Sensible Berichterstattung

In Emden hat sich dieser Tage ein schlimmes Verbrechen ereignet. Ein 11jähriges Mädchen wurde tot in einem Parkhaus gefunden, die Polizei ist sich sehr sicher, dass das Mädchen einem Gewaltverbrechen mit sexuellem Hintergrund zum Opfer gefallen ist. Die Ermittlungen sind noch in vollem Gange, was den örtlichen Zeitungen Gelegenheit gibt, ganz viele Artikel zu veröffentlichen. Der Facebook-Account der Ostfriesen Zeitung (OZ) mutete deswegen zwischenzeitlich wie ein Live-Ticker an. Die teilweise eher bescheidenen Kommentare verschiedener Facebook-Nutzer unter den Artikeln lassen einen teilweise schon am gesunden Menschenverstand zweifeln, was allerdings die „Schwesterzeitung“ der OZ, die ON (Ostfriesische Nachrichten), heute rausgehauen hat, das hat mir beim Frühstück mein essen wieder hochgetrieben. Kurze Vorgeschichte:

Am Donnerstag gab es eine Pressekonferenz (Teil 1, Teil 2) der Polizei Emden, die – abgesehen von Mikrogerücke – eigentlich in meinen Augen von Seiten der Polizei gut durchgeführt wurde. Die Polizei hat kaum Informationen rausgegeben, was bei Laufenden Ermittlungen nachvollziehbar ist. Durch die sparsamen Informationen wurde aber die Sensationsgier der Journalisten nur bedingt befriedigt und genau das schlug sich heute (30. März 2012) im Artikel „Tod Lenas: Noch viele offene Fragen“ von Ralf Klöker nieder. Die Quintessenz des leider nicht online einzusehenden Artikels ist ungefähr folgende: Die Polizei ist doof, weil sie nicht mit uns spielen will. Aber ich greife vor.

Klöker, der laut Auskunft der ON nahezu alleinig die Artikel zum Mordfall schreibt,  startet seinen Artikel mit einer kurzen Beschreibung der Pressekonferenz, nur um dann schnell seine Meinung zur PK durchblicken zu lassen. So schreibt er noch im ersten Absatz:

Die Journalisten bleiben durstig – nach Informationen. Papiere werden nicht verteilt, es wird […] nichts erläutert. Eher sparsam werden ein paar Fakten genannt, werden Nachfragen meist abschlägig beschieden.

Dieses „die Polizei macht keine Angaben“ scheint das Hauptproblem des Herrn Klöker zu sein.1 Im Rest des Artikels scheint Klöker sich in der Rolle des Opfers der „Behördenwand“ zu sehen, an der der „pflichtschuldigst seine Arbeit“ machende, „informationshungrige Journalist regelrecht „abprallt. Journalisten wie er würden „ja auch helfen, zur Klärung beitragen – wie sonst auch, wenn Fahrräder geklaut werden, oder wenn Zeugen gesucht werden für Unfälle, Raubüberfälle etc.“ wollen, könnten dies aber nicht, weil die Polizei so sparsam mit Informationen um sich werfe. Diese fürsorglichen Journalisten haben übrigens, entgegen des Wunsches der Ermittler, den Namen des Mädchens veröffentlicht. Bei der BILD erwartet man das ja fast, aber auch die OZ/ON hatten damit kein Problem und stehen deswegen auch beim Bildblog. Begründung des Redaktionsmitgliedes T.S. bei Facebook für die Veröffentlichung des Namens war übrigens: Weil es die anderen auch schon gemacht haben. So eine Begründung bei Facebook zu posten ist auch nicht von schlechten Eltern. Der Darstellung vom Bildblog wurde übrigens explizit nicht widersprochen. Das sieht dann wie folgt aus, zunächst der Kommentar, auf den im „Gespräch“ mit mir Bezug genommen wurde, danach die kurze Konversation:

Die OZ ist nun nicht deckungsgleich mit der ON, aber es handelt sich um eine Zeitungsgruppe, deswegen halte ich diese Einordnung der „hilfsbereiten“ Journalisten für legitim.

Zurück zum Artikel: Auf der Pressekonferenz wurde von der Polizei außerdem klargestellt, dass die Familie des Mädchens eine Beerdigung im engsten Kreis wünscht. Damit die Bedürfnisse der „informationshungrigen Journalisten“ trotzdem gedeckt werden, wurde ein „Poollösung“ für die Berichterstattung gewählt: Die Beerdigung darf nur von einem Kamerateam des NDR und von einem Fotografen der dpa begleitet werden. Diese stellen das Material dann zur Verfügung. Klöker kommentiert dieses, von der Polizei Emden als bewährt bezeichnetes, Vorgehen wie folgt:

Na immerhin. Darauf haben sich die anwesenden Journalisten einlassen dürfen – die Staatsmacht überlässt hier nichts dem Zufall. Eine deutliche Warnung an die, die sich nicht einlassen wollen: Andere werden keinen Zugang [zum Friedhof; C.H.] haben.

Tatsächlich hat sich die Polizei wohl das Hausrecht für den Friedhof gesichert und diesen abgeschirmt. Begründet wurde dies damit, dass die Familie ungestört Abschied nehmen können soll. Irgendwie scheint auch Klöker dies einzusehen, denn er schreibt weiter:

In meinem Fall bräuchten sie das [die Abschirmung; C.H.] gar nicht: Zu Beerdigungen nach derart schrecklichen Geschehnissen schicke ich eh niemanden.

Warum er sich dann darüber aufregt, das kann ich nicht nachvollziehen. Warum er dann auch noch sagt, auf welchem Friedhof das Begräbnis denn stattfindet, kann ich noch viel, viel weniger nachvollziehen. Diese Information braucht kein Leser, denn wer zum „engsten Kreis“ gehört, der weiß es so und wer nicht dazugehört, der muss es nicht wissen. Noch deutlicher: Der sollte es nicht wissen. Unwissenheit schützt in diesem Fall nämlich davor, dass da Leute hingehen, die da nichts zu suchen haben.
Den Vogel schießt der Herr „Man will doch nur helfen“ aber im letzten Absatz seines Artikels ab. Schon der Beginn des Artikels liest sich, als wäre diesem Absatz ein Kampfbericht vorausgegangen:

Später, als alles vorbei ist, die Kabel eingerollt, die o-Töne aufgenommen und die Schalten beendet, kommen Beteiligten der Pressekonferenz ganz merkwürdige Gedanken.

Tja, was mögen das wohl für Gedanken sein? „Hoffentlich bringen die Ermittlungen schnell ein Ergebnis“, „Mir tut die Familie leid, was die wohl durchmachen“, „Wo hab ich mein Auto geparkt“? Letzteres würde ja durchaus passen, da es sich ja um „merkwürdige“ Gedanken handelt. Aber nein, die merkwürdigen Gedanken, die ja nach Herrn Klöker wohl allen Pressevertretern gekommen sind, sind folgende:

Mit so viel Pressefreiheit, so viel gut gemeinter Presselenkung kann man gar nicht umgehen nach so viel Berufsjahren. Aber schreiben kann man darüber.

Ja, man kann darüber schreiben, aber als Chefredakteur einer Zeitung sollte man vielleicht kurz innehalten und darüber nachdenken, ob man auch etwas sinnvolles zu sagen hat. Oder man denkt über seine vielen Berufsjahre nach und denkt einmal ernsthaft über Rente oder zumindest einen erholsamen Urlaub nach.
Die Keule mit der Pressefreiheit ist an dieser Stelle völlig unangebracht. Wenn die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen, aus Gründen des Opferschutzes, aus Gründen des Täterschutzes oder ähnlichen Gründen nichts sagen möchte, dann ist das nachvollziehbar und in meinen Augen auch durchaus rechtens. Wenn man als Chefredakteur eines lokalen Blattes mal in einer Liga mit Bild&Co. spielen möchte, dann mag das frustrierend sein, es ist aber weder ein Angriff auf die Pressefreiheit, noch ist es eine Lenkung der Presse. Die Ermittler haben darum gebeten, dass bestimmte Details2 nicht veröffentlicht werden und die ON/OZ hat gepflegt drauf gepfiffen, das ist alles.

Nachdem sich dann heute herausgestellt hat, dass der Tatverdächtige kein Tatverdächtiger mehr ist, sondern laut Polizei die Tat nicht begangen haben kann, wirkt der Artikel noch viel lächerlicher und gekränkter, als er es ohnehin schon tat.

Heute war Herr Klöker leider nicht in der Redaktion, ansonsten hätte ich auch gerne noch persönlich mit ihm gesprochen. Dies wird nun hoffentlich kommende Woche klappen, ein kleines Geschenk für die herausragende Berichterstattung habe ich auch noch.

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  1. Oder auch die Tatsache, dass die Polizei es jetzt nicht ausführlich begründet, warum sie keine weiteren Informationen verbreitet. []
  2. Name, Ort des Begräbnisses []
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