Die verfehlte Diskussion um das Kulturgut Buch

Friedrich Forssman hat vor ein paar Tagen im Blog des Suhrkampverlages einen Artikel mit dem Titel „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ veröffentlicht. Schon die ersten Zeilen geben Anlass zur Hoffnung, dass ein nicht wirklich gut durchdachter Artikel folgen wird.

Muß man eigentlich noch etwas gegen E-Books sagen? Müssen sie einem nicht womöglich leid tun, die albernen Dateien, die gern Bücher wären, es aber niemals sein dürfen? Ja, das muß man, und nein, das müssen sie nicht, sie sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang.

Diese Litanei zieht sich durch den gesamten Artikel. Dabei schreibt Forssman durchaus Dinge, die nicht von der Hand zu weisen sind.

Gedruckte Bücher seien eBooks aus verschiedenen Gründen vorzuziehen.

Vom Beginn des gedruckten Buches, also gegen Ende des 15. Jahrhunderts, gibt es schöne Briefe (erhalten, weil auf Papier geschrieben) von Humanisten, die entzückt waren: daß gedruckte Bücher nun durch Auflage und Verteilung erstens endlich nicht mehr versehentlich verlorengehen konnten – im Gegensatz zu Handschriften, die äußerst mühsam herzustellen, also selten waren, und gut brannten.

Das ist sicherlich ein Vorteil gegenüber Handschriften, gilt aber (DRM hin oder her) noch viel mehr für alle eBooks. Wer tatsächlich behauptet, dass Bücher nicht mehr versehentlich verlorengehen können und das damit begründet, dass Handschriften gut brannten, der hat mehrfach in der Geschichte nicht aufgepasst. Bücher brennen auch, das wurde nicht nur von den Nazis bewiesen. Forssman führt noch weitere Entwicklungen an, die das eBook angeblich zurücknehme. Mit der Verbreitung des eBooks wäre es jetzt also wieder möglich Bücher absichtlich verschwinden zu lassen; korrekte, zitierfähige und (nahezu) fehlerfreie Texte herzustellen/zu veröffentlichen; Texte so erschwinglich anzubieten, dass sie endlich von vielen gelesen werden können und trotzdem mit diesen Texten Geld verdienen zu können.

Diesen Behauptungen und Schlussfolgerungen liegt eine ganz merkwürdige und auch falsche Logik zu Grunde. Natürlich hat die Erfindung des Buchdrucks die Verbreitung von Texten vereinfacht. Ohne die einfache Möglichkeit der Vervielfältigung würden wir über bedeutend weniger bedeutsame und bekannte Texte verfügen. Aber seit Beginn des Buchdruckes gibt es die Besitzer der Druckmaschinen, die entscheiden, welche Bücher gedruckt werden und welche nicht. Zumindest dieses Filtersystem wurde durch eBooks und Anbieter wie Amazon etwas ausgehebelt. Dadurch kommt mehr unlesbares auf den Markt, aber auch mehr Perlen, die von Verlagen abgelehnt wurden oder nur in nicht-wahrnehmbaren Klein- und Kleinstverlagen das Licht der Welt erblickten.

Die merkwürdige Logik bei Forssman ist aber eine andere: er reduziert die Wertigkeit auf das Medium, er erhebt das Medium über den Inhalt. Diese Argumentationsweise wird von Befürwortern von eBooks und den „Self-Publishern“ auch gerne gefahren. „E-Books/Bücher sind besser, weil…“. Diese Diskussion findet man in anderen Kreisen zwar auch (Vinyl oder CD oder MP3), aber nicht mit der Vehemenz, wie sie zwischen „Self-Publishern“ und „Verlags-Autoren“ geführt wird.1 Auch Vinyl-Befürworter werden nicht abstreiten, dass ein Lied gut bleibt, wenn es auf CD abgespielt wird. Der Inhalt bleibt gleich, nur das Erlebnis wird ein anderes. Dieses „Erlebnis“ wird in der Debatte um die „richtige“ Buchform fast immer zu allererst genannt. Auch Forssman hat mehrere dieser Argumentationsstränge in seinem Text.

Zur Ästhetik des E-Books kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht. »Content«, wenn ich das schon höre. »Content – don’t you hate it? It’s the new c-word.« (Tyler Brûlé) »Ich habe noch nie einen Inhalt ohne Form gesehen« (Judith Schalansky). Die Form des Buches ist günstigstenfalls überlegt, funktional und schön; schlimmstenfalls gleichgültig. Die Form des E-Book-Textes auf dem Reader ist zufällig, frei wählbar und bestenfalls eine Zumutung.

Natürlich gibt es keinen Inhalt ohne Form, aber seit wann erhebt man die Form über den Inhalt, wenn es um Literatur geht? Arno Schmidt wird nicht deswegen gerne gelesen, weil er in Schriftart A gesetzt ist und Cover B sowie Bindung C hat. Arno Schmidt wird nicht deswegen weniger gern gelesen, weil er auch für Kindle & Co erhältlich ist. Die Medien E-Book und „Buch“ sind nicht so verschieden, dass man einen Medienwechsel zwar unterstellen kann, dieser Medienwechsel aber zu vernachlässigen ist. Der Logik von Forssmann folgend, wären Nachrichten weniger wert, wenn ich sie nicht mit Druckerschwärze an den Fingern bezahle und Projekt Gutenberg wäre allein aufgrund der Form zu verurteilen.2 Das ist absoluter Blödsinn. Goethe wird nicht besser oder schlechter, wenn ich ihn digital oder gedruckt lese. Uwe Tellkamp verliert nichts, wenn ich ihn am Bildschirm lese, er verliert höchstens im tatsächlichen Wechsel der Medien.

Das Kulturgut „Buch“ (gedruckt) wird als Medium nicht verschwinden, es wird sich nur weiterentwickeln. Das tut es aber schon seit Jahren: Formate, Farbdruck, Hardcover, Softvover, Klebebindung, Heftungen: all das ist auch nur eine Entwicklung des Mediums, das eBook ist eine weitere. Dies sollten auch diejenigen verstehen, die zu solchen Artikeln Dinge schreiben wie:

 Soll ich mich jetzt schämen und mir vorwerfen, dass ich am Niedergang der Literatur mitgearbeitet habe.

Es geht in dieser Diskussion nicht um „Literatur“, das ging es noch nie. Es geht schlicht um das Medium, nicht um Inhalte. Leider geht es aber auch in der Diskussion über die Form fast immer um ein „besser“ oder „schlechter“. Kann man machen (Vinyl/CD), aber das sind persönliche Befindlichkeiten. Bei Autoren und Verlagen wird diese Diskussion zum Glaubenskampf, bei dem sich diese persönlichen Befindlichkeiten zum Maß aller Dinge mausern. Wenn man es den Menschen überlassen würde, wie sie Literatur konsumieren wollen, wenn man überhaupt erst einmal einsehen würde, dass es genau darum geht: Wie erreiche ich die Menschen, die ich erreichen will?, dann wäre diese leidige Diskussion endlich entspannter, nämlich vorbei.

Nun ist sowohl »Bildung« als auch »Bürger« etwas, was ich dringend haben beziehungsweise sein möchte. Mein Bücherregal ist ein Abbild dessen, was ich gelesen habe und was ich noch lesen möchte, es ist ein vergnüglich durchstöberbares Archiv, in dem auch thematisch passende Grafiken, Fotos und Schneekugeln Platz haben und durch das ich für diejenigen, die ich in meine Wohnung lasse, erkennbar bin […]

Wenn das Medium Buch zum „Mein Haus, mein Auto, mein Flugzeug“ des „Bildungsbürgers“ wird, nur weil man es Rumzeigen kann, dann ist die wahre Verliererin dieser Diskussion die Literatur, der Inhalt. Jeder Variante, die es ermöglicht, Inhalt einer noch breiteren Schicht an Konsumenten näherzubringen, sollte von den Produzenten begrüßt, nicht verteufelt werden.

  1. Ja, den einfachen Autor gibt es nicht mehr. []
  2. Und nicht wegen der fehlenden Nachvollziehbarkeit der zu Grunde liegenden Ausgabe. []

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