Unkommentiert

Ich spare mir alles Mitleid und wünsche dir vielmehr, dass dir das Leben einmal die Daumenschrauben anlegte, um aus dir herauszupressen, was in dir ist – dass es dich dem peinlichen Examen unterziehe, in dem Geschwätz und faule Witze nichts mehr helfen. Das Leben sei eine Maskerade, sagst du; und du spielst auf der Maskerade des Lebens, zu deinem unendlichen Spaß, deine Rolle mit einer solchen Virtuosität, dass es noch niemand geglückt ist, dich zu entlarven; offenbarst du dich, so ist das nur ein neuer Betrug.

Freilich ist das nicht bloß ein Spaß für dich. Nur unter der Maske kannst du atmen. Dass dir der wirkliche Mensch wirklich nahekommt, benimmt dir den Atem. Es zwingt dich also auch die Not, die Maske festzuhalten. Und das glückt dir in der Tat vortrefflich. Denn deine Maske ist die geheimnisvollste von allen.

[…] Weißt du denn nicht, dass einmal eine Mitternachtsstunde kommt, da jeder sich demaskieren muss? Meinst du, man könne sich gerade noch vor Mitternacht wegschleichen, um der Demaskierung zu entgehen? Ich kenne Menschen, die solange andere betrogen, dass ihr wahres Wesen sich zuletzt nicht mehr offenbaren konnte. Ich kenne Menschen, die so lange stolz sich in ein undurchdringliches Geheimnis hüllten, bis sie – im Wahnwitz! – anderen ihre geheimsten Gedanken sogar aufdrängen mussten!

[…] Jeder Mensch hat in seinem inneren und äußeren Leben dies und das, was ihn verhindert, sich selbst ganz durchsichtig zu werden, sich in seinem Verhältnis zur Welt klar zu verstehen, sich zu offenbaren. Wer sich aber nicht offenbaren kann, der kann nicht lieben; und wer nicht lieben kann, ist der Unglücklichste von allen.

Und du treibst es als ein mutwilliges Spiel, dich mit Kunst andern zum Rätsel zu machen! Wie aber, wenn endlich niemand dein Rätsel lösen mag? Welches Vergnügen hast du dann noch von deinem Spiel? Doch das ist ja Nebensache. Um deines Heils willen – was ist Verlorenheit, wenn nicht der Zustand deiner Seele? – um deines Heil willen bitte ich dich, mein junger Freund: gebiete dieser wilden Flucht Halt.

Sören Kierkegaard

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