Das Problem mit dem eigenen Tellerrand

In letzter Zeit stolpere ich ständig über Informationen, die mir vor Augen führen, wie sehr man sich doch in seiner eigenen Sozialisierung bewegt. Über die beiden jüngsten Beispiele will ich jetzt kurz was sagen. Da wäre zum Einen das Blog niemehrschule, in dem Teacher die Frage nach der Pubertät stellt. Durch Zufall ergab sich beim Teacher, dass die Pubertät in Österreich und Deutschland zwar gerne als Generalentschuldigung benutzt wird, dies aber zum Beispiel in Frankreich nicht der Fall zu sein scheint. Hatte ich mir vorher nie Gedanken drüber gemacht, so sehr bin ich in diesem „Daran ist die Pubertät Schuld“-Denken drin.1

Ein anderes Beispiel gab es letzten Freitag in einem Pädagogikseminar. Das Seminar befasst sich mit historischen und aktuellen Problemen des deutschen Bildungssystems. Viele Referate, gegliedert nach Bundesländern. Die bisherigen Referate beschränkten sich zwar leider darauf aufzuzeigen, wie das Schulsystem im jeweiligen Bundesland aussieht, aber auch dabei kann man was lernen. Bisher war mir bewusst, dass in Deutschland das dreigliederige Schulsystem vertreten wird, die einzelnen Schulen in verschiedenen Bundesländern aber immer etwas anders heißen und dass es verschiedene Übergangsformen zwischen den Schulen und unterschiedliche Verweildauern auf bestimmten Schulen gibt. Was mir aber nicht bewusst war, war die Sache mit der Hauptschule.
Ich selbst komme aus Niedersachsen und studiere in Sachsen-Anhalt. Beiden Bundesländern ist gemein, dass die Hauptschule einen extrem schlechten Ruf genießt. Wer die Hauptschule besucht/nur einen Hauptschulabschluss besitzt, der kann sich eigentlich von einer Zukunft verabschieden und sollte schonmal das Ausfüllen des Hartz-IV-Antrages üben.2 Am Freitag war nun das Schulsystem in Bayern dran und der Dozent meinte, dass dieser Ruf in Bayern eben nicht zutreffe.3 Dort sei die Hauptschule zwar auch der „niedrigste“ Schulabschluss, aber das Ansehen in der Wirtschaft sei nicht so schlecht. Um ehrlich zu sein: Mir kam dieser Gedanke bisher gar nicht. Frei nach dem Motto: Die Hauptschule hat in Niedersachsen einen schlechten Ruf, also hat sie ihn gefälligst auch in den anderen Bundesländern zu haben! Diesen Eindruck vermitteln ja auch die Medien ganz gerne. Vielleicht können ja mal Vertreter aus verschiedenen Bundesländern sagen, wie sie die Sache sehen. Zumindest eine Einschätzung von Bayern würde mich auf jeden Fall interessieren.4

  1. Und selbst ich habe Klassen/Schüler von mir schon „achselzuckend“ als pubertierend bezeichnet. Und meine Gesprächspartner haben verstanden, was ich meine. []
  2. Etwas überspitzt, aber es trifft den Kern der Sache. []
  3. Ob es stimmt kann vielleicht Herr Rau beantworten. []
  4. Außerdem interessant an Bayern war, dass auch die Möglichkeit „Studium“ bei jeder Schulart mit angegeben war. []

3 Gedanken zu „Das Problem mit dem eigenen Tellerrand“

  1. Dass der Ruf der Hauptschule in Bayern besser ist als in anderen Bundesländern, das wusste ich – vom Hörensagen. Wie sehr das wirklich stimmt, weiß ich aber nicht, bin also auch nur eien Quelle zweiter Hand. Ich glaube, das stimmt schon.

  2. Zur Fußnote 4: Hier ein Überblick über die Schularten in Bayern: http://www.km.bayern.de/km/schule/schularten/index.shtml

    Tatsächlich gibt es in Bayern viele Wege zum Studium, zumindest an ener Fachhochschule. (Universität: in der Regel Gymnasium.) Mit einem reinen Hauptschulabschluss braucht man meist einen Meister, aber es gibt auch einen Hauptschulzug, der zur Mittleren Reife führt, damit kann man auch über FOS/BOS zur Hochschulreife.

  3. Danke für den Link!
    Studium geht theoretisch auch in Niedersachsen mit (fast) allen Schulabschlüssen. Nur findet man das in den Übersichten meist nicht/kaum. Sowieso wirkt das bayrische Schulsystem „geschlossener“ als in vielen anderen Bundesländern.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.