Die Macht der Gewöhnung

Im Spiegel Heft 23/ 2008 findet sich auf S. 52f. ein Artikel über den Schwarzen Block der Neonazis, die so genannten Autonomen Nationalisten. Dieser Artikel fragt, ob es nicht eine Gewöhnung gäbe, so dass (rechts)extremistische Gewalttaten nicht mehr wahrgenommen und nicht mehr als Gefahr erkannt würden. Diese Frage bejahen die Autoren, zumindest für einzelne Teile der Republik. Ich frage mich aber, ob man die Frage nach der Gewöhnung nicht schon weiter vorne ansiedeln muss.

Gibt es diese Gewöhnung nur in Bezug auf Gewalttaten aus dem rechten, oder meinetwegen auch allgemein politisch-extremistischen, Spektrum oder gibt es diese Gewöhnung nicht schon lange auch und gerade in Bezug auf das Gedankengut, hier speziell das fremdenfeindliche? Und geht mit dieser Gewöhnung nicht auch eine gewisse Ermüdung einher, sich kritisch mit diesem auseinander zu setzen? Sobald das Thema Neonazis, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus o.ä. auf den Tisch kommt fängt die Abwiegelung an:
„Sie [z.B. die NPD] haben ja nicht in allen Punkten unrecht.“
„Ich finde die Gewalt nicht gut, aber…“
„Die tun ja wenigstens was!“
Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen, sie zeigt aber schon jetzt einen sehr unreflektierten Umgang mit dieser politischen Richtung. Es wird vergessen, welche Ideologie dahinter steckt und das meistens gerade von denen, die sich bei Diskussionen über „linke“ Ideen nur durch ein profundes Halbwissen und den „Kommunismus- und Sozialismus-Hammer“ hervortun, also so tun als hätten sie die politische Weisheit mit Löffeln gefressen. Man darf und muss jede politische Richtung kritisch hinterfragen, nur habe ich langsam das Gefühl, dass viele dies bei rechtsaußen nicht mehr tun wollen. Und so wird immer weniger hinterfragt und immer mehr hingenommen, das Bild des „bösen Ausländers“ und der „bösen etablierten Parteien“ verfestigt sich immer weiter und die Politikverdrossenheit wird immer mehr zur Entschuldigung. Weißt man Menschen auf diesen Umstand hin, so wird man brüsk angefahren, wahrhaben wollen es scheinbar die wenigsten. Sowieso ist man, sobald man sich gegen rechte Ideologien oder gegen entsprechende Tendenzen stellt, sofort ein Schwarzmaler oder ein „linker Gutmensch“. Ist es in diesem Land in der breiten Masse nicht mehr gewünscht, sich aktiv und laut dagegen zu äußern? Wie lassen sich diese Beobachtungen damit vereinbaren, dass es angeblich ach so selbstverständlich ist, sich gegen Rassismus auszusprechen? Ist es vielleicht einfacher, die Augen zu verschließen und einfach zu behaupten, man sei dagegen? Wie lange wird es dann dauern, bis eindeutige Ideologien wieder salonfähig sind? Wie viele rechte Einstellungen sind eigentlich schon salonfähig. Wie viele Stammtischparolen haben es schon zum Konsens gebracht?

Und wollen wir die Antworten auf diese Fragen wirklich erhalten?

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