Tagschicht I – Teil 2
Ich griff nach meiner Bibel. Tag X, der Tag an dem Christus zurückkommen sollte. Oh, wie hatte sich Johannes geirrt. Schwer wog das Buch in meiner Hand, als ich neben Marie weiter die Treppe runterging, bis wir das richtige Stockwerk erreicht hatten. Wir wechselten vom Treppenhaus in den langen Gang. Wie fast immer wanderte mein Blick über die alten Beschriftungen der Räume. Hier war früher das Sozialamt, jetzt Unterkünfte und unsere “Schule”. Ein alter Konferenzraum mit großen Fenstern für das Tageslicht, Büchern und Fotos aus der alten, vergangenen Welt. Wir hatten entschieden, dass die Kinder über die Tiere informiert werden sollten, die es früher gab. Es erschien uns irgendwie humaner. In der heutigen Zeit gab es keine Tiere mehr, auch sie hatte der Tag X dahingerafft. Heute lebten wir größtenteils von pflanzlicher Nahrung. Die Stellen, an denen man noch etwas anbauen konnte waren zwar knapp gesät, aber es reichte aus. Zudem gab es, noch, Konserven und haltbares Essen aus den Geschäften. Nicht viel, aber für einen “Festschmaus” zu besonderen Anlässen reichte es noch aus.
Ich betrat dern Klassenraum und schaute in erwartungsvolle Gesichter. “Naaaaaa”, sagte ich auf betont norddeutsche Art, “wie geht’s euch heute? Gut geschlafen?” Ein begeistertes “Jaaaaaaa!” scholl mir entgegen. Wie süß und unbedarft waren sie doch, unsere Kleinen. Trotz der Gefahren, von denen wir ihnen ständig erzählten. Aber noch hielten sie alles für ein großes Abenteuer, noch hatten sie nicht realisiert wie real die Schrecken der Nacht waren. Beneidenswert. “Worüber erzählst du uns heute was, Freerk?”, piepste mich die kleine Jukia von unten an. Sie war gerade sechs Jahre alt. “Ich erzähle euch heute vom Tag X. Was an diesem Tag passierte und wenn wir noch Zeit haben gucken wir uns an, wie es seitdem weitergegangen ist.” Aufgeregtes Tuscheln ging durch die Klasse. Heute waren die 6-12 Jährigen dran. Das Alter in denen sie eigentlich nie genug von der Geschichte bekommen konnten. Ich setzte mich auf einen Tisch und die Mädchen und Jungen setzten sich auf dem Boden im Kreis um mich herum. Ich hielt die Bibel hoch und fing an zu erzählen.
“Vieles von dem, was ich euch jetzt erzähle, findet ihr auch in diesem Buch. Ganz hinten in der Offenbarung des Johannes. Ich werde euch erst seine Geschichte erzählen, wobei ich den unwichtigen Kram auslassen werde, und dann, was davon am Tag X wirklich passiert ist und wo sich Johannes…nun…geirrt hat. In verschiedenen Ausgaben der Bibel wird die Geschichte immer etwas anders erzählt. Ich selbst bevorzuge die Fassung der Lutherbibel von 1912.” Ich schlug die Bibel auf, obwohl ich die wichtigen Teile der Offenbarung schon auswendig kannte.
“Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in der Kürze geschehen soll; und er hat sie gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesu Christi, was er gesehen hat. Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe. Ich, Johannes, der auch euer Bruder und Mitgenosse an der Trübsal ist und am Reich und an der Geduld Jesu Christi, war auf der Insel, die da heißt Patmos, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi. Ich war im Geist an des HERRN Tag und hörte hinter mir eine große Stimme wie einer Posaune, die sprach: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte; und was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es zu den Gemeinden in Asien: gen Ephesus und gen Smyrna und gen Pergamus und gen Thyatira und gen Sardes und gen Philadelphia und gen Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter die sieben Leuchtern einen, der war eines Menschen Sohne gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und begürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleichwie Messing, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie ein Toter; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes. Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll darnach. Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und die sieben goldenen Leuchter: die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden; und die sieben Leuchter, die du gesehen hast, sind sieben Gemeinden.”
Ich räusperte mich. “Jonas, du kennst diesen Teil schon. Bist du so nett und holst mir was zu trinken?” Der angesprochene Junge sprang eilfertig auf und stürmte in Richtung Wasserlager davon. Ich setzte wieder an: “Was Gott den Gemeinden zu sagen hatte ist nicht weiter wichtig für uns. Wir überspringen diesen Teil einfach und lesen etwas später weiter:
Darnach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel; und die erste Stimme, die ich gehört hatte mit mir reden wie eine Posaune, die sprach: Steig her, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. Und alsobald war ich im Geist. Und siehe, ein Stuhl war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer; und der dasaß, war gleich anzusehen wie der Stein Jaspis und Sarder; und ein Regenbogen war um den Stuhl, gleich anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Stuhl waren vierundzwanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. Und von dem Stuhl gingen aus Blitze, Donner und Stimmen; und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Stuhl, welches sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Stuhl war ein gläsernes Meer gleich dem Kristall, und mitten am Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorn und hinten. Und das erste Tier war gleich einem Löwen, und das andere Tier war gleich einem Kalbe, das dritte hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und das vierte Tier war gleich einem fliegenden Adler. Und ein jegliches der vier Tiere hatte sechs Flügel, und sie waren außenherum und inwendig voll Augen und hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der HERR, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt! Und da die Tiere gaben Preis und Ehre und Dank dem, der da auf dem Stuhl saß, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, fielen die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem, der auf dem Stuhl saß, und beteten an den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und warfen ihre Kronen vor den Stuhl und sprachen: HERR, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.”
Jonas kam mit dem Wasser wieder und reichte mir. “Dank dir”, sagte ich und trank einen großen Schluck. Danach schaute ich in die großen Augen der Kinder. “Was ihr bisher gehört habt entspricht in Teilen dem Anfang vom Tag X. Was wir auf der Erde davon mitbekommen haben? Die Blitze, den Donner und die Stimmen. Es war früh am morgen, als der noch junge Tag plötzlich von unzähligen Blitzen erhellt wurde. Sie kamen aus dem Nichts, vorher sah man nicht einmal eine Wolke am Himmel. Und dann kam der Donner. Ein Donner, der jegliches andere Geräusch auslöschte. Die Stille, als der Donner verhallte, war fast noch schlimmer, als der infernalische Lärm. Die Welt schien still zu stehen, kein Geräusch war zu hören. Und dann erschollen die Stimmen. Sie sprachen in einer Sprache, die von uns keiner verstand. Aber sie waren auf der ganzen Welt zu hören. Da funktionierten Radio und TV noch, wir waren noch in der Lage uns über den Rest der Welt zu informieren. Manche sagen, sie hätten auch die Tiere gesehen, von denen Johannes spricht. Bezeugen kann es heute niemand mehr.”
Wird fortgesetzt