Vergessene Orte: Bahnhof Brake

Blick aus dem Obergeschoss des Bahnhofes über die Gleiusüberdachung Richtung Binnenhafen.

Mitten im beschaulichen Ort Brake an der Unterweser befindet sich der letzte verbliebene Bahnhof der Stadt. Während die Bahnsteige noch regelmäßig genutzt werden und um 2009 neu überdacht wurden, steht das Bahnhofsgebäude seit ca. 1995 leer.1 Nach einer kurzen Erkundungstour durch Brake, bei der kaputte Fensterscheiben für einen ersten Blick in den Bahnhof genutzt wurden, entstand die Idee, sich nach Begehungsmöglichkeiten zu erkundigen. Eine Mail an den Tourismus & Stadtmarketing Verein Brake wurde von den dortigen Mitarbeiterinnen freundlicherweise an die Stadt weitergeleitet und so entstand der erste Kontakt mit dem amtierenden Bürgermeister Brakes, Roland Schiefke. Dieser übernahm auch selbst die Führung durch das leerstehende Gebäude.2

Blick aus der Eingangshalle „Galerie“.

Von Gleisseite aus das Gebäude betreten, nach eher uninteressanten Räumen erwartet einen kurz darauf das eigentliche Highlight, die alte Eingangshalle. Da sich die Gleise auf Höhe 1. Obergeschosses des Gebäudes befinden, öffnet sich der Flur nach unten hin zu einer weitläufigen Eingangshalle. Während eine leicht geschwungene Treppe ins Erdgeschoss führt, überläuft der Flur in Form einer Galerie die eigentliche Eingangshalle. Da nicht alle der (Buntglas-) Fenster durch Holzplatten verdeckt sind, lassen sich schon auf den ersten Blick viele verschiedene Details erkennen: Die schöne Verarbeitung des Handlaufes, die Mosaikarbeiten im Boden der Eingangshalle oder die Verzierungen der Säulen sind einen genaueren Blick wert, auch wenn die vielen Jahre Leerstand ihre Spuren im denkmalgeschützten Gebäude hinterlassen haben. Dreck, Spinnweben, Schmierereien und Flüssigkeitsflecken zieren die Wände und überdecken zu großen Teilen die Mosaikarbeiten im Boden.

Obwohl die Bahn als Inhaber des Gebäudes ganze Arbeit geleistet hat, als es um die Räumung des Gebäudes ging, lassen sich gerade im Hauptbereich noch genügend Spuren finden, die von früheren, geschäftigeren Zeiten künden: Seien es die alten Colaflaschen-Automaten an denen noch handschriftlich „In Betrieb“ steht und sogar noch die Reste der Inhaltskennzeichnungen (Fanta Zitrone) zu erkennen sind oder die Glastür zum ehemaligen Verkaufsraum für Fahrausweise, die noch Städtetouren, Ferienwohnungen und Erlebnisreisen bewirbt. Offensichtlich gab es im Verkaufsraum auch Souvenirs. Von der Decke hängen noch Haken mit Beschriftungen wie „Zugschlußlaterne mit Teelicht nur DM 29,90“ hängen.

Alte Werbung der Bahn, davor ein alter, wahrscheinlich vergessener Kinderwagen. Rechts geht es zu den Gleisen.

In einem anderen Raum hängen alte Poster an der Wand: Pink Floyd, Terence Hill & Bud Spencer, Landschaftsaufnahmen, Tierbilder, Motorräder und Titelbilder von alten Pulp Magazinen. Man fragt sich, was für ein Raum dies früher gewesen sein mag. Pausenraum? Aufenthaltsraum? Von der Art der Poster zu schließen wurde der Raum wahrscheinlich hauptsächlich von Männern genutzt. In einigen Räumen finden sich die Reste alter Lokalzeitungen, teilweise von 1961.

Im Obergeschoss, welches auf Gleishöhe liegt und deswegen mit Tageslicht gesegnet ist, dann die Reste einer alten Gaststätte. Ein alter Tresen mit den üblichen Schränken und Vorrichtungen, ein alter Geschirraufzug, der in den unterhalb gelegenen Waschraum führt. Eine Etage höher dann alte Wohnräume, alte Tapeten an den Wänden, die wahrscheinlich bald wieder modern werden. Man verliert schnell den Überblick, so viele Treppenhäuser, Winkel und Flure gibt es.

Flur in einem der oberen Geschosse.

Roland Schiefke führt einen geschickt durch das Gewirr von Gängen und Räumen und erzählt über die Kosten einer möglichen Instandsetzung, Problemen bei der Nutzung. Das Wort Kernsanierung fällt häufig. Ein weiterer Flur, hohe Decken, in einem Raum eine massive Holztür. Der Lack glänzt immer noch, es gibt kaum einen Makel an dieser Tür. 16 Jahre Leerstand und diese Tür wirkt, als seien die Mieter erst gestern ausgezogen. „Wertarbeit“ ist der erste Gedanke, „irgendwie deplaziert“ ist der zweite.

In einem Zimmereingang dann plötzlich ein Haufen alter Etiketten mit Haltestellennamen, darauf ein Schlüssel. Zusammengefegt und vergessen. Das Wort „Einschreiben“ fällt einem aus dem Haufen ins Auge, vielleicht war hier mal ein Büro für Mitarbeiter der Bahn.

Später dann noch mehrere Räume. Hier probte bis kurz vor Schließung ein Bläserverein, wofür die Räume vorher genutzt wurden, lässt sich nicht mehr erahnen.

 

Seit 16 Jahren steht das Bahnhofsgebäude leer. Trotz Denkmalschutz bleibt die Zukunft ungewiss. Blickt man von außen in den alten Zeitschriftenladen rechts im Gebäude, so informieren den Betrachter Stellwände über eine mögliche Verwendung des Bahnhofes als Rathaus. Das Rathaus in Brake ist abgängig, die Bürger, zu denen bekanntlich auch die Politiker gehören, streiten und diskutieren über Neubau, Umzug oder Umbau des Rathauses. der Bahnhof hat Potential, das erkennt man sofort, auch ohne dass Roland Schiefke von Planungen und Entwürfen erzählt.

Versuche, Käufer oder nennenswerte Investoren für eine alternative Nutzung des Gebäudes zu finden, sind bisher fehlgeschlagen.

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take only photos leave nothing but footprints
  1. Eine kurze Zusammenfassung und ein Bild des Gebäudes von außen finden sich beim CDU-Stadtratsmitglied Simon Zeimke. []
  2. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Gelegenheit. []

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