Die Jugend von heute

Wie wahrscheinlich schonmal irgendwo erwähnt, gebe ich nebenher Nachhilfe. Momentan Schülerinnen und Schüler um die 5. Klasse. Nun geben Kinder, die Nachhilfe brauchen, sicherlich keine besonders repräsentativen Aussagen über die Fähigkeiten und Eigenschaften heutiger Schüler, aber so ein paar Dinge fallen einem doch auf. Vor allem Dinge, die entweder eine Fortsetzung bzw. Steigerung eigener Schulerlebnisse darstellen oder einen kopfschüttelnd im Raum stehen lassen.

Zuerst das Thema Schulranzen: Ich erinnere mich noch recht gut an eine Szene in meiner Grundschulzeit, in der es um das Gewicht des Schulranzens ging. Meiner Mutter erschien mein Schulranzen schon immer verhältnismäßig schwer, aber wahrscheinlich gab es zu der Zeit mal wieder eine Berichterstattung darüber, wie schwer so ein Schulranzen sein sollte. Jedenfalls wog meine Mutter meinen Schulranzen an einem typischen Grundschultag und kam auf einen verhältnismäßig hohen Wert. Die im Griff meines Scout-Ranzen integrierte Gewichtsanzeige stand ja eh schon auf Maximum und man konnte von ihr nur noch ableiten, dass es halt mehr Gewicht war, als die Ranzenhersteller für möglich oder wahrscheinlich angesehen hatten.1 Das Gewicht des Ranzens war also schon Ende der 1980er ein Thema, welches vor allem die Erwachsenen bewegte.2 Nun ist es aber in meiner Erinnerung so, dass „man“, also die Erwachsenen, sich periodisch immer drüber aufgeregt hat, aber nur halbherzige Versuche unternommen hat das Ganze zu ändern. Schließfächer gab es an meiner Grundschule nicht und schränke für Bücher auch nicht so viele und spätestens vor der nächsten Klassenarbeit waren sowieso wieder alle entsprechenden Bücher und Unterlagen zu Hause.3 Heute gibt es hingegen mehr schulen mit Schließfächern, aber scheinbar auch mehr „wichtige und immer hin und her zu schleppende“ Bücher, Mappen usw. Ständig laufen einem hier in Kinder über den Weg, die keine Schulränzen mehr haben, sondern Schultrolleys. Das mag ja für den Rücken besser sein, aber wenn es erstmal so weit ist, dann finde ich das schon etwas bedenklich. Dafür laufen die, die keine Trolleys haben mit Rucksäcken in der Gegend rum, die dem vollen Marschgepäck der Bundeswehr ordentlich Konkurrenz machen. Der Inhalt der Trolleys, Taschen und Rucksäcke gliedert sich dann meistens wie folgt auf:

  • Frühstücksdose und kleine Trinkflasche
  • Federmäppchen (diese eckigen), manchmal schon oder auch zusätzlich ein Federetui (diese runden)
  • Pro Fach meistens: ein Buch (zum Lesen), ein Arbeitsbuch (zum Drinrumschreiben), eine Mappe/ein Heft4
  • persönlicher Kram (Spielzeug, Karten o.ä.)
  • Zusätzliche Hefte für Hausaufgaben und Mitteilungen.5
  • Verschiedenes6
  • keine Blöcke oder ähnliches.

Alles in allem kommt da ein stattlicher Papierberg zu Stande durch den zumindest „meine“ Nachhilfeschüler in den seltensten Fällen durchsteigen.

Apropos durchsteigen: Wie war das früher, wenn man als Kind zu Freunden, in den Verein oder woanders hingegangen ist? Wie hat man sich da gemerkt, wie man wieder nach Hause kommt, wann man nach Hause soll usw.? Wie kam man ohne Handy zurecht? Viele meiner Nachhilfeschüler/innen sind schon in ihren jungen Jahren mit ihrem Handy nahezu verwachsen. „Wirst du heute abgeholt oder fährst du Zug/Bus?“ – „Weiß ich nicht, muss ich eben anrufen.“ Die wenigsten Absprachen, die die Kinder mit ihren Eltern getroffen haben, werden von den Kindern ein paar Stunden später noch erinnert. Für jeden Mist muss die Mutter angerufen werden! Selbst solche Fragen wie „Bis wann hast du morgen Unterricht?“ müssten eigentlich erst mit Mutti abgeklärt werden, wenn man nicht solche Hinweise wie „Guck doch mal auf deinen Stundenplan“ einstreuen würde. Mir ist bewusst, dass die Bindung der Kinder zu ihren Eltern in jungen Jahren noch eine völlig andere ist und man auch nur bedingt Dinge wie Selbständigkeit erwarten kann. Aber zumindest ein bisschen was sollte man doch auch in dem alter schon „trainieren“, oder? Diese ständige Erreichbarkeit für jede noch so kleine Lappalie kann es schließlich auch nicht sein.

Und zu guter letzt: Wikipedia. Wie konnten wir früher Hausaufgaben machen? Also vor Wikipedia? Erinnert sich daran noch jemand?

  1. Wenn ich mir die Schulranzen heute so angucke, gerade die von Scout, dann fällt mir auf wie…modern…die doch geworden sind. Für mich war ein Schulranzen früher immer eckig, auch wenn es schon Schüler mit Rücksäcken gab… []
  2. Die hatten ja auch noch Puste zum Reden. Wir Kinder mussten uns ja mit den Ranzen abschleppen! []
  3. Wobei ich meine, dass wir weniger Bücher hatten als die Schüler heute. []
  4. Macht bei ca. 4 Fächern pro Tag bis zu 8 Büchern. []
  5. Hab ich hier im Blog schonmal erwähnt wie bescheuert ich die Handhabung dieser Hausaufgabenhefte an den mir bekannten Schulen in MD und Umgebung finde? []
  6. Zusätzliche Arbeitsblätter für Wochenpläne oder Projekte oder was Lehrer sonst noch so verteilen. []

7 Gedanken zu „Die Jugend von heute“

  1. Also, die letzte Frage kann ich dir beantworten. Wir waren halt verdammte Genies, so siehts ma aus. Was meinste denn, wer die Wikipedia geschrieben hat, hm? Das waren doch wir und unsere Vorgänger, die wir sie nicht in der Schule nutzen konnten.
    Kein Wunder, dass die Inhalte da immer schlechter werden…ich glaub, ich hab da ne Ursache gefunden…

  2. Mein Sohn gehörte (und gehört heute noch) zu den Sammlern. Wie sein Portemonai heute aussieht, so sah sein Schulranzen früher aus ^^.

  3. Und zu guter letzt: Wikipedia. Wie konnten wir früher Hausaufgaben machen? Also vor Wikipedia? Erinnert sich daran noch jemand?

    Gehen wir doch mal die Fächer durch:

    Mathe: Alles, was man zur Lösung der Aufgaben brauchte, hatte man zuvor in der Stunde gelernt, der Rest stand im Tafelwerk, zur Not hat man ins Buch geschaut.

    Physik: Siehe Mathe, mit ein paar Blicken mehr ins Buch.

    Chemie: Wer da im Unterricht nicht aufgepasst hatte, hatte sowieso verloren. Wer aufgepasst hatte, konnte die Aufgaben in 5 Minuten vor dem Unterricht machen.

    Latein: Vokabeln und der zu übersetzende Text standen im Buch. Die Grammatik im eigenen Heft. Reicht.

    Englisch: Vokabeln siehe Latein. Grammatik ist ja kaum nötig. Arbeitsblattlückentexte erforderten kein Lexikon und mehr Aufgaben gab’s vom Herrn Lehrer nicht.

    Biologie: abgewählt 😛

    Sozialkunde: null Interesse an Hausaufgaben.

    Geschichte: Buch und auf Kopien ausgegebenes Quellenmaterial. Mehr gab’s halt nicht und damit hat man die Aufgaben bearbeitet.

    Deutsch: Entscheidend auch hier: das aktuell behandelte Buch. Bei Themen wie Referat zu freiem Thema ist man halt mal in die Stadt gefahren zur Bibliothek.

    Das alles jetzt nur für die Abiturstufe, davor war es aber auch nicht anders. Was man im Unterricht mitgeschrieben hatte und was im Buch stand, reichte durchweg zur Lösung aus. Tafelwerk war noch unverzichtbar, aber sonst? Was machen denn die Schüler heute mit den Büchern, wenn sie nicht darin lesen sondern in der Wikipedia? Und was schlagen sie in der Wikipedia nach, was nicht in den Büchern steht?

  4. Also, ich gehe jetzt mal von meiner ältesten Schülerin aus (6. Klasse), wobei ich auch hier betone: repräsentativ ist das sicher nicht!

    Nachgucken im Buch, Geo ist da das beste Beispiel: Es wird erstmal spontan behauptet, dass das nicht im Buch stehe und der Hefter wird sowieso nicht bemüht. Im Hefter finden sich zumeist nur irgendwelche kryptischen Mitschriften und Tafelbilder. Einen Zusammenhang zwischen den „aktuellsten“ Einträgen und der HA kann selbst ich nicht immer herstellen.
    In Büchern suchen (Inhaltsverzeichnis, Index) muss ich jedes Mal anregen, von alleine kommt das nicht. Zeigt aber auch schön auf, wie sehr ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden und den Hausaufgaben in dem Alter hergestellt wird.

    Französisch (hatte ich selbst nie): Fast nie können mir die Kinder erklären, was sie eigentlich gerade machen sollen. „Die Lehrer“ erklären ja eh grundsätzlich nichts, sagen eigtl alle meine Schüler unisono… 😉

    Wikipedia: Man wird nicht glauben, wie oft mir die Schüler/innen sagen, dass sie „dafür das Internet brauchen“ bzw. wie oft im Hausaufgabenheft selbst steht: Im Internet recherchieren/nachgucken. Ich hab ja nichts gegen das Internet oder Wikipedia, aber wenn eine Sechstklässlerin eher in der Lage ist bei Wiki, als im Schlagwortverzeichnis des eigenen Buches nachzugucken…

    Aber die Einstellung „Guck doch bei Wikipedia“ setzt sich auch bei einigen meiner Kollegen bzw. Kolleginnen durch. Anstatt bei Literatur eine Oldenbourg-Interpretation o.ä. zu empfehlen, wird auf Wikipedia verwiesen. Dabei ist Wikipedia für Interpretationen von Literatur nur sehr, sehr bedingt zu gebrauchen. Aber so setzt sich „Wikipedia!“ als Antwort durch. Wahrscheinlich löst Wiki in ein paar Jahren „42!“ ab…

  5. Aber die Einstellung “Guck doch bei Wikipedia” setzt sich auch bei einigen meiner Kollegen bzw. Kolleginnen durch. Anstatt bei Literatur eine Oldenbourg-Interpretation o.ä. zu empfehlen, wird auf Wikipedia verwiesen. Dabei ist Wikipedia für Interpretationen von Literatur nur sehr, sehr bedingt zu gebrauchen.

    So hab ich mir »Medienkompetenz« nicht vorgestellt. *augenroll*

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