Es steht in der Luft zwischen uns

Lange Zeit passte das Leben im Schrank. Irgendwas ist immer, aber als Schrankbewohner hat man sich eingerichtet. Die Schranktüren stehen Freunden immer offen, man trinkt Kaffee und pafft gemütlich eine. Aber irgendwas hat sich verändert, irgendwas ist anders geworden. Wenn ich mir meinen Schrank im Vergleich zu anderen so anschaue, dann haben alle eine gewisse Individualität. Wo bei mir das Rohr meines kleinen Reiseofens aus dem Schrank guckt, prangt bei manchen eine Klimaanlage. Wo mein Schrank viele versteckte Fensteröffnungen hat, so dass ich oft rausgucken kann, haben andere kleine, an Schießscharten erinnernde Öffnungen. Jeder Schrank hat außen andere Macken, andere Gebrauchsspuren usw. Auch innen sehen Schränke natürlich anders aus. Bei manchen wohnlich und gemütlich, bei anderen eher spartanisch und praktisch.

Nun kommt es häufiger vor, dass Freunde ihre Schränke zusammenstellen und sich treffen. Mal sitzt man draußen, mal trifft man sich im eigenen oder in einem anderen Schrank. Nun sollte man meinen, dass jeder Interesse am Schrank des Anderen zeigt, dass man die individuellen Macken, die jeweilige Einrichtung, also den Schrank an sich dabei unangetastet lässt. Vor allem, weil ja jeder Schrank und auch jeder Schrankbewohner seine eigene Geschichte erzählen kann. Aber während die einen einen weltoffenen Schrank haben, scheint die Schießscharten-Mentalität der neueste Schrei zu sein. So ging es mir an meinem neuen Schrankstellplatz schon häufiger so, dass ich zwar jedes Details des anderen Schrankes mit größtmöglichem Interesse – mal mehr, mal gar nicht geheuchelt – wahrgenommen habe, wenn mir die jeweilige Geschichte erzählt worden ist. Mir wurde diese Ehre im Gegenzug aber eher weniger zuteil. Im Gegenteil, meistens wird nur meine Tapete wahrgenommen, nur die Oberfläche. Wie ich zu meinen Einrichtungsgegenständen gekommen bin, warum wo welche Macke ist, all das scheint nicht zu interessieren. So mancher Gast trägt außerdem jederzeit seine Lieblingsvase oder seinen Lieblingsläufer mit sich herum, drapiert ihn ungeniert in meinem Schrank und erzählt mir dann seine Geschichten. Manche verhängen meine Fenster mit ihren Vorhängen und meine Einrichtung droht manchmal unter all dem fremden Pomp zu verschwinden.

Schlimmer noch, ich gehe dazu über bei Besuchen möglichst wenig meiner Geschichten zu präsentieren, damit niemand meine abgegriffenen Bücher betrachten muss und sich meine Geschichten aus einem fernen Land, aus einer fernen Zeit anhören muss. Ich schaffe Stellflächen für Gastvasen, lege Staubtücher über meine Regale, bewahre die Gastvorhänge auf. Die Fenster werden in der Nacht geöffnet, abgelegene Stellplätze gesucht.

Doch in der Tasche habe ich immer ein Kleinod, etwas das mich an meine eigenen Geschichten erinnert, auch wenn sie keiner hören will.

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