Die Sicht des Fremden

Schon lange hatte er den Wanderer beobachtet. Keiner seiner Kämpfe war ihm fremd, alle hatte er mit angesehen. Wie der Wanderer hatte auch er sich in all den Jahren verändert. Einst war er nett und freundlich zu seiner Umwelt, nun betrachtete er sie aus kalten Augen. Einst hatten auch ihn die Angriffe getroffen, doch heute brauste der Sturm um ihn herum und die Steine trafen ihn nicht mehr. Sie schienen ihn als gleichwertig anzusehen und scherten sich nicht um ihn. Nur die Nebelgestalten drängten ab und an noch auf ihn ein, doch seine Axt war noch wie neu und traf die Nebelgestalten, als hätten sie eine feste Form. Mit einem Klagelaut vergingen sie und kamen nicht wieder. Sie konnten keinen Zweifel in ihm sehen und ihn nicht zermürben. Er hatte nichts mehr in sich, was ihnen eine Angriffsfläche geboten hätte.

Nachdenklich betrachtete er die Schneide seiner Axt, wie sich das Licht auf ihr brach und dachte wehmütig an die alten Zeiten. Er hatte zusammen mit dem Wanderer gegen ihre Gegner getrennt, bis der Wanderer plötzlich müder wurde. In seinen Augen brannte nicht mehr das alte Feuer und so trennte er sich von ihm. Ob der Wanderer dies bemerkte, wusste der Fremde nicht. Manchmal schien seine Abwesenheit aufzufallen, doch meistens war der Wanderer zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mittlerweile war das Feuer in den Augen des Wanderers fast erloschen und im gleichen Zuge wie das Feuer bei dem Einen erlosch, wandelte sich das Feuer in den Augen des Fremden zu einem Feuer aus Eis.

Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Gestalt des Wanderers. Er hatte seine Axt verloren und war auf die Knie gesunken. Mit verbissenem Gesicht kniete er auf dem Weg, wurde von ungestümen Angriffen gebeutelt, doch erlaubte sich nicht einen Ton des Schmerzes. Ein kurzes Auflodern der alten Flamme?

Der Fremde hob drohend die Axt und die Angriffe versiegten. Soviel waren sie ihm schuldig, diese kurze Frist die Dinge zu klären. Doch er sah sie, wie sie weiterhin lauerten, die Nebelgestalten und die Winde. Winde, die Steine bringen würden. Er ging auf den Wanderer zu, sein Gesichts ausdruckslos. Die Augen des Wanderers öffneten sich und richteten sich auf den Fremden. Er schien ihn nicht zu erkennen, so weit war es also schon.

“Was willst du?”, fragte der Wanderer.

“Dich fragen, wie es nun weitergehen soll. Willst du hier bleiben und dein Ende erwarten?”

“Ich kann nicht weiter, Axt und Schild sind zerbrochen, meine Beine und Arme lahm und es ist kein Ende in Sicht.”

“Du ergehst dich in Selbstmitleid, Wanderer. Du hättest noch genügend Kraft in dir um tausend Kämpfe zu bestehen. Nur hast du irgendwo dich selbst verloren und aufgegeben. Hier, nimm meine Axt und mein Schwert. Sie kennen dich und werden dir gute Dienste leisten!” In den Augen des Fremden flackerte kurz ein altes, heißes Feuer wieder auf. Seine Hände umklammerten den Axtgriff, das Leder knirschte unter seinen Fingern. Der Wanderer schien davon nichts zu bemerken.

“Nein! Ich kann nicht weiter…”

“Dann bleibe dort sitzen! Selbstversunken und von sich selbst aufgegeben! So wirst du es schnell hinter dir haben, alter Freund.”

Bei diesen Worten blickte der Wanderer auf und sah das Gesicht des Fremden, der ihn mit diesen unerwarteten Worten bedacht hatte. Er sah die Augen, die kalt und doch vertraut waren. Und der Fremde blickte zurück, suchte die alte Zeit in den fast erloschenen Augen des Wanderers. Er fand nichts und registrierte dies mit tiefem Bedauern, ein Bedauern, welches er lange nicht mehr gespürt hatte.

Der Wanderer schien das Gesicht zu erkennen. Sein Mund öffnete sich und er versuchte den Arm zu heben, wahrscheinlich um den Schlag des Fremden doch noch abzuwehren. Doch es war zu spät. Die Axt traf den Wanderer und er sank tödlich getroffen zu Boden. Der Fremde blickte in das Gesicht des Wanderers, dieses Gesicht, welches ihm einst so vertraut war und ihn noch heute täglich begleitete. Er zog die Axt aus dem leblosen Körper. Fast war es ihm, als schmerzte ihn selbst die Stelle, an der er den Wanderer tödlich verletzte.

„Ich werte unseren Weg fortsetzen, alter Freund. Ich hatte gehofft wir würden ihn auf die alte Art beenden, doch von dieser alten Art ist nun nichts mehr übrig. Sie ist mit dir gestorben. Einst waren wir eins, doch irgendein Angriff brachte uns auseinander, doch ich vermag nicht mehr sagen welcher. Nun ist dies ganz und gar vorbei und etwas neues beginnt ab diesem Punkt. Lebe wohl.“

Die Winde brachen wieder los und umhüllten den Körper des Wanderers. Die Nebelgestalten stürzten sich auf die leblosen Überreste und zerissen den Körper, der nun jeglicher Gegenwehr beraubt war.

Nun stürzten sie sich auch wieder auf den Fremden, fast als hätten sie nur auf diese Gelegenheit gewartet, doch er warf sich ihnen ungestüm entgegen. Der Kampf ging weiter.

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