfach in die AfD ein. Dort können Sie fluchen wie Anno 1944, deutsch und national sein und im patriotisch-volkstümlichen Brauchtum stolz auf Ihre Heimat sein. Also, das dürfen Sie nur, wenn Sie ein Mann sind, denn von Emanzipation halten wir nichts. Frauen gehören an den Herd.“ Achja, und Europa passt den Marschen-Deutschen auch nicht und sich trotz Kindern scheiden lassen und dann wieder heiraten auch nicht.

Nein, wir stehen am Hindukusch, da sind wir sehr erfolgreich, da gehören wir hin. Tauchen Sie stattdessen ein in die geheimnisvolle Welt des Islams: Scharia, Koran, der Hadsch, sprechen Sie mit Ihren Kindern über Wahhabiten, Salafisten, Ramadan und Taliban. Gehen Sie in die Moscheen, feiern Sie den Ramadan mit.

Ich persönlich hätte jetzt nicht gedacht, dass die AfD sich gegen den „Kampf gegen den Terror“ ausspricht, aber wahrscheinlich ist das so eine verklausulierte Absage gegen westliche Bündnisse im Nachklang des 11. Septembers 2001. Gegen die Taliban sollen wir also nicht kämpfen, dafür ist man ein Gutmensch, wenn man sich mit anderen Religionen auseinandersetzt. Ein wahrer AfDler setzt sich also nicht mit dem Islam auseinander, sondern hetzt einfach so in der völkisch gepflegten Heimatstube, ohne Plan von anderen Religionen und wahrscheinlich auch ohne Plan von der eigenen.

Warum sind Sie nicht auch einmal ein wenig spontan? Lassen Sie ihre Partnerin mal Vollburka tragen,  sie wird denselben Spaß haben wie die Saudi Araberinnen wenn sie neben Bekannten stehen, die sie nicht erkennen.

„Vollburka“? Weißer Schimmel? AKW-Werk? Kommasetzung? „Saudi Araberinnen“ ist auch ziemlich großartig. Die „Partnerin“ kann übrigens nichts dagegen tun, wenn die offensichtlich rein männlichen Adressaten des Textes die Vollburka aus dem Eichenholzschrank holen. Emanzipation ist ja böse, also hat die Partnerin gefälligst zu tun, was Mann sagt. Wir sind hier ja schließlich nicht in irgendeinem Patriarchat! Äh…Moment….

Lassen Sie sich nicht von  ignoranten Mitbürgern irritieren die sagen: „ Wir haben Menschen aus 140 Nationen in Deutschland, da gibt es welche, die interessieren mich viel mehr“! Unsinn: Muslime und Türken sind viel mehr, schließlich haben diese die Rückkehrprämie nicht angenommen, aus Liebe zu Deutschland. Sie wollten hierbleiben, wenn auch mit doppelter Staatsbürgerschaft.

„Muslime und Türken“…sagt der eigentlich auch „Christen und Deutsche“? Oder will der Autor einfach auch die religiösen Minderheiten in der Türkei, also auch Christen, mit in seinen Ratgeber einschließen?

Setzen Sie ein weiteres Zeichen. Unterstützen Sie den Vorschlag, dass der türkische Staatspräsident zum 2. Bundespräsidenten in Deutschland wird. So kommt Struktur und Ordnung in seine Auftritte bei uns, Gauck und Erdogan im Team für Europa. Ein neues Amt mit einer Funktion zwischen beiden, dem Koordinator, dem sogenannten Presidential Coordinator, wer sollte es anders sein als Christian Wulff. Schließlich sitzt auch Claudia Roth auf einem neuen Posten – aus der Opposition heraus – was wäre das für ein schönes Zeichen für unserer türkischen Nachbarn. Es wäre auch nicht ständig die Rede von Kriminalität, Ehrenmorden, Kinderheirat usw.

Sorry…ich muss eben Kuhdung schnüffeln, sonst versteh ich das nicht.

Vermeiden Sie aber auch kritische Töne in Richtung Israel: „Gaza ist kein Gefängnis, Gaza ist eher ein Strandresort“!

„Kommen Sie in die AfD, dort dürfen Sie antisemitisch sein! Keine Scheu, wir sind es auch!“

Denken Sie an den modern lifestyle, den uns die Alt 68-er entworfen haben, in mühsamer Arbeit. Sie haben sogar die Adenauer und Kohl CDU beiseitegeschoben mit ihrem altmodischen, christlich-abendländischen Weltbild, Respekt! Der Prozess war zwar auch mit RAF-Gewalt verknüpft, aber ein bisschen klammheimliche Freude hat es schon gemacht. Und die Neurosen, die sie mit ihrer Vätergeneration hatten, sind auch überwunden. Beachten Sie auch die kleinen Pflänzchen des Wandels in unserer Gesellschaft, weg von der dumpfen Deutschtümelei. So heißen „Weihnachtsfeiern“ in KITAS nicht mehr so, sondern „Abschlussfeiern“.

„Kommen Sie in die AfD, hier dürfen Sie noch stumpf Deutschtümeln.“ Hört der sich eigentlich selbst reden? Zugegeben, dass mit den „Abschlussfeiern“ ist neu. Aber immerhin ist die RAF irgendwie Schuld am Ende der Ära Kohl.

[…]

Vergessen Sie das Thema Familie nicht. Wir leben nicht mehr im Biedermeier mit Spitzweg Idylle und Großfamilie in fester Ehepartnerschaft. Die grün-linken Gesellschaftsreformer haben auch im privaten Bereich die Emanzipation, die Freiheit durchgesetzt.

Alles, was nicht Großfamilie und „feste Ehepartnerschaft“ ist, ist der AfD Wesermarsch also nicht so recht? Emanzipation und Freiheit auch nicht? Das ist ja schon nicht mehr konservativ…

Im Ergebnis sehen wir fröhliche Patchwork Familien, fünf, sechs Eheverhältnisse oder gar keine Ehen. Der Bundespräsident steht auch hier für den Geist der Moderne, der Weltoffenheit. Am Rande: Vermeiden Sie Kritik am Bundespräsidenten, nach Köhlers Grundsätzen hätte er schon längst zurücktreten müssen. Es gibt aber keine Kandidaten, die Personaldecke der CDU ist dünn, eher ein Gazetüchlein, so dick wie ein Tempotaschentuch.

Bundespräsident: Böse. Patchwork-Familien: Böse. Gar nicht oder mehrfach heiraten: Böse. CDU: ein Tempotaschentuch, aber immerhin kein Gazatuch.

Wenn Sie das bunte neue Familientreiben in den ständigen Fernsehkomödien verfolgen, dann mögen Sie fragen, was wird aus den Kindern. Wie verkraften die Menschen den Verlust an Geborgenheit, siehe Einsamkeit und Depression? Keine Sorge, es ist alles soziologisch untersucht und der Staat hat knapp 200 familiäre Leistungen aufgelegt, dieses Geld beim Bürger zu lassen wäre doch fahrlässig.

Was hat „buntes Familientreiben“ in Fernsehserien damit zu tun? Oder um es mit dem Doctor zu sagen: What?

Beachten Sie all dieses, dann sind Sie erst mal raus aus dem rechtspopulistischen Teufelskreis und weg vom Weg zum rechtsextremen Neofaschisten und dem polizeilichen Staatsschutz.

„Wenn Sie unseren Ratgeber als das verstehen, was er ist, nämlich als Satire, dann sind Sie in der AfD Wesermarsch herzlich Willkommen. Bei uns sind Sie dann auch auf dem besten Weg in den rechtspopulistischen [lies: AfD-programmatischen] Teufelskreis [lies: einzig wahren Weg] zum vollwertigen AfD-Funktionär [lies: rechtsextremen Neofaschisten] und dem polizeilichen Staatsschutz [lies: und der Staatsschutz wird Sie aus guten Gründen beobachten].“

 

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