Buchhändler

Ich bin beim Herrn Rau auf eine „Buchrezension“ gestoßen und ausnahmsweise war es auch mal ein Buch, welches ich auch gelesen habe. John Irvings „Hotel New Hampshire“. Die Geschichte hat mich damals sofort gefesselt, was zum Beispiel „Zirkuskind“ nicht geschafft hat. Seitdem hadere ich auch immer mit mir, ob ich mir noch andere Bücher von John Irving zulegen soll. Aber darum soll es eigentlich gar nicht gehen. Die Erwähnung des Buches hat mich nur wieder an „Birgit“ erinnert.

Birgit war meine Lieblingsbuchhändlerin in Aurich. Der Auricher Buchmarkt ist, da es keine sonderlich große Stadt ist, relativ umkämpft. Als ich anfing eigenständig Bücher zu kaufen, ging ich immer in Buchhandlung A. Nicht die älteste Buchhandlung, aber damals am ehesten auf meine Wünsche zugeschnitten und schnell von zu Hause aus zu erreichen. Irgendwann wechselte dann der Besitzer/die Kette. Auch wenn die Angestellten größtenteils übernommen worden sind, war doch die Buchhandlung nicht mehr die gleiche. Die Verkaufsfläche wurde umgestaltet, alles neu geordnet und nichts stand mehr da, wo es vorher mal stand. Und irgendwie konnte ich mich damals nicht so recht mit den Neuerungen anfreunden. Bei manchen Sachen sträube ich mich halt ziemlich gegen Veränderungen.

Jedenfalls suchte ich mir unter den übriggebliebenen Buchhandlungen eine neue aus und in dieser Buchhandlung arbeitete sie. Birgit. Ich war zu dem Zeitpunkt so 15 um den Dreh, wenn mich nicht alles täuscht und sie war, bzw. ist ein paar Jahre älter. Wie viele genau weiß ich gar nicht, denke so 5 um den Dreh. Ich mochte sie von Anfang an (jeder mag sich jetzt denken, was genau ich damit meine) und da ich, sofern das Geld da ist, einen ziemlichen Verschleiß an Büchern habe, war ich auch so 2 – 3 Mal in der Woche im Buchladen. Bald grüßten wir uns freundlich, aus dem anfänglichen Sie wurde ein Du und ich ließ mich, wenn möglich, nur von ihr beraten usw. Das ging dann ein paar Jahre, unsere Geschmäcker waren sich auch in manchen Bereichen recht ähnlich und es klappte immer sehr gut. Konnte ich mich nicht entscheiden, dann gab sie immer den richtigen Ratschlag. Selbst, wenn ich gar nicht wusste, was ich eigentlich haben wollte. Und so kam ich dann auch zum „Hotel New Hampshire“. Ich kam eines Tages in den Laden und steuerte zielsicher auf Birgit zu. „Hallo Flint, suchst du was bestimmtes?“ – „Hmm…ja..keine Ahnung. Also ich hätte gerne etwas, was irgendwie lustig ist, aber auch nachdenklich macht. Irgendwie skurril sollte es bitte auch sein.“ Sie grinste nur, war sie solche konkreten Angaben doch von mir gewohnt, griff ins Regal und gab mir das Werk von John Irving. Nach drei Tagen hatte ich es durch und stiefelte wieder zurück in den Laden, um mich zu bedanken. So gut wie bei diesem Buch hat sie zwar sonst nie getippt, aber dennoch war kein Tipp wirklich falsch oder schlecht. Birgit kannte mit der Zeit natürlich meinen Geschmack, riet mir aber auch zu Werken wie „Sputnik Sweetheart“ von Haruki Murakami, ein Buch welches ich mir nie aus freien Stücken gekauft hätte.

Irgendwann wurde sie dann schwanger und hat (glaube ich) geheiratet, ich ging nach Magdeburg, bzw. fuhr immer seltener nach Aurich und eines Tages war sie dann nicht mehr in der Buchhandlung. Gut, dafür ihre Schwester, aber ich muss gestehen, dass ich schon irgendwie traurig war. Die meisten Buchhandlungen sind mittlerweile reine Verkaufsläden geworden, Händlerketten, Corporate Design/Identity und eine irgendwie ungemütliche Atmosphäre bestimmen das Bild. So ist es auch schon länger in der Buchhandlung, in der Birgit gearbeitet hat. Ohne sie und ohne das Wissen um eine Buchhändlerin, die stets ein gutes Buch für mich gefunden hat, eben weil sie mich seit Jahren kannte, betrete ich den Laden eher ungern. Früher konnte ich Stunden in Buchläden zubringen, heute bin ich nach kurzer Zeit genervt vom Ambiente. Dafür ziehen mich „Wühltische“ magisch an. Es hat was von Entdeckertum sich durch Berge von unsortierten Büchern zu wühlen und dann ganz vielleicht ein tolles Kleinod zu entdecken. Ich hoffe ja, dass ich irgendwann wieder eine derart zuverlässige und „emphatische“ Buchhändlerin (oder meinetwegen auch einen Buchhändler) finde. Wenn ich ihn oder sie dann auch noch in einer schönen Buchhandlung antreffe, dann wäre das natürlich noch besser. Bis dahin freu ich mich weiterhin, wenn ich Birgit mal zufällig treffe. Vielleicht fällt ja noch die eine oder andere Buchempfehlung dabei ab.

Kommentar verfassen