Liebe Sachbearbeiterin

Liebe Sachbearbeiterin,
ich kann Ihnen leider kaum die von Ihnen gewünschten Belege zukommen lassen. Bis ich Ihren Brief erhalten habe, war ich auch der Meinung, dass ich dies gar nicht müsste. Der Herr X hatte mir telefonisch mitgeteilt, dass ich das Bafög ohne weitere Komplikationen als Volldarlehen beziehen könne. Dies hätte gegenüber den Krediten bei der KfW den Nachteil, dass ich früher und mit fixen Sätzen zurückzahlen müsse, allerdings gäbe es unter Umständen mehr Geld, da die Berechnung des Volldarlehens die gleiche Berechnung wie beim normalen Bafög sei. Auf diese Auskunft und vor allem auf den Satz „Ihre Sachbearbeiterin wird Ihnen dann mitteilen, dass sie nur noch ein Volldarlehen beziehen können.“, habe ich mich verlassen. Vielleicht kommt diese Mitteilung von Ihnen noch, denn anders kann ich mir Ihren Brief kaum erklären. Ich soll Ihnen „ausführlich“ begründen, warum ich die Ausbildung nicht innerhalb der Förderungshöchstdauer abgeschlossen habe? Das habe ich bereits getan.

Ich habe mich politisch in den Gremien der Universität engagiert. 3 Semester1 waren Ihnen 1 Semester länger Bafög wert. 3 Schreiben der Universität über von mir unverschuldete Studienverzögerungen wurden von Ihnen ebenfalls mit einem Semester länger Bafög geadelt. Unter diesen Belegen war eine Bescheinigung, dass ich das erste Pflichtpraktikum (semesterbegleitend) erst im 8. Semester belegen konnte. Also ein Semester vor Ende meiner Regelstudienzeit. An dieser Verzögerung leidet mein Studium immer noch, denn nach diesem ersten Pflichtpraktikum folgen noch zwei weitere, die jeweils eine Dauer von sechs bis acht Wochen haben und kaum semesterbegleitend abzuleisten sind. Sie werden vielleicht sagen, dass dies zu schaffen sei. Sicherlich, wenn man denn einen Praktikumsplatz bekommt. Gerne würde ich Ihnen belegen, dass dies hier in Magdeburg nicht unbedingt so einfach ist, aber wie soll ich das tun, wenn 90% der Schulen die Absagen mündlich erteilen, 9% überhaupt nicht reagieren und gerade mal 1% sich dazu durchringen kann etwas schriftlich zu verfassen? Rufen Sie doch einfach mal in den Schulen hier in der Umgebung an und fragen Sie, was viele Schulen von Praktikanten halten. Praktikanten müssen betreut werden, was einen Mehraufwand für die Lehrkräfte bedeutet. Hierzu sind leider nicht immer viele Lehrer bereit. Außerdem sind viele Lehrer nur angestellt und bekommen, wenn ein Praktikant unterrichtet, die Stunde scheinbar nicht angerechnet. Dadurch ergeben sich Minusstunden und somit eine geringere Bezahlung. Wären Sie dazu bereit weniger Geld zu bekommen, um jemandem in seiner Ausbildung zu helfen? Wenn ja, werden Sie doch bitte Lehrerin! Außerdem beträgt meine Examenszeit gut ein Jahr, gerechnet ab spätestem Anmeldetermin für die Staatsexamensarbeit, bis hin zum spätesten Prüfungstermin. 1 Jahr bedeutet 2 Semester. Diese zwei Semester habe ich schon von Ihnen bekommen, jedoch dienten diese dazu eine ehrenamtliche Tätigkeit2 und Versäumnisse der Universität auszugleichen. Hätte ich innerhalb der regulären Studiendauer3 bleiben wollen, hätte ich spätestens im 7. Semester mein Examen anmelden müssen. Wie denn, wenn ich erst im 8. Semester das erste von drei Praktika ableisten konnte, weil vorher kein Platz für mich im obligatorischen Kurs war? Die beiden anderen Praktika ziehen sich, wollen sie vernünftig gemacht werden, auch über mindestens zwei Semester. Damit wären die Verzögerungen durch die Universität am Ende des 10. Semesters abgegolten. Jetzt beginnt mein zwöftes Semester, in diesem Zyklus werde ich mein Staatsexamen anmelden und bin somit doch eigentlich wieder genau im Plan, oder? Die „Bescheinigung über das voraussichtliche Ende des Studiums“ kann ich Ihnen gerne zukommen lassen, sobald ich mein Staatsexamen angemeldet habe. Also spätestens im Mai und sofern mir das LPA diese Anmeldung bescheinigt. Nach der Information von Herrn X muss ich dies gar nicht tun, aber trotzdem tue ich es gerne, wenn Sie dies wünschen. Ich tue es auch gerne, obwohl sich die Informationen, die man von Ihnen und Ihren KollegInnen bekommt, von Anruf zu Anruf, von Gespräch zu Gespräch und von Brief zu Brief unterscheiden. Im 11. Semester bekomme ich von Ihnen die Information, dass die gesetzlich zugesicherte Studienabschlussförderung a) ein Kredit bei der KfW ist, obwohl Herr Y mir diese am Ende des 10. Semesters als gute Alternative zum Kredit der KfW „verkauft“ hat und b) bekomme ich die Information, dass diese Studienabschlussförderung nur bis zum Ende des 12. Semester gewährt wird, obwohl davon nichts im Gesetz steht. Warum konnte mir das keiner in Ihrer Abteilung sagen, als ich am Ende des zehnten Semesters da war und mehrfach mitgeteilt habe, dass ich am Ende des 13. Semesters/Anfang des 14. Semesters fertig werde? Damals ging es um ein Semester länger Bafög. 10+1 ist 11, bleiben noch 2 bis zur Zahl 13. Die paar Monate, die ich bei ungünstigen Prüfungsterminen noch ins 14. Semester rutsche sind mir doch völlig egal, aber die zahlen legen doch nahe, dass eine Studienabschlussförderung, die nur bis zum 12. Semester gewährt wird, für mich kaum in Frage kommt, oder? Sie sind die Experten bzw. sollten es sein, warum muss man Ihnen also alle Informationen aus der Nase ziehen? Es gibt Menschen, die sich auf Ihre Informationen verlassen, wissen Sie das?4

Was soll ich jetzt also Ihrer Meinung nach tun, außer darauf hinzuweisen, dass ich alle Unterlagen schon eingereicht habe und Sie diese schon begutachtet haben? Was soll ich tun, außer mein Fähnchen immer nach den Informationen zu richten, die ich aus Ihrer Abteilung bekomme, auch wenn diese Informationen sich ständig widersprechen? Achso, ich kann mich natürlich auch nach Frau Schavan richten und putzen gehen. Haben Sie eine entsprechende Stelle frei? Mein Studium abbrechen wäre natürlich auch noch eine Möglichkeit. Abbrechen und eingestehen, dass ich nie auch nur daran hätte denken dürfen Gremienarbeit zu leisten, oder einfach mal zu studieren und Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht tue ich Ihnen den Gefallen tatsächlich noch, aber erst warte ich ab wie oft sich die Informationen aus Ihrer Abteilung noch gegenzeitig widersprechen oder einfach nur lückenhaft sind. Dann bin ich vielleicht wenigstens dazu befähigt in Ihrer Abteilung anzufangen und wir können beide im Rückblick auf diese Situation herzhaft lachen. Ich freue mich schon darauf und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Flint

  1. eigentlich 4, aber wer will denn über angeblich nicht eingegangene Belege streiten? []
  2. Ich werde auch nie wieder ehrenamtlich tätig sein, ich verspreche es Ihnen! []
  3. Wann wurde die eigentlich das letzte Mal evaluiert? Am Anfang meines Studiums wurde mir von der Studienberaterin gesagt, dass 10-11 Semester realistisch seien. Und seitdem hat sich die Situation sogar noch verschlechtert. []
  4. Auch hier gelobe ich, dies nie wieder zu tun! Versprochen! []

3 Gedanken zu „Liebe Sachbearbeiterin“

  1. Ich sags ja, als Ehrenamtinhaber biste die ärmste Sau. Kein Wunder, dass so mancher das Wort gar nicht mehr benutzen möchte.

    Und nu? Wie finanzierste dich?

  2. Organhandel?
    Naja, ich werd erst einmal auf der letzten Info von Herrn X beharren und dann mal weitergucken. Notfalls wirklich an die Frau Schavan halten und putzen gehen…

  3. Oh das Arbeitsamt …*räusper*…die Agentur für Arbeit sucht momentan sehr viele Leute, die Putzen gehen wollen!

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