Kreide kotzen – Römisch drei

Der Lehrerfreund schrieb auf seiner Facebook-Seite als er den Link zum ersten Artikel der Reihe teilte:

Schuld war nur der Fachleiter …
Flint berichtet, warum er sein Referendariat abgebrochen hat.

Natürlich war nicht nur der Fachleiter bzw. die FachleiterInnen Schuld. Mit „besseren“ Ausbildenden wäre die ganze Sache vielleicht anders ausgegangen, keine Frage, aber natürlich liegt der Abbruch auch in meiner Person begründet. Wie genau und was dann vielleicht doch positive und nette Erfahrungen im Referendariat waren, darum soll es im dritten Teil der Reihe „Kreide kotzen“ gehen.

Meine persönlichen Gründe für den Abbruch des Referendariats lassen sich am besten wie folgt zusammenfassen: Ich bin einfach kein guter Lehrer. Da einer meiner Fachleiter bei diesem Satz abwägend seinen Kopf hin und her bewegt hat, muss ich das etwas konkretisieren. Ich bin in meinen Augen kein guter Lehrer, weil ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge und mir das Niveau nicht zusagt.1 Mir wurde von der pädagogischen Fachleitung häufiger vorgeworfen, dass ich keine Begeisterung für mein Fach ausdrücken/transportieren könne.2 Ich bin begeisterter Literaturwissenschaftler, trotz Abneigung gegenüber Goethe, und auch ein guter Politikwissenschaftler.3 Meine Begeisterung liegt aber tatsächlich eher auf einem akademischen Niveau. Mich hat es immer gefreut, wenn die Schülerinnen und Schüler (SuS) einen Erkenntnisgewinn hatten und wenn sie meine Lernziele erreicht hatten oder ich zumindest das Gefühl hatte, dass sie dies getan haben. Ein Problem mit dem „vor der Klasse stehen“ hatte ich nie, habe ich auch jetzt nicht. Ein Problem hatte ich aber tatsächlich mit dem geringen Anteil dessen, was tatsächlich als Unterrichtsgegenstand übrig bleibt, sei es, weil die Klassenstufe noch zu niedrig ist, sei es, weil die SuS einfach nicht mehr entdecken wollen. Dies mag arrogant klingen, es ist aber nun einmal so. Das Studium bereitet nicht auf die kommenden Unterrichtsinhalte vor. Das Studium ist akademisches Arbeiten auf akademischem Niveau. Unterricht ist da etwas völlig anderes. Eine Bekannte drückte es jüngst wie folgt aus:

Man stelle sich einen Bäcker vor, der nach 4-5 Jahren Ausbildung zum ersten Mal Brötchen backen muss und feststellt, dass er eine Mehlallergie hat oder einfach Brötchen formt, die keinen Absatz finden.

Hier krankt das System von Anfang an. Eignungstests zu Beginn des Studiums sind da allerdings auch Banane, weil man nach dem Studium jemand völlig anderes ist als zu Beginn desselbigen. Ein hoher Praxisanteil während des Studiums wäre da die bessere Wahl und wird auch immer häufiger gefordert.

Bei vielen meiner (ehemaligen) MitreferendarInnen ist es so, dass sie auch unter den Bedingungen der Ausbildung leiden, aber für sich selbst ganz klar und deutlich sagen: Ich bin LehrerIn und ich will es auch sein. Bei mir war dann halt die Erkenntnis, dass ich nicht der Lehrer bin, der ich gerne wäre, aber auch, dass ich im aktuellen Schulsystem mit all seinen Krankheiten und Fehlern kein Lehrer sein möchte. Entsprechend fehlte mir ab einem gewissen Punkt die Zielvorstellung und ohne diese feste Zielvorstellung ist der Stress noch einen Zacken schärfer, die Ungerechtigkeiten noch etwas unaushaltbarer und die mangelnde Transparenz noch unerträglicher. Die FachleiterInnen hatten entsprechend nicht alleinig den „Schwarzen Peter„, die endgültige Entscheidung lag in mir selbst begründet. Mit „besseren“ FachleiterInnen wäre es nur vielleicht, wie bereits erwähnt, anders gelaufen. Für mich persönlich lässt sich nur feststellen, dass die Entscheidung definitiv richtig war und ich sie seitdem in keiner Weise bereut habe, obwohl es seitdem genug unangenehmen Stress gab.

Die positiven Erlebnisse bin ich abschließend noch schuldig. Ja, es gab sie, die positiven Schülerrückmeldungen, die seltenen, aber vorhandenen Lobe der Ausbildenden. Allerdings vergleichsweise selten, was ab einem gewissen Punkt sicher auch mit meiner eigenen Wahrnehmung als Lehrer zusammenhing. Ob meine SuS mich „mochten“, vermag ich nicht zu sagen, einige sicher. Ob sie meinen Unterricht „mochten“? Ich weiß es nicht, ich selbst mochte ihn oft genug nicht. In einem Kommentar zum ersten Artikel hieß es:

Vielleicht war’s auch – neben allem anderen – nicht das Richtige für dich. Falls dem so ist, sei froh, dass du es rechtzeitig gemerkt hast. Nach der Verbeamtung schafft kaum einer mehr den Ausstieg.

Es war definitiv nicht das Richtige für mich und ich bin wirklich froh, den Absprung geschafft zu haben. Ich stehe jetzt ohne 2. Staatsexamen da4 und genau dieser Punkt der „fehlenden Berufsausbildung“ war und ist, gerade Verwandten gegenüber, manchmal schwer zu vermitteln. Sicher hätte ich das Referendariat irgendwie durchziehen können und wäre auch vielleicht ohne größere (Nerven-) Schäden herausgekommen, vielleicht hätte ich mich auch mit dem System arrangiert, um an die „Fleischtöpfe“ der Verbeamtung heranzukommen. Aber was für ein Lehrer wäre ich dann geworden?

Zu allen Artikeln der Reihe
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  1. Ich habe festgestellt, dass ich tatsächlich Probleme damit habe, wirkliche Grundlagen zu legen. Ich brauche Menschen, die schon ein gewissen Vorwissen und eine gewisse Lebenserfahrung haben, auf die ich zurückgreifen kann. []
  2. „Begeisterung für das Fach“ ist übrigens eine Kategorie, die von einem anderen Fachleiter als intransparent und nicht nachvollziehbar bezeichnet wurde. []
  3. Beides ist natürlich abhängig vom genauen Gegenstand und ich halte mich tatsächlich für einen besseren Literatur-, denn Politikwissenschaftler. []
  4. Was tatsächlich ab und an ein Problem ist. []
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15 Gedanken zu „Kreide kotzen – Römisch drei“

  1. Bei allem Zetern und Mosern über die Bachelor- und Masterstudiengänge: ich bin froh, dass die Lehramtsanwärter und Referendare damit immerhin ein Polster haben, auf dass sie auch auf offizieller Ebene zurückfallen können. Natürlich hat jemand mit dem 1. Staatsexamen genau das Gleiche geleistet wie jemand mit einem Diplom oder Master. Und dass muss man dann auch an den wichtigen Stellen ganz deutlich hervorheben. Auf dem Papier sieht es halt nicht so gut aus.

  2. Diese Anerkennung des 1. Staatsexamens als „vernünftigem“ Abschluss ist tatsächlich ein ziemliches Problem, zumindest ist das mein Gefühl. Wobei es Geisteswissenschaftler ja eh nicht so leicht haben, da das typische Berufsbild fehlt.

  3. Möglicherweise ist die ungerechtfertigte Nicht-Anerkennung des 1. Staatsexamens als ‚vernünftigen‘ Abschluss Mitursache für die Ausbildungs(aus)richtung manches Ref_Seminars: Mit Auszubildenden, die Flexibilitätsschwierigkeiten bzgl. der Berufswahl haben, kann man anders ‚umspringen‘ als mit jemanden, der soz. eine Wahl hat. Ob sich die Flexibilität mit dem MA grundlegend ändert bleibt fraglich. Ich befürchte eher nicht.

    cheers r

  4. Hi Flint,

    kannst du mir bitte die Möglichkeit nennen, wie man Fussnoten ‚verlinkt‘, wie du es deinem Artikel getan hast: Also wenn man auf die Fussnote im Text klickt und anschließend ans Seitenende verwiesen wird – und umgekehrt.

    Sry dass es kein comment zum Inhalt ist; für die Info wäre ich trotzdem höchst dankbar!

    cheers r

  5. Ich stimme dem ersten Poster zu, unter diesen Umständen sich nicht zu verleugnen und zu verbiegen und das Referendariat abzubrechen ist souverän.
    Diverse Referendar/innen genieren sich nicht, mir zu sagen, dass sie eigentlich nur Lehramt studieren „wegen der Jobsicherheit und weil man da eine Familie haben kann“.

  6. Hallo Flint,

    auch die Kooperation im „Kollegium“ ist ja ein ganz wichtiger Faktor für das Gelingen und Misslingen des Referendariats.
    Da scheinen sich meiner Erfahrung nach gewisse schulformbezogene Stereotype teilweise leider zu bestätigen.
    Ich für meinen Teil glaube z. B., dass ich an einer Gesamtschule besser aufgehoben gewesen wäre als einem Gymnasium.

  7. Ja, das Kollegium ist auch mit ein entscheidender Faktor, ebenso die Ausbildungslehrer. In wie weit das aber nun von Schulart zu Schulart unterschiedlich ist, kann ich nicht beurteilen.

  8. Seit 2007 gibt es in Jena ein reines Praxissemester. Ich habe dort über 100 Stunden hospitiert und etwa 65 Stunden selbst unterrichtet + Klassenfahrt + Lehrerkonferenzen + Eltengespräche. Im Vergleich zu anderen und zu früheren Studienmodellen ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung, um mehr Praxiserfahrung im Rahmen der universitären Ausbildung zu ermöglichen. Wer das Praxissemester erfolgreich besteht und daraus Motivation und Selbstvertrauen generieren kann, ist weniger gefährdet am fragwürdigen Refsystem zu scheitern.

  9. Da stimme ich voll und ganz zu. Sehr gute Einrichtung, so ein Praxissemester. Wer noch weitere Universitäten mit sowas kennt: Bitte melden 😉

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