Probleme eines Mantelträgers

In meiner Heimatstadt Aurich, die ja allseits für Fortschrittlichkeit und neue Ideen bekannt ist, war ich einer der ersten Mantelträger im jugendlichen Alter. Dies war noch vor Littleton und der „Trenchoat Mafia“, vor Erfurt und vor allem auch noch vor einer nennenswerten Grufti-Gothic-Schwarzkittel-Szene in Aurich. Dementsprechend „auffällig“ war ich auch, zumindest in den Augen vieler „Erwachsener“ und meiner Altersgenossen.1 Angefangen habe ich damals mit einem alten Trenchcoat meiner Eltern, später kam dann ein Wachsmantel, wie man ihn aus Western so kennt, ein schwarzer Ledermantel und nun besitze ich auch noch einen igendwie dunkelgrünen Ledermantel, welcher mindestens eine halbe Tonne wiegt.

Einhergehend mit meinem damals neuen Kleidungsstil, meiner bevorzugten Musik und den Geistern der Pubertät wurde ich entsprechend schnell in Schubladen gesteckt. Interessant ist es allerdings, wie diese Schubladen sich so im Laufe der Zeit veränderten. Anfangs waren es eher Sprüche, die darauf abzielten, dass ich mit meinen 15 oder 16 Jahren noch zu jung für solche Kleidungsstücke sei.2 Dann kam Littleton und plötzlich sahen einen nicht nur die Lehrer mit anderen Augen. Gesagt wurde wenig, aber „Trenchoat Mafia“ wurde manchmal fragend gemurmelt und man merkte es in den Blicken der Lehrer und der Erwachsenen, dass ihnen der Trenchcoat/Mantel zum Teil eher unheimlich, denn unpassend erschien. Die Zeit schafft aber Gewöhnung und dementsprechend legte sich das langsam bzw. die ersten Matrixvergleiche fingen an.3 Mit der Anschaffung des Wachsmantels erledigten sich die Matrixvergleiche aber auch fürs erste. Westernvergleiche gab es wenig bis gar keine, jedoch unterschieden einige nicht so genau zwischen den einzelnen Mantelarten. Mantel ist halt Mantel und deswegen für alle, die nicht aus Hollywood kommen oder im Tatort mitspielen nicht statthaft, völlig egal ob der Träger einen Trenchcoat oder einen Reitermantel trägt.

2003 kam dann der schwarze Ledermantel und mit ihm wieder vermehrt „blöde“ Sprüche. Und was sich die Leute nicht alles einfallen lassen. Die einen setzen einen visuell mit Nazis gleich, da die SS ja für ihre Mäntel bekannt war, die anderen haben es da eher mit mehr oder weniger hinkenden Vergleichen. Wahrscheinlich lag es an den eher schlechten Matrix-Fortsetzungen, dass sich Vergleiche mit Neo in Grenzen hielten. Man könnte auch davon ausgehen, dass es an meiner Figur lag, aber dagegen spricht, dass jetzt die Blade-Vergleiche ganz groß in Mode waren. Mit der Zeit gewöhnte ich es mir an, auf so etwas wie „Hey, Blade!“ schlicht zu antworten: „Blade ist schwarz, du Depp!“. Die Gesichter waren zum Teil göttlich.

Ein Vergleich ist mir allerdings noch recht deutlich in Erinnerung. Ich stand damals in meiner damaligen Stammdisco am Rand rum, als mich jemand antippte. Dieser jemand war ein geschätzter Mittzwanziger und relativ betrunken. Es entwickelte sich ungefähr folgende Szene:

Betrunkener: „Hey, du bist doch ein Jedi!“
Ich: „Äh…“
Betrunkener: „Doch, du bist eindeutig ein Jedi!“
Ich :“Ja, wenn du das sagst…“
Betrunkener: „Bist du mir wohlgesonnen? Bist du ein netter Jedi?“4
Ich: „Jaja…“

(Er ging und ich war froh, endlich wieder meine Ruhe zu haben. So ungefähr drei Minuten später dann folgendes. Ich wurde wieder angetippt und der Betrunkene war wieder da.)

Betrunkener: „Du bist wirklich ein Jedi?“
Ich: „Jaaaaaa….“
Betrunkener: „Das ist für dich, damit du weiter nett bist.“ (drückt mir ein Glas in die Hand)
Ich: „…?!“
Betrunkener: „Live long and prosper!“5
Ich: „Ja…äh…danke.“ (Und weg war er.)

Manche Bekannte von mir graben noch heute diesen „Bist du ein Jedi?“-Spruch gerne aus und ich muss sagen: Der Typ war wirklich der symphatischste überhaupt. Daher an dieser Stelle noch ein freundliches „May the force be with you and may you live long and prosper!“, an den betrunkenen Auricher.

  1. Und sollte mich jemand mal wieder gerne im Mantel sehen wollen: Ich werd ihn sicherlich mal wieder anziehen. []
  2. Solche Sprüche prägen wirklich. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich bis heute nicht regelmäßig einen Hut trage. []
  3. Blade-Vergleiche hielten sich zu dieser Zeit erstaunlicherweise in Grenzen. []
  4. Ob er nun wohlgesonnen sagte, weiß ich nicht mehr. Für seinen Zustand drückte er sich auf jeden Fall ziemlich „geschwollen“ aus. []
  5. Nein, das hat er definitiv nicht gesagt. Aber es war irgendein Zitat aus irgendeinem Nicht-Star-Wars-Film. []

2 Gedanken zu „Probleme eines Mantelträgers“

  1. Als „Van Helsing“ hast du damals auch keine schlechte Figur gemacht mit deinem, obwohl „meine“ Lebenserwartung damals nicht sehr lang in deiner Nähe war! 😉

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