Der politische Protest muss gepflegt werden!

„Oh, oh, oh…wo soll das nur hingehen mit diesem Land?“
Allenortens hört man diese Frage. Auf der Straße, in der Stube, in der Schule, auf der Kanzel und in der andächtgen Runde der Studenten. Entschuldigung, ich meine natürlich Studentinnen und Studenten. Oder StudentInnen oder schlicht Studierende. Suchen Sie sich was aus, dafür leben wir in diesem schönen Land. Sagen Sie aber bloß nicht Vaterland. Warum nicht? Haben Sie es nicht gehört? Das Wort „Vaterland“ ist ein Anachronismus und diente in der Zeit des Kalten Krieges als Gegenentwurf zu „Mutter Russland“. Damals stand der Russe vor der Tür, der war ja an die Kälte gewöhnt. Heute aber ist er unser Freund! Ja, applaudieren Sie ruhig ein bisschen, Hauptsache sie sagen nicht „Vaterland“. Wundert mich eigentlich, dass Sie das nicht wissen. Mir scheint sowieso, sie sind sprachlich und gesellschaftlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Nein, nein, das ist kein Grund zu verzweifeln. Selbst die Leute, die es sein sollten, sind da nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Aber dafür gibt es ja die Studentierenden…äh…Sie wissen, was ich meine. Nehmen Sie nur einmal folgendes Beispiel: Selbst Jürgen Habermas wird alt, auf seine alten Tage. Früher Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Sie wissen schon, und heute? Heute redet er von „Verfassungspatriotismus„! Was dahintersteckt, fragen Sie? Das ist egal! Völlig egal! Sehen Sie, das Problem liegt beim Wort „Verfassungspatriotismus“, nicht beim Inhalt. An „Verfassung“ ist nichts auszusetzen. Hätte er „Verfassungsismus“ genannt, ja auch dann wäre alles okay gewesen. Ismen sind nämlich gut. Die zukünftige deutsche Elite, also die, die unser Elternland endlich in eine glorreiche Zukunft führen wird, die mag Ismen, auch wenn sie einzeln auftreten. Also gut, Faschismus mag sie nicht so, aber wenn man ein Neo davor setzt geht es wieder. Neofaschismus, das ist was, über das man sich unterhalten kann und wogegen man etwas tun kann. Neoliberalismus ist auch ganz okay, auch wenn viele noch die alte Version haben. Wer noch nicht die neusten Ismen bekommen hat, der darf auch gerne weiterhin die Dauerbrenner benutzen. Kommunismus, Sozialismus. Sowas halt. Man muss aber aufpassen, nicht jedes Wort verträgt sich mit der neuen Elite und ihren Ismen. Und sehen Sie, hier holen wir den Habermas wieder ein. Da hat der alte Schusselkopp doch glatt den Fehler gemacht und an „Verfassung“ den verschrienen „Patriotismus“ angefügt. Nun müssen Sie verstehen, „Patriotismus“ geht gar nicht. Was? Sie wollen wieder wissen, was Habermas damit gemeint hat? Verstehen Sie doch! Das ist völlig egal! Er hat Patriotismus verwendet, so was macht man nicht! Wenn man weiter an Wörtern wie „Nation“, „Patriotismus“ und all diesem altbackenen, Deutschland-bezogenen Kram festhält, dann wird das nichts! Die Studenten haben das so festgelegt! Hören Sie doch! Halt! Warum gehen Sie weg? Sie…Sie!

[Später am Tag]

Oh, meine Freunde. Das war heute wieder ein Tag. Hatte ich da doch wieder einen im Gespräch, der mir einfach nicht zuhören wollte. Nichts hat der verstanden, absolut gar nichts, dieses blöde Arschloch. Kein Wunder, dass wir immernoch in einer derart faschistoiden Gesellschaft leben. Die Menschen hören uns einfach nicht zu. Apropos zuhören, habt ihr was von diesen Sektierern gehört? Dieser neuen Gruppe? Die haben es auch nicht verstanden. Sind gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit usw., jaja, genau wie wir, nehmen aber echt alles auf. Keine Selektion, keine kritische Begutachtung der Gruppenmitglieder, nichts! Wie kann man versuchen eine tolerante, gleichgestellte Gesellschaft aufzubauen, wenn man nicht genau guckt, wen man mitmachen lässt? Und wo wir gerade bei Mitmachen sind: Wir müssen mal wieder planen. Was wir planen müssen? Egal, wir planen jetzt! Grundkonsens: Dagegen und die anderen sind doof! Wer führt Protokoll? Macht mal jemand Kaffee?…Ja…was? Du hast ein Problem mit deinem Freund und weißt nicht weiter? Und dafür unterbrichst du mich? Sei mal nicht so egoistisch! Wir haben dringendere Probleme, also echt jetzt! Können wir jetzt weitermachen? Ja? Super, toll…

[Quo vadis?]

2 Gedanken zu „Der politische Protest muss gepflegt werden!“

  1. Seeeeeeeeehr lustig! Kennt man das irgendwo aus der FGSE? Ja, sogar ich, als Fakultätsfremder.

    Es gab vor ein paar Jahren mal eine schöne Anzeigenkampagne, weiß nicht mehr von wem, da stand: „Ehre, Heimat, Vaterland sind keine eingetragenen Warenzeichen von Rechtsextremen.“

    Wenn’s halt inhaltlich dünn wird, dann muss man theoretisieren. Komplex vs. Kompliziertheit. Soll ja auch kein anderer verstehen. Sonst hebt man sich ja nicht ab.

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