Die Leichtigkeit des Seins

Es ist doch eigentlich erstaunlich, wie schwer wir uns das Leben manchmal machen. Ständig richten wir unser Leben nach Zwängen aus, die wir uns selbst geschaffen haben. „Ich habe keine Zeit!“ – „Ich muss die Erwartungen erfüllen!“ – „Ich muss noch was erledigen!“ – „Ich darf nicht, ich kann nicht, ich muss, ich soll…“ – usw. Es ist selten, dass man es schafft sich von diesen Zwängen zu lösen1 und wahrscheinlich trifft man genauso selten jemanden, der es geschafft hat sich von diesen Zwängen zu lösen.

Ich kannte mal so jemanden, oder sollte ich lieber sagen, dass ich so jemanden kenne? Der Kontakt ist leider ein bisschen eingeschlafen, deswegen kann ich nur bedingt einschätzen, ob diese Zwanglosigkeit noch gegeben ist. Naja, jedenfalls ist, bzw. war sie ein erstaunlich ungezwungener Mensch. Zwar fester Job/Ausbildung, jedoch blieb die Spontanität nicht auf der Strecke. Man könnte sagen, dass das „Ich will…“ das „Ich sollte/muss…“ fast immer dominierte, ohne dabei ins Verantwortungslose abzugleiten. Nachdem ich sie kennengelernt habe, verbrachten wir recht viel Zeit bei ihr, tranken Wein, schmiedeten Pläne und unterhielten uns über Musik, Filme, Gesellschaft, Politik und so weiter.2 Auch die Gespräche waren gekennzeichnet von einem ganz besonderen, nun, Zauber. Meistens legte sie eine Art ungezwungener Naivität bei ihren Meinungen an den Tag, die bezaubernd und erfrischend zugleich war. Jedes Problem hatte in ihren Augen eine einfache Lösung. Ich glaube die Welt war für sie einfach ein einziges Wunder, etwas, was es zu entdecken, zu erfahren, zu erleben und zu genießen galt. Auch mein stoisches Wenn und Aber konnte daran irgendwie nichts ändern.3

Ich glaube, ich habe die Zeit stärker genossen, als mir damals wirklich bewusst war. Ich mochte sie. Ich mochte die Zeit mit ihr. Und das aus mehreren, verschiedenen Gründen, wobei ich ihre herzerfrischende Art, ihre Art des Anders-Sein, ohne dabi komplett aus dem Rahmen zu fallen, wohl am meisten geschätzt habe.

Wie gesagt ist mittlerweile der Kontakt etwas eingeschlafen und sie hat sich auch verändert. Sie ist sesshafter geworden und hat, so glaube ich, vieles von ihrer „Naivität“ eingebüßt. Ich will keine Aussage darüber treffen, ob dies nun gut oder schlecht ist. Nur manchmal frage ich mich, ob es nicht angebracht wäre, sich mehr nach sich selbst, denn nach anderen zu richten. Leider(?) ist es mir nie geglückt, mir etwas von ihrer Leichtigkeit anzueignen, aber häufig vermisse ich die unbeschwerte Zeit mit ihr.

  1. Ich schreibe extra nicht „weitestgehend zu lösen“ oder „so gut es geht zu lösen“, weil das eine Einschränkung wäre, die ich an dieser Stelle nicht machen will. []
  2. Ich glaube, dass ich in meinem ganzen Leben nicht so viel Wein getrunken habe, wie zu der Zeit. []
  3. Und ich glaube, dass eh meistens sie Recht hatte. Trotz oder gerade wegen der Einfachheit ihrer Lösungen. []

2 Gedanken zu „Die Leichtigkeit des Seins“

  1. Versuch es einfach mal mit der „Leichtigkeit des Seins“. Schieb Deine „schwarze Seite“ einfach mal in die Ecke und lass sie, wenigstens eine Weile, dort. Du kannst nur gewinnen.

  2. Ach, Leichtigkeit des Seins. Sowas gibts gar nicht. Das Leben ist, wie’s ist – und leicht ists nicht.
    Aber zu deiner Beruhigung empfehle ich, dass du öfter mal an den Titer der zweiten phdcomics-Sammlung denkst: Life Is Tough And Then You Graduate

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