Ich musste ja schon schmunzeln

Auch angehende KulturwissenschaftlerInnen machen ab und an ein Praktikum. So auch gerade eine Bekannte meiner Praktikantin. Diese macht gerade ein Praktikum bei, regionalen Ableger der Zeitung, die leider damals die Dinosaurier nicht warnen konnte. Da ich eh gerade nichts zu tun hatte, hab ich mal nach dem Internetauftritt des Printmediums geguckt und bin über eine Verteilseite des Großkonzerns tatsächlich fündig geworden und musste ganz plötzlich doch sehr an mich halten um nur zu schmunzeln. Der Magdeburger Ableger wird nämlich wie folgt beschrieben:

Die unverwechselbare Aufmachung mit plakativen Headlines und hohem Bildanteil, der lebendige redaktionelle Stil, der attraktive Themen-Mix: Das alles macht BILD MAGDEBURG für die Leserschaft so einzigartig, dass sie sich täglich aufs neue ganz bewusst zum Kauf entscheidet.

Quelle

Seit wann ist „plakativ“ ein Wort mit dem man sich gerne schmückt, wenn man nicht gerade eine Litfaßsäule ist? Grundsätzlich kommt das Adjektiv ja erstmal von Plakat und hat an sich recht neutrale Bedeutungen, bzw. Synonyme. Mich deucht aber, dass plakativ im Alltagsgebrauch nicht unbedingt positiv konnotiert ist, davon einmal abgesehen: Spricht es jetzt für die Zeitung oder für die Leser, dass sie eine plakative Darstellung bevorzugen und dazu auch noch in Kombination mit einem „hohen Bildanteil“ (wie doppeldeutig…)?

Mir ist natürlich klar, dass die BILD gerne von vielen unterschätzt wird. Der bekannte Werbespruch enthält nur das falsche Possesivpronomen, „meine“ oder „unsere“ wäre da eher am Platz gewesen. Selbst Zeitungen, die gemeinhin als „seriöser“ oder als weniger reißerisch gelten zitieren (zu?) oft aus „Deutschlands größter Tageszeitung“ und solange sie gekauft wird hat sie sicher auch ihre Daseinsberechtigung. Es gibt ja auch Alternativen.

Erinnert hat mich diese Eigendarstellung allerdings hauptsächlich an Neil Postman, von dem ich nun endlich einmal mehr lese.1 Ich bin noch nicht so weit fortgeschritten in der Lektüre, dass ich mehr als nur ein paar Eindrücke wiedergeben könnte. Doch der Satz

Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.2

Fernsehen kann man hier getrost auch durch ein generisches Boulevardmagazin ersetzen, welches einen „hohen Bildanteil“ besitzt. Für das Internet gilt Ähnliches und für die Bildung auch (Stichwort: Edutainment). Schon irgendwie erschreckend und bedenklich, dass 1985 (und wahrscheinlich auch schon früher) solche „Vorhersagen“ möglich waren und bis heute gelten. Bei anderen „Vorhersagen“ ist es eher lustig, dass sie bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Schon meinen Großeltern fiel so einiges zum Thema Bildzeitung ein, was ich hier einfach mal aus dem Gedächtnis zitieren will:

„Du darfst die Bildzeitung nie schräg halten, sonst läuft das Blut raus!“

„Bildzeitung! Wer nicht lesen kann guckt sich die Bilder an!“

„Bild hat immer zuerst mit dem Toten geredet!“

…und das seit 1952.

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  1. Aktuell: Wir amüsieren uns zu Tode, 1985 []
  2. Ebd. Verzeiht die fehlende Seitenzahl. []
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2 Gedanken zu „Ich musste ja schon schmunzeln“

  1. Genau… Bild sprach zuerst mit den Toten 😀

    Toll geschrieben! Und sehr hübsches neues Layout übrigens :o)

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