Antrag auf Erteilung eines Antragformulars, oder: Briefe ganz lesen!

Es war mal wieder soweit, ich musste einen neuen Bafög-Antrag stellen. Erschwerend kam hinzu, dass es ein Antrag auf Förderung über die Regelstudienzeit hinaus war. Nun gut, ich erstmal einen neuen Antrag gestellt und natürlich mal wieder prompt etwas vergessen. Es gibt aber auch Formulare, die gibt es gar nicht. Nun sehe ich diesen Berg an Formularen und Unterlagen mittlerweile mit Humor, nicht zuletzt wegen Reinhard Mey. Der drückte es in seinem Lied „Ein Antrag auf Erteilung eines Antragformulars“ nämlich ganz passend aus:

Mein Verhältnis zu Behörden war nicht immer ungetrübt,
Was allein nur daran lag, daß man nicht kann, was man nicht übt.
Heute geh‘ ich weltmännisch auf allen Ämtern ein und aus,
Schließlich bin ich auf den Dienstwegen schon so gut wie zu Haus.
Seit dem Tag, an dem die Aktenhauptverwertungsstelle Nord
Mich per Einschreiben aufforderte: Schicken Sie uns sofort
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.

Bis zu jenem Tag wußt‘ ich nicht einmal, daß es sowas gab,
Doch wer gibt das schon gern von sich zu, so kramt‘ ich, was ich hab‘
An Papier‘n und Dokumenten aus dem alten Schuhkarton.
Röntgenbild, Freischwimmerzeugnis, Parkausweis und Wäschebon.

So ähnlich geht es mir eigentlich jedes Jahr. Fast immer will das Bafög-Amt ein Formular ausgefüllt haben, welches es im Netz nicht gab und welches ich vorher noch nie gesehen hab. Dieses Jahr wollten sie auch wieder ein Formular ausgefüllt haben, allerdings von meiner Mutter. Ich das Ding also nach Aurich geschickt und in einer Bierlaune dazu geschrieben: „Leg auch noch den Parkausweis und Wäschebon dazu“. Freischwimmerzeugnis fand ich etwas übertrieben, aber woher ich die Idee hatte ist wohl klar. Nun kam am Samstag ein Brief von meiner Mutter mit fast allen erforderlichen Unterlagen. Sie hatte mir gesagt, was noch fehlt und ich hab den Brief einfach ungeöffnet liegen gelassen und heute mit in die Uni genommen. Dort noch schnell alle anderen Unterlagen besorgt, den Brief meiner Mutter geöffnet, handgeschriebene Mitteilung an mich überflogen und den Packen Papier mitsamt der anderen Unterlagen in einen neuen Umschlag gepackt. Das ganze verschlossen, Adresse drauf und der Praktikantin mitgegeben, da die eh Richtung Bafög-Amt musste. Hatte natürlich doch noch was vergessen und musste dementsprechend später nochmal hin. Soweit eigentlich alles ganz normal, sowas passiert mir eigentlich jedes Jahr.

Eben telefoniere ich mit der Heimat und da fragt mich meine Mutter:
„Und? Musstest du wenigstens schmunzeln?“
„Hä? Wieso? Wegen dem Brief, den du dazu gelegt hast?“
„Ne, wegen den Unterlagen ganz hinten mit dem Zettel dran!“
„Wie? Was? Was für Unterlagen ganz hinten? Was für’n Zettel??“
„Na, ich hab dir noch dein Freischwimmerzeugnis und dein Zeugnis aus dem 1. Schuljahr kopiert und mit in den Umschlag gepackt. Und davor ist ein Zettel auf dem steht: ‚Den Wäschebon hatte ich leider nicht mehr, aber vielleicht hilft es ja trotzdem! Haste das nicht gesehen?“

Irgendwie wurde mir schlecht und ich erklärte meiner Mutter, dass ich alles aus dem Umschlag (bis auf den Zettel ganz vorne) so ans Bafög-Amt weitergereicht habe. Also mitsamt meinem Freischwimmerzeugnis (ich hätte meiner Mutter das Lied nie vorspielen dürfen) und vor allem mit dem Zettel, der sagt „vielleicht hilft es ja!“

Dann solle ich da anrufen und denen das erklären, meinte meine Mutter. Ja, das wäre garantiert lustig…
„Guten Tag, soundso hier. Ich habe ihnen vorhin Unterlagen in den Briefkasten geworfen, nur leider ist da auch mein Freischwimmerzeugnis drin gelandet. Und das Zeugnis aus meinem ersten Schuljahr. Wie das passieren konnte? Ach, wissen sie, kennen sie Reinhard Mey? Nicht, moment, ich spiel es ihnen eben vor, ja!?“

*vorspiel*

„So, nun kennen sie es. So ist das gekommen. Ich hoffe sie nehmen mir das jetzt nicht krumm. Hallo? Hallo? Hallooooo? MIST!“

Ganz blöde Idee also, irgendwie. Nun bleibt nur noch zu hoffen:

– Meine Sachbearbeiterin kennt Reinhard Mey und hat Humor

oder

– Sie kennt ihn nicht und tut das alles als Fehler ab

Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen in Zukunft weiterhin Reinhard Mey zu hören, aber definitiv alle Briefumschläge genau auf ihren Inhalt hin zu untersuchen! Himmel, normalerweise passiert sowas doch immer nur anderen, oder?

Für alle, die das Lied nicht kennen:

Reinhard Mey – Einen Antrag auf Erteilung

Mein Verhältnis zu Behörden war nicht immer ungetrübt,
Was allein nur daran lag, daß man nicht kann, was man nicht übt.
Heute geh‘ ich weltmännisch auf allen Ämtern ein und aus,
Schließlich bin ich auf den Dienstwegen schon so gut wie zu Haus.
Seit dem Tag, an dem die Aktenhauptverwertungsstelle Nord
Mich per Einschreiben aufforderte: Schicken Sie uns sofort
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.

Bis zu jenem Tag wußt‘ ich nicht einmal, daß es sowas gab,
Doch wer gibt das schon gern von sich zu, so kramt‘ ich, was ich hab‘
An Papier‘n und Dokumenten aus dem alten Schuhkarton.
Röntgenbild, Freischwimmerzeugnis, Parkausweis und Wäschebon.
Damit ging ich auf ein Amt, aus all‘ den Türen sucht‘ ich mir
Die sympatischste heraus und klopfte an: „Tag, gibt‘s hier
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

„Tja“, sagte der Herr am Schreibtisch, „alles, was Sie wollen, nur
ich bin hier Vertretung, der Sachbearbeiter ist zur Kur.
Allenfalls könnte ich Ihnen, wenn Ihnen das etwas nützt,
Die Broschüre überlassen, ,Wie man sich vor Karies schützt‘.
Aber frag‘n Sie mal den Pförtner, man sagt, der kennt sich hier aus.“
Und das tat ich dann „ach, bitte, wo bekommt man hier im Haus
Eine Antragsformulierung, die die Nichtigkeit erklärt.
Für die Vorlage der Gültigkeit, nee halt! Das war verkehrt.
Dessen Gültigkeitsbehörde im Erteilungszustand liegt …
Na ja, Sie wissen schon, so‘n Zettel, wissen Sie, wo man den kriegt?“
„Da sind Sie hier ganz und gar verkehrt, am besten ist, Sie geh‘n
Zum Verlegungsdienst für den Bezirksbereich Parkstraße 10.
In die Abwertungsabteilung für den Formularausschuß.
Bloß, beeil‘n Se sich ein bißchen, denn um zwei Uhr ist da Schluß.
Dort bestell‘n Se dann dem Pförtner einen schönen Gruß von mir,
Und dann kriegen Sie im zweiten Stock, rechts, Zimmer 104
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

In der Parkstraße 10 sagte mir der Pförtner: „Ach, zu dumm,
Die auf 104 stell‘n seit 2 Wochen auf Computer um
Und die Nebendienststelle, die sonst Härtefälle betreut,
Ist seit elf Uhr zu, die feiern da ein Jubiläum heut‘.
Frau Schlibrowski ist auf Urlaub, tja, da bleibt Ihnen wohl nur,
Es im Neubau zu probier‘n, vielleicht hat da die Registratur
noch ‘nen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

Ich klopfte, trat ein, und spürte rote Punkte im Gesicht.
Eine Frau kochte grad‘ Kaffee, sie beachtete mich nicht.
Dann trank sie genüßlich schlürfend, ich stand dumm lächelnd im Raum,
Schließlich putzte sie ausgiebig einen fetten Gummibaum.
Ich räusperte mich noch einmal, doch dann schrie ich plötzlich schrill,
Warf mich trommelnd auf den Boden, und ich röchelte: „Ich will
Meinen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeit, ach, wissen Sie, Sie rost‘ge Gabel Sie,
nageln Sie sich Ihr Scheißformular gefälligst selbst vor‘s Knie.“
Schluchzend robbt‘ ich aus der Tür, blieb zuckend liegen, freundlich hob
Mich der Aktenbote auf seinen Aktenkarren und schob
Mich behutsam durch die Flure, spendete mir Trost und Mut.
„Wir zwei roll‘n jetzt zum Betriebsarzt, dann wird alles wieder gut.
Ich geb‘ nur schnell ‘nen Karton Vordrucke bei der Hauspost auf,
Würden Sie mal kurz aufstehen,Sie sitzen nämlich grade drauf. –
Is‘n Posten alter Formulare, die geh‘n ans Oberverwaltungsamt zurück,
Da soll‘n die jetzt eingestampft werden, das sind diese völlig überflüssigen
Anträge auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

0 Gedanken zu „Antrag auf Erteilung eines Antragformulars, oder: Briefe ganz lesen!“

  1. Danke, liebe Frau H. aus Aurich… Der Tag ist gerettet 😀

    Kleiner Kommentar an den Blogschreiber: Dein Gesicht hätte ich zu gerne gesehen *schmunzel* Mit Brille wär dat nich passiert^^

    Immer noch lachende Grüße aus der Heimat,

    Melli

  2. 1. Ich kenne das Lied (gab es schon zu meiner Sturm und Drangzeit!!)
    2. Shit happens
    Gruß
    Frau H. aus A. „g“

  3. Na wenigstens ist das mal ne Geschichte, die mir zwar hätte passieren müssen und können, aber ist sie ja nicht 😉 Herzliches Beileid!

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