Multidimensionale Kallwass

Wenn man sich an die Anfänge der ganzen Gerichtssendungen zurückerinnert, dann stellt man fest, dass diese zunächst noch versucht haben einen Hauch von Realität zu verbreiten. Mittlerweile tauchen wohl in nahezu jeder Folge Überraschungszeugen auf, die „so schnell wie möglich gekommen“ sind, als sie vom Verfahren gehört haben; Bomben im Bahnhofs Gerichtsklo werden entschärft und was weiß ich nicht alles.1Zwei bei Kallwass“ fing einmal ähnlich an. Nur die beteiligten Parteien, nicht sonderlich viel drumherum. Da eine Person in diesem Haushalt den Kram immer beim (nach-) mittäglichen Schläfchen laufen hat, bekommt man aber das eine oder andere mit, was sich fast wie ein roter Faden durch die einzelnen „Fälle“ zu ziehen scheint: Es wird jemand angerufen.

Ja, das Handy hat Einzug in die fiktionale Praxis der Angelika Kallwass gehalten und wird oft und gerne benutzt. Bei den Telefonaten geht es dann meistens darum, dass irgendjemand in die „Praxis“ geholt werden soll, um eine erneute Wendung in den Fall oder zumindest sowas wie einen roten Faden zu bringen. Erstaunlich dabei sind vor allem zwei Dinge:

  1. Die Angerufenen wissen eigentlich immer, wo die „Praxis“ ist.
  2. Die Angerufenen sind eigentlich immer sehr, sehr schnell da.

Ja, natürlich handelt es sich um „Scripted Reality“. Dieses Prinzip eines solchen „überall und nirgends“-Raumes kommt mir allerdings bekannt vor. Herr Rau hat dazu mal eine bzw. drei Listen erstellt: Geheimnisvolle Läden. Als begeisterter Scheibenwelt-Leser kenne ich solche Läden natürlich auch, vor allem aus „Soul Music„.2 Das Prinzip eines solchen Ladens wird im Cartoon zu Soul Music ganz gut dargestellt, so ab Minute 4:00.

Pratchett überspielt die Tatsache, dass der Laden vorher nicht da war, mit der Meinung der beiden Stadtwachen, dass der Laden schon immer da war.3

Ber der Praxis von Kallwass muss es sich also um so einen Laden handeln, es sei denn Frau Kallwass „praktiziert“ in einer wirklich, wirklich, wirklich kaputten Stadt. Bleibt also, rein literaturwissenschaftlich und nicht so ernst betrachtet, die Frage: um was für einen Laden es sich handelt. Zieht man die Listen aus dem Lehrerzimmer heran, dann kommen ja nur zwei der drei Möglichkeiten in Frage:

  1. Yes, the shop was one of those.” (Harlan Ellison)
  2. Now You See Them – Now You Don’t

Sich die „Praxis“ als „one of those“ vorzustellen ist natürlich ganz lustig, aber ich bin der Meinung, dass Kategorie zwei eher zutrifft, vor allem wenn man die Interpretation von Pratchett heranzieht. Zwischen den Fällen zieht Frau Kallwass wahrscheinlich an einem Hebel und schwupps ist der Laden an einem anderen Ort, aber die Anwohner könnten schwören, dass er schon immer da war. Alternativ wird dieser Ortswechsel auch mal innerhalb eines Falles durchgezogen, aber das dürfte eher die Ausnahme sein. Die Zuschauer müssen ja auch wieder nach Hause finden.

Natürlich könnte die „Praxis“ auch gleichzeitig an mehreren Orten existieren, aber das wäre ja langweilig.

Wenn einer von euch also einen Laden findet, der definitiv gestern noch nicht seit einer Ewigkeit genau an der Stelle gestanden hat, dann geht rein. Frau Kallwass gibt euch sicher einen Tee und außerdem kommt ihr dann ins Fernsehen.

  1. Ich schalte nur manchmal drüber, bin also wahrlich kein Experte. []
  2. Light Fantastic mag ich halt nicht so gerne. []
  3. Der Mensch ignoriert, was nicht sein kann. Sehr gerne von Pratchett genutzt, würde hier aber zu weit führen. Das „problem anderer Leute Feld“ bei Adams funktioniert imo aber ähnlich. []

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