Konsequenter sein

Jüngst unterhielt ich mich mit dem Zyniker darüber, was das Problem ist, wenn Gutmenschen wie wir, das linke Komponistenpack, versuchen, mit rechten Dumpfpöblern zu reden. Warum es uns so schwer fällt, überhaupt zu verstehen, wo das Problem der Menschen ist, die gegen Flüchtlinge, Aslyanten, Migranten und einfach alles, was „Nicht-Deutsch“ ist, protestieren und hetzen. Wir verstehen die Prämisse der Gedanken überhaupt nicht. Wie der Zyniker sinngemäß sagte: „Wer auch nur einen Hauch von humanistischer Bildung genossen hat, kann nicht verstehen, wie man so menschenverachtend mit Menschen umgehen bzw. so über andere Menschen denken kann.“ Stimmt. Das ist nun aber kein Grund, es nicht zu versuchen und da geht das Problem los.

Denke ich so an die letzten Jahre zurück , dann fällt mir auf, dass ich zu vielen Menschen zu viel habe durchgehen lassen. Die eher rechtskonservativen Kommentare im Bekanntenkreis, die abfälligen Witze mit Stammtischniveau, die kleinen sprachlichen Entgleiser. Während man selbst versuchte, seine eigenen Sprachmuster kritisch zu hinterfragen und diskriminierende und abfällige Sprachtraditionen für sich selbst zu beseitigen, hat man – ich denke mal, es geht nicht nur mir so – bei anderen Milde walten lassen. „Er/Sie ist kein Nazi, das ist nicht so gemeint.“ War es sicherlich auch nicht, aber das Gesagte war trotzdem daneben. Trotzdem hat man nicht darauf reagiert. Vielleicht wollte man nicht mit einer Diskussion darüber, ob das Wort jetzt rassistisch war oder nicht, das gesellige Beisammensein stören. Vielleicht wusste man von vorneherein, dass man auf taube Ohren stößt und hat sich gesagt, dass man die Energie lieber aufspart. Vielleicht war man auch einfach nur faul. Wohin uns das gebracht hat, sehen wir jetzt täglich in der Zeitung, in den Nachrichten und in sozialen Netzwerken.

Der Rechtsruck der Gesellschaft ist nicht mehr zu leugnen. Die unsägliche „Mitte der Gesellschaft“ reißt ihr unschönes Maul auf. In Brake prangte letzten Sommer für Wochen ein Hakenkreuz direkt an der Kaje. Ich selbst habe die Polizei darüber informiert, es stand in der Zeitung, aber trotzdem meldete sich erst sechs oder acht Wochen später – ich weiß es nicht mehr genau – die Stadt und zeigte sich ganz überrascht. Etwas ähnliches habe ich in Aurich auch einmal erlebt, damals an der Außenwand eines Einkaufszentrums. Nachgehakt habe ich in beiden Fällen nicht, man hat ja auch noch anderes zu tun. Manchmal schäme ich mich für mich selbst.

Es ist tatsächlich so: mit 2+ Jobs und dem krampfhaften Versuch, beim Rattenrennen mitzuhalten, bleibt so etwas auf der Strecke. Zumindest bei mir. Und jetzt brennen wieder Flüchtlingsheime, die Festung Europa verstärkt ihre Mauern und die Gesellschaft hält dem Nationalismus die Stange. Politisch links wird, selbst von Sozialdemokraten, immer noch gerne mit Abfälligkeit bestraft. Dabei hat Gregor Gysi allein in einem Beitrag mehr Richtiges gesagt, als die gesamte Führungsriege der SPD in den vergangenen Monaten:

Als wir weniger Flüchtlinge hatten, ging es Ihnen da besser? Nein. Dann sagt einer: Wenn wir die nicht hätten, würden wir mehr Geld für Bäder, Krankenhäuser und Schulen haben! Wirklich? Hatten wir, als wir weniger Flüchtlinge hatten, mehr Geld für Bäder, Krankenhäuser und Schulen? Nein. Wissen Sie, was die Illusion ist? Wir schauen zur Seite. Das ist der falsche Blick. Wenn wir was verändern wollen, müssen wir endlich nach oben schauen.

Aber auch in der Politik wird immer deutlicher, dass die braune Mitte salonfähig ist. Wenn die bayrische Sozialministerin einen Flüchtling mit den Worten „Sie wissen schon, dass Sie zurückmüssen“ begrüßt oder Roberto Blanco als „ganz wunderbarer Neger“ bezeichnet wird, dann sieht man im Hintergrund fest geschlossene Reihen vor dem geistigen Auge marschieren.

Jüngst schaffte es Brake bzw die Wesermarsch in die Nachrichten. Am Ende des am 22. August veröffentlichten „Ich bin kein Nazi, aber…“-Videos von „Just Luca“ kommt auch ein Kommentar von einem Herrn aus der Wesermarsch dran. Zuvor, am 3. August, war der Kommentar schon bei den rhetorischen Perlen aufgetaucht. Am 28. August berichtete die NWZ darüber, am Tag zuvor – wahrscheinlich aufgescheucht durch den Anruf der Zeitung, äußert sich der Bürgermeister. Abgesehen davon, dass es erschreckend ist, wie viele Leute das Video falsch verstehen: Man darf sich nichts vormachen, auch in der beschaulichen Wesermarsch sind solche Kommentare, on- und offline, keine Seltenheit. Man bekommt es nur meist nicht mit, denn wenn man eher zum linken Komponistenpack gehört, bewegt man sich in einer entsprechenden Filterblase.

Da wird man von einem Bekannten gefragt, warum man einen bestimmten Beitrag bei Facebook nicht geliked hat, weil selbiger Bekannte mal etwas „Linkes“ geschrieben habe. Tatsächlich eher erstaunlich, ist besagter Bekannter doch sonst eher CDU-nah. Sollte ich ihm für den Anflug von Gutmenschentum gratulieren? Wahrscheinlich hätte ich es tun müssen.

Aber was bleibt? Die Entscheidung, in Zukunft doch wieder die Energie gleich aufzubrauchen, die geselligen Runden zu stören und doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Mund aufmachen. Es wird Zeit, die Bezeichnung Gutmensch mit Stolz zu tragen.

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