Die Uhren schlagen ins Leere

Am 3. und 4. Oktober 2012 kam die TV-Verfilmung von Uwe Tellkamps „Der Turm“ auf ARD. Schon im Vorfeld wurde der Film mit eigentlich durchweg positiven Kritiken belegt. Um es vorweg zu nehmen: Ich persönlich teile diese Kritiken nicht. Von Tellkamp eindringlich gestaltete Settings und Charaktere wurden verkürzt und verflacht, mehr als durch den Medienwechsel notwendig gewesen wäre. Ein paar Beispiele, die durchaus Spoiler in Bezug auf Buch und Film enthalten: Das Ehepaar Hoffmann war im Film keine Bildungsbürger mehr, sondern fremdgehende Kirchgänger. Christian Hoffmanns Entwicklung, die durchaus in vielen Punkten dem klassischen Bildungsroman gleicht, wurde ebenso verflacht, so dass wichtige Szenen kaum aus der Menge heraus stachen.1

Viel, wirklich viel kann man über diesen Film schreiben.2 Einiges davon wird Die Praktikantin sicherlich noch aufnehmen. Mir geht es aber zunächst nur um das Ende des Films.

Das Buch endet mit einer Art „Polyphonie“. Versatzstücke aus realen und erdachten Dialogen vermischen sich, größtenteils verbunden durch die leitmotivische Wiederholung und Steigerung der Wendungen „…aber dann auf einmal…schlugen die Uhren“ bzw. auf der letzten Seite:

…aber dann auf einmal…

schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, >>Deutschland einig Vaterland<<, schlugen ans Brandenburger Tor:

Rebekka Bolzek schrieb in ihrer BA-Arbeit zur „Bedeutung der Musik in Uwe Tellkamps ‚Der Turm'“:

Das Tempo des Finales in Tellkamps Roman kann im Gegensatz zu den vorherigen Teilen […] als deutlich gesteigert und auch die Grundstimmung kann teilweise als fröhlich, fast überschwänglich empfunden werden. Die erzählten Episoden werden kürzer und wechseln sich häufiger ab.3

Der Film steigert das Tempo zum Finale hin nicht. Es gibt die Radiodurchsagen, die „Wiedervereinigung“ der Familie, zumindest in Teilen und Christian, wie er buchstäblich seinen eigenen Weg geht. Anstatt in den Kreis der Familie zurückzukehren, geht Christian Hoffmann einfach los.4 Die letzten Einstellungen zeigen ihn, wie er durch unberührte Natur läuft und Zugvögeln hinterherblickt.

Auf den ersten Blick ähneln sich das Buch- und das Filmende. Das Buch schließt mit einem Doppelpunkt. Hinter diesem Doppelpunkt kommt nichts, es folgt quasi das Nicht-Vorhersehbare, das unbestimmte. Eine ähnliche Funktion erfüllen auch Zugvögel, wenn sie am Himmel in Richtung ihres Zieles fliegen. An dieser Stelle hören die Ähnlichkeiten aber schon auf. Zugvögel wissen, mehr oder weniger genau, wohin sie fliegen. Diejenigen, die sich mit einem Doppelpunkt konfrontiert sehen, wissen dies nicht.5 Nun kann man, berechtigterweise, einwerfen, dass der Christian Hoffmann im Film auch nicht weiß, wohin seine Reise geht. Stimmt.6 Der Film unterlegt den „Beginn“ von Christians Reise aber mit einer ruhigen, zuversichtlichen Musik, die dem Zuschauer suggeriert, dass ab jetzt alles gut ist.

Im Buch wird die komplette Welt der „Türmer“ durch die schnellen Szenenwechsel, das „Stimmengewirr“, die teilweise sehr abstrusen Gesprächsfetzen demontiert, ja fast brachial zerstört. Was vorher schon im Wandel war, scheint im Buch im Finale endgültig in einem alles verändernden Malstrom zu verschwinden. Begleitet wird diese Dekonstruktion durch das einfache, aber wirkungsvolle Motiv der „schlagenden Uhren“. Uhren schlagen, wenn sie die Stunde anzeigen. Im Finale des Romans schlägt also irgendeine Stunde bzw. die Stunde schlägt irgendetwas/irgendwem. Die Wendung „schlagen die Uhren“ weckt Assoziationen mit lauten Gongschlägen und in Verbindung mit den schnellen Szenenwechseln die Assoziation mit etwas nahendem, vielleicht bedrohlichem, vielleicht gutem, was am Ende des Stundenschlages ankommt. Im letzten Satz schlagen die Uhren dann gegen das Brandenburger Tor. Das Bild des Stundenschlages wird also ergänzt durch einen „Ansturm gegen die Grenze“, die Schläge werden zielgerichtet(er). Dies ist das genaue Gegenteil von „unberührter Natur und friedlich dahinziehenden Wildgänsen“.

Die Entscheidung, die komplette Geschwindigkeit aus dem Finale zu nehmen, ist nur schwer nachvollziehbar. Vielleicht gingen die Macher davon aus, dass „die Zuschauer“ eher ein typisches Ende für Fernsehfilme erwarten.7

Es bleibt ein Film, der, auch wenn er schöne Szenen hatte, leider tiefe Enttäuschung zurücklässt. Uwe Tellkamp soll angeblich zu Tränen gerührt gewesen sein, als er den Film sah. Ich frage mich wirklich, warum.

  1. Immerhin „durfte“ er noch Reina fast vergewaltigen. Diese an sich schon drastische Tat wird aber im Film durch das „Wald-und-Wiesen-Setting“ eines Stücks der eigtl. Brutalität beraubt. Im Buch versucht Christian Reina in einem dreckigen Hausflur zu vergewaltigen. []
  2. Die verwendete Musik! Diese Musik! []
  3. Bolzek, Rebekka: Die Bedeutung der Musik in Uwe Tellkamps „Der Turm“. Magdeburg, 2011 [unveröffentlicht] []
  4. In einem Pulk anderer, junger Leute, was wahrscheinlich eine Art „Übergabe“ der „Alten“ an die „Jungen“ darstellen soll. []
  5. Höchstens aus der Geschichte, aber das sind die Leser, nicht die Protagonisten. []
  6. Die Zugvögel sind hier sicher auch ein Bild für die neue Freiheit. []
  7. Versöhnlich, ruhig, irgendwie „schön“. []

Ein Gedanke zu „Die Uhren schlagen ins Leere“

  1. Nicht zu vergessen, dass Christian am Ende des Buches eigentlich völlig desillusioniert und desorientiert ist. Eigentlich weiß er überhaupt nichts mit sich, seiner Familie, seinen Freunden und der Stadt, in die er zurückgekehrt ist, anzufangen.

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