Eine Runde Schwimmen
Ich kann mir die Gesichter bei den ON irgendwie vorstellen. Da muss eine Zeitung zusammengestellt werden und es passiert einfach nicht so viel von dem, was sich wirklich verkaufen würde. Da fallen die Augen zeitgleich auf einen vermeintlichen Fall von Seenot und auf die Uhr, die nur noch 3 Minuten bis zum Druck anzeigt. Also schnell noch was gesetzt, aus Seenot lässt sich was machen. Die Ergebnisse kann man schon im Newsletter der ON bewundern und man hofft als Leser nur noch, dass es sich wirklich um ein schnell für den Newsletter zusammengeschriebenes Stück handelt und nich in dieser Form in der Druckausgabe erscheint. Die Veröffentlichung dieses Textes in der “Online-Ausgabe” ist schon schlimm genug. Auf ein komplettes Zitat verzichte ich an dieser Stelle natürlich, aber ein paar Highlights möchte ich doch jetzt und hier betrachten.
Laut Zählung in Microsoft Word besteht der Artikel aus 228 Wörtern. Schon die Überschrift lässt einen erahnen, worum es geht:1
Norderney: Großeinsatz wegen eines Schwimmers
Es geht also um eine Person, männlich, welche sich vor Norderney im Wasser bewegte. Merkt man, auf welches Wort bzw. welche Wortfamilie ich verzichte? Genau, alles rund um “schwimmen”. Von dieser Wortfamilie hat der Artikel nämlich wahrlich genug:
- Schwimmers
- Rückenschwimmen
- Schwimmer
- Schwimmer
- schwammen
- Schwimmer
- Schwimmer
- Schwimmer
- Schwimmer
Wer den Artikel liest, der wird feststellen, dass man recht schnell den Überblick verliert, wer dann da zu welchem Zeitpunkt, aus welchem Grund, wie im Wasser zugange war. Das liegt nicht nur daran, dass dem Autor dieser Zeilen wahrscheinlich so warm war, dass er nur noch ans Schwimmen im kühlen Wasser denken konnte, sondern auch daran, dass es wirkt, als sei der Artikel von einem nicht sonderlich weit fortgeschrittenen Schüler geschrieben worden. Nachfolgend habe ich einfach mal die Sätze durch ihre “Quintessenz” ersetzt.
Norderney: Großeinsatz wegen eines Schwimmers
Mann brauchte gar keine Hilfe[Zusammenfassung dessem, warum der Notruf abgesetzt wurde]. ["Auflösung" der angenommenen Situation].[Was die Zeugen bzw. Notrufabsetzer als erstes taten.]. [Die Zeugen waren scheinbar im Wasser, begaben sich dann wieder an den Strand. 2. Aktion also]. [Absetzung des Notrufes. 3. Aktion]. [Reaktion der Leitstelle. Seenotkreuzer]. [Begründung für den Notruf]. [Ergänzung, gehört zu Aktion 2]. [Weitere Begründung für großangelegte Reaktion der Leitstelle. Wie diese davon erfahren hat, bleibt ungewiss]. [Betonung, dass eine Reaktion seitens der Leitstelle erfolgte. Ergänzung des Seenotkreuzers um zwei Hubschrauber]. [Ergänzung des Seenotkreuzers und der beiden Hubschrauber um vier weitere Boote]. [Das vermeintliche Opfer war tatsächlich weit draußen].
[Völlig anderer Fall]. [Vermutung über die Ursache des anderen Falles]. [Begründung für den erneuten Fehlalarm].
Am ersten und letzten Absatz lässt sich jetzt nicht sonderlich viel aussetzen. Aber der eigentliche Hauptteil? Eine Aneinanderreihung von Sätzen, ohne Struktur und ohne wirkliche Aussagekraft. Die Formulierung des Hauptteils wirft mehr Fragen auf, als durch die sinnlose Verschwendung von Worten beantwortet werden.
War der Schwimmer der 56-jährige Mann oder kam der noch “erschwerend” hinzu? Wurden von Anfang an ein Seenotkreuzer, vier Boote und zwei Hubschrauber eingesetzt oder wurde erst mit der Meldung der Frau ein neues “Aufgebot” zusammengesetzt? Warum sind die “Zeugen-Schwimmer” nicht weitergeschwommen, wenn sie schon in “gefühlter” Rufweite zum “Opfer-Schwimmer” waren? Kann man in die Nähe von etwas rausschwimmen oder kann man nur in die Nähe oder in der Nähe von etwas schwimmen? Wie warm war es im Büro der ON? Ist das Sommerloch schon so schlimm in Aurich?
An sich hätte man, ohne auf irgendwelche “Fakten” zu verzichten, den Artikel flüssiger und sogar etwas kürzer schreiben können. Mein ad hoc Versuch ist hervorgehoben:
Norderney: Großeinsatz wegen eines Schwimmers
Mann brauchte gar keine HilfeArmbewegungen beim Rückenschwimmen eines Mannes im Wasser beim Nordstrand von Norderney deuteten Schwimmer am Freitag gegen 12.45 Uhr als vermeintliche Hilferufe. Letztlich tauchte der 56-Jährige aber nach Angaben der Polizei eine halbe Stunde später zu Fuß am Strand auf.
Zeugen interpretierten die Schwimmbewegungen eines Mannes fehl und alarmierten nach erfolglosem Zurufen die Rettungskräfte, da sie dachten der Mann sei in der Nähe des Fahrwassers in Seenot geraten und drohe zu ertrinken. Da sich außerdem eine Frau meldete, die nach ihrem seit einer Stunde vermissten Mann suchte, alarmierte die Rettungsleitstelle ein Großaufgebot an Einsatzkräften: Ein Seenotkreuzer, ein Rettungshubschrauber und ein Hubschrauber der Bundespolizei waren im Einsatz, zusätzlich ein Rettungsboot der DLRG und drei weitere Rettungsboote.2 Ungefähr eine halbe Stunde nach der Alarmierung tauchte der 56-jährige Mann wohlbehalten am Strand auf. Er war tatsächlich bis zum Rand des Fahrwassers geschwommen, wobei seine Schwimmbewegungen offenbar von den Zeugen fehlinterpretiert wurden.
Die noch vor Ort anwesenden Rettungskräfte wurden kurz darauf zum nächsten Einsatz gerufen. Eine Damenjeans und ein Damentop wurden an den Strand geschwemmt. Vermutet wurde jemand, der möglicherweise hilflos ins Wasser gelaufen war.3 Die Kleidung war aber Spaziergängern aus dem Rucksack gefallen.
Ja, ich weiß, da sind auch noch Dopplungen drin, dafür ist es auch mittlerweile Mitternacht.4 So schwer ist es wirklich nicht, liebe ON. Wenn ihr Leser halten wollte, dann fangt doch bitte endlich an und bringt das, was ihr eurem Titel nach bringen solltet: Nachrichten.
________- Hervorhebung von mir. [↩]
- Da der Artikel keine Auskunft über den genauen Hergang gibt, habe ich einfach ein plausibles Szenario angenommen. [↩]
- Der Satz bleibt stehen, weil er einfach so merkwürdig anmutet. [↩]
- Und mir ist warm und ich bin müde, also Kommasetzung bitte ggfs. entschuldigen. [↩]

Man kann aber keine Nachrichten bringen, wenn es die gar nicht gibt – da gilt dann halt das Motto: Wer keine Nachricht hat, schafft sich selbst eine.
Und an deinem Meldungsschreiben müssen wir noch arbeiten, Flint.
Ja, ich weiß. Geht sogar noch kürzer.