Und alle so: WTF?
Eigentlich wollte ich ja nicht über den Flashmob schreiben, der die Kanzlerin in Hamburg mit seiner Anwesenheit beehrte. Ich werde es auch nicht tun. Dafür muss (mal wieder) die Berichterstattung von Spiegel Online dran glauben. Spiegel Online berichtet in diesem Artikel über die Veranstaltung auf dem Hamburger Gänsemarkt.
Die obligatorische Zusammenfassung geht ja noch in Ordnung, lustig wird es aber ab dieser Zwischenüberschrift:
Keine Chance gegen den Flashmob-Terror
Flashmbob-Terror? Insgesamt 2000 Menschen waren auf dem Gänsemarkt, davon “gut drei Dutzend [junge] Menschen, die im Abstand von zehn Sekunden zu ihrem nächsten “Yeah!” ansetzen.” Das steht übrigens noch im “normalen” Teil, wobei auch dort genaueres Hinsehen Stirnrunzeln verursacht. Der Artikel geht nämlich so los:
Angela Merkel ist gekommen, weil sie Bundeskanzlerin bleiben will, dicht gedrängt stehen rund 2000 Menschen vor der Bühne. Es sind zum großen Teil keine Fans, Merkel wird von einem Pfeifkonzert begrüßt.
Dann ändern die Demonstranten ihre Taktik des Protests. Die Kanzlerin beginnt ihre Rede – “Yeah!”, schallt es aus der Menge, und danach gleich wieder, “Yeah!”. Und so geht es weiter.
Ich fasse die Kernaussagen noch einmal zusammen: Insgesamt rund 2000 Menschen, zum großen Teil keine Fans. Diese Veranstalten zuerst ein Pfeifkonzert und ändern dann ihre Taktik.
Hat noch jemand Probleme “großer Teil” und “gut drei Dutzend” in einen entsprechenden Sinnzusammenhang zu bekommen? Naja, was soll’s. “Die Banker” können schon nicht rechnen, was soll man da schon erwarten? Also doch lieber Flashmob-Terror. Zwischen “Keine Chance gegen den Flashmob-Terror” und der nächsten Zwischenüberschrift “Früher protestierte man mit Ohrfeigen, Eiern und Tomaten” fallen schöne Formulierungen, wie: “Das pubertäre Stören”, “penetrant”, “der politische Protest”. Ob der Protest nun pubertär und sowieso und überhaupt kein politischer Protest war, sei nun einmal dahingestellt. Ole Reißmann hat seine Entscheidung ja eh schon getroffen.1 Herr Reißmann schreibt weiter, immer noch vor der Ohrfeigen-Zwischenüberschrift:
Hätte der Flashmob-Terror von den Sicherheitsbehörden im Vorfeld verhindert werden müssen? In Braunschweig wäre so etwas nicht passiert, dort reagierte das Ordnungsamt mit harschen Schreiben auf einen Flashmob-Aufruf im Internet – und es ging nur um ein Picknick, nicht um das Nerven der Bundeskanzlerin. In Großbritannien stürmte die Polizei in Kampfmontur und mit einem Hubschrauber die Feier von einem Dutzend Freunden, die sich im Internet verabredet hatten.
Bilde ich mir das ein, oder klingt es so als würde der Autor es bedauern, dass die Sicherheitsbehörden nicht eingegriffen haben? Mal ganz davon abgesehen, dass der Einsatz in Großbritannien völlig unnütz war, wie SPON selbst schreibt im Original auch verlinkt. Und auch die Picknick-Sache wurde in dem Sinne nicht verhindert2 , sondern konnte im Gegenteil nicht verhindert werden. Auch dies verlinkt Ole Reißmann im Flashmob-Terror-Artikel. Interessanterweise ist der Artikel über den Picknick-Flashmob in Braunschweig ebenfalls von Ole Reißmann. Den Ton, den er dabei trifft ist ein gänzlich anderer als bei der Kanzlerin, aber in Braunschweig ging es ja schließlich “nur um ein Picknick, nicht um das Nerven der Bundeskanzlerin”.
Und schon geht es weiter zum Absatz nach der bereits erwähnten Zwischenüberschrift “Früher protestierte man mit Ohrfeigen, Eiern und Tomaten”. In Verbindung mit dem leichten Gefühl des Bedauerns, welches sich im Absatz vorher einstellt, kommt der geneigte Leser unweigerlich zu der Frage: War jetzt früher alles besser? Wenn “YEAH!” rufen pubertär ist, was ist dann mit Eiern und Tomaten und meinetwegen auch mit Ohrfeigen? Ole Reißmann beantwortet diese Frage zum Glück, wenn er schreibt (Hervorhebung von mir):
Andere Bundeskanzler traf es schlimmer: Kurt Georg Kiesinger bekam 1968 in Berlin eine Ohrfeige, Helmut Kohl wurde 1991 in Halle mit Eiern und Tomaten beworfen, handfeste politische Auseinandersetzungen.
Oha. Ohrfeigen, Eier und Tomaten sind handfeste politische Auseinandersetzungen? Etwas zur rufen ist pubertär? Jemanden anzugreifen (Ohrfeige) oder den Anzug zu versauen ist eine politische Auseinandersetzung und die Gehörgänge etwas zu malträtieren nicht. Mag ja daran liegen, dass ich vor kurzem Aust gelesen habe, aber irgendwie erinnert mich das an ein Zitat von 1968, also aus dem Jahr der Ohrfeige:
Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung, werden hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion.
Na, Herr Reißmann? Bisschen viel 1968er Luft geschnuppert? Da bringt auch die getroffene Abwägung nichts.
Angela Merkel wird lustvoll zugejubelt, das ist an Harmlosigkeit nicht zu überbieten, auch wenn es konzentrierte Zuhörer gehörig nervt.
Können wir uns bitte einmal entscheiden? Ist es nun “Flashmob-Terror” oder an “Harmlosigkeit nicht zu überbieten”? Vertreten Sie ihre Meinung, aber versuchen sie nicht irgendeine Objektivität in den Artikel reinzubringen, Herr Reißmann, die sie stets mit anderen Sätzen wieder grundlegend einreißen. In diesem Sinne steht folgender Auszüge aus dem Schluß des Artikels fast für sich:
Und wie steht es mit einer politischen Botschaft? Die jungen Schreihälse leben schließlich praktisch im Internet [...]
Musste ja kommen, ebenso wie der krampfhafte Versuch die Piratenpartei ebenfalls zu erwähnen. “Tatsächlich wehen auch zwei Fahnen der Piratenpartei in der Nähe der “Yeah”-Fraktion.” Ich wette darum, dass in der Nähe der YEAH-Fraktion auch CDU-Werbemittel hochgehalten wurden. Und um noch einmal auf die politische Botschaft zurückzukommen: Nehmen Sie, Herr Reißmann, doch einfach das nächste Mal ein paar Eier und Tomaten mit, dann bekommen Sie endlich wieder “handfeste politische Auseinandersetzungen” und außerdem kurbeln Sie noch ein bisschen die Wirtschaft an. Der große Teil, bestehend aus drei Dutzend Rufern, braucht sicherlich viele Eier und Tomaten. Vielleicht geben Ihnen die Milchbauern auch noch etwas Milch, die können sie dann verspritzen.
Nachtrag: Nerdcore war natürlich schneller (was überleg ich auch so lange?) und Ole Reißmann freut sich drüber..oder so.
Nachtrag 2: Und nun kommt mir nicht mit “Das war doch Ironie!”. Einige Teile erinnern (stärker) an Ironie, aber im Gesamtbild ist es keine. Wenn es eine sein soll, dann ist sie schlecht formuliert.
________- Nur mal so eine Nebenfrage: Wäre so ein Protest auch bei unkritisierten und im ganzen Volk “beliebten” Politikern passiert? Ist das “Spaß machen” und Ironisieren einer solchen Veranstaltung nicht auch ein durchaus politisches Zeichen? Sind Trillerpfeifen auch pubertär? [↩]
- vor allem nicht von Sicherheitsbehörden. Zitat aus dem Braunschweig-Artikel: “Von der Polizei weit und breit keine Spur” [↩]