Der Hauptmann dreht sich im Grabe um

Wilhelm Voigt, in der Version von Zuckmayr, sagte dereinst:

Richtig! Die [Wanze] lebt, Friedrich! Und weißte, warum se lebt? Erst kommt de Wanze, und dann de Wanzenordnung! Erst der Mensch, Friedrich! Und dann de Menschenordnung!

Im Hauptmann von Köpenick geht es um einen Mann, der einfach seinen Altersplatz im Leben finden will, es aber nicht schafft gegen die „Menschenordnung“ anzukommen, eben weil zuerst an die Ordnung und dann an den Menschen gedacht wird.1


Das Bild, welches Zuckmayr in seiner Tragikomödie von der „Dienstbeflissenheit“ der Preußen-Zeit zeichnet, löst in unserer heutigen Zeit eher ein mildes Lächeln aus. Doch manchmal stellt sich die Frage, ob wir denn tatsächlich so weit von diesem preußischen „Idealbild“ entfernt sind. So war ich neulich in einem Amt, mit dem ich mich in letzter Zeit häufiger rumschlagen muss. Dort wurde mir von einem Mann in der „Leistungsabteilung“2 sinngemäß gesagt, dass man bestrebt sei möglichst wenig Kundschaft in diesem, seinem Amt zu haben. Bei mir läge die Sache aber etwas anders, ich hätte Perspektive und von daher sei es okay, wenn man bis zum August Gnade vor Recht ergehen lassen würde. Im Nachhinein betrachtet wirkt diese Aussage wie etwas, was Reinhard Mey als „schönen Traum“ bezeichnet, mit dem man in die „rauhe Wirklichkeit“ abtaucht.3 Ich hielt diesen schönen Traum auch fest und verpasste, vor lauter Träumerei und vollem Terminplan, einen anderen Termin bei einer anderen Person, aber im gleichen Amt. Am nächsten Tag rief ich an, um meinen Fehler zu gestehen. Das an sich war noch kein Fehler, aber ehrlich sein, das war der Fehler. Ich hatte es vergessen und weil ich dies zugegeben habe, werde ich jetzt sanktioniert. Ich muss aber trotzdem nicht nochmal hin, denn alles, was man mir sagen wollte, wurde mir in 5 Minuten dann am Telefon mitgeteilt. Was ich unterschreiben soll, wird mir zugeschickt. 3 Monate Sanktion, für 5 verpasste Minuten Information. Erst die Wanzenordnung, dann die Wanze, egal wie zuverlässig die Wanze vorher war.

An dieser 5-Minuten-Information ist zusätzlich noch interessant, dass sie quasi das Gegenteil von dem beinhaltet, was mir in der „kühnsten aller Utopien“ zuvor gesagt wurde. Man wolle mich dann doch wahrscheinlich möglichst schnell loswerden und deswegen müsse ich mich nicht wundern, wenn mir einfach irgendwelche Angebote gemacht werden würde. Pfeiff auf meine Qualifikationen. Wenn ich nun vorherige Gespräche mit in die Überlegungen einbeziehe, dann ist diese Aussage an sich nur ein Eingeständnis dafür, dass die Wanzenordnung nicht funktioniert. Die Ordnung, das Recht, das erschöpft sich darin, dass ich monetäre Leistungen erhalte. Monetäre Leistungen machen das Leben leichter, ohne Frage. Aber ich würde auch gerne anderweitige Unterstützung haben. Ich möchte das Netzwerk einer riesigen Agentur nutzen, um meine Chancen zu verbessern oder auch um vernünftige Alternativen aufgezeigt zu bekommen. Aber das, das wird nicht geleistet. Es existiert kein Netzwerk für meinen Menschenschlag, für meine Qualifikationen und Weiterbildung gibt es auch nicht, jedenfalls nicht bei meinen Vorzeichen. Vielleicht bin ich ähnlich naiv, wie Zuckmayrs Wilhelm Voigt es war, aber irgendwas läuft schief, wenn ein Amt nur Geld gibt, ansonsten keine sinnvolle Hilfestellung leistet, und beim kleinsten Fehltritt der kleinen Wanze Sanktionen verhängt.

Hoprecht: […] Ich weiß, daß bei uns das Recht über alles geht!
Voigt: Auch übern Menschen, Friedirch! Übern Menschen, mit Leib und mit Seele! Da jeht et rüber, und denn steht er nich mehr uff.

Ich muss die Sanktionen ertragen, doch frage ich mich, ob sich die Ämtler den Lücken in ihrem System bewusst sind. Meiner Meinung nach sollte das Amt eigentlich folgendes leisten:

  • monetäre Leistungen zum Erhalt eines irgendwie vernünftigen Lebens
  • Bereitstellung von Netzwerk und Kenntnissen, um mögliche Alternativen und Fähigkeiten des Antragstellers so gut wie möglich zu evaluieren, zu fördern und zu nutzen

Die monetären Leistungen bekommen sie ja ganz gut hin, aber bereitgestellt wird eigentlich nichts. Ich will arbeiten, aber bitte nichts als Produktionshelfer in der Molkerei4, sondern in einemj Bereich, in dem mein Studium nicht ganz für die Katz ist. Aber darum muss ich mich selbst kümnmern, dafür gibt es in Aurich kein Netzwerk, also bin ich auf mich alleine gestellt. Das Amt versagt auf dieser Linie komplett, gesteht dies sogar mir gegenüber ein. Anstatt daraus aber Konsequenzen zu ziehen, wird einfach irgendwas anderes angeboten. Es werden Jobs angeboten5, der ansonsten ach so wichtige Lebenslauf fällt hinten runter. Ich muss das verstehen, ich muss damit leben. Ich werde zur Selbstevaluation und zur Flexibilität gezwungen, ich muss widersprüchliche Aussagen zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Das Amt gibt mir Geld, sanktioniert und nimmt keine Rücksicht auf die Fähigkeiten und Ambitionen der Wanze. Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit! In seinem „angestammten“ Gebiet aber nur dann, wenn er sich selbst kümmert. Und sowas haben die Sozialdemokraten mit verzapft. Danke, Deutschland. Danke, Leistungsfetischismus. Und der Hauptmann dreht sich im Grabe um.

Aber ich poche an die Weltordnung, das steht mir nicht zu.

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  1. Später versucht er genau diesen Umstand gegen die Ordnung selbst zu verwenden. []
  2. Leistung ist ein wichtiges Wort, wir werden darauf zurückkommen. []
  3. Reinhard Mey: Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland []
  4. DA vor allem nicht, obwohl ich mich dann mit saurer Milch für die Entlassung meines Vaters bedanken könnte. []
  5. In der Konnotation: (? Gelegenheitsarbeit) eine (meist befristete) Arbeit, die man macht, um (in erster Linie) Geld zu verdienen. []
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