Lieber Staat […] manche sagen du seist auf dem rechten Auge blind…

…sang einst Farin Urlaub in seinem Lied „Lieber Staat“. Ich finde das ja nicht unbedingt immer zutreffend, aber manchmal leider schon. So zum Beispiel in der gerade überall aufkeimenden und keimenden Debatte um das Jugendstrafrecht. An sich geht es da scheinbar fast niemandem um jugendliche Straftäter, sondern um jugendliche, ausländische Straftäter. Wobei „ausländisch“ natürlich mal wieder nicht bedeutet, dass diese Menschen aus Österreich,den Niederlanden oder Asien kommen. Die Gründe für diese Debatte sind verurteilenswert. Auf Rentner oder allgemein auf Menschen einzuprügeln ist eine Straftat. Period.

Roland Koch (CDU) ist ja einer der Vorreiter, oder eher Vorbeter, der ganzen Debatte. Nun gab es bei SPON folgendes zu lesen:

Neuer Vorstoß der Koch-Regierung in der Debatte um Jugendgewalt: Das hessische Justizministerium will das Strafgesetzbuch verschärfen und den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung erweitern – und damit vor allem gewaltbereite Jugendliche abschrecken.

Gut, ob härtere Strafen jetzt abschreckend sind oder nicht sei einmal dahingestellt. Darüber streiten sich selbst die Experten und ich will mich da nicht zu sehr einmischen. Aber der SPON-Artikel geht ja noch weiter.

Sein [dem Koch sein] Justizminister sprach sich heute dafür aus, das Strafgesetzbuch zu ändern: Nach den Vorstellungen von Jürgen Banzer soll der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung um einen Fall von Lust an der Anwendung massiver Gewalt, menschenverachtender Gesinnung und niederen Beweggründen erweitert werden.

Spätestens nach den brutalen Überfällen von München und Frankfurt habe der Staat deutlich gemacht, dass er solch rohe Gewaltanwendung nicht toleriere, sagte der Minister. Die Bürger hätten ein Recht darauf, auch nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln sicher zu sein, sagte der CDU-Politiker.

Ich finde die Erweiterung durchaus sinnvoll, aber ab dem „Spätestens“ wird mir irgendwie schlecht. Wen Migranten zusammengeschlagen werden, die NPD fast allerortens auf dem Vormarsch ist, dann fordern irgendwie nur wenige eine entsprechende Erweiterung des Strafgesetzes oder wenn sie es fordern, dann nicht laut genug. Ja, klar, da werden ja keine „Deutschen“ angegriffen, aber auch nach dem Angriff auf Schauspieler in Halberstadt habe ich so eine Forderung vermisst. Okay, ein paar der Schauspieler sahen wohl irgendwie „punkig“ aus, das macht sie jetzt natürlich nicht zu Vorzeigebürgern, im Gegensatz zu den gutdeutschen Rechtsextremisten.

Ich glaub ja wohl ich spinne!

Prügelnde Ausländer sind genau so schlimm wie prügelnde Deutsche! Das will ich gar nicht bestreiten und dass es einem irgendwie schwer fällt, gegen latente oder offensichtliche fremdenfeindliche Einstellungen einzutreten, wenn Rentner zusammengeschlagen werden, ist auch offensichtlich. Zumindest, wenn Personen wie Roland Koch&Co. auf die Barrikaden gehen, sobald frustrierte junge Türken, Griechen usw. Gewalt gegen Deutsche anwenden, aber schön brav die Schnauze halten, wenn die rechtsradikalen Schläger ihre Fäuste sprechen lassen. Haben die keine Lust an der Anwendung massiver Gewalt, eine menschenverachtende Gesinnung und niedere Beweggründe? Wäre eine entsprechende Erweiterung zum Beispiel nach dem Übergriff auf die Theatergruppe medienwirksam gefordert worden, dann würde ich das voll und ganz unterstützen. Erst vor der eigenen Haustür kehren, bevor man sich die Türen der anderen vornimmt.

Warum zeigt das Wahlplakat der CSU nicht einen der armen Menschen vom Theaterensemble? Warum muss es so aussehen?
Wahlplakat CSU, Quelle SPON
Quelle: SPON
In dem weiß ausgesparten Umriss ist zu lesen: „… damit Sie nicht der Nächste sind“.

Wie wäre es denn das nächste Mal mit dem gleichen Untertitel, aber einem anderen Bild?
Zum Beispiel dem hier:
Opfer rechter Schläger in Halberstadt
Quelle: MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt

Ja, die beiden Übergriffe kann man nur schwerlich vergleichen, sowas gelingt meistens nur sehr schlecht. Aber es geht um das Prinzip. Man, bzw. Parteien wie die CDU/CSU hätten viel, viel früher protestieren und sich mokieren können. Nun passiert es auf eine Art und Weise, die tief blicken lässt. Populistisch und hart an Grenzen, die Deutschland eigentlich nie wieder erreichen wollte.

Und weil es so schön war, nochmal zum Mitlesen:

Lieber staat, ich fuehle mich so rundum wohl in dir
lieber staat, es weht ein wind von freiheit hier
du erklaerst mir immer wieder, was erlaubt ist und was nicht
lenkst mein leben jeden tag und bist furchtbar fuersorglich
ach, was waer ich ohne dich

danke, dass du mich regierst
danke, dass du mich regierst
und dass du mich nicht ignorierst

lieber staat, gut, dass du weisst, was richtig fuer mich ist
lieber staat, schoen, dass du so ehrlich bist
du willst immer nur mein bestes und du gibst mir zu verstehn
wenn mir irgendwas nicht passt, steht mir frei, hier weg zu gehn

danke, dass du mich regierst
womit hab ich das verdient?
ich rutsche vor dir auf die knie

lieber staat, jetzt mal echt, du bist absolut gerecht
wer was andres sagt, macht dich nur schlecht
lieber staat, eigentlich waer ich gar nichts ohne dich
ich schrob dir dieses lied, du weisst bescheid
als zeichen meiner dankbarkeit

lieber staat, ich weiss, vor dir sind alle menschen gleich
lieber staat, ganz egal, ob arm, ob reich
manche sagen zwar, du waerest auf dem rechten auge blind
wobei die, die das behaupten alle terroristen sind
das lernt man bei uns schon als kind

danke, dass du mich regierst
danke, dass du mich regierst
und in serbien einmaschierst

lieber staat, du bist hart aber nur, wenn es was nuetzt
zum beispiel, wenn du uns vor auslaendern beschuetzt
lieber staat, da sind ganz klar arbeitsplatze in gefahr
es gibt viel zu viel ausland auf der welt
und die wolln eh nur unser geld
bevor ich es vergesse, eine kleine sache nur
ich danke dir fuer deine leitkultur

lieber staat, ich habs kapiert, es ist einfach herrlich hier
die massen stehen jubelnd hinter dir
lieber staat, ohne mist, bleib genau so, wie du bist
ich taetowier mir deine flagge ins gesicht
ich bin so schrecklich stolz auf dich

(Farin Urlaub – Lieber Staat)

Sorry, aber das musste raus…

Kommentar verfassen