Tagschicht I
Es war 8 Uhr morgens und ich saß auf dem Dach des ehemaligen Landkreises. Wie eigentlich jeden Morgen fragte ich mich, warum ich eigentlich noch am Leben war. Ich nahm einen Schluck Kaffee und ließ meinen Blick über die Reste der Stadt wandern. Man musste wenigstens zugeben, dass sie grüner war, als früher. Nach dem Ereignis, welches klischeehaft Tag X genannt wurde, hatte sich die Natur einen Großteil der Stadt zurückgeholt. Eigentlich ein merkwürdiges Bild, dachte ich. Die Gebäude waren an sich ja alle noch intakt, nur mittlerweile überwuchert von Pflanzen. Aber warum sollten wir sie ständig freihalten? Wir waren nur noch dreißig Personen und brauchten kaum Raum.
Ein plötzliches Geräusch ließ mich herumfahren. Obwohl es Tag war und eigentlich keine Gefahr bestand hatte sich jeder von uns ein gewisse Paranoia angewöhnt. Jeder von uns, der schon einmal in der Nachtschicht war. Marie kam auf mich zu. “Freerk, wir haben Olaf verloren. In der Nähe des Feuerwehrhauses.”"ß Ich schluckte den plötzlich bitter schmeckenden Schluck Kaffee, den ich im Mund hatte, runter und schüttelte den Kopf. “Eine Ahnung, wie es passiert ist? Es war doch eigentlich noch lange nicht soweit für ihn. Er war noch zu jung.”, meine Stimme klang seltsam fremd in meinen Ohren. Plötzlich wurde ich mir wieder der unnatürlichen Stille bewusst, die seit dem Tag X herrschte. Wie lange war es eigentlich schon her? Kaum jemand hielt es noch für notwendig die Tage zu zählen. Marie schüttelte den Kopf. “Es gibt keine Anzeichen eines Kampfes. Ja, es gibt nicht einmal Anzeichen einer Verletzung. Das war nicht das Werk von Ihnen, es sei denn sie halten sich normalerweise nicht ans übliche Muster. Und eine Provokation durch Olaf kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!” – “Ich auch nicht.”, beruhigte ich sie. Plötzlich fing Marie an zu schluchzen und starrte auf einen Punkt hinter mir. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, was da vorging. Sie verbrannten Olaf, damit er nicht in der nächsten Nacht auf der anderen Seite stand. In was hatte sich unsere Welt eigentlich verwandelt?
Es fröstelte mich und ich ging mit Marie zurück ins Gebäude des Landkreises. Hier oben hatte sich einst die Rettungsleitstelle befunden, jetzt dienten die Räumlichkeiten als Wohnung, Besprechungsraum und Ausguck. Jetzt waren wir also nur noch 29, 14 davon eigentlich noch Kinder. “Übernimmst du heute den Unterricht?”, fragte Marie mich plötzlich, als wir die Treppe runtergingen. “Ja, klar, kann ich machen. Was ist dran?” – “Tag X und die ersten Monate.” Ich nickte. ein paar der Kinder waren erst später geboren oder erinnerten sich nicht an die Anfangszeit und was davor war interessierte sie kaum. Wie sollten sie sich auch Städte mit mehreren Tausend oder noch mehr Einwohnern vorstellen? Es gab sie nicht mehr, soviel wir wussten. Ich griff nach meiner Bibel. Tag X, der Tag an dem Christus zurückkommen sollte. Oh, wie hatte sich Johannes geirrt.
Wird fortgesetzt
Hui, laß Dir bloß nicht so lange Zeit mit der Fortsetzung *hibbel*
Jo…voll spannend!