Wohnen am Friedhof

Meine Bleibe in Aurich liegt direkt am Friedhof. Und mit direkt meine ich direkt. Nicht irgendwie auf der anderen Straßenseite gelegen oder so. Die Straße führt quasi mitten in den Friedhof rein. Schöne, große Nachbarschaft, sehr ruhig und genügsam. Nur die Anwohner der Straße beschweren sich manchmal über laute Musik oder so. Die Menschen auf dem Friedhof stört das ja nicht mehr wirklich und Scherereien hat man auch nur mit den Anwohnern der Straße, nicht mit der Gottesackerbelegung. Die Zombiequote hält sich auch ziemlich in Grenzen. Wenn man es aber ganz genau nimmt, so hat man mit den Toten doch so seine Quärälen, bzw. mit den Hinterbliebenen.


Vor unserem Haus verläuft die Straße, wir sind das letzte Haus, direkt hinter, bzw. neben uns fängt der Friedhof an. Friedhöfe wollen besucht werden. Der Parkplatz für Friedhofsbesucher ist ganz am anderen Ende, von uns aus gesehen. Wer also den Gästeparkplatz nutzt, aber ein Grab bei uns in der Ecke besuchen will, der hat einen kleinen Fußmarsch vor sich. Kann nicht mehr jeder so gut, will auch wahrscheinlich nicht jeder. Ist ja auch irgendwie nachvollziehbar. Nun befindet sich zwischen Straße und Friedhof noch ein Grünstreifen vor unserem Haus. Wenn man also auf den Friedhofseingang guckt, dann sieht es von rechts nach links so aus: Haus, Straße, Grünstreifen, Hecke, Friedhof.

Parkplätze, also so schön gepflasterte oder zementierte Dinger, haben wir für unser Haus nicht, außer einem Carport, in welches theoretisch zwei Autos passen. Allerdings ist das Ding recht vollgestellt mit Arbeitsgerät für die Firma, so dass es während des Firmenbetriebs nur bedingt genutzt werden kann. Wir müssen den Grünstreifen benutzen. Vor dem Grünstreifen ist zwar der Wendeplatz, aber wie der Name schon sagt ist das ein Wende- und kein Prakplatz. Deswegen ist da auch absolutes Halteverbot. Auf der Straße parken fällt aus, weil wir dann die Zuwegung für die Friedhofsgärtner, die manchmal den Eingang bei uns benutzen müssen, dichtmachen würden. Und schon durch die Benutzung mit, zu Hochzeiten (ausgesprochen: Hoooochzeiten), drei Autos ist der Grünstreifen eher ein Schlammbad, vor allem in regenreichen Zeiten.

Und nun kommen wir wieder auf die Leute zurück, die mit dem Auto „anreisen“ und aus irgendwelchen Gründen nicht den Parkplatz des Friedhofs benutzen wollen. Bei diesen Menschen gibt es die unterschiedlichsten Typen.

1. Die, die wirklich die Strecke nicht mehr laufen können oder so viele Sachen dabei haben, dass sie beim langen Weg ewig brauchen würden.

Diese Menschen sind meistens recht nett, sie drücken ihr Auto in die hinterste Ecke, stets darum bemüht möglichst nichts und niemanden zu blockieren. Manchmal geht das sogar so weit, dass hier nur ausgeladen und der Kram zum Grab gebracht wird. Dann setzt eine Person das Auto um auf den Friedhofsparkplatz. Oder sie fragen, ob sie da eben stehenbleiben dürfen und beeilen sich dann. Keine Probleme mit diesem Typus.

2. Die, die es einfach nicht genau wissen.

Dieser Typus passt meistens einfach nicht richtig auf, beim Autofahren und übersieht deswegen mal gerne das absolute Halteverbot oder das Schild „Frei für Anlieger“. Wenn sie komisch parken oder irgendwas anderes tun und uns damit blockieren, dann reicht ein netter Hinweis und schon wird das Problem behoben. Meistens merken sie es sich dann auch für weitere Male, nutzen den eigentlichen Parkplatz oder kommen dann auch mal mit dem Fahrrad, wenn möglich. Auch soweit alles in Ordnung.

3. Nach mir die Sintflut.

Geparkt wird direkt vor der Einfahrt unseres Carports oder halb auf dem Grünstreifen, halb auf der Straße. In unserem „Vorgarten“, quer auf dem Wendeplatz. Halt da, wo es diesem Typus gefällt. Freundliche Hinweise helfen an sich kaum noch, selbst nicht mehr ganz so freundliche Hinweise verpuffen ohne Wirkung. Beim Ein- und Ausparken setzt dieser Typus auch gerne mal sein Auto in die Hecke oder ins Blumenbeet. Als Reaktion hilft nur noch an strategischen Stellen große Steine zu verteilen. Dann haben sie wenigstens was davon, wenn sie nicht Auto fahren können und unsere Beete/unser Vorgarten ist halbwegs geschützt.

4. Die Kopfgeldjäger.

Für sie zählt nur die Jagd. Da werden die Wege blockiert, zielsicher wird jede Schlammfütze mitgenommen und vergrößert. Je näher sie an anderen Autos vorbei fahren, desto besser! Menschen, die auf der Fahrbahn stehen, haben selbst Schuld. Da wird so lange langsam auf sie zu gefahren, bis sie entweder leicht angeditscht werden oder freiwillig die Fahrbahn räumen. Wenn nicht wenigstens eine Hecke angefahren wurde, war es den Ausflug auch nicht wert. Freundliche Hinweise werden mit wüsten Beschimpfungen quittiert. Anzeigen erhöhen nur den Nervenkitzel, es gibt immer eine Steigerung. Dieser Typus ist zum Glück äußerst selten, aber wenn sie mal auftauchen, dann hilft nur die Vollkörperpanzerung, alles was geht, in Sicherheit bringen und ansonsten schon einmal die 11 wählen. Wenn man Glück hat, dann kann man noch die 0 wählen und seine Adresse durchgeben, bis einen der BMW oder Mercedes am Knie erwischt.

Dem Typ drei und vier ist es wahrscheinlich auf dem großen und geräumigen Parkplatz zu langweilig.

Wo wir schon einmal bei Autos sind: erstaunlich ist, dass die Personen in den dicksten und teuersten Autos scheinbar am ehesten Dreck und Beschädigungen in Kauf nehmen, dicht gefolgt von denen, die einen Kombi fahren.

Besonders schlimm ist die Situation hier kurz vor kirchlichen Feiertagen. Denn spätestens um Ostern, Totensonntag oder Weihnachten herum wird allen klar: „Mensch, wir haben die Omi ja schon ewig nicht mehr besucht. Wir müssen da unbedingt mal wieder hin und das Grab auf Vordermann bringen!“ Und an einem Grab ist viel zu tun, wenn man niemanden beauftragt, sich um das Grab zu kümmern und nur einmal im Jahr mal vorbei schaut. Bevorzugte Zeit ist natürlich das Wochenende und dann Mittags. Da unsere Straße auch noch polizeifreie Zone ist (es sei denn der Dealer ein paar Häuser weiter wird mal wieder per Einsatzkommando hops genommen) kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass mal jemand vorbei kommt und Knöllchen an die Falschparker verteilt. Anrufen wegen Falschparken bringt auch herzlich wenig, da der Friedhofsbesuch meist kürzer ist, als die Anfahrtszeit der Politessen.

Aber die Hinterbliebenen haben natürlich auch eine durchaus wichtige Mission zu erfüllen. Sie müssen ihre Toten besuchen! Da müssen die Lebenden schon einmal zurückstecken…

P.S.: Ich glaube ich berichte demnächst mal von der Zeit, als es meine Aufgabe war, den Friedhof abzuschließen. Was ich da nicht alles erlebt habe…

3 Gedanken zu „Wohnen am Friedhof“

  1. Du hast die vergessen, die direkt vor dem Carport stehen und sagen: Sie können doch wohl solangw warten bis ich vom Friedhof zurückkomme.

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