Frontschweine

Es begab sich 2001, dass ein Deutschleistungskurs des Auricher Gymnasiums sich aufmachte, um Rom zu erkunden. Geführt wurden die vielen jungen Frauen und die vier jungen Männer von Frau F. Diese zeichnete sich durch leicht emanzipatorische Züge und eine Schwäche im Kartenlesen aus. Doch alles in allem, war sie ganz nett, manchmal auch zur „dunklen Ecke“, bestehend aus drei der vier männlichen Kursteilnehmer. Grundsätzlich gibt es aus Rom eine Menge zu berichten, denn wenn Jugendliche um 18 Jahre auf Reisen gehen, dann passiert immer irgendwas. Zuerst will ich aber von der Geburt der Frontschweine erzählen.

An einem Samstag auf dieser Kursfahrt unterhielten sich Frau F. und Frau K., die Leiterin des anderen Deutschkurses, über die Tagesplanung für den Sonntag. Meine Wenigkeit saß in der Nähe und durfte dann mal den Pförtner unseres Hotels fragen, ob denn das Vatikanische Museum am Sonntag geöffnet sei. Ich also hin zum Pförtner, versucht mein Anliegen deutlich zu machen und mit positiver Antwort wieder zurück. „Der Pförtner sagt ja, aber ich glaube, der hat nicht so ganz verstanden, was ich von ihm wollte. Und in meinem Reiseführer steht nein – und Katholiken und Sonntags arbeiten? Ich weiß ja nicht…“, dies sagte ich den beiden Damen, aber sie hörten lieber auf den Pförtner. Naja, mir sollte es recht sein…

Am nächsten Tag war die übliche Gruppe, nämlich K.B., I.P. und ich, wieder viel zu spät dran, so dass wir ca. 7 Minuten nach allen anderen am Petersplatz ankamen und zum Eingang des Vatikanischen Museums liefen. Die Straße war frei, keine Schlange in Sicht, das machte mich schon stutzig. Vor’m Eingang angekommen sahen wir dann auch, dass die Museen geschlossen hatten. Was wir nicht sahen, waren unsere Klassenkameraden, bzw. unsere Lehrerinnen. K.B. wurde angewiesen eine SMS an Frau F. zu schreiben, um sie zu informieren, wo wir waren und zu fragen wo sie war. Just danach kamen die Frontschweine zur Welt.

I.P. (ab jetzt Frontschwein 1 – FS1) meinte: „Lass uns mal geradeaus weiter gehen, so weit kann das ja nicht sein!“. K.B: (ab jetzt Frontschwein 2 – FS2) und ich (ab jetzt Frontschwein 3 – FS3) zuckten nur mit den Schultern. FS3 hatte zwar die Karte, aber keine Lust nachzugucken. FS1 stiefelte also los und wir hinterher. Hatte ich erwähnt, dass die Sonne gerade im Zenit stand und es tierisch warm war? Und dass wir auf einen Besuch des Vatikans vorbereitet waren, also lange Hosen an hatten? Um es kurz zu machen: Es wurde ein langer Marsch! Ungefähr auf der Hälfte haben wir dann doch mal die Karte zu Rate gezogen und beschlossen, dass wir jetzt auch einfach weiterlaufen konnten. Immer schön an der Mauer entlang, die wirklich nicht sonderlich interessant ist. Ab und an konnte man die Dächer innerhalb des Vatikanstaats sehen und der Römer, der an die Außenmauer urinierte war auch recht amüsant. FS1 grummelte, auf Grund seiner irgendwie nicht so grandiosen Idee nur noch vor sich hin, FS2 versuchte die Sache positiv zu sehen, meistens mit Sätzen wie „Wetten, nach der nächsten Ecke…kommt noch eine Ecke?“, und FS3 guckte alle naselang in die Karte, falls der Weg mal von der Mauer wegführte. Wenigstens hatten wir genug Wasser und ich genug Zigaretten dabei. Die Frau F. hatte übrigens immer noch nicht auf die SMS reagiert.

Nach ca. 45 Minuten standen wir dann wieder am Petersplatz, noch halbwegs gut gelaunt und guter Dinge. Plötzlich klingelte das Handy von FS2 und Frau F. war dran. Wo wir denn wären? „Naja, mittlerweile wieder am Petersplatz und sie?“, antwortete FS2. Sie war gar nicht so weit entfernt von uns. Warum sie erst nach knapp 50 Minuten auf die SMS geantwortet hatte, konnte sie uns allerdings nicht so genau sagen.

Aber wir, die Frontschweine versuchten das Beste aus der Situation zu machen. Frontschweine waren nur wir. Wer dazu gehören wollte, musste aber nur eine Bedingung erfüllen: In maximal 45 Minuten einen ganzen Staat umrunden! Für den Rest der Kursfahrt standen dann auch die Rollen fest:

  • Frontschwein 1: Vorpreschen an die Front, ohne genauer darüber nachzudenken. Die beiden anderen Frontschweine wurden einfach mitgezerrt.
  • Frontschwein 2: Aufheiterung der Truppen, wenn sie wegen Frontschwein 1 mal wieder in irgendeinem Schlamassel gelandet sind.
  • Frontschwein 3: Rauchen und bei passender Gelegenheit den geordneten Rückzug organisieren.

Am ende der Kursfahrt wurde den Kartenlesekünsten von Frontschwein 3 mehr vertraut als den Künsten von Frau F…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.