Der Wanderer

Er lies sein Schild fallen. All die Jahre hatte es ihm gute Dienste geleistet, doch jetzt war es zerbrochen. Zerbrochen von den Anstürmen der Umwelt. Viele Steine hatte es abgehalten und ihm oft Schutz vor heranrasenden Winden geboten. Doch jetzt war dieser Schutz dahin und schon nahte die nächste Angriffswelle. Klamme Finger umklammerten den Griff der großen, aber schartigen Axt. Auch sie hatte schon bessere Zeiten gesehen und auch sie war im Laufe der Jahre rostig und schartig geworden. Einen, vielleicht auch zwei Angriffe würde sie noch überstehen, dann würde er auch sie zurücklassen müssen. Dann wäre er seiner Umwelt völlig schutzlos ausgeliefert. Dabei hatte einst alles so vielversprechend angefangen.

Er liebte sein Leben und warf sich voller Inbrunst in alle Herausforderungen. Kein Kampf, keine Aufgabe war ihm zu schwer. Vielleicht hatte er in dieser Zeit zu viele Kämpfe geschlagen, vielleicht zu früh in kleinen Scharmützeln zuviel Kraft verbraucht. Jetzt, unter dem druck der Jahre, rächte sich dieser Umstand. Er duckte sich unter einem Steinhagel hinweg, die Axt wurde von einem besonders schweren Stein getroffen und ihm fast aus der Hand geprellt. Verbissen umklammerte er sie noch fester und schlug nach einem Gegner, der plötzlich vor ihm auftauchte. Es war eine diffuse Nebelgestalt, die unter seinem Schlag zerfaserte. Er lachte bitter, waren ihm diese Nebelgestalten doch zu bekannt. ständig drängten sie sich um ihn, wisperten vor sich hin, säten Zweifel in ihm und zermürbten ihn, so wie Steine und Wind sein Schild und seine Axt zermürbten. Anfangs hatte er sie noch ignoriert, doch mit der Zeit wurden es zu viele. Vielleicht waren es kleinere, unerledigte Dinge, die ihm jetzt, kurz vor dem Ende seiner langen Reise, wieder in den Sinn kamen. Er ging weiter.

Der nächste Angriff kam unerwartet, von der Seite her. Seine Abwehrbewegung kam zu spät, die Axt flog davon und zerbrach an einem Felsen. Er sank auf die Knie, gebeutelt von den Angriffen, die er nun nicht mehr abwehren konnte. Er biss die Zähne zusammen um sich nicht die Blöße eines Stöhnens zu geben. Diese Genugtuung wollte er ihnen nicht gönnen, nicht nach all der Zeit. Plötzlich hörte der Sturm auf und es hagelten keine Steine mehr auf ihn und seinen Weg herunter. Eine gespenstische Stille breitete sich um ihn herum aus, nur durchbrochen von seinem stoßweise gehenden Atmen. Er öffnete die Augen und sa vor sich eine Gestalt. Sie stand einfach nur da und schien ihn zu beobachten, doch seine Augen waren zu stark geschwollen, als dass er noch Details hätte erkennen können.

„Was willst du?“, fragte er.

„Dich fragen, wie es nun weitergehen soll. Willst du hier bleiben und dein Ende erwarten?“

„Ich kann nicht weiter, Axt und Schild sind zerbrochen, meine Beine und Arme lahm und es ist kein Ende in Sicht.“

„Du ergehst dich in Selbstmitleid, Wanderer. Du hättest noch genügend Kraft in dir um tausend Kämpfe zu bestehen. Nur hast du irgendwo dich selbst verloren und aufgegeben. Hier, nimm meine Axt und mein Schwert. Sie kennen dich und werden dir gute Dienste leisten!“

„Nein! Ich kann nicht weiter…“

„Dann bleibe dort sitzen! Selbstversunken und von sich selbst aufgegeben! So wirst du es schnell hinter dir haben, alter Freund.“

Bei diesen Worten blickte der Wanderer auf und sah das Gesicht des Fremden, der ihn mit diesen unerwarteten Worten bedacht hatte. Er sah die Augen, die kalt und doch vertraut waren. Er erkannte das Gesicht. Er wollte ausrufen, den kommenden Schlag verhindern, doch es war zu spät. Tödlich getroffen sank er zu Boden, mit dem schrecklichen Wissen, wer ihm diesen Todesstoß versetzt hatte…

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