„Inzwischen auch schon gelesen“

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Facebook-Eintrag von Tobias, einem Bekannten, der einen Link zur Daily Mail beinhaltete. Das Posting las sich so:

#China televises sunrise, because the #smog has become so thick in #Beijing

und war gefolgt von einem Link. Ich sehe die Daily Mail nicht als seriöse Quelle an (wie in den Kommentaren behauptet), aber das interessante ist nicht das Posting an sich, sondern die fehlende Korrektur. Das FB-Posting stammt vom 18. Januar, am 22. Januar nahm der Bildblog die Geschichte auseinander. Ich las das heute und suchte daraufhin den Eintrag bei FB wieder raus. Die Kommentare hatten sich seit dem 18. Januar nicht bewegt, keine Richtigstellung, nichts. Das war insofern für mich verwunderlich, als dass Tobias eigentlich sonst in netzpolitischen/informationspolitischen/journalistischen Themen relativ up to date ist und, meines Wissens nach, kein Freund von solchen Fehlinformationen ist. Aber gut, vielleicht hat er es einfach nicht gesehen. Entsprechend postete ich meinen Kommentar

Die Daily Mail is nich seriös und der Aufhänger stimmt nicht. Zumindest laut Bildblog.

unter das Bild, einfach nur als Hinweis. Dann kam aber die Reaktion, die eigentlicher Anlass für diesen Blogeintrag war.

Inzwischen auch schon gelesen.

Diese Reaktion überraschte mich. Inzwischen auch schon gelesen, aber den eigenen Eintrag nicht korrigiert/ergänzt? Warum nicht? Auch ohne dass diese Frage explizit gestellt wurde, kam ein paar Beiträge später die Begründung:

Darüber [über die Korrektur/Ergänzung] habe ich nachgedacht. Am Dienstag oder Mittwoch habe ich gelesen, dass das so nicht stimmt und dann gedacht, dass ich den neuen Link in die Kommentare setzen sollte, aber es sein lassen, weil es für mich zu lang her war. Ich glaube, dass es an meiner auf Twitter ausgerichteten Kommunikation liegt. Hier und auf G+ hätte die Korrektur Sinn gemacht, aber eben nicht auf Twitter und deshalb habe ich nichts gemacht. Ergo ist alles, was ich nicht blogge, flüchtige Kommunikation.

Die Richtigstellung war also bekannt, aber auf eine Korrektur wurde verzichtet, weil die eigene Kommunikation anders ausgerichtet ist und deswegen eine sinnvolle Korrektur nicht durchgeführt wurde, weil FB nur der flüchtigen Kommunikation dient. Dies ist aus mindestens zwei Gründen interessant.

Zunächst wird damit vorausgesetzt, dass die Leser des öffentlichen FB-Postings diese Unterscheidung nachvollziehen können. Alles, was er nicht bloggt, ist nur flüchtige Kommunikation, die es nicht wert ist, korrigiert zu werden. Bei jemandem, der durchaus in einigen Themenbereichen ein breit wahrgenommener Multiplikator ist, eine schwierige Gratwanderung.1

Weiter ist allein die Einschränkung, dass eine Korrektur zwar Sinn gemacht hätte, aber aufgrund des Kommunikationskanals nicht durchgeführt wurde, einen Blick wert. Zum einen, weil diese Erkenntnis nicht neu ist, zum anderen, weil sie hinterfragt werden sollte.

Warum ist die Erkenntnis nicht neu?

Ein plakatives Beispiel: Ich telefoniere mit einem Freund, erzähle ihm, dass ein Bekannter am Wochenende mit drei verschiedenen Frauen geschlafen hat. Das habe mir ein anderer Bekannter erzählt. Ein paar Tage später finde ich heraus, dass der vermeintliche Aufreißer überhaupt nichts gemacht hat. Würde ich diese Information jetzt weitergeben? Vermutlich nein. Der Kommunikationskanal war für mich nicht wichtig genug. Dass mein Freund es fröhlich weitererzählt hat, das beachte ich nicht, vielleicht interessiert es mich auch nicht. Hier wäre die Korrektur wahrscheinlich sinnvoll gewesen, aber ich hätte es wohl trotzdem gelassen.

Warum sollte die Erkenntnis hinterfragt werden?

Weil Facebook zwar flüchtige Kommunikation zulässt, ja nachgerade herausfordert, Facebook aber kein Telefonat unter Freunden ist. In diesem Fall ist die Kommunikation über den multimedialen Sonnenaufgang öffentlich, verlinkbar und sogar mit Hashtags versehen. Zudem kommt die relative Bekanntheit des Posters hinzu. Wahrscheinlich hat jeder Menschen in seiner Facebook-Timeline, bei G+ oder bei Twitter, die jeglichen Mist, z.B. die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“, munter ohne jegliche Kritik verbreiten. Die korrigieren ihre Einträge auch nicht und natürlich rennt man denen nicht hinterher und schreibt unter jeden entsprechenden Eintrag ein paar seriösere Quellen. Bei denen ist aber auch klar, dass es sich um flüchtige Kommunikation handelt bzw. man tut sie eh als nicht-glaubwürdig ab. Im Sinne vernünftiger Information müsste man wahrscheinlich alle entsprechenden Postings „korrigieren“, aber man hat halt auch noch andere Dinge zu tun.

Hier steht und fällt die „Korrekturpflicht“ meiner Meinung nach mit der besagten Multiplikatorfunktion. Wer sich auf verschiedensten Plattformen zu (netz)politischen Themen äußert, der muss sich dieser Funktion und der erhöhten Glaubwürdigkeit bewusst sein.

Kann man alles immer korrigieren?

Natürlich nicht. Gerade diejenigen, die im Netz aktiv sind, veröffentlichen so viel, dass es schier unmöglich ist, alles immer aktuell zu halten. Durch die reine Fülle an Informationen kommt es automatisch zu unbeabsichtigten Fehlinformationen. Das ist nicht gut, aber kaum zu vermeiden. Wenn man sich allerdings daran erinnert, dass man etwas falsches verbreitet hat, dann sollte man es korrigieren, sofern möglich.2 Damit schließt sich der Kreis zu den Lesenden: Ich kann als jemand, der publizistisch bei Facebook tätig ist, nicht davon ausgehen, dass die LeserInnen unterscheiden können, was jetzt flüchtig ist und was nicht. Es herrscht eine „Verständigungslücke“, wie es in einem Kommentar zum künstlichen Sonnenaufgang heißt.

Publizistisch tätig?

Ja. Facebook ist keine rein private Kommunikation. Man schafft mit jedem Posting bei Facebook3 eine breitere Öffentlichkeit, bildet Meinungen und schafft Kontexte. Je „bekannter“ die Urhebenden, desto näher an einer publizistisch-ähnlichen Tätigkeit. Der klassische Journalismus kann zu Gegendarstellungen bewegt werden, Privatpersonen können das in der Regel nicht.4 Mit zunehmend öffentlicher Kommunikation übernehmen aber auch Privatpersonen zunehmend informierende und meinungsbildende Funktionen. Ein Umstand, der von „Netzaktivisten“ gerne bejubelt wird. Damit wächst aber auch die eigene Verantwortung für das, was man veröffentlicht. Sollte man dann nicht vielleicht über genau diese Verantwortung einmal nachdenken? Auch das ist digitaler Wandel.

Ist der Tobias jetzt böse?

Nein. Ich halte durchaus viel von dem, was Tobias anstellt, auch wenn ich mit einigen seiner Thesen nicht wirklich konform gehe. Tobias dient hier schlicht als Aufhänger für die Überlegungen.

[Update 27. Januar, 20:24: Schlecky Silberstein ist trotz entsprechendem Kommentar nicht viel besser, nerdcore schon.]

  1. Bei Personen ohne diese Funktion ist das vielleicht etwas anderes, dazu später mehr. []
  2. Ich tue das sicher auch nicht, bis eben habe ich mir darüber aber auch nur sehr marginal Gedanken gemacht. []
  3. oder G+, Twitter & Co []
  4. Was normalerweise auch nicht schlimm ist. []

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