Der Horizont ist die Grenze

Das Sonnenlicht brach sich auf dem Wasser, die Möwen schrien über der Steilküste und eine leichte Brise fuhr ihm durch sein Haar und durch seine Kleider. Er blickte zum Horizont und dachte an die Zeit, die hinter ihm lag. Verrückt hatten sie ihn genannt, als er ihnen von seinen Träumen erzählte. Kindisch sei es, noch an Leben fern ab der Konventionen zu glauben, weltfremd zu denken man könne in der heutigen Zeit noch seine Träume verwirklichen, man müsse sich den Anforderungen der Gesellschaft anpassen, müsse seine Träume Träume sein lassen, um zu bestehen.

Anfangs hörte er noch auf sie, redete sich ein, dass er nicht dazu bestimmt sei, seine Träume zu erfüllen. Er glaubte, was man ihm erzählte und versuchte, seine Energie in das zu stecken, was man von ihm erwartete. Leistung, gute Noten, konformes Verhalten, eine gesicherte Zukunft. Ein paar Jahre lang schien es gut zu gehen, manchmal bildete er sich sogar ein mit diesem Leben zufrieden zu sein. Er erfüllte die Ansprüche, so gut es ging, doch stets beschlich ihn das Gefühl, dass seine Umwelt noch mehr von ihm erwarten würde. Das Gefühl, nicht allen Ansprüchen zu genügen, nicht alle Anforderungen zu erfüllen, wollte nicht weichen.
Eines Tages brach dann etwas in ihm und er ging einfach. Er nahm nur das Nötigste mit. Ein paar Klamotten, etwas Bargeld, ein Notizbuch und eine Idee, mehr wollte er auf seiner Reise nicht dabei haben. Den Rest verkaufte er. Was sich nicht binnen kürzester Zeit verkaufen ließ, ließ er für Freunde und Familie an Ort und Stelle. Sollten sie sich darüber hermachen und damit anstellen, was sie wollten. Vermissen würden sie ihn wohl nicht, sie würden ihn wahrscheinlich nur weiterhin als träumerisch, kindisch und weltfremd bezeichnen. Es sollte ihm egal sein, er hatte sich zu lange von ihnen lenken lassen. Er hinterließ eine kurze Notiz „Suche mein Leben“ und verließ seine vertraute Umgebung.

Manchmal schrieb er einen Brief nach Hause oder eine kurze Postkarte. Er sei immer noch auf der Suche, sie sollen sich keine Sorgen machen, teilte er seiner Familie mit. Eine andere Kontaktaufnahme ließ er nicht zu. Stets hatten sie alle ihm erzählt, wie er was zu tun habe. Nun sollten sie zuhören.

Die Jahre vergingen.
Manchmal traf er Menschen aus seinem früheren Leben auf der Straße. Meistens erkannten sie ihn nicht und gingen wortlos an ihm vorüber. Sein Leben abseits der Konventionen, abseits des Gewünschten, hatte ihn verändert.
Manchmal sah er einen alten Freund oder eine alte Liebe in der Zeitung oder in den Nachrichten. Sie waren nun Manager, Politiker oder Menschen, denen die Last des Alltags zuviel wurde. Bei manchen war eines Tages die Sicherung durchgeknallt. Die Tatbeschreibungen ließen ihn schaudern und er hatte Mitleid mit ihnen. Seit seinem Weggang ging es ihm nicht immer gut, manchmal war er kurz davor wieder zurück in sein altes, geregeltes Leben zu gehen. Aber er hatte sich immer wieder aufgerafft, sich geweigert, wieder den alten Regeln zu gehorchen, um nie so zu enden, wie seine Freunde, die ihn nun mit gebrochenem Blick aus der Zeitung heraus anstarrten.

So vergingen die Jahre.

Und jetzt, jetzt stand er hier und sein Blick glitt über die Steilküste, weiter über das Meer und schließlich bis zum Horizont. Er war älter geworden, vielleicht zu alt, um noch ein neues Abenteuer zu wagen, vielleicht sollte er sich hier zur Ruhe setzen. Aber er wäre nicht der, der er war, wenn er sich von ein paar „vielleichts“ einschüchtern lassen würde. Er sah die Küstenstraße entlang hin zum Hafen. Gerade hatte ein kleiner Kutter vom Festland angelegt. Vielleicht würden sie ihn mitnehmen.

Der Horizont ist die Grenze…

…doch manchmal geht es dahinter noch weiter.

2 Gedanken zu „Der Horizont ist die Grenze“

  1. Als FISCH schwimme ich so oft gegen den Strom.
    Aber mein Horizont, will und will nicht näher kommen.
    Und ich schwimme und schwimme!!!!
    Aber so lange ich noch schwimmen kann, ist`s gut.

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