Alte Fotos

[ … ] jede zweite Schuld setzt eine erste voraus – hier: die Schuld der Deutschen unter Hitler. Die zweite Schuld: die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945. Sie hat die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland bis auf den heutigen Tag wesentlich mitgeprägt, eine Hypothek, an der noch lange zu tragen sein wird. Denn es handelt sich nicht um einen bloß rhetorischen Prozess, nicht um einen Ablauf im stillen Kämmerlein. Die zweite Schuld hat sich vielmehr tief eingefressen in den Gesellschaftskörper der zweiten deutschen Demokratie. Kern ist das, was in diesem Buch der „große Frieden mit den Tätern“ genannt wird – ihre kalte Amnestierung durch Bundesgesetze und durch die nahezu restlose soziale, politische und wirtschaftliche Eingliederung während der ersten zehn Jahre der neuen Staatsgeschichte.[…]

Aus: Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein. Hamburg – Zürich: Rasch und Röring 1987, S. 11

Das und noch mehr schrieb Giordano in seinem Werk. Diesen Text las ich zum ersten mal, als ich mich im Deutsch LK mit dem Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink auseinandersetzen musste. Nein, ich hatte nicht wirklich viel Spaß an dem Werk und habe bis heute keinen wirklichen Gefallen daran gefunden. Auch teile ich bei Leibe nicht alle Aussagen, die Schlink, oder auch Giordano, über die Zweitschuld getätigt haben. Außerdem finde ich vieles viel zu weit weg, wenn ich es irgendwo lese oder sehe.
Anders ist das bei einem Familienbezug. So sind vor kurzem Briefe aufgetaucht, die ein Verwandter aus Berlin geschrieben hatte. Berlin kurz vor der Kapitulation. Der Verwandte kam in den Gefechten um Berlin ums Leben. Sowas geht mir natürlich nahe.
Was ich außerdem sehr interessant finde, sind Fotos aus der Zeit, natürlich vorwiegend Fotos, die mit der Familie irgendwie zu tun haben und sei es, dass der Fotograf ein Verwandter war. So ist mir vor kurzem folgendes Foto in die Hände gefallen (bitte auf den Link klicken):

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Die schwarzen Stellen auf dem Bild waren da nicht die ganze Zeit über, sondern wurden von mir nachträglich eingefügt. Sie sollen die Hakenkreuzflaggen überdecken, die überall in dem Baum hingen, den man im Hintergrund sehen kann. Für mich war dieses Bild in vielerlei Hinsicht interessant. Aber der Reihe nach. Das Foto zeigt meine Großeltern mütterlicherseits vor unserem Haus, kurz nach oder vor ihrer Hochzeit 1936. Auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches, auch ich habe die Flaggen auf dem Original erst beim zweiten Mal hingucken entdeckt. Daraufhin machte ich meine Mutter darauf aufmerksam. Ich habe dies nicht anklagend getan, sondern einfach nur hinweisend. Meine Mutter war trotzdem erstmal völlig entrüstet. So etwas hätte es in ihrer Familie nicht gegeben! Ihr Opa hätte sich stets strikt geweigert das Regime zu unterstützen. Manche werden jetzt behaupten, dass dies wohl jeder von seiner Familie behaupten würde, aber ich glaube meiner Mutter das, da es nachweislich ist, dass mein Ur-Opa im KZ Wilhelmshaven gelandet ist, weil man ihn als „Judenfreund“ bezeichnet/betitelt/angezeigt hatte. Er blieb auf Grund von Vitamin B nicht lange drin, aber das auch nur am Rande. Seitdem stand unsere Familie jedenfalls auf der „schwarzen Liste“.

Nachdem ich die Flaggen entdeckt hatte und meine Mutter halbwegs beruhigen konnte, stellte sich die Frage, woher die Flaggen denn kamen. Auch diese Frage ließ sich leicht beantworten, denn der Mann, der damals neben uns wohnte (mittlerweile wohnt da keiner mehr), war ein begeisterter Anhänger des NS-Regimes. Jahre später noch schickte er wohl Artikel an meine Oma und meine Eltern, die ziemlichen geschichtsrevisionistischen Mist enthielten. Jedenfalls gehörte der Baum zu seinem Grundstück und da liegt die Erklärung nahe, dass er den Baum mit den Flaggen verschandelte.

Mir stellen sich jetzt, gute 72 Jahre später, folgende Fragen: Was mögen meine Großeltern wohl gedacht haben, wenn sie sich später dieses Bild angesehen haben? Sind ihnen die Flaggen aufgefallen? Haben sie sie einfach ignoriert um die Erinnerung an ihre Hochzeit nicht zu trüben? Welche Erinnerungen hat das Bild sonst noch hervorgerufen?

Was gäbe ich dafür sie fragen zu können! Möglich ist mir dies allerdings nicht mehr. Als meine Oma gestorben ist, war ich noch viel zu jung um mich dafür zu interessieren (und ich kannte das Bild eh noch nicht) und meinen Opa habe ich nie kennengelernt. Er starb bei einem Verkehrsunfall nach dem Krieg.

Nicht anders ist es bei meinen Großeltern väterlicherseits. Als die Mutter meines Vaters noch am Leben war, war ich zu jung um zu fragen. Ihr Mann ist in Stalingrad gefallen. Wahrscheinlich werde ich mir demnächst einmal die Fotoalben vornehmen, die mein Vater von seiner Mutter geerbt hat. Vielleicht gibt es da mehr zu entdecken. Außerdem gibt es ja noch die eingangs erwähnten Briefe.

So arbeite ich, nach mittlerweile 25 Jahren Verweildauer auf diesem Planeten, an meiner persönlichen Vergangenheitsaufbearbeitung. Ich frage mich, ob mir meine Großeltern dabei geholfen hätten oder ob sie dieses dunkle Kapitel der deutschen, und ihrer, Geschichte tief begraben hätten.

Ein Gedanke zu „Alte Fotos“

  1. Der Nachbar mit den Flaggen war es, der den Großvater angezeigt hat und dafür gesorgt hat, dass er nach W`haven gebracht wurde.Ich denke, die flaggen hingen auch deshalb da, um die Großeltern zu ärgern.

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