Die Räder drehen sich weiter
Ich muss zugeben, dass mich ein aktueller Artikel in der Online-Ausgabe des UniSpiegels dazu bewegt hat, diesen Eintrag zu schreiben1 . Wie so häufig geht es in dem Artikel – mit dem dämlichen Titel “Studium Bolognese” – um die Bachelor/Master-Studiengänge an deutschen Universitäten. Präsentiert wird ein altbekannter Mix aus “blöder Reform” und “überforderten Studenten”. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Die Umbauarbeiten am dt. Hochschulsystem im Zuge des Bologna-Prozesses sind schlecht durchdacht und die Leistungen sind zwischendurch so stringent geregelt, dass einer Überforderung nichts im Wege steht. Dafür muss man nichtmal unbedingt, wie im Artikel beschrieben, nebenher arbeiten gehen. Aber ein Schritt nach dem anderen.
Selbst der Deutsche Hochschulverband hält die Reform für “weitgehend misslungen”. Und nun zeigt sich, dass die Effizienzsteigerung vor allem die seelischen Probleme der neuen Bachelor-Studenten steigert.
Mir verschließt sich schon seit der Einführung des Bachelor/Master, wie dadurch eine Effizienzsteigerung erzielt werden soll. Die Möglichkeiten für “Langzeitstudenten” jedweder Coloeur zu beschneiden, hat nicht zwangsläufig etwas mit höherer Effizienz zu tun. Klar werden die Studierenden schneller fertig, aber wie werden sie das bitte?
“Ganz fatal ist, dass jedes Bisschen abgeprüft werden muss”, sagt Volker Koscielny, der psychologische Berater der Zentralen Studienberatung der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Die hohe Anzahl der Prüfungen bezeichnete der Hochschulpsychologe als “extrem übertrieben”. Stattdessen sprach er sich für “mehr Freiwilligkeit bei der Anwesenheit in den Seminaren” aus.
Eben diese Abprüferei und bis zu einem gewissen Grad auch die Anwesenheitspflicht in den Veranstaltungen sind alles andere, als förderlich. An der FGSE waren gerade auch die so genannten Modulabschlussprüfungen. Diese Modulabschlussprüfungen sind entweder mündlich, schriftlich oder kumulativ. Kumulativ bedeutet in diesem Fall: Alle Leistungen, die in den Modulseminaren abgeliefert worden sind, werden zusammengezählt und ergeben die Abschlussnote für das Modul. Bei der Variante mündlich/schriftlich handelt es sich um entsprechende Zusatzprüfungen. An einem Institut2 , welches hier als Beispiel dienen soll, gestalteten sich die mündlichen Prüfungen ungefähr so: Jeder Student und jede Studentin, die zur Prüfung antreten konnte und wollte, musste für eine 15 Minuten(!)-Kombinationsprüfung zweier Module jeweils eine Veranstaltung (Vorlesung oder Seminar) angeben, zu dem er/sie geprüft werden wollte. Genau hier kommt das “Bisschen” ins Spiel: Gegenstand der Prüfung war die gewählte Veranstaltung, ohne Eingrenzung. In meiner Zwischenprüfung musste ich noch Themen angeben, zwei pro Fach3 Es sei mal dahingestellt, wie sinnvoll 15 Minuten-Prüfungen für zwei unterschiedliche Bereiche sind und wie sinnvoll es ist, die Prüfer im Eiltempo durch die Prüfungen zu jagen. Laut Prüfungsplan gab es nämlich keine Pausen zwischen den Prüfungen, außer Mittags. Es kann aber sicherlich nicht sinnvoll sein, dass man ein riesiges Themengebiet vorgibt ohne den reinsten Ansatzpunkt, wo der Schwerpunkt liegen könnte. Schwerpunktlose Prüfungen bilden halt nur ein recht oberflächliches Bild ab.
Da in der neuen Studienordnung vom ersten Semester an jede Note wichtig sei, stünden die Studenten bereits zu Studienbeginn unter großem Druck.
Das ist ein Punkt, der dann interessant wird, wenn der angehende Bachelor widersprüchliche Informationen darüber erhält, welche Noten zählen und welche nicht. Für die ersten Semester hieß es hier: Die Noten der Vorlesungsklausuren zählen. Bis es irgendwann im letzten Jahr hieß: Die zählen nicht! Druck dadurch, dass alle Noten zählen, ist eine Sache. Druck dadurch, dass man nicht weiß, was jetzt zählt und was nicht, ist eine ganz andere. Außerdem: Wenn Klausuren aus Vorlesungen nicht zählen, dann hat sich so mancher ganz umsonst den Arsch aufgerissen.
Aber auch die Dozenten sind, sofern sie sich halbwegs kümmern, nicht unbedingt mit der Situation zufrieden. Im letzten Semester wurde eine Dozentin nicht müde zu betonen: “Ich weiß gar nicht, was ich sie in der Klausur fragen soll! Biografische und historische Daten?” Dieses Problem ist nicht von der Hand zu weisen: Vorlesungen sind eigentlich nicht dazu gedacht, Klausuren vorzubereiten. Gerade in den Geisteswissenschaften lassen die Dozenten die Studierenden in Vorlesungen eher an ihrer aktuellen Forschung teilhaben. So sollte es zumindest sein. Die Praxis sieht natürlich – nicht erst seit Bachelor/Master – anders aus. Aber auch die Benotung von Leistungen stellt häufig ein Problem dar. Neben Klausuren und wissenschaftlichen Hausarbeiten4 stehen Präsentationen hier in den Geisteswissenschaften ganz hoch im Kurs. Präsentation bedeutet dabei meistens: Referat. Manche Lehrkräfte verlegen sich dabei auf Einheitsnoten mit geringen Unterschieden, anderen scheint es recht egal zu sein, was wie präsentiert wird (siehe den Liveblog) und wieder andere bemühen sich um einen halbwegs nachvollziehbaren Standard, scheitern aber häufig daran. Dafür stehen PowerPoint-Präsentationen wieder ganz hoch im Kurs, egal ob sinnvoll oder nicht.
“Aber der Praxisanteil ist doch viel höher, als früher!”, mögen jetzt einige behaupten. Naja, ist er das wirklich? Sicherlich bemühen sich die Dozenten und Universitäten den Praxisanteil zu erhöhen, ein Großteil bleibt aber weiterhin graue Theorie. Da können sich meiner Meinung nach auch Politik und Wirtschaft auf den Kopf stellen, die Universitäten fühlen sich wohl in ihrem Elfenbeinturm. Die Welt außerhalb des Turms dürfen da gerne die Fachhochschulen besetzen.
Der Erfolgsdruck sei enorm, insbesondere dann, wenn nur 30 Prozent der besten Bachelor-Absolventen ein Master-Studium anschließen dürften – wenn also der erste Abschluss zur Sackgasse wird.
Das Problem ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, vor allem da man, soweit ich weiß nicht unbedingt problemlos mit dem Bachelor der Uni A in den Master der Uni B hinein kann. Bei den “alten” Studiengängen bestand diese Auswahlhürde, wenn es um die Promotion ging. Im Bachelor/Master wird noch früher selektiert, wobei allerdings der Bachelor bedeutend weniger “wert” ist, als das Diplom oder der Magister. Und man kann ja über die nachkommenden Generationen behaupten, was man will: Dieser Umstand dürfte den meisten sehr, sehr klar sein.
Abschließend noch ein Wort zu den “alten” Studiengängen.
Studenten “alter” Studiengänge fürchten, unter die Räder zu kommen.
Diese Befürchtung ist sicherlich mehr als berechtigt, aber man ist ja selbst schuld: Man “bummelt” ja.
________- Wenn nicht anders gekennzeichnet stammen alle Zitate aus dem verlinkten Artikel. [↩]
- na, wer errät an welchem? [↩]
- Auch bei mir gab es die entsprechende Kombinationsprüfung, nur mit einer länge von 30 Minuten, soweit ich mich richtig erinnere. [↩]
- Häufig in drastisch reduziertem Umfang [↩]

Jo, eine Zwischenprüfung alten Stils hat 30 Minuten, dabei werden zwei Themen abgearbeitet.
Du hast aber einen wichtigen Punkt vergessen: Außeruniversitäres oder extracurriculares Engagement. Viele Bachelorstudenten, die ich kenne, können sich nur schlecht neben dem Uni-Stoff noch irgendwo engagieren, sei es bei einer politischen Hochschulgruppe oder ehrenamtlich in irgendwelchen Vereinen oder Studentenportalen (*hust*), schlicht deshalb, weil sie keine Zeit dafür haben. Das führt im Moment auch zu einem größeren Nachwuchsproblem bei den studentischen Organisationen allgemein, und ich weiß nicht, inwiefern es sinnvoll ist, die Ausbildung derart zu verkürzen, um am Ende dann Absolventen zu haben, die vor lauter Prüfungen kaum wissen, wo ihnen der Kopf steht, die aber auch außerhalb ihres Studiums kaum andere Erfahrungen gesammelt haben. Ist nicht gerade mal wieder festgestellt worden, dass es Studenten an Allgemeinbildung mangelt? Ständige Prüfungen und Stress tragen nicht dazu bei, dieses Problem zu lösen.
Und ich möchte gar nicht davon anfangen, dass im Schnitt nur 20% der BA-Absolventen ein Masterstudium anfangen (können)…
Gesegnet seist du, lieber Flint!
Ich habe es regelrecht genossen, diesen ausführlichen Text zu lesen. Die Problematik mit der Du dich befasst, hätte ein längeres Zitat von mir sein können
Ich studiere bereits zum zweiten Mal und es hat sich nach wie vor nichts geändert. Der Druck ist enorm hoch!
Ich bekomme kein Bafög und muss daher nebenbei arbeiten!
Ich habe mir einen Zeitplan erstellt, um mir einen Überblick zu verschaffen, doch im Prinzip ist es ein Ding der Unmöglichkeit, sowohl die Uni als auch die Arbeit unter einen Hut zu bringen…
Freizeit???- hab ich keine! Die Semesterferien nutze ich meistens, um mich durch Praktika weiterzuentwickeln! Wohin führt dieses Chaos eigentlich hin! Ich glaube mittlerweile, dass wir am Höhepunkt unserer Zivilisation angekommen sind und das sich die Politiker nicht trauen, die schreckliche Wahrheit auszusprechen!
Ich arbeite bereits an “Plan B” und hoffe, dass ich irgendwann ein gefestigtes Leben führen kann!
Unsere Eltern erzählen immer, dass es so leicht wäre, doch wir leben zu ganz anderen Konditionen, als sie es früher taten!
Ich kann nur jedem empfehlen:
“Steckt den Kopf nicht in den Sand, denn am Ende wird alles gut”- mit dieser Einstellung lässt es sich zumindest leichter leben!
Mit freundlichem Gruß,
Danke