Geschichten

Jeder von uns hat seine eigene Geschichte zu erzählen und jeder von uns ist Bestandteil unzähliger Geschichten anderer. Mal nehmen wir nur Statistenrollen ein, zum Beispiel den unbekannten Fahrgast in der Straßenbahn, den jemand sieht, der sich gerade von seinem Partner getrennt hat. Manchmal sind unsere Rollen auch größer, zum Beispiel, wenn wir der Partner waren.

Auch verändern sich unsere Geschichten mit den Jahren. Die Zeit verzerrt unsere Erinnerungen oder wir werden älter und was uns als Kinder in baffes Erstaunen versetzte lässt uns vielleicht schon ein paar Jahre später kalt. Manche unserer Rollen werden auch vergessen oder verdrängt.

Einiges andere wird derart verklärt, dass es sich für spätere Zuhörer wie eine erfundene Geschichte anhört. Anderes hört sich wie erfunden an, ist aber vielleicht so passiert. Wer erinnert sich nicht an die zum Teil haarsträubenden Geschichten, die die eigenen Eltern, meist die Väter, früher erzählt haben? Mein Vater ist Jäger und dementsprechend beherrscht er das Jägerlatein ziemlich gut. Ich erinnere mich noch dunkel an die Geschichte eines Gerstenkorns, welches mein Vater in ein Luftgewehr geladen haben will und welches abgefeuert Geschwindigkeiten und Durchlagkräfte erreicht haben soll, die selbst modernen Rakten Respekt einflößen würden. Aber als Kind habe ich daran geglaubt und heute maße ich mir nicht an den Wahrheitsgehalt zu beurteilen. Man hat schon merkwürdigeres gesehen.

Aber werden diese Geschichten dadurch schlechter? Oder versteckt derjenige, der solche Geschichten erzählt sein wahres Selbst? Ich glaube nicht, denn auch die Art Geschichten zu erzählen zeichnet einen Menschen aus. Ganze Abende habe ich gebannt an den Lippen meines Vaters gehangen, hätte mir damals jemand was von Spielberg&Co. erzählt, ich hätte ihm den Vogel gezeigt und steif und fest behauptet, dass niemand besser Geschichten erzählen könne, als mein Vater. Manchmal erinnere ich mich noch heute an Bruchstücke dieser Geschichten. So gab es zum Beispiel ganze Episoden von Ivan. Dieser Mensch existiert wirklich, nur weiß ich nicht ob er alles davon wirklich erlebt hat. Auch er ist Jäger und noch dazu ein slowenischer, die sprechen Jägerslowenisch, welches noch ein bisschen schlimmer ist als Jägerlatein. Jedenfalls hatte es mir, wenn ich mich recht erinnere, eine Geschichte besonders angetan, in der Ivan in einem gelben(?) Wagen einen Berg runterdonnert. Warum und wieso weiß ich nicht mehr. Aber diese Geschichten haben mich natürlich geprägt, vielleicht mag ich Indiana Jones deswegen so gerne, weil ich stets Teile meines Vaters und Ivans wiederentdeckt habe.

Und während ich dies schreibe werden auch die beiden Teil einer Geschichte. Und zwar meiner. Dort stehen sie, im Nebel der Vergangenheit, mit Lederhut, aber ohne Peitsche, dafür hoch auf dem gelben Wagen mit dem Gerstenkorn im Luftgewehr. Vielleicht schafft mein alter Herr es ja noch mir die ganzen alten Geschichten aufzuschreiben.

Mit den Jahren hat man aufgehört sich selbst Geschichten zu erzählen, bzw. die Geschichten sind andere geworden und wurden eher vom Sohn an die Eltern erzählt: „Neeeein, ich hab nichts getrunken!“

Welche Geschichten werde ich wohl noch erzählen und welche davon meinen Kindern? Welche werden die besten sein? Die „wahren“ oder die im Jägerlatein? Wird die Zeit überhaupt reichen um alle Geschichten zu erzählen?

Und in welchen Geschichten von anderen werde ich eine Rolle spielen und wie viele davon werde ich selbst zu hören bekommen?

Ein Gedanke zu „Geschichten“

  1. Das waren Geschichten vom „Onkel mit den großen Stiefeln“ und der fuhr „rumpel, pumpel den Weg hinunter“. Es es wunderbar, dass du dich noch daran erinnerst! Big Daddy freut sich ganz doll darüber.
    P.S. Deine Art zu schreiben wird immer besser.

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