Divergierende Wahrnehmung

Gestern war in Aurich großes „Wintervertreiben“. Da bedeutet, dass verkaufsoffener Sonntag war und außerdem der kaufmänniche Verein, das Stadtmarketing Aurich und die Stadt ein Rahmenprogramm in die Innenstadt gesetzt haben. In der Berichterstattung liest sich die Rückschau heute u.a. wie folgt:

Das Ziel wurde erreicht.“ Ein durchweg positives Fazit ziehen die „Macher“ der Aktion „Wintervertreiben“ am Sonntag in der Auricher Innenstadt. „Unser ostfrieslandweites Werbekonzept hat gegriffen“, sagen der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins, Rolf-Dieter Werth, SMA-Geschäftsführer Stefan Dunkmann und Kai Klein von der städtischen Kulturabteilung. Ohne den von der Ratspolitik genehmigten Sonderetat von 100 000 Euro für Veranstaltungen wäre ein solches Event nicht möglich gewesen. „Wir haben wieder einmal bewiesen, dass wir etwas Vernünftiges für Aurich auf die Beine stellen können“, so Dunkmann. Und Werth und Klein sprechen von einem „klasse Ambiente“, vor allem mit den Strandkörben auf dem Marktplatz.

Ich war da und frage mich, welche Ziele denn verfolgt wurden. Die Idee mit den Strandkörben war sicherlich lustig1, allerdings nicht sonderlich stimmungsfördernd. Da saßen halt Leute drin, ein paar saßen zwischen Würstchen und Bierbude, wenige standen beim Stand der Auricher Anti-Alkohol-Aktion2 Ansonsten war der Marktplatz relativ ausgestorben. Die Straßen der Innenstadt waren gut gefüllt, das kann man nicht anders sagen, aber der Marktplatz als Zentrum des Rahmenprogramms war dann doch eher unausgefüllt. Außerdem zielte das Programm, mal wieder, fast aussschließlich auf älteres Klientel. Ein befreundeter Gastwirt drückte es folgendermaßen aus: „Die verstehen nicht, dass Aurich auch eine junge Stadt sein kann.“ Wie recht er doch hat.
Entsprechend höhnisch klingt folgender Satz im oben verlinkten Artikel:

KV [Kaufmännischer Verein; C.H.]-Vorsitzender Werth freut sich besonders, dass die Besucher trotz des breit gefächerten Rahmenprogramms auch in den Auricher Geschäften eingekauft hätten. Kleider und Schuhe seien nach seinen Beobachtungen am besten gelaufen.

Ich glaube eher, dass die Rechnung andersherum aufgeht. Sie müssten sich freuen, dass die Menschen trotz der geöffneten Geschäfte auch mal einen Blick auf das Rahmenprogramm geworfen haben. Die ebenfalls anwesenden Eisschnitzer3 waren noch das aufregendste am Rahmenprogramm. Und wer einmal Eisschnitzer beobachtet hat, der weiß, dass aufregend durchaus relativ ist. Hätte man die Eisschnitzer auf den Marktplatz verfrachtet, dann hätte man wirklich einen zentralen Anlaufpunkt geschaffen. So standen sie mitten in den „Lohnen“4, was wiederum zu Engpässen im Durchgangsverkehr führte. Kleider und Schuhe liefen übrigens besonders gut, weil es halt besonders viele Kleider- und Schuhgeschäfte in der Innenstadt gibt. Das ist so, als würde man sagen, dass Pizzen besonders gut in einer Pizzeria laufen.
Was ansonsten noch auffällig war: Das fehlen von Infoständen. In nächster Zeit laufen mehrere große Veranstaltungen in Aurich, darunter die Weser-Ems-Ausstellung, Aurich Live und natürlich der Tag der Niedersachsen. Solche Veranstaltungen zu bewerben gehört dazu, aber leider hat man am Sonntag die Gelegenheit verpasst. Ein entsprechender Stand auf dem Marktplatz hätte es getan. Wenn schon jemand vom Kulturbüro am „Wintervertreiben“ mitwirkt, dann hätte man auch ruhig noch einen Schritt weiterdenken können. Leider ist dies nicht passiert, aber Hauptsache die Berichterstattung in der ON ist gut und wohlwollend.

  1. Vor der Bühne wurden Strandkörbe im Halbrund aufgestellt. []
  2. Welcher ca. 4m von der einzigen Bierbude entfernt stand. []
  3. Angeblich waren es mehrere, ich habe nur einen gefunden. []
  4. Also…der eine, den ich gefunden habe. []

2 Gedanken zu „Divergierende Wahrnehmung“

  1. Wie soll man diesen Artikel ernst nehmen, wenn Ihnen nicht mal die anderen Eisschnitzer aufgefallen sind und sie spöttisch davon sprechen, dass Sie nur einen Eisschnitzer gesehen haben? Alleine vor Juwelier Gerlach standen zwei. Am Ende der Osterstraße stand einer, in der Burgstraße habe ich zwei gesehen (vor der Deutschen Bank und bei Altstadtfoto). Auch in der Norderstraße erinnere ich mich an wenigstens einen Eisschnitzer.
    Sie hingegen bewerten die Veranstaltung umfassend, sehen aber nicht mal die Attraktionen vollständig. Da kann man nur davon ausgehen, dass Sie gar nicht richtig am verkausoffenen Sonntag unterwegs waren. Nur mecken und sich vor den Fakten drücken. Ein peinliches Werk, dieser Artikel.

  2. Huch, da haben Sie aber einen älteren Artikel ausgegraben. Zunächst danke für die Rückmeldung. Da das 1. „Wintervertreiben“, um das es in diesem Artikel geht, doch schon etwas her ist, kann ich nur in meinen Erinnerungen kramen. Ich habe tatsächlich nur einen Eisschnitzer gesehen und zwar Höhe Silomon. Ob die anderen gerade Pause gemacht haben, als ich da war oder aber ich vielleicht 5m zu wenig gelaufen bin, vermag ich nicht mehr zu sagen. Abgesehen davon, dass die Eisschnitzer (egal, wie viele es nun gewesen sind) tatsächlich sehr gut waren (was ich auch im Artikel schreibe), teilte ich schlicht die Einschätzung der Zeitungsartikel nicht. Warum, das steht auch im Artikel. Von den Eisschnitzern einmal abgesehen: Welche Attraktionen gab es denn noch, die für die besagten 100000€ aufgefahren wurden? Ich erinnere mich nur noch an Musik auf dem Marktplatz und, wie im Artikel beschrieben, die recht große Leere auf dem Marktplatz. Die Menschen waren einkaufen, sicher, das ist aber für einen verkaufsoffenen Sonntag bei annehmbaren Wetter wahrlich keine Attraktion.

    Die Ankündigung zum 2. Wintervertreiben in diesem Jahr liest sich da durchaus attraktionsreicher, allerdings war ich da nicht.

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