Wehe wenn sie losgelassen

Wie vorhin schon angemerkt nun meine Anmerkungen1 zu den streikenden Schülern.

Zuerst muss ich wohl sagen, dass ich eigentlich richtig begeistert war als ich hörte, dass die deutschen Schüler bundesweit in den Streik treten, bzw. einen Tag lang demonstrieren, um auf die Bildungssituation in Deutschland aufmerksam zu machen. Ich bin in meiner Schullaufbahn einmal gegen überalterte Kollegien und mangelnde Neueinstellungen auf die Straße gegangen und begrüße politische Partizipation eigentlich in fast allen Fällen. Ich hab auch grundsätzlich nichts gegen etwas ausgefallenere Aktionen, doch bei der Betrachtung von diesem Video konnte ich eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln und das hatte mehrere Gründe. Erstmal der Polizist, der dem Jugendlichen gleich zu Anfang des Videos voll in die Fresse haut. „Überfordert“ kann man das auch nennen, ja. Wobei man bei solchen Zusammenschnitten auch bei SPON besonders vorsichtig sein muss. Dementsprechen verurteile ich das, was „die Schüler“ da später angestellt haben zwar, aber hoffe, dass es sich nur um ein paar wenige Idioten handelte. Öffentliche (Bildungs-)Einrichtungen aus Protestgründen zu besetzen finde ich dabei nicht wirklich verwerflich, jedoch muss man das besetzte Gebäude dann nicht verwüsten, kein Feuer anmachen und auch keine Ausstellung (egal welcher Art) demolieren. Aber zum Glück relativiert sich die „Berichterstattung“ von SPON bei einem Blick zur Tagesschau. Bei der Tagesschau wirkt die ganze Aktion gleich ein bisschen besser.

Was mir aber bei dem SPON-Video aufgefallen ist, ist der „Typ vonner Antifa“. Liegt das eigentlich in der deutschen Mentalität sein Gehirn abzugeben, sobald man eine Flagge in die Hand bekommt? Oder ist das eher so ein allgemeines Problem der Menschheit?

Und warum scheint Frau Sperber kurz vor einem Lachanfall zu stehen, wenn sie sagt, die Schüler würden 68er spielen?

Und Herr Schmidt, warum verteidigen sie auch noch die Krawallmacher und zeigen Verständnis? Politische Partizipation: Ja! Für die eigenen Rechte und Interessen eintreten: Ja! Steine schmeissen und fremdes Eigentum demolieren: Nein! Solche Krawallmacher muss man doch davon überzeugen, dass es andere Wege gibt und ihnen nicht auch noch den Rücken stärken. Ich wette darauf, dass die Krawallmacher nicht zur Demo gekommen sind, weil sie mehr Bildung wollen, sondern weil sie mal richtig schön die Sau rauslassen wollten.

(Zu den interviewten Teilnehmern sag ich jetzt mal nichts.)

Was ich bei der ganzen Sache aber wirklich bedenklich finde, egal wie einzelne Schüler bei den Demonstrationen auftreten: Ich habe jetzt in vielen Artikeln gelesen, dass „die Lehrer“ den Streik nicht unterstützen würden und dass die Politik „Konsequenzen“ androhe. Wollen die Einen sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und fällt den Anderen nichts besser ein, als erstmal Kontra zu geben?

Bin ja mal gespannt wie die ganze Sache so weitergeht.

  1. Wenn das mal nicht ein dickes A! am Rand gibt []

2 Gedanken zu „Wehe wenn sie losgelassen“

  1. Danke für den Link im Beitrag vorher, ich hätte das Video sonst wohl nicht gesehen. Insgesamt: Hm. Den prügelnden Polizisten habe ich nicht gesehen, soll aber sein. Zu den interviewten Schülern und anderen Teilnehmern sollte man schon auch was sagen.
    An sich finde ich es gut, wenn Schüler sich ein bisschen politisch aktiv zeigen und streiken. Auch wenn die Mitstreiker und unterstützenden Organisation mir zu peinlich gewesen sind. Trotzdem habe ich den Streik nicht unterstützt. Der Hälfte meiner Klassen (wie es sich halt ergeben hat) habe ich von dem Streik erzählt; die meisten Schüler wussten gar nichts davon. Ich unterstütze die Hälfte der genannten Ziele nicht, auch wenn es Zeit für ein Signal gegen den Zustand der Bildung wird. Bundesweit lassen sich die Ziele ohnehin nicht über einen Kamm scheren. Das G8 ist in den Bundesländern zu verschieden. Und ich kann doch nicht für oder gegen das mehrgliedrige Schulsystem in anderen Bundesländern streiken, von denen ich nichts weiß – und im Prinzip ist nichts falsch an Mehrgliedrigkeit. Kann man gut oder schlecht machen.

    – Meinen Schülern habe ich gesagt, dass sie allenfalls mit einem Verweis zu rechnen hätten, aber sehr vermutlich nicht mal dem (ohne dass ich in die eine oder andere Richtung von der Schulleitung etwas gehört hatte), und dass das sie so oder so nicht abschrecken sollte. Aber sind nun mal für das mehrgliedrige Schulwesen (weil sie es so gewohnt und auf dem Gymnasium sind) und leider ehrlich gesagt auch nicht sehr unter dem G8.

  2. Okay, dann sage ich auch nochmal ein bisschen mehr.
    Zu den Interviews: Das war weniger gegen die Interviewten gerichtet, sondern eher gegen die Auswahl der Interviews. Wenn man jemanden oder etwas „diskreditieren“ will, dann zeigt man solche Ausschnitte. Obwohl es, glaube ich, zum Teil auch symptomatisch ist, dass viele Teilnehmer auf Demonstrationen gar nicht so genau sagen können warum sie da eigentlich gerade demonstrieren (wenn man eine Kamera auf sie richtet sowieso nicht). Soetwas lässt sich sicher auch gar nicht vermeiden, nur stellt sich mir immer die Frage: Warum sind die dann überhaupt da? Zeitvertreib? Oder können sie ihre Anliegen wirklich einfach nicht formulieren, sondern haben eher so ein „Bauchgefühl“. Oder sind die gestellten Forderungen zu abstrakt und zu weit weg? Das geht auch so ein bisschen in Richtung G8 und mehrgliedriges Schulsystem. Meine Meinung zu beiden Sachen ist durchwachsen. In Niederdsachsen habe ich 13 Jahre Schule hinter mich gebracht und bin nicht der Meinung, dass das zu lang war. Allerdings habe ich schon erlebt, dass einige meiner alten Lehrer unsere damaligen Stundenzahlen (2002) schon verklären. Ich hatte eigentlich im Mittel jeden Tag 6 Schulstunden, was man mir als „seltenen Extremfall“ verkaufen wollte, als ich mich Anfang des Jahres mit einem Lehrer über G8 und den zusätzlichen Stundenaufwand unterhielt. Natürlich bin ich auch durch das mehrgliedrige Schulsystem gewandert, wobei ich mittlerweile der Meinung bin, dass die Selektion auf der einen Seite übertrieben wird (zu früh zu viel Leistungsdruck), aber auf der anderen Seite auch zu inkonsequent durchgeführt wird. Es kommen (subjektiv) immer noch zu viele Schüler direkt aufs Gymnasium, obwohl sie da überfordert sind. Da wäre eine spätere Eingliederung wahrscheinlich sinnvoller, sofern Realschulen darauf überhaupt vorbereiten (können). Worauf ich alter Lakoniker hinaus will: Kennen die Schüler überhaupt wirkliche Alternativen zu G8 (in den Bundesländern, in denen G8 schon länger der Standard ist) oder zum mehrgliedrigen Schulsystem? Können sie ihre Forderungen also überhaupt soweit artikulieren? Ein paar in den „Führungsetagen“ der Schülervertretungen wahrscheinlich, aber die Mehrheit? Irgendwie kann ich da nicht so richtig dran glauben.

    Zu dem Umstand, dass die Schüler kaum was über den Streik wussten: Ja, irgendwie klappt die Kommunikation in den einzelnen Schülervertretungen fast nie. Finde ich eigentlich sehr schade.

    Zu den Forderungen: Ich hatte das eigentlich so verstanden, dass es zwar „globale“ Forderungen gibt, sich die Feinheiten aber in den einzelnen Bundesländern unterscheiden. Das wäre sinnvoll, überall gegen das gleiche protestieren natürlich weniger.

    Und zu den unterstützenden Organisationen: Ja, es ist merkwürdig, aber scheinbar (zumindest vermittelt es so die Berichterstattung) sind es immer die gleichen Organisationen, die sowas unterstützen und die sind eigentlich alle irgendwo auf der linken Seite.

    Aber ja, das Signal halte ich auch für wichtig, nur muss da noch mehr nachfolgen, sofern es denn was bringen soll.

    (etwas ungeordnet alles, entschuldigung)

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