Der schulische “Infotainment-Flash”

Seit Jahren geistert der Begriff Infotainment durch die Medienlandschaften. Infotainment ist toll, Infotainment ist die Zukunft, so scheint der Tenor zu sein. Nicht nur Infos oder Entertainment, sondern beides zugleich. Neil Postman meinte zwar eher genau das Gegenteil, als er in seinem Werk „Wir amüsieren uns zu Tode“ (1985!!) das Fernsehen kritisch hintefragte. Aber heute ist ja bekanntlich alles anders. So setzt sich die Definition, wie sie zum Beispiel Wikipedia, anbietet immer weiter durch:

Unter Infotainment (Kofferwort aus dem Englischen: information und entertainment) versteht man die unterhaltsame Vermittlung von Bildungsinhalten und evtl. auch von Scheinwissen, das den Anspruch erhebt, Bildungsbestandteil zu sein.

Und genau darum geht es mir gerade. Die Vermittlung von Bildungsinhalten! Eben diese Vermittlung muss scheinbar auf immer unterhaltsamere Weise passieren und dies nicht nur in TV und Internet, sondern auch an dem Ort, der sich voll und ganz der Vermittlung von Bildungsinhalten gewidmethat, nämlich der Schule. Die paar wenigen Didaktik/Methodik Seminare, die man im Zuge der theoretischen Lehramtsausbildung in den meisten Bundesländern besuchen muss, sind geprägt von „alternativen Konzepten“. Ganz, ganz selten wird dem Lehrervortrag überhaupt noch eine Funktion im Unterricht zugesprochen. Alles muss neu sein, denn neu ist besser. Möglichst spontan und locker wäre auch nicht schlecht, auch wenn man seine Stunde im Vorfeld minutiös planen soll. So gibt es unlängst die Talkshow als Unterrichtsmethode und die Expertenbefragung wird auch ganz gerne mal mit Prominenten durchgeführt, wobei es manchmal fraglich ist wo sich der Sinn und Zweck dahinter versteckt. Ich will das alles jetzt nicht verteufeln, Gott bewahre. Ich frage mich nur manchmal, wo denn die ganze Sache hinlaufen soll. Scheinbar von Jahr zu Jahr werden immer mehr Begriffe mit „-tainment“ kombiniert. So gibt es ja mittlerweile schon das Edutainment und das Politainment. Die Idee, dass Lernen Spaß machen soll ist ja nun nicht gerade neu, aber Spaß ist doch etwas anderes als Unterhaltung…oder? Sollen angehende Lehrer demnächst auch noch parallel eine Ausbildung zum Moderator machen? Wird ein Praktikum im Club Robinson, als Animateur, denmächst Pflicht? Wie lange soll die Ausbildung dann bitte dauern? Okay, praxisnäher wäre sie wahrscheinlich, aber wie erkläre ich die 20 Semester dem Bafög-Amt? Werden mir die Einnahmen von meinen Wasser-Aerobic Stunden vom Bafög abgezogen? Kann ich das Managertraining auf der Gotcha-Anlage von der Steuer absetzen? Soll ich mit meinen Schülern später auch auf die Gotchabahn gehen? Und wer getroffen wurde rezitiert eine Strophe der „Glocke“? Gut, mit der zusätzlichen Ausbildung an einer Waffe wird der Unterricht in Zukunft auch noch ein Stückchen interessanter…

Und vor allem, wie lässt sich das ganze mit den realen Bedingungen vereinbaren? Ein Studium, das einen, meiner Meinung nach, nur sehr bedingt auf den Lehrerberuf vorbereitet, kaum Geld für genügend Lehrer, überfüllte Klassen und immer mehr Geschrei nach gebildeten Schülern. Wobei „gebildet“ bedeutet, dass sie Wissen reproduzieren können und dies möglichst vergleichbar und auf die Ansprüche der Wirtschaft abgestimmt. Da soll ich auch noch ein Thomas Gottschalk des Klassenzimmers werden? Kann man Spaß an der Sache nicht auch anders vermitteln? Zum Beispiel durch eigene Begeisterung für das Thema? Muss es immer etwas neues und immer, immer mehr sein? Wann ist es soweit, dass anstatt Schiller, Goethe und Kleist nur noch Effenberg und Bohlen gelesen werden? Liest man den letzteren, so wird man zumindest gut auf kommende Auftritte in irgendwelchen Castingshows vorbereitet und unterhaltend ist es sicher auch irgendwie. Wundert mich, dass es noch kein Bohlentainment oder Dietertainment gibt. Und die Unterrichtsstunde gibt es danach bei Youtube…

Ich bin wirklich nicht dafür, dass die Schule verstockt und konservativ bleibt. Aber sie sollte sich nicht allen Auswüchsen unserer Gesellschaft sofort stellen und versuchen möglichst viel umzusetzen. Manchmal ist es besser, wenn Information, Information und Entertainment, Enternatinment bleibt. Schule soll unter anderem dazu befähigen Kritik üben zu können und nicht dazu befähigen alles kritiklos zu übernehmen, bzw. Schule soll diese Kritiklosigkeit nicht vorleben…oder?

Früher sprach man vom Nürnberger Trichter, heute wäre vielleicht Trichtertainment angebracht. 😉

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