Praktikum beendet oder Sieg über das Archiv

Am Freitag habe ich mein Unipraktikum (das im Theater) erfolgreich beendet. Kurz könnte man es folgendermaßen beschreiben: Wir waren erst ganz oben, dann ganz unten und dann war’s angenehm.

Aber fangen wir am Anfang an, das macht sich immer besser. Die ersten zwei Wochen haben meine Mitpraktikantin, nennen wir sie K., und ich im Opernhaus verbracht und ein schon existierendes Archiv in eine Datei übertragen. Der Raum war klein, hatte zwar eine Heizung, die aber von einem Schrank zu 4/5 verdeckt wurde, dementsprechend schnell wurde es dort dann auch warm1. Fenster gab es nicht, dafür aber drei Oberlichter. Unsere Betreuerin, Frau V., hat ab und zu nach uns gesehen, schließlich waren wir im selben Gebäude. Die Leute waren früher oder später daran interessiert, warum wir denn da in dem Kabuff hocken und der Duft unseres Cappuchinos durchwehte den Flur und ließ manchen neidisch werden.

Nachdem der erste Teil geschafft war, gingen wir ins Schauspielhaus. Das „Archiv“ befand sich dort im Keller. Wie das Wort schon sagt: es war kalt, wir hatten kein einziges Fenster, geschweige denn Tisch oder Stühle, aber auf Kisten mit Fotos sitzt es sich eigentlich ganz gut. Das im Keller befindliche „Archiv“ war größtenteils unsortiert und man konnte auch nicht unbedingt davon ausgehen, dass das, was auf den Kistchen stand auch in diesen enthalten war, also haben wir erst mal sortiert2. Der Herr S., Generalinspektor des Hauses3, kümmerte sich gut um uns und schaute alle Stunde nach, ob wir noch leben4, Frau V. besuchte uns ein Mal, aber wir waren ja auch im Keller eines anderen Gebäudes, das jetzt nicht so nahe am Opernhaus ist. Ansonsten genossen wir unsere Mittagspausen in der Kantine des Schauspielhauses, die wirklich wirklich viele Fenster, eine Heizung, Tische und Stühle hat, das Essen dort war natürlich auch lecker.

Die K. hatte in dieser Zeit eine Zahn-OP und dementsprechend fielen wir zwei Tage aus. Als ich, K. konnte nicht sprechen, Frau V. anrief und ihr sagte, K. wäre noch einen Tag krank geschrieben, meinte sie „Okay, aber dann müsst ihr die Stunden nachholen.“ Klar, krankgeschrieben sein, is ja auch wie absichtlich fehlen.

Um eine Sache mussten wir uns im Keller übrigens keine Sorge machen: um Feuer. Wir hatten da eine ganze Batterie Feuerlöscher stehen. Mancher Mitarbeiter glaubte uns nicht, dass wir tatsächlich im Keller arbeiten und alle, denen wir anboten, ihnen unseren Arbeitsplatz zu zeigen, lehnten dankend ab5.

Nachdem die K. wieder „gesund“6 war, waren wir auch bald fertig mit der Sortiererei. Dank Herrn S. fühlten wir uns, als wären wir befördert worden: er hatte uns nämlich einen Raum organisiert, in dem wir das Sortierte in Ruhe in die Datei einpflegen konnten, die Sologarderobe. Diese zeichnete sich durch direkte Nähe zur Kantine, ein Fenster, das man sogar öffnen konnte, eine Heizung, einen Tisch, ein paar Stühle, ein Klappbett und eine Steckdose aus. Jetzt waren wir glücklich: jeden Morgen frischen Kaffee von der netten Kantinen-Tante, Begegnungen mit netten Leuten, die einem mal über den Weg liefen, Licht und Wärme7.

Die Frau V. kam auch nochmal vorbei und ich nutzte die Gelegenheit gleich, um sie nach zwei Tagen Urlaub zu fragen, damit ich mit dem Flint, der Nachbarin, einer Bekannten und dem Zyniker zur Buchmesse fahren konnte. Sie meinte: „Ja okay, aber dann müsst ihr die Zeit wirklich nachholen.“ – Kein Problem, jetzt halten wir ja auch länger durch, als im Keller, in dem wir nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet haben8.

Wir verbrachten also schöne Stunden, tolle Mittagspausen in der Kantine, ab und an mit einer der netten Theaterpädagoginnen. Die Mitarbeiter waren interessiert an dem, was wir tun und Herr S. organisierte uns sogar einen Einkaufswagen für den Transport der Ordner. Kurz bevor wir fertig waren, besuchte Frau V. uns auch nochmal.

Der letzte Tag im Schauspielhaus war von Erfolgsgefühlen und Wehmut bestimmt. Die nette Theaterpädagogin nahm uns gleich in den Arm, als wir sagten, dass wir fertig sind und meinte, wir sollten nochmal vorbei kommen. Herr S. sagte das gleiche, nahm uns aber nicht in den Arm9.

Am letzten Tag waren wir dann nochmal im Opernhaus um dort Material einzusortieren, das wir aus dem Schauspielhaus mitgebracht hatten. Die Chefdramaturgin begegnete uns dort auch nochmal. Sie hatte den Praktikumsplatz „Archiv“ beim Vorgespräch vorgestellt und gesagt, dass sie bezweifle, dass wir alles schaffen würden. Dementsprechend freute sie sich fast ein Bein aus, als sie erfuhr, dass alles neu sortiert und aufgelistet ist. Ich habe Freikarten für jedes Stück beantragt, das wir in der Hand hatten, sie sagte, ich soll ihr eine Email mit Wünschen schicken.

Im Büro von Frau V. glichen wir unsere Liste noch mit der Liste einer anderen Mitarbeiterin ab, sie unterschrieb unsere Verträge, bot vergünstigte Karten für ein Stück unserer Wahl an, bedankte sich und verabschiedete uns.

Wir hatten gesiegt!

Was zurück bleibt sind schöne Erinnerungen ans Schauspielhaus, die netten Leute, das gute Essen und den guten Kaffee dort, das Wissen, dass nicht jeder gute Musik hört, eine Abneigung gegen Mitteilungsblätter des Theaters, eine leichte Stauballergie und die Frage: Was hätten wir Frau V. von Herrn S. ausrichten sollen?

Ach ja: ein Archiv-Szaf gibts auch noch. Das wird demnächst mal mit dem Mähony zusammen eingescannt und online gestellt.

  1. ich hätte die Zeit mal stoppen sollen []
  2. aber genau zu diesem Zweck waren wir ja da []
  3. uns mit „Hausmeister“ vorgestellt []
  4. verschwand dann aber oft wieder recht schnell wegen des verführerischen Duftes unseres Cappuchinos []
  5. ich frag mich warum? []
  6. naja, sie sah noch etwas komisch aus und ernährte sich von Babybrei und Suppe []
  7. ja man ist einfach zu begeistern, wenn man zwei Wochen in einem Keller gehockt und staubige Programmhefte sortiert hat []
  8. gnädigerweise; zwischenzeitlich hatte die gute Frau V. dieses Zugeständnis an die Bedingungen aber auch mal vergessen []
  9. aber ich glaube, er war auch ein wenig traurig []

4 Gedanken zu „Praktikum beendet oder Sieg über das Archiv“

  1. Schön, wenn man eine Arbeit mit einem guten Gefühl beenden kann. Hoffentlich wissen die Theaterleute Eure Arbeit zu schätzen. Nicht das wieder alles durcheinander gerät, weil ab sofort keiner mehr den Hut dafür auf hat.

  2. Na, das hört sich doch mal nach einem gelungenen Praktikum an. Da habt Ihr ja ganze Arbeit geleistet 🙂

    Und der letzte Satz Deines Berichtes erfreut mich persönlich natürlich ganz besonders 😀

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