Bewerbungen

Tom, der Bestatter, berichtet aktuell wieder über ein Bewerbungsgespräch. In diesem Fall kam die Mutter zusammen mit der Tochter und versuchte ihrer Tochter bei der Beschaffung eines Ausbildungsplatzes zu helfen. Das erinnerte mich an eine Szene, die sich mal hier in Aurich ereignet hat.

Mein Vater ist selbständig und so kommt es halt alle naselang auch zu Bewerbungen. Wie wahrscheinlich jeder Betrieb hatten wir bisher schon die unterschiedlichsten Bewerbungen und Bewerbungsgespräche hier in unseren Räumlichkeiten. Von der schlecht handgeschriebenen bis hin zur aufwendig aufgemachten, aber nicht sonderlich inhaltsvollen Bewerbungsmappe war eigentlich alles dabei. Normalerweise ganz normale Stellengesuche, aber ab und an dann auch Anfragen für Ausbildungsstellen. Nun sind wir kein Ausbildungsbetrieb und können dementsprechend eigentlich eh nur Absagen erteilen. Über eine „Bewerbung“ denke ich aber bis heute noch ab und an nach.

Eines Tages, meine Eltern waren nicht zu Hause, klingelte es an der Tür und als ich öffnete sah ich einen älteren, gefplegten Herren und im Hintergrund einen älteren Mercedes oder BMW in dem ein, offensichtlich gelangweilter, junger Mann um die 17 saß. Der ältere Herr war der Vater des Jugendlichen und fragte mich, ob denn der Firmenchef zu Hause sei. Ich verneinte, fragte aber worum es denn gehen würde und ob ich ihm vielleicht helfen könne. Er suche einen Ausbildungsplatz oder wenigstens einen vorübergehenden Job für seinen Sohn, sprach er und deutete auf den Jugendlichen im Wagen, der just in diesem Moment besonders gelangweilt den Wagenhimmel betrachtete. Den beiden konnte ich nicht wirklich helfen, sagte dem Vater aber, dass er sich dann und dann nochmal melden solle, denn dann wäre mein Vater wieder da. Dass der Sohn keine guten Chancen bei meinem alten Herrn hätte, wenn er weiter so desinteressiert sei, verschiweg ich aber. Gemeldet haben sich die beiden so oder so nicht wieder.

Aber warum denke ich bis heute ab und an über diese „Bewerbung“ nach? Zum einen natürlich wegen dem Verhalten des Sohnes, zum anderen aber hauptsächlich wegen der Art und Weise. Ein Bekannter von mir meinte, es sei in unserer Ecke, gerade im ländlichen Bereich, noch Gang und Gebe, dass der Vater seinen Sohn beim potentiellen Arbeitgeber „empfiehlt“. Mir war das völlig neu und anfangs fand ich es auch sehr merkwürdig. Mittlerweile denke ich mir aber manchmal: Warum eigentlich nicht? Natürlich müssen Jugendliche lernen für sich selbst zu sorgen, allerdings hört man doch immer wieder, dass sich Eltern nicht mehr um ihre Kinder kümmern würden und sich auch nicht mehr für sie interessieren. Unter diesem Blickwinkel bekommt der Brauch des Empfehlens beim Arbeitgeber eine andere Qualität. In erster Instanz geht der Erwachsene zum, in den meisten Fällen ebenfalls erwachsenen, Arbeitgeber. Die Kommunikationssituation ist also eine ganz andere und wenn der Vater oder die Mutter seine oder ihre Sache gut macht, steigt vielleicht sogar die Chance von Jugendlichen, die alleine nie bestehen würden. Eltern idealisieren ihre Kinder zwar gerne, aber sie können die Stärken und Schwächen ihres Kindes unter Umständen viel besser einschätzen, als die Kinder selbst.

Außerhalb von Ostfriesland ist mir diese Art und Weise der Bewerbung allerdings noch nicht untergekommen und auch sämtliche Schulbücher und Ratgeber, die ich kenne, schweigen sich darüber aus. Vielleicht sollten „wir“ aber mal wieder umdenken.

Ein Gedanke zu „Bewerbungen“

  1. Wenn es mal Probleme im Betrieb gibt, kann der direkte Draht zwischen Meister und Eltern helfen, diese aus dem Weg zu räumen. In sofern besteht ein gewisser Vorteil für Bewerber mit Eltern.
    Aus dem Nord-östlichen, wie auch dem Süd-westlichen Niedersachsen ist mir das Prinzip des elterlichen Leumunds durchaus vertraut, dort vor allem bei kleineren (Handwerks-)Betrieben.

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