Das blonde Überfallkommando

Da saß ich heute in der Pause im Lehrerzimmer, kritzelte in meinem Plan rum und überließ meine Betreuungslehrerin sich selbst, die hat auch schon ohne mich genug um die Ohren. Plötzlich stürmte eine blonde, junge Dame das Lehrerzimmer und steuerte zielsicher meine Betreuungslehrerin an. Gekleidet in zarte Pastelltöne, ebenso geschminkt und recht schwer mit Ketten behangen kam sie daher. Mir schwante schon, wer das denn wieder sein würde.

Dienstag oder Mittwoch erfuhr meine Betreuerin nämlich, dass eine Referendarin eine ihrer Klassen für einen Prüfungsunterricht bräuchte. Alles recht kurzfristig und da ich ja auch noch da war (und eigentlich auch in die Klasse wollte), nicht gerade stressfrei das alles. Jedenfalls sollte die Referendarin am Montag alles nähere mit meiner Betreuerin besprechen, die schon die ganze Zeit am Überlegen war, wie sie ihren Schülern das nun wieder beibringen sollte. Nun war das blonde Überfallkommando aber schon heute da und wollte dann auch gleich mit in die Klasse. Man muss dazu sagen, dass die Referendarin in knapp 3 Wochen in der Klasse geprüft wird, die Klasse aber überhaupt nicht kennt. Selbst ich kenn die mittlerweile besser. Also alles sehr kurzfristig und nicht, wie im Lehrbuch beschrieben…

Meine Betreuerin wollte oder konnte der Referendarin jetzt aber auch nicht zu viele Steine in den Weg legen und somit geht jetzt alles seinen Gang. Die Referendarin hat eine Klasse, ich muss mir meine Stunden anderweitig suchen und meine Betreuerin geht dezent auf dem Zahnfleisch. Alles gut, hinter‘ m Deich.

Aber eine Stunde mit der Referendarin zu verbringen war nicht gerade förderlich für meinen, mit Schmerzen geplagten, Kopf. Recht aufdringliches Parfum, gut dagegen will ich nichts sagen, meine herbe Mischung aus Deo, Kaffee und Kippe is ja nun auch nicht das Nonplusultra und Freddy-Kruger-Gedenk-Fingernägel (wie schafft die es damit, ihr zweites Fach – Sport – zu unterrichten?). Zwischenzeitlich saß sie nicht mehr neben mir, sondern stand vor der Klasse und stellte sich vor. Vier Jahre dauere ja ihre Ausbildung und zwei davon wäre sie an der Schule (hab ich was verpasst? Meine Studienzeit beträgt mindestens 4,5 Jahre und dann kommt erst die Schule) und nun müsste sie hier in der Klasse eine Prüfung ablegen. Dafür müsse sie ein ziemliches Powerprogramm mit den Schülern durchziehen. Und selbige waren auch gleich Feuer und Flamme. Nun muss man die Situation der Klasse kennen. Momentan knabbern sie an Homo Faber und haben dabei mein vollstes Mitgefühl. Ich konnte das Buch auch noch nie leiden und selbst spätere Leseversuche sind bisher stets gescheitert. Am 15. schreiben sie darin Klausur und dank der Referendarin dürfen sie bis zum Montag nach der Klausur Emilia Galotti lesen. Das Buch ist nun nicht gerade dick, aber zwei Langwerke nacheinander schlauchen schon dezent. Außerdem gab es in der Klasse in der 4. Stunde gerade eine Änderung der Sitzordnung (per Zufall und dem Vetorecht der Lehrerin). Da die Referendarin in ihrer Prüfung aber eine bestimmte Methode vorführen will (sie gibt Impulse rein und die Schüler diskutieren dann eigenständig untereinander) passt ihr die Stellung der Tische nicht in den Kram. Also: Ab Montag in Deutsch eine neue Sitzordnung und dann demnächst eine neue Methode einstudieren. Ich will nicht mit ihnen tauschen. Als die blonde Pastelldame dann wieder neben mir saß, machte sie sich Notizen auf dem eiligst angefertigten Sitzplan. Sie fing munter an Gruppen einzukreisen und mit einem dicken „Trennen!“ zu versehen, verteilte hier und da ein Plus und ein Minus und ich meine auch solche Kommentare wie „den/die nicht dran nehmen“ gelesen zu haben. Nun sind solche Beobachtungen und Einschätzungen der Klasse ja durchaus sinnvoll, außer solchen Sachen wie „nicht dran nehmen“ (sofern das da wirklich stand, ich will ja nichts unterstellen) und die konsequente Verteilung eines Minus nach nur einer Wortmeldung. Über das „Trennen!“ mag man auch streiten, aber jeder Referendar will in seinen Vorführungsstunden eine tolle Klasse präsentieren. Aber ich fange doch mit solchen Sachen nicht in der Stunde an, in der ich die Klasse zum ersten Mal sehe und erst recht nicht, wenn ich sie am Freitag in der fünften Stunde zum ersten Mal sehe!

Ich würde mir ja zu gerne die nette Dame im Unterricht angucken…

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2 Gedanken zu „Das blonde Überfallkommando“

  1. Die Referendarin scheint zu wissen, was sie will. Ich kenne Leute, bei denen stimmt das dann auch. (Die sind mir unheimlich). Bei manchen stimmt das dann aber nicht. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt.

  2. Mein armer Chef! Ich bin ja auch sehr gespannt, was das noch wird. Schön und gut, wenn sie weiß, was sie will…aber solche Leute kümmern sich, meiner Meinung nach, früher um sowas, wie ne Prüfungsklasse…
    Und das mit dem Plus und Minus Verteilen kenn ich noch aus der elften Klasse und halte die Methode für mehr als bedenklich…

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