Zeit zu gehen…

Wie bereits hier im P.S. erwähnt: Es gab eine Zeit, in der habe ich den örtlichen Friedhof abgeschlossen und am Wochenende auch aufgeschlossen. Hatte sich durch Zufall ergeben und das zusätzliche Geld war auch recht verlockend. Also hieß es an sieben Tagen in der Woche den Friedhof Abends abschließen (Sommer: 20 Uhr, winter 17 Uhr) und am Wochenende den Friedhof auch aufschließen (Sommer: 7 Uhr, Winter 8 Uhr). 3 Zugänge, reine Laufzeit so 15-20min, zumindest morgens. Abends gestaltete sich das Ganze meistens etwas komplizierter. Aber der Reihe nach: Bevor ich das Ganze übernommen hatte, wurde nur unregelmäßig, wenn überhaupt, abgeschlossen. Nachts kam es häufiger zu Beschädigungen, also entschied sich die Kirche dazu, dass der Friedhof ab jetzt regelmäßig abgeschlossen werden müsse. Keine Ahnung, wie sie da gerade auf mich gekommen sind, aber ich hab den Job halt angeboten bekommen. Bezahlung war zwar an sich seeeehr gering, aber für die Tätigkeit selbst angemessen. Und so machte ich mich mit knapp 15 Jahren daran, die Auricher Bürger daran zu erinnern, dass das Schild mit den Öffnungszeiten nicht umsonst an den Eingängen steht.

Was ich dabei erlebt habe geht, wie man so schön sagt, auf keine Kuhhaut.

Anfangs war es ein sehr zeitintensives Unterfangen den Gottesacker abzuschließen. Die Leute waren einfach daran gewöhnt, dass sie sich an keine Zeiten halten mussten. Nach Aussage derFriedhosfverwaltung hätte ich nicht rumgehen müssen um die Leute darauf hinzuweisen, dass abgeschlossen wird. Ich habe es trotzdem getan. So kaltschnäuzig, mal eben 50 Leute auf dem Friedhof einzusperren, war ich erst später. So ging ich anfangs aber eher mit meiner Mutter los, damit wir die abzusuchende Fläche aufteilen konnten. Trotzdem dauerte es mitunter zwei Stunden oder mehr, bis der Friedhof leer war. Erschwerend kam hinzu, dass 90% der Friedhofsbesucher wohl lange Zeit gedacht haben, dass ich ein gelangweilter Jugendlicher wäre, der mal eben aus Spaß mit einem Schlüssel über den Friedhof rennt und den Leuten sagt,er würde jetzt abschließen. Manche haben mich einfach ignoriert, andere haben mich regelrecht ausgelacht oder mir einen Vogel gezeigt. Schnell bin ich aber auf den Trichter gekommen „Wer zuletzt lacht, lacht am Besten“ und so habe ich die unfreundlichen Leute einfach stehenlassen und hab abgeschlossen. Mit der Zeit konnte ich recht gut abschätzen, wer aus welchem Ausgang raus musste und habe mich dann einfach in die Nähe auf eine Parkbank gesetzt und gewartet (zumindest, wenn es die Zeit zugelassen hat). So konnte ich dann lachen, wenn die Auslacher, Ignorierer und Vogelzeiger plötzlich am Tor standen zu rütteln. Manche haben es früher oder später begriffen, dass der Jugendliche da auf der Parkbank doch kein Spinner ist und haben sich brav für ihre Unfreundlichkeit entschuldigt. Ich habe denen dann aufgeschlossen und sie ließen es sich eine Lehre sein. Andere hingegen blieben lieber bei ihrer Unfreundlichkeit und denen habe ich dann einfach nicht aufgeschlossen. Rückendeckung von der Verwaltung hatte ich für dieses Vorgehen, aber die Eingeschlossenen standen da jetzt erstmal. Sie hatten jetzt verschiedene Möglichkeiten:

1. Doch noch freundlich werden, nachdem sie mich erneut vollgepflaumt haben.
2. Zum Friedhofswärter gehen und darum bitten rausgelassen zu werden (der Friedhofswärter wohnte zu der Zeit in einem Haus, dessen Klingel vom Friedhof aus zu erreichen war).
3. Einen Schlupfweg durch die Hecke/den Zaun suchen.
4. Klettern.
5. Auf dem Friedhof übernachten.

Die erste Möglichkeit war bei den meisten nicht sonderlich beliebt. Gebracht hätte es ihnen in den meisten Fällen aber auch recht wenig.
Die zweite Möglichkeit war da schon beliebter, aber auch nur einmal. Ich bin dann nämlich mitgegangen um mein Handeln zu begründen. Und mir sind nicht so schnell die Argumente ausgegangen.
Die Option sich durch Zaun oder Hecke zu zwängen kam den meisten nicht in den Sinn. Um die Eingänge herum kann man diese Möglichkeit auch so ziemlich vergessen. Aber wenn man weiß, wo man zu suchen hat, dann kommt man recht einfach auf den Friedhof, bzw. von ihm runter, auch wenn die Tore zu sind. Zumindest war es damals so. Ich kannte nahezu alle Wege – die Besucher meistens nicht.
Klettern kam so einigen in den Sinn. Meistens Männer im mittleren Alter (mit denen hatte man eh die meisten Scherereien), die fast immer ein dickes Auto fuhren und mit gottgegebener Arroganz gesegnet waren. Leider hatten diese Typen oft zwei Probleme. Zum Einen haben sie sich hoffnungslos überschätzt oder das Tor hoffnungslos unterschätzt und zum Anderen hat sich kaum einer von denen das Tor richtig angeguckt. Von den drei Toren konnte man eigentlich nur das beim Friedhofsparkplatz und das bei unserem Haus halbwegs übersteigen. Das dritte Tor war beim Haus vom Friedhofsgärtner, da konnte man auch gleich klingeln. Das Tor beim Parkplatz ist ein Tor mit Zacken. Diese sind recht stumpf, aber trotzdem unangenehm. Vor allem, wenn man sich überschätzt und ganz elegant mit der Hose in den Zacken hängen bleibt. Bei einigen machte es dann RATSCH und hin war die Hose. Ich muss dazu sagen: Ich habe jeden davor gewarnt das Tor zu überklettern. Ich habe immer gesagt: „Versuchen sie es nicht, das geht schief!“ Aber die wenigsten wollten auf mich hören und es mit Option eins oder zwei probieren. Außerdem wurde das Tor später noch anders präpariert. Die Zacken waren mit ziemlich fieser Schmiere beschmiert. Ich sollte ja abschließen, damit nachts eben niemand mehr auf den Friedhof gelangt und diese Schmiere war eine weitere Versicherung dagegen. Das Zeug war echt hartnäckig und aus den Klamotten bekam man es auch nur sehr schwierig raus. Aber die Männer mittleren Alters haben sich das Tor selten genug angeguckt, vor allem die nicht, die es schon vor der Schmierenzeit überklettert haben. Als die Schmiere dann da war, passierte meistens folgendes. Mann griff beherzt zwischen die Zacken um sich hochzuziehen, griff in die Schmiere, verzog angeekelt das Gesicht und wischte sich aus Reflex die Hände an den Klamotten ab. Ich HABE sie gewarnt!
Das Tor bei uns war ähnlich. Allerdings war es ein Drehkreuz und durch das kleine Spiel im abgeschlossenen Zustand für die meisten zu schwierig zu erklimmen. Ein starres Tor ist besser, als eines, das sich wehrt. Außerdem gab es auch hier Zacken und später Schmiere.
Lange Rede, kurzer Sinn: Nach so ca. 2 Jahren hatten 95% der Besucher verstanden, dass ich keinen Spaß mache und dass es sich lohnt, mich nicht anzumeckern. Auf die Idee auf dem Friedhof zu übernachten kam allerdings, soweit ich weiß, niemand.

Das war so die übliche Laufkundschaft, mit der ich mich, bzw. zwischenzeitlich immer mal wieder meine Mutter, rumschlagen musste. Neben denen gab es noch die Sonderfälle, quasi das Kuriositätenkabinett. Zum Beispiel das junge Paar, welche es wohl unbedingt mal auf nen Friedhof treiben wollte. Von drei Parkbänken hab ich die vertrieben, bis die sich endlich mal getrollt haben. Jedes Mal waren die schon kurz vor’m „Einlochen“, als ich dazu kam. Mir wäre das ja zu stressig gewesen.
Lustig waren auch die beiden Mädels im Gruftie-Outfit, die H&M-Schnuckel-Grufts. Keine Ahnung, was die im Endeffekt vorhatten, jedenfalls haben die tatsächlich versucht eingeschlossen zu werden. „Ja, wir gehen runter“, sagten sie und versuchten dann auf dem Weg zum Tor mir zu entwischen, wenn ich mich um einen anderen Besucher kümmern musste. Ist ihnen nicht sonderlich gut gelungen, aber ich dachte schon so bei mir: So schnell werden die nicht aufgeben. Und so war es dann auch. Nachdem ich sie ausgeschlossen hatte, ging ich ein paar Meter weiter und hab mich auf eine Bank gesetzt. Vom Tor aus konnte ich nicht gesehen werden. Auch ich konnte das Tor nicht sehen, aber hören. Zu der Zeit war keine Schmiere drauf und nach knapp einer Zigarettenlänge hörte ich schon das typische Geräusch, das das Tor macht, wenn man versucht drüberzuklettern. Dank der Männer mittleren Alters kannte ich das ja zur Genüge. Kurz darauf nochmal und schon waren die beiden wieder auf dem Friedhof. Herrlich, wie die sich erschreckt haben, als ich plötzlich um die Ecke kam. Sie durften dann noch einmal klettern und dann war auch Ruhe im Karton.

Aber es gab natürlich auch nette Menschen, meistens die ganz alten oder Jugendliche. Irgendwie erstaunlich, dass die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen pflegeleichter waren als die in mittleren Jahren.

3 Gedanken zu „Zeit zu gehen…“

  1. Hachja, Friedhöfe.
    Als ich noch zur Schule ging, wurde die Abiturstufe in ein anderes Gebäude ausgelagert. Un der kürzeste Weg von der Straba zum Gebäude führte einmal quer übern Südfriedhof. War auch nett.

  2. okay, das hab ich ganz vergessen zu erwähnen.Im vorhergehenden Beitrag stand:

    Wenn man also auf den Friedhofseingang guckt, dann sieht es von rechts nach links so aus: Haus, Straße, Grünstreifen, Hecke, Friedhof.

    Diese Liste kann man fortführen: Haus, Straße, Grünstreifen, Hecke, Friedhof, Hecke, Schule.

    😉

    Ab einem gewissen Zeitpunkt wurden die Kursklausuren immer im Dachgeschoß der Schule geschrieben. Von da aus hatte man einen wirklich guten Blick auf den Friedhof. Machte die Lateinklausur immer noch nerviger.

  3. Friedhofsausblick und Stille… doch immer noch besser als jetzt Kirmesgedudel in Form von „Ich fahr Jeep… ich fahr Jeep“ nebenan, hm? DAS hätte mir nämlich bei Lateinklausuren garantiert den Rest gegeben^^

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