Grüne Zukunftskonferenz: Rückschau

Von Claus Hock. Wieder in den heimatlichen Gefilden angekommen. Bisher blieb ich meinen abschließenden Eintrag noch schuldig. In der Rückschau auf die Grüne Zukunftskonferenz stellen sich verschiedene Fragen: Was war gut, was war schlecht? Würde ich da nochmal hingehen? und natürlich: Bin ich jetzt grün?

Gut an der ganzen Veranstaltung war natürlich die Möglichkeit, sie zu besuchen. Das mag jetzt trivial klingen, aber wenn eine Partei schon gezielt Außenstehende einlädt, dann ist das erstmal positiv zu bewerten. Die Konferenz war, abgesehen vom üblichen Chaos, an sich auch völlig in Ordnung. Die Einladung von Außenstehenden in Verbindung mit Chaos führt allerdings zum ersten Kritikpunkt: Wenn man sich Blogger1 einlädt, dann sollte man für a) Steckdosen und b) feste Ansprechpartner, die auch leicht zu finden sind, sorgen. Henning Rasche und ich unterhielten uns2 und er meinte, dass er eigentlich von einer besseren Betreuung und einer größeren Koordination des „Bloggereinsatzes“ ausgegangen sei. Mit dieser Vorstellung war er nicht allein. Auch ich hatte mir zumindest ein kurzes Briefing und eine „Bloggerrunde“ gewünscht. Auch ein Meet & Greet mit den anwesenden, höheren Bündnisgrünen (Cem Özdemir und Claudia Roth) oder zumindest mit Berliner Bündnisgrünen wäre nett gewesen. Wenn man „persönlich“ eingeladen wird, dann will das Ego halt auch ein bisschen was davon abhaben. Besonderen Dank an dieser Stelle allerdings noch einmal an Tobias Schwarz für das Heranschaffen von Verteilersteckdosen in Saal 4. Ohne den Strom hätte uns das meist fehlende WLAN gar nicht gestört, da wir gar nicht hätten bloggen können.3

In den Workshops selbst hätte ich mir einen größeren, inhaltlichen Leitfaden gewünscht. Die vorher einsehbaren Positionspapiere in allen Ehren, aber wenn mehrere Podiumsgäste da sind, die alle nochmal ihre persönlichen Schwerpunkte setzen, dann könnte man auch kurze, individuelle Thesenpapiere verteilen. Wenn auch nur tischweise. Auf dem Podium sitzen traditionell die ExpertInnen, im Plenum allerdings nicht zwangsläufig.4 Im Forum zur Geschlechtergerechtigkeit empfand ich die fehlenden, gedruckten Details als besonders störend, da ich selbst nur oberflächliche Ahnung vom Thema habe und es deshalb besonders schade fand, dass man mit der Fülle an Informationen recht allein gelassen wurde. Dementsprechend war ich in den „Flüsterrunden“ auch keine wirkliche Hilfe. Die Keynotes vor, zwischen und nach den Workshops waren leider auch irgendwie nicht besonders mit den anderen Themen der ZuKo verknüpft, so dass die durchaus qualitativ hochwertigen Beiträge irgendwie frei im Raum herumschwebten und vergeblich nach eindeutigen Anknüpfungspunkten gesucht haben.

Vom Zeitmanagement fange ich nun mal nicht an, das ist wahrscheinlich auf allen Veranstaltungen dieser Art so. Obwohl es schon schade war, dass teilweise die interessanten Diskussionen außerhalb der Workshops stattgefunden haben und nicht in den Workshops. Das hatte allerdings nicht nur Zeitgründe.

Sichtung, was die anderen BlogerInnen so geschrieben haben. Da mich besonders Michéle Hamm beeindruckt hat5, soll einer ihrer Beiträge an dieser Stelle als Beispiel dienen. In ihrem ersten Eintrag schreibt sie unter anderem:

Da ich sowieso keinen Empfang hatte, klappte ich den Laptop zu und versuchte einigermaßen den Menschen an meinem Tisch zu folgen. Ich merkte dass mein Fach-Vokabular nicht ausreichte. Wie denn auch? Der Politikunterricht einer Realschule gibt eben nicht viel her.

Diese Erfahrung bestätigt, was ich im Vorfeld der Veranstaltung schon befürchtet hatte: Trotz einer gewissen Öffnung gegenüber Nicht-Mitgliedern und Neuwählern, bestach diese Veranstaltung durch eine gewisse Niveauhöhe, die zwar je nach Thema sicherlich angebracht, aber trotzdem anstrengend ist. Ich bin sicher kein Freund von Platitüden und halte eine vernünftig unterfütterte Diskussion für sinnvoller, als eine, die nur durch Parolen geführt wird. Ich bin aber auch mit einem gewissen Hintergrund auf diese Konferenz gegangen. Manchmal hatte man aber den Eindruck, dass „term dropping“6 betrieben wurde, anstatt eine „didaktische Reduktion“ zu betreiben. Auf der anderen Seite waren aber auch halt eben mehr „alte Bekannte“, als neue Gesichter da. So interpretiere ich es zumindest, wenn Menschen im Plenum von den RednerInnen mit Namen aufgerufen werden. Man kennt sich halt. Zur Gewinnung von Interessierten war so vor allem der Workshop zur Geschlechtergerechtichkeit in meinen Augen eher also schlecht zu gebrauchen, was aber auch daran liegen mag, dass es ein Thema ist, welches sich nicht in allen Bereichen so leicht „verkaufen“ lässt, es sei denn man beschränkt sich auf sowas wie „equal pay“. Das Aufbrechen von Macht- und Abhängigkeitsstrukturen ist relativ abstrakt und diese Strukturen sind so lange gewachsen, so dass man7 sich da schnell in den Irrungen und Wirrungen verlieren kann. Ändert allerdings nichts an der Wichtigkeit des Themas. Beim Workshop zum Urheberrecht8 fand ich das „term dropping“ nicht so schlimm, allerdings bin ich da auch eher im Thema.9 Leider driftete die Diskussion schnell in, meiner Meinung nach, polemische Bereiche ab, die wenig zielführend waren. Interessant fand ich einen Beitrag aus dem Plenum, in dem gesagt wurde, dass man auch im Bereich des Urheberrrechts und Leistungsschutzes einen „grünen Weg“ bräuchte. Wie der auch immer aussehen mag. Wenn die Grünen es schaffen würden, einen entsprechenden Weg zu finden, dann würde es deren Beliebtheit sicherlich kaum schaden. Ohne diesen Weg wurde auf dem Workshop allerdings nicht so wirklich deutlich, welchen Standpunkt das Bündnis überhaupt vertritt. Anonymität im Internet oder eher doch nicht? Kulturflatrate? Wie soll die aussehen?

Wenn ich weiter an die inhaltliche Seite der Veranstaltung denke, so fällt mir zunächst der Spruch des Zynikers ein:
Solche Veranstaltungen sind prädestiniert dafür, dass die eigene Meinung umgestoßen wird und man die Veranstaltung mit einer anderen Meinung verlässt, als man sie betreten hat. Bin ich jetzt also grüner, als ich es vorher war? Da ich keinen der Workshops besucht habe, die grüne Leib- und Magenthemen ansprechen, würde ich sagen: Nein. Die Geschlechtergerechtigkeitsdebatte entsprach relativ meinen eigenen Standpunkten, die ich jetzt aber eher als „sozial“ und „links“ etikettieren würde.10 Ich kann also jeden beruhigen, der einen „grünen“ Einschlag für irgendwie doof hält: Ich bin nicht grüner, als ich es vorher war.

Würde ich also nochmal auf so eine Veranstaltung gehen? Sicher, vor allem, wenn sich die Veranstalter die paar Kritikpunkte zu Herzen nehmen.11 Die Erfahrung war es allemal wert. Nächstes Mal gehe ich auch auf das anschließende Fest, aber das Wetter und meine Müdigkeit waren zwei gute Gründe dagegen.

  1. Ich weiß, ich gender nicht konsequent. Werde ich mir wohl auch so schnell nicht angewöhnen. []
  2. Nachdem wir uns eher zufällig gefunden haben []
  3. Oder zumindest nicht so lange. []
  4. Wenn man als Blogger mit WLAN-Problemen zu kämpfen hat, dann fördert das die Aufmerksamkeit auch nicht gerade. []
  5. Als Schülerin den ganzen Weg nach Berlin und dann bei einer recht chaotischen Konferenz allen Stolpersteinen zum Trotz am Bloggen, das beeindruckt schon. []
  6. Wie name dropping, nur mit Fachbegriffen. []
  7. No pun intended 😉 []
  8. Nur Männer auf dem Podium! Relativ kurz nach der Geschlechtergerechtigkeit war das schon irgendwie merkwürdig. []
  9. Vielleicht gab es auch einfach nicht so viel davon. []
  10. Cargohose und schwarzer Kapuzenpulli wurde zwar von einer netten Teilnehmerin aus Wernigerode so gedeutet, als wäre das irgendwie typisch „grün“, aber nun. An dieser Stelle übrigens Gruß an Daniela und Danke für’s Stricken. So ganz ohne Klischees wäre es doch irgendwie langweilig gewesen. 😉 []
  11. Liebe andere Parteien, ihr dürft mich natürlich gerne einladen, wenn ihr meint, dass ihr es besser könnt. Diese Einladung richtet sich allerdings nicht an die NPD. []

3 Gedanken zu „Grüne Zukunftskonferenz: Rückschau“

  1. Da bin ich ja erst einmal beruhigt, dass du jetzt nicht den ersten Schritt auf der Kling’schen Politikskala gegangen bist. 😉
    Ansonsten ist das natürlich irgendwie ein bisschen amateurhaft, wenn’s für die extra eingeladenen Blogger weder Strom, noch Internet, noch Ansprechpartner gibt – oder das ganze zumindest nicht zuverlässig funktioniert. Zu den Diskussionen kann ich mangels Anwesenheit natürlich nichts sagen, aber es scheint mir doch typisch zu sein, dass eben keine Thesenpapiere vorliegen, sondern der (Plenums-)Gast sich selbst informieren muss. Inwieweit das zielführend ist, ist eine andere Frage. Aber man stelle sich vor, man hätte Thesenpapiere gedruckt, die dann keiner liest. Die armen Bäume. 😛

  2. Den Teil zu den Rahmenbedingungen (ASP, Strom, WiFi, Zeitplan) kann ich bestätigen. Zu meinen Workshops (R2P und EU-Außenpolitik) muss ich allerdings sagen, dass die Thesenpapiere schon ausreichend waren, um sich grob vorzubereiten.

    Trotz des ganzen Chaos gebe ich dir hierbei natürlich recht:

    „Das mag jetzt trivial klingen, aber wenn eine Partei schon gezielt Außenstehende einlädt, dann ist das erstmal positiv zu bewerten“

    Schönen Gruß

    David

  3. Ja, für die Vorbereitung reichten die Thesenpapiere durchaus. Zum „Mitschreiben“ bzw. zum genauen Verfolgen aber halt nicht unbedingt.

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